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Der deutsche Weg der Integration

Wir sollten als Menschen so verfahren, dass unsere Absichten in Einklang mit unseren Taten stehen. Dabei ist es wichtig dass zugleich „deutsche“ Interessen verfolgt werden und die Rechte von Minderheiten respektiert werden. Viele sprechen von dem Thema der Integration, alle Parteien versuchen Konzepte zu entwickeln. Aber verschiedene Punkte schließen eine Integration von vorne herein aus: Pauschalisierung und Ausgrenzung.

Die politischen Größen und Personen des öffentlichen Lebens, unabhängig von ihrer Partei und ihrem Interesse, die bestimmte Gruppen aufgrund von statistischen Nachweisen und populistischen Äußerungen zu Opfern der öffentlichen Unzufriedenheit formen und Sündenböcke suchen, verhindern und verweigern sogar eine weitere Integration in Deutschland – nicht nur die integrationsunwilligen Migranten.

Einige Personen, wie beispielsweise Thilo Sarrazin und kürzlich auch Horst Seehofer tragen eine hohe Verantwortung. Aber handeln sie auch dementsprechend? Sie nutzen ihre „Meinungsfreiheit“, um extrem rechte Denkmuster wieder salonfähig zu machen und die Gesellschaft zu spalten. Was wir dagegen brauchen, sind Menschen, die uns helfen den Zusammenhalt in der Gesellschaft zu fördern und Brücken zu bauen. Wir müssen Probleme gemeinsam lösen und nicht Sündenböcke suchen.

Hier haben sich in letzter Zeit einige wichtige Personen hervorgetan

Bundespräsident Christian Wulff hat mit seiner erstklassigen Rede „Vielfalt schätzen – Zusammenhalt fördern“ einen wertvollen Beitrag geleistet. Besonders das Thema der Integration kam nicht zu kurz, das aktuell die Medien beschäftigt. Zum einen lobt er die Ostdeutschen für ihren Beitrag zum Umbruch und betont, dass dieser bisher viel zu wenig gewürdigt wurde. Zum anderen präsentiert er die Bedeutung und den Nutzeffekt von Vielfalt für die Gesellschaft.

Weiterhin lohnt sich ein Blick auf unsere deutsche Nationalmannschaft in der WM 2010. Khedira, Boateng, Klose und Özil sind Deutsche. Es ist wahrhaft erfreulich, dass Özil, der mitverantwortlich war für den deutschen Sieg am 8.10.2010 gegen die Türkei, sich für die deutsche Mannschaft entschieden hat. Er fungiert als eine Art Vorbild. Es bleibt zu hoffen, dass ihm viele türkische Migranten folgen werden.

Weiterhin leistet der türkische Europaminister Bagis mit seinem Appell an die türkischstämmigen Deutschen sich mehr zu integrieren – sprich: Deutsch zu lernen, sich den Sitten und Bräuchen des Landes anzupassen, einen wichtigen Beitrag zur Integration.

Das ist vor allem auch im Interesse konservativer Kräfte in diesem Land: Wenn wir wollen, dass Menschen, die nach Deutschland einwandern, die deutschen Werte für sich annehmen, müssen wir ihnen das Gefühl geben, dass sie dazugehören und dass sie alles erreichen können, unabhängig von ihrer Herkunft. Aber wir dürfen auf der anderen Seite auch von den Menschen, die hier leben, erwarten, dass sie sich integrieren und die Grundgesetze achten.

Die Probleme in Deutschland bezüglich der Einwanderung und Integration resultieren in großem Maße daraus, dass wir versäumt haben, die dauerhaft bleibenden Migranten in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. Es gab Türkisch-Unterricht für türkische Migranten und Prämienzahlungen, damit ihnen der Weg zurück in die Türkei erleichtert wurde, anstatt diese in Deutschland integrieren zu wollen. Die sogenannten „Gastarbeiter“ wurden früher bewusst aus bildungsfernen Schichten angeworben. Die Angeworbenen sollten billig und geringqualifiziert sein. Ihre Kinder landeten häufig auf Sonderschulen, weil sie schlecht Deutsch sprachen. Hier wurden Jahrzehnte der Integration versäumt. Wollen wir das Spiel weitertreiben und die Integration auf morgen schieben?

Von ihren Eltern, die heute meist Rentner sind, haben wenig überraschend, sogar zwei Drittel keinen Schulabschluss. Doch bei den unter 30jährigen gilt das nur noch für 6 Prozent. Auch wenn das vergleichsweise wenig ist, so haben doch schon 17 Prozent der unter 30jährigen Einwanderer türkischer Herkunft mittlerweile das deutsche Abitur. Im langfristigen Vergleich steigt die Zahl der selbstständigen Migranten. Ohne sie wären Wachstum und Beschäftigung niedriger in Deutschland – Migranten hatten bereits einen wichtigen Anteil am „Wirtschaftswunder“. Mehr noch: Unternehmer und Mitarbeiter mit Migrationshintergrund können aufgrund ihrer Sprachkenntnisse und interkulturellen Kompetenzen dem Exportweltmeister Deutschland in besonderer Weise helfen, neue Märkte im Ausland zu erschließen und neue Kooperationspartner zu gewinnen.

Die deutsche Haltung ist noch in großem Maße auf Abwehr gerichtet. Im Kern beabsichtigt man Zuwanderung zu erschweren, wenn nicht sogar komplett zu verhindern. Dies ist auf ein historisch überholtes Bild des wenig qualifizierten Gastarbeiters zurückzuführen, der aus Agrargesellschaften der Mittelmeerländer an die Fließbänder der industriellen Massenfertigung nach Europa strebte und auch die hohen Sozialleistungen im Auge hatte.

