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Mehr Patriotismus für Deutschland

Leo Wacker ist Inhaber von „Wacker & Partner“, einem Berliner Immobilienunternehmen und sitzt gleichzeitig für die FDP-BVV-Fraktion im Beirat für Migrantenangelegenheiten des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf. Dabei beschäftigt er sich insbesondere mit der Integrationspolitik, sowie der Ethnischen Wirtschaft in Deutschland. migration-business sprach mit ihm über die Chancen in der ethnischen Wirtschaft, Patriotismus für Deutschland und Demokratie.

Herr Wacker, Sie selbst sitzen im Beirat für Migrantenangelegenheiten und beschäftigen sich mit der Integration in Deutschland. Welche Chancen und Probleme bestehen, Ihrer Ansicht nach, noch in Deutschland in Bezug auf das Thema der Integration?

Das ist eine sehr gute Frage. Probleme kennen wir alle. Über die Chancen aber sprechen nur sehr wenige. Allerdings gibt es enorme Chancen und zu einem bestimmten Prozentsatz werden diese auch genutzt, z.B. wenn wir an die ethnische Ökonomie denken. Allein hier in Berlin gibt es tausende ethnische Unternehmer, Unternehmen und viele Menschen, die in diesen Unternehmen arbeiten. Darunter gibt es Schauspieler, Musikanten, Ingenieure und andere, die unheimlich viel zu unserem Land beitragen. Unsere Chancen liegen natürlich auch in unseren Kindern, die sich nicht nur integrieren, sondern sich auch in Deutschland heimisch fühlen. Deren Muttersprache ist deutsch und unabhängig der Herkunftssprachen ihrer Eltern, verstehen sie sich als Europäer, als Deutsche. Weitere Chancen liegen bei den Sprachen, die die Einwanderer mitbringen, denn da sind Möglichkeiten, Brücken in andere Länder und Kulturen der Welt zu bauen. Diese wirken wiederum als kulturelle und wirtschaftliche Bereicherung. Und die Menschen, die diese Fertigkeiten mitbringen und sich darüber hinaus in unserem Wirtschafts- und Rechtssystem gut zurechtfinden, können einen wichtigen Beitrag in Deutschland leisten. In den USA beispielsweise werden 2/3 der innovativen Start-Ups von Einwanderern gemacht, hier in Deutschland liegt der Anteil bisher wahrscheinlich bei 3-4 Prozent.

Hier liegen unsere Chancen! Mit „unseren“ Chancen meine ich nicht die Chancen der Migranten oder der ethnischen Wirtschaft, sondern der Gesellschaft als Ganzes. Wir müssen als eine Nation alle gemeinsam dafür kämpfen und dürfen auch keine Chancen vergeben, denn aus vergebenen Chancen entstehen Probleme.

Gibt es bestimmte Branchen, in denen ein Großteil der Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland beschäftigt ist? Können Sie Beispiele nennen?

Natürlich gibt es Untersuchungen für „ethnische Branchen“. Zu nennen sind z.B. der Handel, Dienstleistung, Hotelgewerbe und Gaststättengewerbe. Bei uns in Charlottenburg gibt es viele Hotels. Diese gehören vor allem Russen, die Erfahrungen aus dem Bereich mitgebracht haben, Hotels gemietet haben und ihre Sprache und Kontakte benutzen, um Gäste, vor allem aus dem osteuropäischen Raum, zu gewinnen. Aber auch im Bereich Maschinenbau und bei den Ingenieuren finden wir viele Menschen mit Zuwanderungsgeschichte. Man kann aber generell sagen, dass Migranten in allen Branchen tätig sind und man daher nicht das Thema „Integration“ auf „Obstläden“ beschränken darf.

Sie selbst sind Inhaber von „Wacker & Partner“, einem Immobilienunternehmen. Was genau tun Sie und wofür steht Ihr Unternehmen?

Wacker & Partner war zu Beginn ein Geschäftspartner-Vermittlungsunternehmen, bei dem wir unterschiedliche Partner zusammen bringen wollten und gebracht haben. Es ging um Maschinen und Anlagen, die wir Richtung Osteuropa exportieren wollten. Leider hat Russland sehr stark unter der Wirtschaftskrise gelitten, aufgrund eigener politischer, wie wirtschaftlicher Strukturen. Daher haben wir uns ein wenig umorientiert und arbeiten nun hauptsächlich mit Immobilien.

