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Keine Klischees mehr erfüllen!

Özgür Özata ist einer der ersten erfolgreichen deutschen Schauspieler türkischer Herkunft. Schon in jungen Jahren begeisterte er sich für die Schauspielerei und wollte nie wieder etwas anderes tun. Umut Karakas, Medien- und Marketingexpertin, die ihn schon lange kennt und gut mit ihm befreundet ist, unterstützt und berät ihn auf seinem Weg und bewundert ihn dafür, dass er etwas Kindliches für sich bewahrt hat. migration-business fand heraus, warum sich Özgür für die Schauspielerei entschieden hat, welche Erfolge er bisher hatte und wie er zu Klischees in Deutschland steht.

Herr Özata, Sie selbst sind bereits mit drei Jahren nach Deutschland gekommen und haben in Deutschland Ihr ganzes Leben verbracht. Wie ist Ihre Beziehung zur Türkei und zu Deutschland?

Deutschland ist für mich mein Heimatland und ich sehe mich selbst als Deutschen. Im Gegensatz zu vielen Türken in Deutschland bin ich in Schmargendorf aufgewachsen. Dort war ich an der Schule der einzige Türke und hatte daher kaum Kontakt zu Türken. Die Türkei ist für mich ein schönes Urlaubsziel und lebt in mir nur vor allem durch die Sprache, die ich durch meine Eltern gelernt habe, sowie durch meine Familie, die zum größten Teil in der Türkei lebt. Ich finde es auch gut, wie sich die Türkei in den letzten Jahren entwickelt hat, beispielsweise der Umgang mit Minderheiten, der Zuwachs an Toleranz und das wirtschaftliche Wachstum. Ich bin jedoch kein Experte für die Türkei und daher nicht Ansprechpartner für alle Fragen rund um die Türkei. Ein Vorteil besteht darin, dass meine Eltern sehr kosmopolitisch eingestellt sind, das bedeutet, dass sie eher im globalen Rahmen denken und Menschen nicht nach Ländergrenzen trennen.

Sie haben mit dreizehn Jahren angefangen Filme zu drehen. Was hat Sie dazu motiviert Schauspieler zu werden?

Ich war schon als Kind sehr aufgeweckt und hyperaktiv. Ich bin recht früh in die Schule gekommen, doch konnte anfangs nicht gut deutsch. Ich habe aufgrund dieses Sprachdefizits angefangen mit Händen und Füßen zu kommunizieren. An den Gesichtern der Kinder und Lehrer habe ich dann versucht zu erraten, was diese von mir wollten. Ich habe auch immer gut etwas vorspielen können, wenn ich etwas nicht verstehe. Ein alter Bekannter unserer Familie hatte einen Sohn. Dieser heißt Tayfun Bademsoy und ist inzwischen auch schon ein sehr bekannter Schauspieler. Er hat mich schon früh als Kind erlebt: welche Freude ich hatte, mich selbst auszudrücken, besonders in Gegenwart anderer Menschen, was ihm wiederum sehr gut gefallen hat. Daraufhin hat er mich vorgeschlagen, als es darum ging für eine Produktion Komparsen zu finden. Als ich dann beim Set war, war ich so fasziniert von all dem, dass ich beschlossen hatte, nichts mehr anderes in meinem Leben zu machen als Schauspielerei. Das ging schon mit neun oder zehn Jahren los. Wichtig war in dem Zusammenhang auch die Unterstützung, die ich bekommen habe, das bedeutet, dass jemand mir bei der Suche nach guten Rollen hilft und mich berät.

Was waren Ihre größten Erfolge in Ihrer bisherigen Schauspielkarriere?

Meine Erfolge messen sich nicht an den Einschaltquoten oder am Feedback, das ich erhalten habe. Einer der ersten großen Erfolge war für mich persönlich der Kinofilm „Aprilkinder“ im Jahr 1998. In diesem Film spielte ich einen Heroin-Junkie. Ich habe in der Zeit vor dem Dreh mir häufig vor Augen geführt, wie solche Menschen sich verhalten und leben. Die Rolle habe ich dann schließlich so gut gespielt, dass viele dachten, ich sei wirklich ein Heroin-Junkie. Daraufhin habe ich sehr viele Rollenangebote bekommen. Beispiele aus größeren Spielfilmproduktionen sind „Die Superbullen und der Halbstarke“, in dem ich neben Ralf Möller und Axel Stein als Hauptrolle mitgespielt habe, sowie auch als Bademeister mit Bully Herbig. Aber der größte Erfolg besteht für mich darin, dass ich bisher durchgängig als Schauspieler arbeiten konnte.

