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Ehemalige VIVA Zwei-Moderatorin veröffentlicht Dissertation zum Thema Migration und Integration

Werden Arbeitnehmer mit identischen Qualifikationen unabhängig von der Herkunft gleich behandelt? Welche Ablehnungserfahrungen erleben Migranten auf dem Arbeitsmarkt und wie bewältigen sie diese? Nkechi Madubuko, bekannt durch ihre langjährige Arbeit als Moderatorin bei VIVA Zwei, DSF und Premiere World hat sich die Soziologin sechs Jahre mit der Forschung über die Lebenswelten von Migranten beschäftigt. Jetzt hat sie ein Buch veröffentlicht „Akkulturationsstress von Migranten“. Es  bildet einen Gegenpol zu den einseitigen Verallgemeinerungen über den „Integrationsunwillen“ von Migranten à la Sarrazin.

Sie haben Anfang dieses Jahres Ihre Dissertation zum Thema Migration und Integration veröffentlicht. Diese trägt den Titel „Akkulturationsstress von Migranten“. Was genau versteht man unter dem Begriff „Akkulturation“?

„Akkulturation“ ist im Grunde genommen ein Alternativbegriff aus der interkulturellen Psychologie und beschreibt praktisch den Prozess, in dem ein Migrant in eine Gesellschaft aufgenommen wird. „Akkulturationsstress“ wiederum ist der Stress, der ausgelöst wird, wenn ein Migrant innerhalb dieses Prozesses auf herkunftsbezogene Ablehnung stößt. Diese Ablehnung von außen kann eben zu Stressmomenten bei Migranten führen. Ich habe in meiner Studie Menschen gefunden, die einem solchen Stress ausgesetzt waren, einige die sogar erklärten, dass ihre Herkunft in ihrem Beruf jeden Tag ein Problem ist und Leute, die wiederum meinten, dass ihre Herkunft gar keine Rolle spielt. Mir ist auch wichtig, dass ich keine Diskriminierungsstudie erstelle, sodass ich die Leute nicht gleich gefragt habe, ob sie diskriminiert wurden, sondern offen nach den Erfahrungen der Personen. Daher war es für mich auch wichtig ein weites Spektrum aufzuzeigen und nicht nur gezielt Negatives zu sammeln. Dementsprechend waren auch die Erfahrungen unterschiedlich.

Welche Probleme und Hürden bestehen Ihrer Ansicht nach bei den Menschen mit Migrationshintergrund gegenüber Deutschstämmigen? Werden diese bei gleicher Qualifikation gleich behandelt?

Ich habe in meiner Studie Leute gehabt, die massive Probleme hatten und während ihres Studiums schon sagten: „Mit meiner Herkunft habe ich sowieso keine Chance, ich studiere erst gar nicht.“ Diese Menschen haben ihre Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt von vornerein als eingeschränkt wahrgenommen. Ich hatte auch Leute, die den Beruf ergriffen haben, den sie wollten. Jedoch erleben sie immer wieder, dass ihre Herkunft in ihrem Umfeld eine Rolle spielt. Beispielsweise Ärzte, die afrikanischer, türkischer oder arabischer Herkunft sind und bei denen die Patienten nicht von ihnen behandelt werden wollten. In abgeschwächter Form tritt dies auch auf, so dass Kollegen hinter dem Rücken der Person, dessen Kompetenz untergraben und beispielsweise bei einer afrikanischen Person sich fragen: „Wo hat die Frau bloß ihr Studium gemacht? Wahrscheinlich irgendwo in Nairobi.“ Meist ist es keine offene Form der Ablehnung, sondern hinter verschlossenen Türen, die aber trotz allem sehr wirksam ist.

Sie haben in Ihrer Dissertation unterschieden zwischen Problemen von Migranten mit afrikanischer Herkunft und Migranten mit europäischer Herkunft. Worin bestehen die Unterschiede?

Es gab durchaus Unterschiede. Es zeigte sich recht offensichtlich, dass der Akkulturationsstress von Migranten mit afrikanischer Herkunft deutlich höher war, sowie auch der Rassismus, den sie erfahren haben. Es fielen teilweise Sätze wie: „Menschen gibt es aber im Studium hier nicht zu fressen“ oder bei der Röntgenaufnahme, auf der man kaum etwas erkennen konnte: „Das sieht ja aus wie Negerinnen im Tunnel“ bis hin zu einer Person, der eine leitende Position im Medienbereich hatte und der seit Jahren weniger Geld für die gleiche Stelle erhielt. Es war wohl auch klar, dass die Personalabteilung ganz klar gewisse Leute einfach nicht unterstützt hat. Dies wurde vor allem ersichtlich durch Emails, die er über Jahre hinweg systematisch gesammelt hat, um zu belegen, dass es auf seine afrikanische Herkunft zurückzuführen ist. Diskriminierung ist auch meist schwer zu belegen, weil es von offizieller Seite auch nie so gesagt wird.