Aktuell sind wir beschäftigt mit der Vermietung und dem Verkauf von Gewerbe- und Wohnimmobilien. Dies vor allem in Berlin, aber auch in Süddeutschland, sowie in Italien, Schweiz und Österreich.

Wacker & „Partner“ heißt ihr Unternehmen. Haben Sie einen Geschäftspartner?

Am Anfang hatte ich einen. Inzwischen arbeite ich jedoch alleine, habe aber Kontakt zu unterschiedlichen Geschäftspartnern anderer Unternehmen aus dem Bereich Anlage, Maschinen und Immobilien. Alleine kann man nämlich nicht kämpfen, nur gemeinsam kann man etwas bewegen.

Aus welchem Land stammen Sie und wie ist Ihre Beziehung zu diesem?

Ich bin 1978 in Moskau geboren. Dort habe ich 16,5 Jahre gelebt, bis ich nach Deutschland kam. Bei meiner Beziehung zu Russland muss ich etwas politischer werden: Das heutige Russland ist ein ganz anderes Russland, als das, was ich verlassen hatte. Jetzt gibt es praktisch wieder die „Sowjetunion“, mit politischer Zensur und verstärktem staatlichen Einfluss. Hier findet sich kaum noch Platz für liberale Gedanken. Das ist nicht mein Land! Und aufgrund der Geschehnisse der letzten Jahre in Russland bin ich felsenfest davon überzeugt, wie wichtig Demokratie und Freiheit sind. Ich habe aufmerksam mit verfolgt, wie die Demokratie schrittweise beschnitten wird. Wenn man dann sieht, wie man innerhalb weniger Jahre aus einem demokratischen Staat eine Diktatur machen kann, dann kämpft man umso mehr um die Freiheit.

Was gefällt Ihnen an Deutschland?

Vor allem die Freiheit: Die Meinungsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit, geringere Einmischung des Staates in wirtschaftliche und private Angelegenheiten und die Chancengleichheit, die zumindest größer ist, als in den meisten Staaten der Welt. Aber das bedeutet natürlich nicht, dass ich unser Land nicht kritisiere. Echte „Patrioten“ oder Menschen, die ihr Land lieben, müssen nicht immer ihr Land beschönigen, sondern sie müssen aufmerksam sein und versuchen, das Land zu verbessern. Diese Menschen sind für mich echte Patrioten.

Wo sehen Sie den Unterschied beim Begriff des „Patrioten“ und des „Nationalisten“, die oft fälschlicherweise miteinander vermengt werden?

Der Unterschied zwischen Patrioten und Nationalisten besteht gerade darin, dass Nationalisten denken, dass Menschen anderer Herkunft oder anderer Ethnie nicht so wertvoll sind, wie die Menschen aus der eigenen Ethnie. Das kann man bei unterschiedlichsten Nationalisten in verschiedenen Ländern der Welt sehen. Überall gibt es sie. Aber ich spreche von Patrioten, die etwas Gutes für ihr Land wollen. Nicht nur für die eigene Ethnie, sondern für das ganze Land, denn wir sind eine Nation!

Sie selbst beschäftigen sich viel mit dem Thema der „Ethnischen Wirtschaft“. Viele Statistiken belegen, dass sich Zuwanderer häufiger selbstständig machen als Deutsche. Welche Gründe hat das? Und welchen Beitrag leisten diese Menschen für Deutschland?

