«

»

Ein deutsches „Wir-Gefühl“ wachrütteln!

Dr. Jorgo Chatzimarkakis ist seit Juli 2004 Mitglied des Europäischen Parlaments. Desweiteren ist er im Bundesvorstand der FDP. Er ist deutscher und griechischer Staatsbürger. migration-business.de sprach mit ihm über den deutschen Traum, Sarrazin, gezielte Migration und Vorbilder in Europa.

In Ihrem Artikel „Integration durch Leistung ist möglich“ vom Juli 2010 sprechen Sie von der Regenbogenmannschaft Deutschlands. In der deutschen Nationalmannschaft vereinen sich Deutsche mit Migranten zu einem erfolgreichen Team. Was können wir von der Fußballmannschaft Deutschlands, Ihrer Ansicht nach, lernen?

Wir können davon lernen, dass die Dinge häufig einfacher sind als man zunächst annimmt: Zentral ist das Bekenntnis zu Deutschland, also Miroslav Klose oder Lukas Podolski, die zwar vielleicht polnische Musik hören, aber sich zu Deutschland bekennen oder auch Özil und Khedira. Dieses Bekennen ist die Grundlage für eine erfolgreiche Integration. Dadurch kann man Begeisterung für ein Land spüren und vermitteln. Und das ist das Entscheidende! Bei Özil war das ein ganz großes Thema und er ist dafür auch kritisiert worden. Die Begeisterung aber ist ausschlaggebend. Das betrifft viele Menschen, die einen Migrationshintergrund haben, sich aber zu Deutschland bekennen und dies auch zeigen wollen.

Sie sprechen von einem sogenannten „German Dream“. Was meinen Sie konkret damit?

Das ist vor allem eine Ableitung von dem „American Dream“. Der „American Dream“ war eine Idee, wie ein Land, das ein typisches Einwanderungsland ist, nämlich die USA, ein Ideal für sich verfasst hat. Ein Ideal nach dem jeder alles erreichen kann, unabhängig von seiner Herkunft. Für Deutschland war das nicht so maßgeblich, weil Deutschland von seinem Selbstverständnis her kein Einwanderungsland „war“. Wenn man sich aber die Zahlen anschaut, vor allem der unter 30-jährigen und noch extremer die Zahl der unter 5-jährigen, dann stellt man fest: Wir sind doch ein Einwanderungsland geworden! Wenn auch nicht so ein Klassisches wie die Angelsächsischen, darunter Australien, Kanada oder USA. Ein Land, das sehr viele autochthone, also ortsständige, Deutsche hat, trotzdem ein neues „Wir-Gefühl“ erreichen  kann, wenn es erstens die Situation so anerkennt und zweitens auch Mittel und Wege  findet, damit umzugehen. Wir haben lange vermieden, damit umzugehen. Jetzt sind wir aber dabei, vielleicht auch mit Hilfe der Nationalmannschaft und dieser Begeisterung mit einem neuen deutschen „Wir-Gefühl“ uns auseinanderzusetzen. Das finde ich äußerst positiv und der „German Dream“ will das auch ausdrücken: Das wir auch ein Land sind, das jedem, der sich zum Land bekennt, auch Chancen bietet.

In Ihrem neuen Artikel vom 4. November 2010 „Aufstand der Integrierten – “Wir sind auch noch da”“ begründen Sie eine neue Zeitrechnung: Es gibt seit Herbst 2010 eine Zeit vor der Sarrazin-Debatte und eine Zeit nach der Sarrazin-Debatte. Wie bewerten Sie die Äußerungen von Thilo Sarrazin und welche Auswirkungen haben diese für Deutschland?

