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Empörung: Für Gauck sind Migranten sozial schwache Menschen?

Die Überschriften sprechen eine deutliche Sprache. Im Spiegel heißt es: „Gauck nimmt Migranten und Hartz-IV-Empfänger in die Pflicht“ und im Tagesspiegel: „Von den Schwachen mehr erwarten“.

Natürlich hat Joachim Gauck im Grunde genommen Recht, wenn er auch von den sozial Schwachen fordert, sich mehr in die Gesellschaft einzubringen und ihren Beitrag zu leisten. Vor allem betrifft dies Hartz IV-Empfänger und integrationsunwillige Migranten. Integration ist ein Prozess, der sich von zwei Seiten vollzieht. Auf der einen Seite das Gastland, in diesem Falle Deutschland und auf der anderen Seite die neu Eingewanderten.

Die Integration wurde in Deutschland lange Zeit versäumt oder bewusst vermieden. Dafür gibt es verschiedene Ursachen. Auch die Wichtigkeit des Themas in der Öffentlichkeit wurde und wird häufig unterschätzt. Doch dieses Thema ist zentral für jede Gesellschaft, vor allem in der Zukunft einer sich stark wandelnden Welt im Zuge der Globalisierung. Ein besonderer Fehler bezüglich der Integrationsdebatte ist jegliche Art der Pauschalisierung. Man nimmt sich eine Gruppe von Migranten heraus und zeigt durch Statistiken, dass diese sich nicht erwartungsgemäß integriert. Aber drei Fragen sind hier angebracht: Welche Konsequenzen und welchen Handlungsbedarf leitet man aus derartigen Statistiken ab? Hilft das, die Probleme der Integration in Deutschland zu lösen? Was empfinden die Migranten, die sich hier erfolgreich integriert haben und ihren Beitrag zum Wohle des deutschen Volkes geleistet haben?

Joachim Gauck, eine Person des öffentlichen Lebens, die zurecht hohe Wertschätzung genießt, verhält sich aktuell auch nicht gerade der Integration förderlich. Die Aufforderung an sozial Schwache, ihren Beitrag zu leisten, ohne neue konkrete Maßnahmen zu formulieren, hilft uns wenig. Vor allem aber ist es verheerend Migranten mit hilfsbedürftigen Hartz IV-Empfängern gleichzusetzen und somit das Bild zu vermitteln: Migranten sind generell sozial schwach und arbeitslos.

Reza Mohtachem, freischaffender Architekt in Berlin-Charlottenburg-Wilmersdorf, war empört über die aktuellen Meldungen und schrieb einen Brief an Joachim Gauck und den Tagesspiegel…

Brief von Reza Mohtachem an Joachim Gauck

 

Sehr geehrter Herr Gauck,

 

Ihre im Berliner Tagesspiegel publizierte Rede zum Tag der deutschen Einheit, in Verbindung mit der Wertschätzung, die ich Ihrem Schaffen als Person des öffentlichen Lebens entgegenbringe, veranlasst mich diese Zeilen zu schreiben und um eine Gegendarstellung beim Berliner Tagesspiegel zu bitten.

Ich bin vor mittlerweile 37 Jahren nach Deutschland gekommen und seitdem hat sich nichts an meiner Dankbarkeit dem deutschen Staat, respektive dem deutschen Steuerzahler gegenüber geändert, dass mir hier eine exzellente, auf meine Wünsche zugeschnittene Ausbildung und Tätigkeit ermöglicht wurde.

Zu dieser Zeit war es Ihnen aus der uns allen bekannten Historie nicht möglich, mir mit gut gemeinten Ratschlägen auszuhelfen oder in anderer Form zur Seite zu stehen.

Dies ist insofern verschmerzbar, da ich, wie so viele meiner „abgehängten“ Leidensgenossen vom Migrationsrand der Gesellschaft erstaunlicherweise gar nicht darauf angewiesen war.

Mit welchen Postulaten die Elite unseres Landes seit geraumer Zeit ins Licht der Öffentlichkeit tritt, entsetzt mich ob der durchscheinenden Oberflächlichkeit immer mehr.

Welche Verantwortung spürt ein Herr Sarrazin noch, der es für nötig hält, einen Teil dieser Gesellschaft durch statistischen Nachweis zu einem so sehr ersehnten Opfer der allgemeinen öffentlichen Unzufriedenheit zu formen?

Endlich hat es einer ausgesprochen und jetzt dürfen alle genauso profund ins gleiche Horn stoßen. Und ja, sie dürfen es! Denn wenn ich eines daran verstehe, ohne Verständnis für die Sache zu haben, so ist es diese unantastbare Freiheit der Meinungsäußerung.

Umso mehr ist es jedoch gerade in der noch nicht einmal gesetzten Nach-Sarrazin-Zeit ein gewaltiger Bärendienst an dieser Gesellschaft, Migranten mit hilfsbedürftigen Hartz IV-Empfängern in den Köpfen derer zu vermengen, die sich sowieso nicht der Mühe unterziehen, einen differenzierten Blick auf eine in großen Teilen seit Jahrzehnten erprobte multikulturelle Gesellschaft zu werfen.

Dies auch noch an unserem wichtigsten nationalen Feiertag kund zu tun, will ich ob Ihres untadeligen Rufes nur mit einmaligem, mangelnden Fingerspitzengefühl deuten, obgleich es mich als schon sehr berührt, als Teil dieser Gesellschaft, die sich zur Freude aller mit Verstand beseelten Menschen seit zwei Dekaden um ihre eigene Integration und Migration zwischen Ost und West bemüht, die Freunden und Lasten dieser Entwicklung bereitwillig mitgetragen zu haben, um dann aus der Mitte der Gesellschaft an den Rand verschoben zu werden.

Natürlich schreibt hier nicht ein Herr Gauck, aber  von Ihnen hätte ich erwartet, dass Sie dieser Polemik Einhalt gebieten.

Denn wenn andere als Steinersatz mit Statistiken nach Gesellschaftsgruppen werfen, ist die entscheidende Frage doch nicht, ob der Stein, die Statistik echt ist, sondern wer soll getroffen werden und warum?

Wenigstens ist nach eigenem Bekunden unser amtierender Bundespräsident noch Staatsoberhaupt aller Deutschen, „Migrationsabhänger“ hin oder her.

 

Berlin, den 05.10.2010

Reza Kh. Mohtachem

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