Bei den Europäern gab es auch durchaus Ablehnungserfahrungen in der Schule, im Studium und Beruf, aber bei denen waren die Erfahrungen, das Erlebte als stresshaft zu empfinden, deutlich geringer. Stress ist ja immer nur dann da, wenn man etwas nicht verarbeiten kann. Man kann eine Ablehnungserfahrung erleben und sich sagen: „Das macht mir auch nichts aus. Ich gehe trotzdem meinen Weg“  oder man erlebt es als stresshaft und kann damit nicht umgehen. Mir ist interessanterweise aufgefallen, dass die Leute, unabhängig davon ob sie afrikanischer oder europäischer Herkunft sind, die einen positiven Bezug zu ihrem Herkunftsland haben, die stolz auf ihr Herkunftsland waren oder einen sozialen Rückhalt erlebt haben, in der Regel diesen Stress auch gut verarbeiten konnten. Die Menschen, die den Stress wiederum nicht gut verarbeiten konnten, haben schon früh Rassismus erfahren, wobei sie jedoch keinen sozialen Rückhalt in der Familie erfuhren oder auch mangelndes Selbstbewusstsein hatten. Diese Personen fühlen sich dann minderwertig, weil sie früh erlebt haben, dass ihre Herkunft mit Problemen und Nachteilen verbunden ist.  Den größten Stress habe ich bei den Afro-Deutschen mit deutscher Mutter erlebt, die manchmal kaum Kontakt zu ihrem Vater hatten und keinen Bezug zu ihrem Herkunftsland und trotzdem häufig als „Neger“ bezeichnet wurden, obwohl sie sich total deutsch fühlten. Interessant waren für mich vor allem Personen, die hier in Deutschland verortet, aufgewachsen oder geboren sind, die hier den Kindergarten oder die Schule besucht haben, deutsche Freunde haben, sowie mit Deutschen verheiratet sind. Werden diese Menschen akzeptiert, wenn alle Voraussetzungen gegeben sind, also sie gut gebildet sind, deutsch als Muttersprache haben und in Deutschland verortet sind? Im Ergebnis musste ich dann feststellen, dass auch diese Personen, die alle Voraussetzungen mitbringen, oftmals keine Akzeptanz erfahren haben und dieser Stereotypisierung ausgesetzt sind. Ich habe selbst ein ganzes Kapitel über Stereotypen in meiner Dissertation, in dem ich die Auswirkungen von Stereotypen untersucht habe. Es kostet diese Menschen sehr viel Kraft, diesen Stereotypen gerade nicht zu entsprechen. Viele Türken haben mir auch gesagt, dass sie jeden Tag versuchen nicht dem Stereotyp des Türken zu entsprechen, weil sie immer wieder damit konfrontiert werden. Hier liegt ein wichtiger Stressfaktor, immer wieder die Menschen davon zu überzeugen, dass man doch gar nicht so ist.

Bezüglich des Themas der Integration hört man in Deutschland häufig von verschiedenen unterstützenden Programmen und Forderungen für und an Migranten. Was muss sich jedoch Ihrer Ansicht nach auf Seiten der deutschen Mehrheitsgesellschaft ändern?