Versuchen Sie bewusst den Klischees der Türken in Deutschland in Ihren Filmen zu entgegnen?

Ich denke, dass es verschiedene Stadien gibt, die man als Schauspieler im Laufe seiner Karriere durchläuft. Momentan bin ich auf der Suche nach Rollen, die nicht den typischen Klischees der Türken in Deutschland entsprechen. Meine vorherigen Rollen waren oft verbunden mit einem kriminellen Hintergrund oder einem aggressives Auftreten. Ich habe der deutsch-türkischen Gesellschaft damit keinen Gefallen getan. Ich habe daher vor drei Jahren beschlossen, dass ich nie wieder einen Heroin-Junkie, Schläger, Islamisten oder Kriminellen spielen werde, weil ich mir meiner Verantwortung inzwischen bewusst geworden bin. Wenn ich nämlich derartige Rollen spiele, zeigen viele mit dem Finger auf mich und sagen: „Schau mal, so sind die Türken!“

Sie sind einer der ersten jungen Deutsch-Türken in der deutschen Filmlandschaft. Wie fühlen Sie sich in dieser Rolle?

Ich war zwar sehr stolz, dass ich die Chance bekommen habe, aber habe mich zudem auch sehr lange einsam gefühlt und daher lange Zeit bewusst den Kontakt zu anderen deutsch-türkischen Schauspielern gesucht, unabhängig vom Alter. Ich merkte jedoch, dass ich durch die negativen Rollen, die ich gespielt habe, nicht wirklich etwas in der deutschen Gesellschaft bewirken konnte. Im Großen und Ganzen freue ich mich jedoch, dass ich die Entwicklung des deutschen Films in den letzten fünfzehn Jahren hautnah miterleben konnte, insbesondere die ausländischen Geschichten. Meiner Ansicht nach läuft alles in eine gute Richtung und ich bin voller Hoffnung hinsichtlich der Zukunft.

Sie sind neben Ihrer Tätigkeit als Schauspieler auch Mitglied bei Amnesty International, sowie SPD-Mitglied.

Ich bin ein recht politischer Mensch. Doch ich eröffne bei Sets keine großen politischen Debatten, sondern verhalte mich immer sehr professionell. Ich finde es auch nicht angemessen, andere Menschen zu belehren oder mich anhand von Gegenparteien zu profilieren. Mich interessiert die Weltpolitik, die Tätigkeiten von Amnesty International. Die SPD ist dabei für mich die interessanteste Partei. Wichtig ist für mich aber im Grunde, dass ich jeden Menschen unterstütze, der versucht Menschen miteinander zu verbinden, einen gemeinsamen Weg zu finden und nach Kompromissen zu streben. Leute, die versuchen Menschen zu trennen und einzuteilen in Gruppen wie: „Der ist Türke, der ist Araber, der ist Christ, der ist Muslim“, sind mir zuwider, sowie auch das Bedienen von Klischees. Man sollte eher mit Klischees spielen und diesen mit Humor begegnen, wie in dem neuen Kinofilm „Almanya“.

Was planen Sie für Ihre Zukunft? Gibt es konkrete Pläne für die nächsten Jahre, die Sie uns verraten können?

Konkrete Pläne gibt es kaum. Ich lasse meistens alles auf mich zukommen und erwarte Gutes für mich selbst, für die Zukunft des deutschen Films, sowie die Zukunft der deutsch-türkischen Schauspieler.

 

Das Interview führte Dario Mohtachem.

3 Kommentare

  1. Gabriele

    Ein Mensch mit sehr liberalen Gedanken.

  2. Matthias

    Sehr schöner Artikel. Aber das man sich immer gedanken machen muss keine Klischees ist doch auch störend und nicht immer befreiend.

    1. Bülent sharif

      ist ein schönes interview, jedem seine meinung … ich mache mir keine gedanken über klischees … so bedient man sie auch nicht … viel erfolg dir Özgür im weiterem Leben bist ein guter Mensch … Lg bülent

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