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Von Hartz IV will keiner Leben

Özkan Mutlu hat das Geschäft im Kollwitzviertel in Berlin-Prenzlauer Berg von seinen Eltern übernommen und studiert nicht berufsbegleitend, sondern unternehmerbegleitend Wirtschaftswissenschaften. migration-business hat den Selbstständigen gefragt, wie er Studium, Familie und Unternehmen unter einen Hut bekommt.

Was war Ihre Motivation sich selbstständig zu machen?

Es fing damit an, dass sich meine Eltern selbstständig gemacht haben. Zu seiner Zeit habe ich studiert und bin eigentlich immer noch Student. Ich muss nur noch meine Diplomarbeit schreiben. Während des Studiums habe ich meine Eltern bei ihrer Selbstständigkeit unterstützt. Im Laufe der Zeit haben sie sich immer weiter aus dem Geschäft zurückgezogen. Die ganze Familie hat sehr viel Energie und Zeit ins Geschäft hineingesteckt. Um das Unternehmen aufrechtzuhalten, zog ich mich vom Studium etwas zurück und habe den Laden übernommen.

Wenn ich Sie richtig verstanden habe, studieren Sie neben ihrer Selbstständigkeit noch Wirtschaftswissenschaften. Wie können Sie Studium, Unternehmen und Familie miteinander vereinbaren?

Da braucht man ein gutes Zeitmanagement. Natürlich ist es manchmal schwierig. Da muss man Abstriche machen. Es gab Semester, in denen ich nur zwei Klausuren schrieb, während meine Mit-Kommilitonen sechs geschrieben haben. Sie können mich jetzt als Langzeitstudent bezeichnen. Aber Faulheit trifft nicht auf mich zu. Das Geschäft nimmt einfach viel Zeit in Anspruch. Man muss als Unternehmer flexibel sein. Ich musste oft einspringen, weil Mitarbeiter krank gemacht haben und einige einfach im Sommer nicht arbeiten wollten. Manche Mitarbeiterinnen sind aufgrund der Schwangerschaft ausgeschieden, was ich sehr bedauere. Ich habe mich so organisiert, dass ich viele Klausuren im Wintersemester geschrieben habe. Der Grund dafür ist, dass im Winter das Geschäft einfach ruhiger ist als im Sommer und man viel Zeit für sein Studium hat.

Wie viele Arbeitsplätze haben Sie bis heute geschafft?

Wir haben zwei neue Auszubildende seit September 2010, Teilzeitkräfte und Aushilfen. Das sind rund sieben Arbeitsplätze.

Bekommen Sie als Unternehmer den allgemeinen Fachkräftemangel in Deutschland zu spüren?

Auf jeden Fall. Es ist schwierig engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finden, die gut und freundlich verkaufen können und sich in der Branche auskennen. Ich habe beim Arbeitsamt und in den Zeitungen inseriert, vergebens. Die Bundesagentur schickt mir Leute, die für die Stelle überhaupt nicht geeignet sind. Ich habe einen Bäcker gesucht und von der Bundesagentur für Arbeit kam ein „Hundebäcker“, der für Hunde Kuchen backt. Er hatte sogar  eine entsprechende Ausbildung darin gemacht. Es tat mir leid diesen Herren absagen zu müssen, da unsere Kunden zu 99 Prozent keine Hundehalter sind und die Nachfrage für Hundekuchen auch nicht da war. Daraufhin habe ich die Stellenausschreibung bei der Bundesagentur für Arbeit aufgelöst. Sie müssen sich folgendes vorstellen: Von 100 Bewerbungen kommen drei bis vier in Frage. Man muss sich jedoch vorher die 100 Bewerbungen ansehen und die Lebensläufe durchlesen. Meine Zeit war mir dafür einfach zu schade. Seitdem inseriere ich nicht mehr in Zeitungen und erst recht nicht bei der Bundesagentur für Arbeit.