Ich vergleiche das Buch von Thilo Sarrazin und die Debatte, die dadurch angestoßen wurde so ein bisschen mit dem Reaktorunglück damals in Tschernobyl. Das war auch so ein Umfall, der viele Leute wachgerüttelt hat und damit konfrontiert hat, dass sich etwas ändern muss. Das ging damals sehr schnell. Damals gab es auch gleich eine politische Reaktion darauf: Nämlich die Gründung des Bundesumweltministeriums. Und das müsste die Konsequenz aus dem Buch sein, denn es enthält ja viele Denkanstöße, die es wert  sind auch mal zu Ende zu denken, auch wenn es sehr viel Schwachsinn enthält. Aber die Debatte ist mir wichtig, nicht so sehr der Herr Sarrazin. Dies müssen wir nutzen für die Schaffung eines „Bundesintegrationsministeriums“. Man kann dieses beispielsweise an das Bundesjustizministerium andocken. Aber ganz wichtig ist vor allem, dass wir jetzt alle Maßnahmen ergreifen. Ich habe letzte Woche auch am Integrationsgipfel der Kanzlerin teilgenommen. Durchgängige Erziehung, Sprachtests, nachholende Integration der ersten Generation, die schon länger in Deutschland sind, aber von denen viele noch immer nicht gut Deutsch können, aber auch ebenso die bewusste Zuwanderungsdebatte! Das muss ja alles auch politisch gesteuert und gebündelt werden. Deswegen wäre dies die notwendige Konsequenz.

Sie sitzen für Deutschland im europäischen Parlament und haben vermutlich auch Kontakt zu Menschen aus anderen Staaten innerhalb der EU. Wie geht man in anderen Staaten der EU mit Menschen um, die ausländische Wurzeln haben? Können sie Beispiele nennen oder „best practices“ von denen wir lernen können?

Ich möchte hierbei insbesondere zwei Beispiele nennen. Das eine ist Frankreich: In Frankreich gibt es sicherlich sehr viele Probleme, das ist völlig klar. Aber was wir von Frankreich in extremer Weise lernen können, ist der positive Umgang mit der Sprache. Die französische Sprache war in Frankreich sowieso schon immer der Gründungsgeist der „Republique francaise“. Die Sprache spielte demnach die allumfassende Rolle und nicht so sehr die Abstammung. Das erkennen wir auch daran, dass Nicolas Sarkozy, genauso wie seine erste Frau oder auch seine jetzige Frau, keine “Urfranzosen” sind, sondern erst im 20. Jh. zugewandert sind.  Sarkozy ist väterlicherseits Ungar und mütterlicherseits Grieche, trotzdem akzeptieren die Franzosen ihn ohne Weiteres als ihren Staatspräsidenten. Was ich damit sagen möchte: In Frankreich ist die Sprache das Entscheidende und deswegen sind in Frankreich die Integrationsbemühungen sehr stark auf die Sprache zugeschnitten, die dann wichtiger ist als der Pass. Das ist ein Vorbild von dem wir lernen können. Ein anderes Beispiel sind die skandinavischen Staaten. Finnland hat keine lange Zuwanderungsgeschichte, aber die Zuwanderung in Finnland hat in den letzten Jahren massiv zugenommen. Und was machen die Finnen, sowie auch die Schweden und Dänen? Sie rücken die frühkindliche Erziehung in den Vordergrund. Von ihnen kann man lernen, wie man in sehr frühen Jahren anfängt, die Kinder wirklich durch Bildung zu integrieren, das bedeutet zu fördern, aber auch zu fordern! Das sind die beiden „best practices“ von denen ich erzählen kann. Deutschland kann dabei sehr viel lernen, in dem es die deutsche Sprache gesetzlich festschreibt. Ich frage mich, warum eine derartige Debatte überhaupt notwendig ist. Für mich ist völlig klar, dass Deutsch ins Grundgesetz gehört, ich versteh die Diskussion nicht. Die Franzosen gehen damit viel lockerer um, zumal die Sprache auch der soziale „Klebstoff“ einer Gesellschaft ist. Und das läuft bei uns mit der frühkindlichen Erziehung noch nicht so, wie wir es uns wünschen. Vor allem weil der Kindergarten noch als eine Art „Verwahranstalt“ gesehen wird. Das hängt auch damit zusammen, dass es in Deutschland den Begriff „Rabenmutter“ gibt und deshalb haben wir ein schlechtes Gefühl, wenn wir unsere Kinder früh in den Kindergarten geben. Falsch! Weil in Kindergarten schon viel gebildet werden kann und hierbei verhalten sich die Skandinavier vorbildlich.