Doch die Realität ist längst eine andere, diesbezüglich sind vor allem drei Punkte anzusprechen

Erstens ist Deutschland inzwischen, wie viele noch immer nicht wahrhaben wollen ein Einwanderungsland, vielleicht sogar mehr: ein Abwanderungs- bzw. Auswanderungsland geworden. Dies betrifft vor allem das sogenannte „brain drain“ oder auch die Abwanderung hochqualifizierter Kräfte ins Ausland. Deutschland verliert Talente und gefährdet seinen Wohlstand in naher Zukunft – sowohl für Deutsche als auch Migranten!

Zweitens ist der demographische Wandel in Richtung einer Alterung der Gesellschaft unumstritten. Der Fachkräftemangel ist nicht, wie von vielen gern erwünscht einfach damit zu lösen, dass man hier lebende Langzeitarbeitslose wieder in den Arbeitsmarkt eingliedert oder umschult. Rüttgers hatte vor einigen Jahren mit der populistischen Kampagne „Kinder statt Inder“ geworben. Doch geändert hat sich wenig seit 2000, wie das Statistische Bundesamt feststellt. Es ist sogar eine negative Geburtenrate zu verzeichnen. Wir brauchen aber keine ideologische Politik, die die Herkunft als eines der zentralen Kriterien einstuft. Wir brauchen stattdessen ein Punktesystem und eine strategische Migrationspolitik, die sich an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes ausrichtet. Das Punktesystem ist zuallererst ein „Begrenzungssystem“, das der Politik endlich die Möglichkeit belässt, die Einwanderung in Deutschland auf legale Weise zu stoppen. Nur die „Besten“ werden zugelassen. Mehrere Zehntausend Stellen im Ingenieursbereich sind heute unbesetzt. Jeder diese Stellen ist mit ein bis zwei weiteren Stellen verbunden, da hochqualifizierte Kräfte meist Assistenz benötigen. So können Deutsche wieder Beschäftigung erlangen, die durch High Potentials aus dem Ausland einen weiteren Arbeitsplatz finden. Heute geht es um einen weltweiten Wettbewerb um Humankapital – ein regelrechter „war of talents“. Die besten Köpfe kreisen um den Orbit der Erde und treffen Nutzenentscheidungen nach Attraktivität des Standortes. Fach- und Führungskräften steht dabei eine große Auswahl zur Verfügung – nicht nur Deutschland.

Drittens werden allzu leicht Migranten in eine Sündenbock-Rolle gepresst. Allzu rasch bleibt vergessen, dass die Masse der Migranten ihr Einkommen durch ehrliche, in der Regel beschwerliche Arbeit erzielt und damit durch die ganz normale Einkommenssteuer ihren Beitrag zur Alimentierung der deutschen Sozialkassen leistet. Man muss nur endlich zeigen, was diese Menschen leisten und beitragen.

Wir sollten Schritte in Richtung Integration unternehmen – das bedeutet: Die deutsche Sprache bereits im Kindergarten und obligatorische Integrationskurse für Einwanderer, um die deutsche Kultur und Sprache besser zu verstehen.  Auch müssen wir Muslime als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft anerkennen und einen islamischen Religionsunterricht anbieten, gelehrt von in Deutschland ausbildeten Imamen, um die Reformer im Islam und den Dialog zwischen den Religionen zu begünstigen. Zweifelsfrei hat Deutschland christliche Traditionen, das stellt kaum jemand in Frage, doch der Islam gehört heute auch dazu. Da ist es ratsamer Brücken zu bauen, statt sich gegenseitig zu attackieren und alle Muslime in Deutschland unter einen Generalverdacht zu stellen. Nur eine kleine Minderheit von ungefähr 1 % der Muslime verbreitet Hass und propagiert Gewalt – sowohl gegen Muslime, als auch gegen Nicht-Muslime. Das bereitet auch dem Großteil der hier friedlich lebenden Muslime Angst und Sorgen. Wir brauchen in Deutschland eine konsequente Gegenwehr gegen Islamisten, aber auch gegen Rechtspopulisten, die unsere freiheitliche Kultur in Deutschland gefährden. Und wir müssen zeigen, was Migranten für einen Beitrag in Deutschland leisten!

Anstatt uns durch rechtspopulistische Äußerungen und Zuwanderungsstopps gegenüber bestimmten Gruppen in der Welt unbeliebt zu machen, sollten wir wie bei den alternativen Energiequellen in Fragen der Integration zu einem Vorbild in Europa und der Welt werden und uns attraktiv machen für die besten Köpfe.

Die entscheidende Frage lautet nicht: „Was kann getan werden, um Zuwanderung einzudämmen?“, sondern: „Was können wir tun, um mobile wertschöpfungsstarke Menschen aus aller Welt anzuziehen, zu halten und mit ihnen zusammen eine möglichst hohe eigene Wertschöpfung zu erreichen und so die Grundlage für die hohe Beschäftigung und Wohlstand für Deutschland zu schaffen?“

Wir können den Leuten aus aller Welt viel bieten: Ein stabiles politisches System, einen Rechtsstaat, funktionierende Infrastrukturen, viele Rechte und Freiheiten. Hier liegen die entscheidenden Vorteile unseres Landes! Wir müssen sie nutzen.

Einwanderung ist nicht die Ursache genereller Probleme, sondern gerade die Hilfe zur Lösung. Im Europa des 21. Jahrhunderts dürfte nicht ein zu viel, sondern gerade ein zu wenig an Migration die eigentliche Herausforderung sein!

 

Text: Dario Mohtachem

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