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„Fremde Kulturkreise“ sorgen für Arbeitsplätze in Bayern

Er ist gebildet, hat einen Doktortitel in der Tasche und steht kurz vor der Berufung zum Professor für Betriebswirtschaftslehre an einer Hochschule. migration-business sprach mit Dr. Orhan Kocagöz, Vorstandsmitglied des Deutsch-Türkischen Unternehmervereins in Mittelfranken e.V. über Fachkräfte und fremde Kulturkreise.

Sind Sie ein Gast aus einem fremden Kulturkreis oder ein Deutscher mit Migrationshintergrund?

Mein Vater ist schon seit 1970 in Deutschland, dann ist der Rest der Familie 1972, also kurz nach meiner Geburt, nachgezogen. Ich bin also in Mittelfranken aufgewachsen. In Norddeutschland fällt mein fränkischer Akzent auf. Ich habe mittlerweile die deutsche Staatsbürgerschaft, aber ich denke Gast war ich nie. Dazu ist Deutschland im wahrsten Sinne der Mittelpunkt meiner Lebensinteressen. Auch wenn die Türkei für mich weiterhin ein wichtiger Bezugspunkt ist.

Der Islam ist ein Teil Deutschlands, sagt der Bundespräsident Christian Wulff. Was sagen Sie?

Bei dieser ebenso leidigen Diskussion geht es sehr viel um Symbolik. Da hat der Bundespräsident etwas gesagt, damit die Weltoffenheit Deutschlands und die Offenheit gegenüber allen anderen Religionen betont werden. Dann gab es einen Aufschrei der Konservativen, die sich immer mehr als Verfechter der christlich-abendländischen Kultur verstehen. Im Anschluss daran bestand die Möglichkeit in der Türkei, die religiöse Schieflage in Deutschland wieder gerade zu biegen. Wir haben einen Bundespräsidenten in Tarsus gesehen, der demonstrativ einen Gottesdienst besucht hat. Das war übrigens gut so und auch, dass er die Gleichstellung der christlichen Minderheiten in der türkischen Gesellschaft gefordert hat. Aber eigentlich sollte wohl die konservative Volksseele in Deutschland besänftigt werden.

Immer mehr hochqualifizierte türkischstämmige junge Deutsche verlassen das Land und suchen ihre berufliche Zukunft in der Türkei. Sind die Anhänger von Thilo Sarrazin schuld?

Es ziehen eben gerade die Integrationsverweiger weg, die eigentlich die Sprache beherrschen und gut ausgebildet sind. Es bleiben Integrationsverweigerer in Deutschland, die fachlich und sprachlich den deutschen Normen nicht entsprechen. Tja, die Sarraziner in diesem Land können sich freuen, immerhin ein Teil der Integrationsverweigerer verlässt das Land! Aber die Tatsache, dass gut ausgebildete Fachkräfte Deutschland verlassen, geht weit über die Integrationsdebatte hinaus. Dieses Problem wird zwar erwähnt, aber nicht so emotional diskutiert wie die Integrationsverweigerung der Türken. Welches Problem wiegt wohl schwerer: die Komplettverweigerer von 1-2 Millionen Menschen oder der Wegzug von zehntausenden Fachkräften, die angeblich so bitter benötigt werden?

Glauben Sie, dass die Integrationsdebatte Deutschland wirtschaftlich schadet und türkische Investoren oder Unternehmer Arbeitsplätze im Ausland verlagern?

Türkische Investoren oder Unternehmer sind für die deutsche Volkswirtschaft nur bedingt wichtig. Es handelt sich um einen kleinen Beitrag für die wirtschaftliche Leistung. Lediglich ausländische Fachkräfte aus Indien könnten sich eventuell verwundern, welche Debatte da in Deutschland läuft, sofern sie überhaupt darüber lesen. Die Integrationsdebatte schadet vor allem der Integration selbst und vor allem den Deutsch-Türken, die sozusagen an den Pranger gestellt werden. Bei dieser Debatte geht es eigentlich nur um das „Wir-Konservativen-wollen-mal-unsere-Meinung-sagen-dürfen“.

Laut einer Studie sind 85 Prozent der türkischstämmigen Deutschen für Freiheit und Demokratie, während in Ostdeutschland Demokratie- und Ausländerfeindlichkeit in manchen Gegenden gesellschaftlicher Alltag ist. Sind Deutschtürken die besseren Deutschen?

Es könnte schon sein, dass einige Deutsch-Türken besser integriert sind als so mancher Ostdeutscher, aber einen generellen Trend möchte ich nicht sehen. Außerdem gibt es nur besser Gebildete oder bessere Fachkräfte, aber niemals den besseren Deutschen oder den besseren Türken. Wer mit dieser Unterscheidung anfängt, der befindet sich auf einem nationalistischen Pfad.

Wie viele Arbeitsplätze schaffen türkischstämmige Unternehmer in Mittelfranken oder im Raum Nürnberg?

Dazu gibt es leider keine genauen Untersuchungen. In unserer Studie (TIAD und Amt für Wirtschaft der Stadt Nürnberg) aus dem Jahre 2008 haben wir allein in Nürnberg etwa 700 Unternehmen ermittelt, die einen türkischstämmigen Inhaber haben. Nach Untersuchungen des Zentrums für Türkeistudien in Essen (heißt mittlerweile Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung) beschäftigen die türkischen Unternehmen in Deutschland durchschnittlich 4-5 Mitarbeiter. Wir müssen mangels Daten diesen Mittelwert auch für Nürnberg übernehmen. Dann kommen wir auf etwa 3.500 Mitarbeiter in Nürnberg. In ganz Mittelfranken könnten es bis zu 10.000 Arbeitsplätze sein.

Wie sieht für Sie ein Deutschland im Jahre 2030 aus?

Ein Land mit der durchschnittlich besten Infrastruktur weltweit, die subventionierten U-Bahnen befördern die Pendler in die Arbeit und die Brauereidichte in Bayern ist immer noch die höchste weltweit. Und die Gesellschaft debattiert immer noch über den Generationenvertrag im Rentenversicherungssystem und über das Gesundheitssystem sowie wenn wir Pech haben auch über die Integration der Deutsch-Türken. Zu Ihrer Frage: Einige Diskussionen sollten in jedem Falle verschwinden, indem das Problem angegangen wird. Ansonsten ist Deutschland sehr weit entwickelt, viel muss sich nicht ändern.

Was wünschen Sie sich persönlich für Ihre Zukunft?

Persönlich stehe ich kurz vor der Berufung zum Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule für Oekonomie & Management (FOM) in Nürnberg. Wenn das klappt, dann kann ich mir persönlich nur noch Gesundheit wünschen. Für die Deutsch-Türken in Deutschland hoffe ich, dass sie alle das Gymnasium besuchen, dass sie alle arbeiten, dass sie alle akzentfrei (siehe türkischer Staatspräsident Gül) Deutsch sprechen können, dass sie alle ein Haus im Lande mit einem Garten sowie ein in Deutschland montiertes Pkw haben und schließlich die Pendlerpauschale kassieren. Nur damit die Konservativen „a Ruh“ geben!

Das Interview führte Joel Cruz

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