Es ist tatsächlich so, dass Zuwanderer sich häufiger selbstständig machen als die „Deutschen“. Da gibt es unterschiedliche Gründe: Als beispielsweise die Italiener und Türken nach Deutschland kamen, mussten sie in großen Fabriken arbeiten. Seitdem sind viele Jahrzehnte vergangen und diese Arbeitsplätze bestehen nicht mehr. Doch die Menschen lebten weiter hier und sie wollten etwas unternehmen. Und aus Arbeitslosigkeit oder auch weil eigene Landsleute Heimweh verspürten, haben z.B. die Italiener Pasta und Pizza nach Deutschland gebracht und italienische Restaurants geöffnet, damit die Leute sich etwas wohler und heimischer fühlen. So entstanden auch Bereiche der ethnischen Gastronomie, wie wir es bei den Türken, aber auch bei vielen anderen Ethnien beobachten können. Seit ungefähr 10-15 Jahren sehen wir, dass sehr viele Menschen aus der zweiten und dritten Generation nach dem Berufsabschluss sich selbstständig machen und sich in der deutschen Wirtschaft und im deutschen Rechtssystem besser auskennen. Diese Menschen machen sich nicht selbstständig, weil sie keinen Job mehr finden, sondern weil sie einen Drang zu mehr Selbstständigkeit und Freiheit haben. Es gibt auch durchaus Situationen, in denen Menschen aus Arbeitslosigkeit heraus gründen. Viele Migranten finden aufgrund der Alltagsdiskriminierung nicht so leicht eine Stelle. Diese kann man schwer nachweisen, aber sie ist existent. Ich kenne aus meiner persönlichen Erfahrung Beispiele, die ich aber nicht nennen möchte.

Aber es geht nun vor allem um die Menschen, die etwas leisten möchten und können. Und warum haben Migranten meist kleinere Unternehmen Deutsche? Dem ist so, weil die meisten Migranten das Geld für Investitionen zuerst aus der eigenen Familie akquirieren. Sie arbeiten mit 100 Prozent Eigenkapital. Deutsche Unternehmen dagegen arbeiten mit ungefähr 8 Prozent Eigenkapital! Das bedeutet: Migranten gehen weniger zur Bank, um Kredite zu beantragen und auch weniger zu staatlichen Förderstellen, wobei sie natürlich auch einen Anspruch darauf hätten. Das ist vor allem darin begründet, dass erstens vielen Menschen mit Migrationsgeschichte das Wissen über Rechtssystem, Verordnungen und Fördermöglichkeiten in Deutschland noch fehlt. Zweitens gehen die staatlichen Behörden in zu geringem Maße auf diese Menschen zu.

Aus diesem Grund sind viele ethnische Unternehmen kleiner als deutsche Unternehmen. Obwohl wir nicht vergessen dürfen, dass allein in Berlin die türkischen Unternehmer 3,5 Milliarden Euro Umsatz machen und 170.000 Arbeitsplätze schaffen. Dazu kommen noch tausende selbstständige Freiberufler und jeder von ihnen schafft im Schnitt um die vier Arbeitsplätze. Das ist eine enorme Wirtschaftskraft in Berlin! Und dabei meine ich nicht nur die Kaufkraft, sondern vor allem auch die Produktionskraft. Es geht auch um Produkte wie Dienstleistungen. Hier liegen unsere Chancen! Deshalb habe ich letztens im Beirat für Migrantenangelegenheiten vorgeschlagen, dass wir im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf Veranstaltungen durchführen, die Netzwerke fördern und Unternehmer aus verschiedensten ethnischen Bereichen mit den Verwaltungen und Banken zusammenführen. Netzwerke sind dabei nicht nur in der eigenen Ethnie wichtig, sondern vor allem um neue Geschäftspartner und Kunden zu gewinnen. Wenn ich beispielsweise gut türkisch kann, bedeutet das auch, dass ich dann einem deutschen Unternehmen helfen kann. Ich muss sogar mit mehreren deutschen Unternehmen zusammengebracht werden, die Interesse an der Türkei haben. Die Türkei entwickelt sich derzeit sehr gut. Den meisten Menschen aber in Deutschland ist gar nicht bewusst, welche Chancen hier für die deutsche Wirtschaft bestehen. Das türkische Wirtschaftswachstum ist stärker als hierzulande, aber die Infrastruktur in der Türkei ist noch wesentlich schlechter ausgebaut. Hier könnte Deutschland sein Engagement erhöhen und langfristige wirtschaftliche Erfolge erzielen. Es gibt ein ungeheures Potential, auch im arabischen Raum und in Afrika.

Herr Wacker, was wünschen Sie sich von Seiten der Deutschen und von Seiten der Zuwanderer für die Zukunft?

Ich wünsche uns, dass wir eine Nation werden, in der wir partnerschaftlich in Freiheit zusammenleben können und jeden dazu motivieren, etwas Positives für Deutschland zu tun.  Ein Land, das von allen anderen Staaten der Welt beneidet wird.

Herr Wacker, vielen Dank für das Interview.

 

Das Interview führte Dario Mohtachem

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