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Sprache, Ausbildung und Akzeptanz

Khalid M. Saidi leitet gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Karsten Schmidt die Kanzlei „Saidi & Schmidt“ in Berlin-Wilmersdorf. Auf der Homepage der Kanzlei steht das Zitat von Johann-Wolfgang von Goethe „Das Gleiche lässt uns in Ruhe, aber der Widerspruch ist es, der uns produktiv macht.“ Das machte uns von migration-business neugierig und wir trafen uns mit Herrn Saidi, einem deutschen Steuerberater afghanischer Herkunft.

Saidi ist geboren in Kabul, Afghanistan. Er kam mit 4 Jahren mit seiner Mutter und seinem Bruder nach Deutschland. Seitdem hat er sein ganzes Leben hier verbracht.

Deutschland ist für ihn seine Heimat. Seine Familie und seine selbstgegründete Familie leben hier. Außerdem hat er Deutschland als Kind und Jugendlicher kennengelernt, mit allen Freizeitaktivitäten und der Schul- und Studienzeit. Über den Berufsweg sogar dann noch intensiver, da Saidi in einem Bereich tätig ist, der sehr wichtig und charakteristisch für Deutschland ist: dem Steuerrecht.

„Viele für andere Länder vorbildliche Institutionen haben dazu geführt, dass Deutschland heute so ist wie es ist“, so Saidi. Deutschland hat sich nach zwei großen Kriegen immer wieder stark entwickelt, was Saidi auch bemerkenswert findet. Insbesondere die Sicherheit in unserem Land, die Infrastrukturen, die Sozialversicherungen, das Bildungsangebot und viele andere Bereiche. Nach einer langen Periode sind natürlich überall Verbesserungen möglich. Eine sich immer wieder verändernde, moderne Gesellschaft erfordert individuelle Anpassungen an seine Systeme, aber die Strukturen sind da!

Saidi und Schmidt kommen beide aus der Finanzverwaltung. Zusammen haben sie die Steuerberaterprüfung abgelegt, bei verschiedenen Steuerberatergesellschaften getrennt und auch gemeinsam gearbeitet. Seit 2003 leiten sie die Kanzlei „Saidi & Schmidt“. „Das ist ein gewachsenes Vertrauensverhältnis zwischen uns“, wie Saidi betont.

Beide setzen ihre Stärken im gemeinsamen Interesse der Kanzlei ein und legen großen Wert auf Loyalität, Kontinuität und gemeinsame Entwicklung.

In der Finanzverwaltung haben sie beim Finanzamt für Körperschaften gearbeitet. Neben Kapitalgesellschaften wurden große Personengesellschaften, hauptsächlich in der Rechtsform der GmbH & Co. KG, bearbeitet.

Mithilfe dieser Publikumsgesellschaften, auch geschlossene Immobilienfonds genannt, wurden einerseits den Anlegern Steuervorteile verschafft und andererseits in Berlin diverse Bauten realisiert. Durch diese modellhafte Gestaltung wurden viele bekannte Gebäude in Berlin realisiert. Beispielsweise das „Europa-Center“, das „Kudamm-Karee“, das „Forum Steglitz“ und das  „Tegel Center“. Noch viel intensiver wurde hierdurch der (soziale) Wohnungsbau in der Stadt gefördert. Der gesetzgeberische Gedanke war richtig, die Umsetzung, mit den doch anders gearteten Interessen der Investoren, tatsächlich schwierig. „Das war seinerzeit eine richtige Industrie in den 70er, 80er und teilweise 90er Jahren und das haben wir besteuert.“, erläutert Saidi.

Auf diese Erfahrungen aufbauend, besteht ihr Mandantenkreis aus vielen Personen- und Kapitalgesellschaften auch aus dem Immobilienbereich. Darüber hinaus betreuen sie auch sehr viele Freiberufler, wie Rechtsanwälte, Ärzte, Architekten und auch Künstler.

Ein weiterer Schwerpunkt sind Medienunternehmer, also z.B. Filmproduktionsgesellschaften und alle angrenzenden Bereiche  wie Kameraleute, Regisseure oder Drehbuchautoren. „Ein breit gestreuter Mandantenkreis hat den Vorteil, dass man unabhängig bleibt. Wenn einzelne Wirtschaftszweige Probleme bekommen, ist dies nicht so schwerwiegend für die Kanzleiauslastung.“, so Saidi.

Und seine Beziehung zu Afghanistan? Sprechen konnte er afghanisch anfangs, als er mit vier Jahren nach Deutschland kam, aber seine Mutter entschloss sich konsequent wie Saidi erzählte: „Wir sind jetzt in Deutschland! Wir bleiben auch in Deutschland! Und ich rede jetzt mit euch nicht mehr die Heimatsprache! Damit ihr euch zu 100 Prozent anpassen könnt!“ „Diese Meinung muss man nicht teilen“, fügt Saidi hinzu, „aber so war ihre Entscheidung und wir haben sie gemeinsam gelebt.“

Des Weiteren hat es sich sehr schwierig gestaltet einen Bezug zu Afghanistan herzustellen, vor allem weil er keinen direkten familiären Bezug mehr zu dem Land hat, entweder sind Familienangehörige verstorben oder zu einem großen Teil in Deutschland in verschiedenen Städten oder auch sonst überall in der Welt verstreut.