Viele türkischstämmige Akademiker verlassen das Land und sehen ihre berufliche Zukunft in der Türkei. Warum sind sie als kluger Kopf in Berlin geblieben?

Ich liebe Berlin. Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Ich wollte hier etwas aufbauen. Wäre ich nicht selbstständig und hätte Probleme einen Job zu finden, dann wäre ich höchstwahrscheinlich auch ausgewandert. Man muss irgendwie sein Geld verdienen. Von Hartz IV will keiner Leben. Ich gehe davon aus, dass jeder eine gute Arbeitsstelle haben möchte. Jedoch habe ich großes Verständnis für die Akademiker mit Migrationshintergrund, die Deutschland verlassen und hierzulande auf Grund ihrer Herkunft keine Chance bekommen.

Planen Sie Ihr Unternehmen auszubauen?

Das steht noch nicht auf der Tagesordnung. Zunächst möchte ich, dass das Geschäft gut läuft und die Kundenzufriedenheit weiter wächst. Dieser Laden hat für mich derzeit absolute Priorität. Zum aktuellen Zeitpunkt wäre es schwierig ein zweites Geschäft zu gründen.

Klingt bodenständig. Was können Sie jungen Menschen, die ein Unternehmen gründen möchten auf dem Weg geben?

Vorher überlegen, ob man sich selbstständig machen möchte. Es ist ein hartes Geschäft und viele denken es sei leicht. Das erste Jahr sollte man nicht unterschätzen. Im ersten Jahr macht man kaum den erwünschten Umsatz. Da muss man aufpassen, dass man nicht gleich desillusioniert wird. Man braucht ein starkes Durchhaltevermögen und Geduld. Man kann im ersten Jahr zufrieden sein, wenn die Personal- und Betriebskosten gerade mal so gedeckt sind. Wichtig sind auch gute Mitarbeiter zu finden, was in diesen Zeiten auf Grund des Fachkräftemangel schwierig ist. Wenn das Personal fehlt, dann kann kein Unternehmen zum Erfolg geführt werden und darauf sollte man achten. Hinzu kommen Branchenkenntnisse, Fachwissen und man sollte erkennen, dass man zum Unternehmer geboren ist.

Was gefällt Ihnen an Deutschland?

Die klaren Regeln. Wir haben eine gute Infrastruktur und unser demokratischer Rechtsstaat funktioniert, was man von vielen Ländern auf der Welt nicht behaupten kann. Die Bürokratie ist jedoch ein Problem in Deutschland und das sage ich nicht nur als Unternehmer. Zu viele Paragraphen und Gesetze führen manchmal zur Einschränkung der Freiheit und Kreativität. Ich habe kein Verständnis dafür, dass man für Banalitäten mit den Behörden monatelang um eine Genehmigung kämpfen muss. Das führt zur Passivität und letztendlich zur Einschränkung der kreativen Freiheit.

Ihr Bruder Özcan Mutlu ist bildungspolitischer Sprecher der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus. Wann werden Sie Abgeordneter?

Politik, das ist nichts für mich. Mein Bruder investiert sehr viel Zeit für seine politische Arbeit und wenn ich sehe was am Ende dabei herauskommt, dann muss ich sagen, dass ich lieber in der Wirtschaft bleibe. Als Politiker hat man noch weniger Zeit für seine Familie als ein Unternehmer. Ich bin kein Politiker, sondern Unternehmer. Das ist auch hart aber nicht so hart wie das Politikgeschäft.

Was wünschen Sie sich beruflich und privat für Ihre Zukunft?

Mehr Freizeit! Mein Studium und das Geschäft lassen wenig Zeit für meine Familie, Hobbies und mich selbst. Darüber hinaus, wünsche ich mir, dass meine Mitarbeiter sich weiterentwickeln.

Herr Mutlu, vielen Dank für das Interview!


Das Interview führte Joel Cruz

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