Ich denke, dass es Teile in der Gesellschaft gibt, die gar nichts zu verändern haben. Das bedeutet, es besteht kein generelles Problem, sondern es gibt bestimmte Teile in der Gesellschaft, die feste Vorstellungen davon haben, wie Ausländer sind. Diese Leute zu erreichen ist häufig schwierig. Will man das Bild der Migranten in der Öffentlichkeit ändern, ist es wichtig, anders und vor allem differenziert über diese zu sprechen. Eine differenzierte Berichterstattung ist zentral, um ein neues Bewusstsein zu schaffen. Sätze wie: „Die Muslime sind…“ oder „die Migranten sind“ können zum größten Teil nicht stimmen, weil es wahnsinnig differenzierte Bevölkerungsgruppen sind, mit unterschiedlichem sozialen Status, unterschiedlichem Pass, unterschiedlicher Ausbildung, sowie unterschiedlicher Aufenthaltsdauer in Deutschland. Jemand der Ghana ist, kann ein Jahr in Deutschland sein oder auch dreißig Jahre und wird dementsprechend nicht dieselben Merkmale aufweisen. Die Problematiken, die sich für verschiedene Migranten stellen, sind sehr unterschiedlich. Dies muss man beachten, wenn man sich mit diesem Thema beschäftigt und war auch Ziel meines Buches. Man sollte nicht über „die Türken“ sprechen, die „alle kein deutsch sprechen“ oder „keine Ausbildung haben“. Das entspricht mit großer Sicherheit nicht den Tatsachen. Meine Geburt hat zum Beispiel eine Türkin mit Kopftuch durchgeführt. Das Problem besteht einfach darin, Menschen mit negativen Eigenschaften zu belegen, wie es beispielsweise Sarrazin tut. Es ist Rassismus, Menschen mit Eigenschaften zu belegen oder ihnen Fähigkeiten abzusprechen. Genau das findet leider wieder im großen Stil statt und da muss man sich ganz klar von distanzieren. Genauso wenig, wie alle Muslime dumm oder integrationsunwillig sind, sind auch nicht alle Deutschen Rassisten, obwohl es eine Phase in Deutschland gab, in der Rassismus eine politische Realität war. Das wird sich auch kein Deutscher sagen lassen wollen.

Sie sprechen darüber hinaus von Ablehnungs- und Stresserfahrungen. Haben Sie persönlich bereits Nachteile und Diskriminierung aufgrund Ihrer Herkunft erfahren, an die Sie sich erinnern können?

Ich habe sicherlich auch Ablehnungserfahrungen erlebt, doch sollte dies nicht Teil der Studie sein. Es ging in meiner Studie nicht darum, meine persönlichen Erfahrungen zu belegen, zu wiederlegen oder Bestätigung zu finden, sondern die Realität von Migranten aus ihrer eigenen Sicht darzulegen. Die öffentliche Berichterstattung oder auch viele sozialwissenschaftliche Studien zielen häufig darauf ab, die Meinung, die Deutsche über Migranten haben, zu bestätigen. Das kann man bereits an vielen Fragestellungen erkennen. Der fehlende Erfolg vieler Migranten auf dem Arbeitsmarkt wird von einer ganzen Schule innerhalb der Soziologie damit begründet, dass einfach die fehlende Bildung der Eltern sich auf die Kinder überträgt. Tatsächlich ist es eine sehr einfache Antwort auf eine komplizierte Frage. Mich nervt es, dass dies vor allem Problematiken sind, die in der Gesellschaft zu suchen sind. Wenn man beispielsweise in der Schule einen Lehrer hat, der meint „Türken wollen wir hier nicht auf der Schule haben“ oder „Ausländer können kaum eine gute Note schreiben“, ist es kaum verwunderlich, dass Migranten es in höheren Schulen oftmals schwieriger haben. Der Arbeitsmarkt ist darüber hinaus ein hartes Geschäft und wenn man dann auch noch die ethnische Komponente mit einbezieht, ist es für Migranten schwieriger einen Job zu bekommen. Die Akademiker mit Migrationshintergrund in meiner Studie, die aus den verschiedensten Branchen kamen und die ich bundesweit interviewt habe, haben einhellig gesagt: „Du musst besser sein als die Deutschen, um überhaupt akzeptiert zu werden!“ Du musst nämlich erst einmal dieses Misstrauen überwinden, also mehr leisten als die anderen. Und wenn Du Chef einer Abteilung sein möchtest, kannst Du nicht nur drei Mal so gut sein, sondern du musst die anderen regelrecht überragen, sodass sie nicht mehr an Dir vorbeikommen. Es ist nicht unmöglich, aber Du darfst Dir halt keine Fehler erlauben. Fehler werden meist auf die Herkunft bezogen. Wenn Du jedoch gut bist, wird das nicht auf die Herkunft bezogen. Die Problematik über die ethnische Herkunft ist vergleichbar mit den Problemen, mit denen Frauen auch zu kämpfen haben. Du musst als Frau die Männer erst einmal überzeugen. Genauso muss Du als Türke, Italiener oder Afrikaner erst einmal den Deutschen überzeugen.