Sie fordern ein aktives Bekenntnis zur Einwanderung und sprechen sich auch für ein Punktesystem aus, um hochqualifizierte Zuwanderer gezielt im Interesse der deutschen Wirtschaft und Gesellschaft zu gewinnen. In Deutschland wird aber noch häufig mit einer Art Abwehrhaltung auf Zuwanderer reagiert. Inwiefern müssen wir in Deutschland unsere Haltung ändern und welche Vorteile bietet eine gezielte Migration?

Ist es nicht wahr, dass bei dem Fachkräftemangel, den wir haben, insbesondere bei Ingenieuren, die uns fehlen werden, wir manchmal zu wenig auf das schauen, was bei uns in Deutschland bereits vorhanden ist? Nämlich ein Potential von jungen Leuten, die man heute als „bildungsfern“ bezeichnet oder als „Parallelgesellschaften“, wo man aber das ein oder andere Talent auch fördern kann. Also bevor man jetzt in der Welt aktiv ist, sollte man erstens zu Hause schauen: Wen gibt es da? Zweitens müssen wir uns bei den erfahrenen Ingenieuren und Fachkräften fragen, ob diese wirklich mit 65 oder 67 in Rente gehen müssen, oder ob man diese nicht noch aktivieren kann, ein bisschen länger zu arbeiten – das ist auch eine wertvolle Ressource. Darüber hinaus werden wir aber trotzdem Zuwanderung brauchen! Und da verweise ich gerne darauf, dass es in der Welt einen „Krieg“ gibt um die besten Talente – den sogenannten „war of talents“ – und Deutschland kann sich diesem nicht entziehen. Als einer der größten Exportnationen, natürlich auch Globalisierer in der Welt nehmen wir dementsprechend an bestimmten Kriegen im Wirtschaftsbereich bereits teil. Nur an diesem Krieg um Talente haben wir bisher in völlig unzureichender Form teilgenommen. Uns ist doch völlig klar, dass uns andere, insbesondere Kanadier, Amerikaner und Australien abhängen werden. Man kann ihn entweder nur verlieren oder man kann teilnehmen und versuchen das Beste daraus zu machen. Deswegen ist die gezielte Zuwanderungspolitik von zentraler Bedeutung.

Sie bewerten die Zwei- und Mehrsprachigkeit vieler Einwanderer als ein Gewinn für unsere Gesellschaft. Sind Menschen mit ausländischen Wurzeln, Ihrer Ansicht nach, nicht gerade auch Wirtschaftsbrücken für die Exportnation Deutschland in alle Welt?

Das ist ja völlig klar. Ich habe immer dafür plädiert, dass man den muttersprachlichen Unterricht fördert. Dieser wird bezahlt von den jeweiligen Herkunftsländern. In meinem Fall: Ich hatte selbst Griechisch als Muttersprache im Unterricht gehabt. Das war katastrophal ausgestattet und die Griechen haben das auch sehr schlecht bezahlt. Und das ist ein Potential, das in Deutschland schlummert und wo noch nicht erkannt wurde, dass man das sehr stark fördern müsste, weil es für einen selbst von Nutzen ist. Und gerade Deutschland mit seinen Exportambitionen, ist ein Land, das über sehr viel mehr sprachliche Fertigkeiten verfügen müsste. Man sieht ja bereits, wie viele türkischstämmige Deutsche in die Türkei zurückgehen und das was sie in Deutschland gelernt haben, dort nutzen. Da ist es verpasst worden und nicht wie bei Özil gelungen, dass man diese erfolgreich an Deutschland bindet. Das ist eine wichtige Brücke in die gesamte Welt – die Sprachfunktion, die andere Länder sehr stark nutzen. Die Kanadier nutzen die Sprachfähigkeiten ihrer kanadischen Zuwanderer enorm aus, um Bindungen wirtschaftlicher und kultureller Art in der ganzen Welt aufrechtzuerhalten. Die Amerikaner sind da im Vergleich nicht so stark. Wenn man sich die Wachstumsraten in Kanada anschaut und überhaupt die Wohlstandsindikatoren heute, dann stellt man fest: Sie haben die Amerikaner schon längst überholt, weil sie diese modernen Konzepte sehr stark adaptieren.