Der andere entscheidende Punkt besteht darin, dass Afghanistan nach den kolonialen Einflüssen der Vergangenheit, bis heute unterschiedlichen politischen Einflüssen ausgesetzt ist. Er hatte trotzdem versucht Kontakt zu seinem Herkunftsland aufzunehmen: „Ich habe bei der Botschaft hinsichtlich  einer Geburtsurkunde und nach einer generellen Visumspflicht gefragt. Bei der Geburtsurkunde wurde anhand der von mir übermittelten Daten schnellstens eine erstellt. Offensichtlich gibt es keine geeigneten Rückgriffsquellen mehr, sodass hier sehr stark „improvisiert“ wurde. Die Visumspflicht habe ich unterstellt, da ich mittlerweile deutscher Staatsbürger bin. Hier teilte man mir mit, dass bei einer irgend gearteten Verbindung zu Afghanistan, und ich habe im Reisepass als Geburtsort Kabul eingetragen, gar keine Visumspflicht bestehen soll. Es bestehe weiterhin die Afghanische Staatsbürgerschaft. Was sie ihm aber noch zusätzlich gesagt haben war: „Wenn Sie dahin reisen, schützt Sie das Visum nicht besonders, weil wir auch nicht wissen wie die politischen Umstände sind und das könnte zu einem Problem bei der Ausreise werden.“ Diese Situation hat Saidi schließlich davon abgehalten, sich vor Ort mit seinem Herkunftsland zu beschäftigen.

Der Satz von Johann-Wolfgang von Goethe auf der Startseite der Kanzlei  ist natürlich in vielerlei Hinsicht interpretierbar. Aber Saidi & Schmidt haben es bezogen auf ihre steuerberatende Tätigkeit: Das Steuerrecht ist in den Einzelgesetzen, aber auch übergreifend, systematisch strukturiert. Daher schließen sich hieran viele routineartige Handlungen für den beratenden Beruf an. Dies ist beruhigend, da eine Vielzahl von Arbeiten schnellstens erledigt werden können. Durch sich immer wieder verändernde Voraussetzungen, Situationen und Rahmenbedingungen ergeben sich wohlmöglich Widersprüche zu  bisherigen Ansichten und Behandlungsweisen. „Wir sind bestrebt, einen Widerspruch zu erkennen, denn das ist eine  Basis unserer Beratungsleistung. Einen Widerspruch zu hinterfragen, zu verstehen und letztendlich eine Gestaltungsberatung folgen zu lassen, schafft eine Abgrenzung zu anderen Kanzleien“.

Widersprüche ergeben sich bei einer Gesellschaft, die sich auf Vielfalt gründet. Vielfalt ist notwendig, um sich zu entwickeln, denn wenn man ein vielfältiges Angebot hat, ein vielfältiges Denken – ist Entwicklung möglich. Entwicklung bedeutet auch  eine Situation zu erkennen, zu durchdenken und festzustellen, dass sie vielleicht nicht mehr zeitgemäß ist.

Menschen mit Migrationshintergrund bringen viele Vorteile mit. Wenn man die deutsche Sprache versteht und spricht, kann man in Deutschland ein erfolgreiches Geschäft betreiben. Richtet man sein Geschäftsfeld international aus, so kann man z. B. mit einem Bezug zu seinem Heimatland, Mehrwerte für Kunden in Deutschland schaffen: „Sie kennen eben den Heimatmarkt, wissen wo günstig produziert wird, wo günstig Waren eingekauft werden können oder Dienstleistungen angeboten werden. Viele deutsche Unternehmer wollen gern neue Absatzmärkte finden, es scheitert oft an der fehlenden Landessprache. Im Rahmen eines Joint-Ventures können sich Interessierte mit Migranten zusammen tun und ein gemeinsames oder ein aufeinander aufbauendes Geschäft betreiben.

Das zentrale Kriterium ist nach Saidis Ansicht: „die deutsche Sprache zu verstehen.“ Von Seiten der Politik und Medien hört man häufig: „Man muss die deutsche Sprache sprechen.“

Aber es geht im Kern darum, dass man versteht, was es bedeutet. Was will der andere? „Und dann erfährt man Akzeptanz! Man kann im Endeffekt mit Akzent sprechen, das ist vollkommen egal. Der Gegenüber erkennt, ob er verstanden wurde. Erst dann entsteht die gewollte Kommunikation und Toleranz.

Einige sperren sich noch vor dem Erlernen der deutschen Sprache. Das muss jeder selbst wissen. Es führt jedoch zur gesellschaftlichen Isolation. „Wenn Sprache und Ausbildung angenommen werden, spielt die Herkunft meist keine Rolle mehr“, so Saidis persönliche Erfahrung.

Ausbildungswillige sollten die Möglichkeiten nutzen, die sich einem bieten. Es gibt zahlreiche Institutionen und Kammern, die Hilfen bieten und sich Zeit für einen nehmen. Vielleicht bietet sich die Möglichkeit ein Praktikum zu machen oder Leute kennenzulernen, um mehr über den weiteren Berufsweg zu erfahren. Und eine wichtige Eigenschaft in diesem Zusammenhang ist die gesunde „Neugierde“, wie Saidi betont. Neugierige Menschen haben Vorteile, weil sie Antworten auf ihre vielen Fragen bekommen. Sie vermitteln begründetes Interesse an der Sache.

„Heutzutage kann man jeden Berufswunsch umsetzen. Man muss nur die entsprechenden Anspruchsvoraussetzungen erbringen. Dies schützt schließlich die Allgemeinheit. Wir haben in vielen Berufsbildern Menschen mit Migrationshintergrund. Auch in den so genannten privilegierten Berufen halten verstärkt Migranten Einzug.

In der Kanzlei von „Saidi & Schmidt“ ist eine Sekretärin mit ägyptischer und ein Auszubildender mit türkischer Herkunft beschäftigt. Aber die Herkunft spielt letztendlich hierbei keine Rolle.

„Man muss die Sprache lernen und verstehen, ebenfalls sollte man eine Ausbildung machen. Bei der Ausbildung, sollte man versuchen, die höchstmögliche Form zu erlangen“, so lautet sein Appell.

 

Text: Dario Mohtachem

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