In Ihrem Buch zeigen Sie Strategien zur Bewältigung von Akkulturationsstress auf. Können Sie grobe Beispiele nennen, damit wir eine Vorstellung davon bekommen?

Es ist eine biographische Studie und ich habe mir vor allem angesehen, welche Strategien häufig von den Eltern vermittelt werden. Die wichtigsten Strategien waren: Durch bessere berufliche Leistungen sich unangreifbar zu machen und Stereotype zu widerlegen, selbstbewusstes Auftreten und offensives Verhalten, das bedeutet im Falle eines dummen Spruches oder wenn die Herkunft plötzlich eine wichtige Rolle spielt, ganz offen hinzugehen und der Person mitzuteilen, dass sie so nicht verfahren kann oder zur Personalabteilung zu gehen und sehr offensiv damit umzugehen. Andere Strategien sind auch der Rückzug und das Ignorieren, also einfach so zu tun, als ob man es nicht gehört hat oder auch sich Nischen zu suchen, in denen man hofft, nicht mehr mit der herkunftsbezogenen Ablehnung konfrontiert zu werden. Diese Strategie verwendeten insbesondere Menschen, die großem Stress ausgesetzt waren. Eine weitere Strategie besteht darin, sich anzupassen, sehr konform zu verhalten oder sogar noch deutscher zu sein als die Deutschen selbst. Man versucht sich bloß keine Fehler zu leisten oder aufzufallen. Es gibt aber leider auch viele Personen, die gewisse Ressentiments in ihrem Alltag am eigenen Leibe erfahren, aber diese Erlebnisse verdrängen. Das sind oftmals Leute, die von ihren Eltern keine Strategien beigebracht bekommen haben. Daher habe ich am Ende der Studie gelernt, wie wichtig es ist, dass Eltern ihren Kindern ein Rüstzeug mit auf den Weg geben und ihnen Rückhalt bieten, um diese Stresserfahrungen zu vermeiden.  Interkulturelles Engagement spielt aber auch eine Rolle, das bedeutet, dass sich Menschen im Privatleben dafür eingesetzt haben oder Vereine gegründet haben, um Vorurteile abzubauen. Diese Menschen bezeichne ich als „Verarbeitungskünstler“.  Ich kannte jemanden, der einen äthiopisch-deutschen Fußballverein gegründet hat oder auch eine Frau, die Afrika-Feste veranstaltet hat, gerade auch um Afrika mal von einer anderen Seite zu präsentieren.

Sie waren neben Ihrer sozialwissenschaftlichen Forschung Moderatorin bei VIVA, DSF, Premiere World, haben bei verschiedenen Shows und Events Prominente wie Boris Becker, Jan Ulrich oder Oskar Lafontaine interviewt und sind derzeit als Autorin für 3sat tätig. Was hat sie dazu motiviert TV-Journalistin zu werden und was planen Sie für Ihre Zukunft?

Die Medien haben mich immer angezogen, weil sie wirklich eine wahnsinnige Meinungsmacht sind. Ich wollte Teil dieser Meinungsmacht sein, das bedeutet nicht reiner Konsument von Meinungen zu sein, sondern mitgestalten zu können. Das war der Grund für mich Journalistin zu werden.  Meine berufliche Zukunft sehe ich ganz klar in der Weiterführung von diesem Thema, um eine Innenperspektive von Migrantenrealitäten zu zeigen. Ich überlege mir, in der Forschung weiterzumachen, Beiträge und Filme zu dem Thema zu machen und könnte mir vorstellen, bald eine Dokumentation zu erstellen, weil es für mich selbst sehr spannend ist, Filme und Fernsehen zu gestalten und ich viele Persönlichkeiten bereits kenne, über die es sich lohnt einen Film zu drehen.

Frau Madubuko, ich danke Ihnen sehr für das Interview.

Das Interview führte Dario Mohtachem

4 Kommentare

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    i love it

  2. fgheuifi

    Straightforward and well written, ty for that post. Is it alright to post some of this on my page if I post a hyperlink for this page?

  3. Franca

    Gefaellt mir sehr der Blog. Gute Themenwahl.

    1. Dario Mohtachem

      Vielen Dank für Ihre netten Worte. Wir freuen uns über jeden Leser und würden uns auch freuen, wenn Sie in Ihrem Bekanntenkreis von unserem neuen Online-Magazin erzählen, damit sich bald die Debatte und Diskussion um Migranten in Deutschland verbessert.

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