Sie fordern ein Ende der bisherigen Debatte und stattdessen Taten. Sie sprechen ebenfalls von vielen erfolgreichen Deutschen mit Migrationshintergrund, die 2010 zum Beispiel 150.000 neue Jobs geschaffen haben. Was kann man Ihrer Meinung nach tun, um die Migranten in Deutschland in ein besseres Licht zu rücken bzw. als Teil Deutschlands anzuerkennen? Was wünschen Sie sich von Seiten der Deutschen und von Seiten der Einwanderer?

Diese Frage würde ich gerne damit beantworten, dass ich im Grunde genommen ganz offen gesagt die „Schnauze voll“ habe davon, dass wir immer nur über die fünf Prozent Integrationsunwilligen sprechen. Ich würde gerne mal über die 95 Prozent Integrationswilligen sprechen. Das ist ja auch in gewisser Weise in meinem Artikel „Der Aufstand der Integrierten“ zum Ausdruck gekommen. Man kann natürlich immer sagen, dass das Glas halbvoll oder halbleer ist, aber wenn Relationen total verschoben werden und das auf ganz Deutschland projiziert wird, dann machen wir einen Riesenfehler. Da muss auch die Politik stärker darauf eingehen. Also was der Seehofer getan hat mit seinem Appell „Wir brauchen keine muslimischen Migranten“, schadet Deutschland erheblich. Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Populismus ihm so sehr nutzt in Bayern. Der Integrationsdebatte zumindest schadet es ungemein. Ich würde mir wünschen, dass sich Politiker stärker zu Herzen nehmen, dass sie die Debatte stärker vom Kopf auf die Füße stellen. Auf die Füße stellen heißt: Schaut euch mal den großen Bereich derjenigen an, die hier dabei sind und die mitarbeiten. Stellt euch mal vor, was passieren würde, wenn diese Menschen an einem Tag einfach die Arbeit niederlegen würden. Sie tragen zwar nur sechs Prozent zum Bruttosozialprodukt bei, das sind durchaus verlässliche Berechnungen. Aber das Bruttosozialprodukt ist ein Indikator. Wenn ich jetzt mal den Indikator nehmen würde, dass eine Uhr auch nur funktionieren kann, wenn alle Zahnräder ineinandergreifen, dann wird schon klarer, worum es hier geht. Würden sie wegfallen, dann würden große Teile der Erwirtschaftung des Bruttosozialprodukts gar nicht erst möglich sein. Also: Man sollte sich die Debatte in ihrer Gänze anschauen und entsprechend sollten Medien, aber vor allem Politiker auch reagieren, denn oftmals reagieren die Medien nur darauf, was die Politiker sagen.

Das haben wir uns auch als „migration-business“ zur Aufgabe gemacht. Das zu tun, was sie sich auch in Ihrem Artikel gefragt haben: „Warum berichtet fast keine deutsche Zeitung, dass im Jahr 2010 ausländische Existenzgründer fast 150.000 neue Jobs schafften?“

Genau! Überhaupt ist die Selbstständigenrate unter Migranten viel höher als unter Deutschen, das muss man ja auch mal sehen. Gerade Griechen vor allem, aber auch Ex-Jugoslawen und Italiener. Das sind zwar kleine mittelständische Unternehmen, aber damit sind sie natürlich ein wichtiger Teil der gesamten Wirtschaft. Das darf man alles nicht unterschätzen.

Herr Chatzimarkakis, vielen Dank für das Interview.

 

Das Interview führte Dario Mohtachem

2 Kommentare

  1. incorporate business

    Couldnt agree more with that, very attractive article

  2. student loan

    My cousin recommended this blog and she was totally right keep up the fantastic work!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>