«

»

Kennt Ihr die Hürden und Strapazen vieler Migranten?

mohammed jouni

Mohammed Jouni vor der IHK Karlsruhe

Mohammed Jouni, Khaled Davrisch und Marina Radosavljevic. Sie alle haben eins gemeinsam: Sie kamen vor vielen Jahren nach Deutschland, haben aber erst seit kurzem eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung. Vielen Menschen, die von Migranten Integration fordern, ist nicht bewusst welch steinigen Weg viele Migranten zurücklegen müssen, um in Deutschland Fuß zu fassen und erfolgreich zu sein.

Sie hatten nichts

Khaled Davrisch kam mit seiner Mutter Anfang 2001 aus Syrien nach Deutschland. Mit dem Zug erreichten sie den Bahnhof Berlin-Spandau. Der Schnee stand ihnen bis zu den Knien. So etwas kannte Khaled zuvor nicht, da sie in Syrien Temperaturen um die vierzig Grad hatten. Sie hatten kein Geld. Alles was sie besaßen, war eine Adresse: die „Motardstraße“. Dort befand sich ein Sammellager. „Man kann sich denken wie schlimm es da ist: Die Toiletten musste man sich mit vielen verschiedenen Leuten teilen und man hat nur ein Zimmer mit der ganzen Familie. Meine Mutter und ihre fünf Kinder teilten sich sechs Betten, die in einem sehr kleinen Zimmer übereinander gestapelt waren“, schildert der junge Syrer seine Eindrücke. Dort warten viele weitere Migranten, bis sie einen Brief von der Regierung bekamen: „entweder werden sie dann mit etwas Glück in ein Wohnheim verlegt oder aber abgeschoben“., erinnert sich Khaled aus persönlicher Erfahrung. „Es bewahrheitet sich demnach nicht, dass viele Migranten einfach herkommen und Wohnung, Strom sowie weiteres bezahlt bekommen“, sagt Mohammed Jouni. Er und Khaled haben sich 2006 bei einem Kurs im Bereich der Pflegeassistenz kennengelernt und sind gute Freunde geworden. Mohammed kam mit seiner Familie 1999 aus dem Libanon nach Deutschland und hat ähnliches wie Khaled in Deutschland durchlebt.

Marina kommt zwar aus Serbien, aber ist sogar schon seit 1987 in Deutschland. Sie hat hierzulande den Kindergarten, die Grund- und Oberschule besucht und konnte schon sehr früh gut Deutsch. „In der Schule haben sie daher keine Unterschiede gemacht. Erst während der Ausbildung habe ich dann Sprüche gehört wie: Uns freut es ja, dass Du hier auch so gut integriert bist“, sagt sie lachend.

Die Eltern von ihnen wünschen sich für ihre Kinder – wie viele Migranten es tun – eine bessere Zukunft. In Syrien, Libanon und Serbien haben sie nicht dieselben Möglichkeiten gesehen.

Es ist die Hoffnung, die Menschen antreibt. Mit ihr erkämpfen sich viele den Weg nach Deutschland. Bis sie mit der bitteren Wirklichkeit konfrontiert werden.

Für viele fühlt sich Deutschland an wie ein Entwicklungsland

Mohammed schildert einen Fall, den er besonders interessant fand: „Nissrin Ali, eine Kurdin aus Syrien, wurde 2009 mit dem Menschenrechtspreis von Pro Asyl ausgezeichnet. Sie war aus Syrien geflüchtet, weil sie dort nur Geduldete waren und daher nicht registriert, das bedeutet: sie durften nicht zur Schule gehen, nicht arbeiten, nicht in der Öffentlichkeit auftreten und kein Grundstück besitzen. Dann kamen sie in die Bundesrepublik Deutschland – einen demokratischen Rechtsstaat. Und was fanden sie vor? Genau das gleiche! Sie durften sich nicht politisch engagieren, weil sie dann Probleme mit den Ausländerbehörden bekamen und schlimmer noch: sie durften auch nicht arbeiten.“ Für einen Deutschen gibt es diesen Vergleich natürlich nicht, weil ihm diese Rechte in Deutschland alle zustehen. Aber es gibt einen Spruch, den Mohammed anführt: „Man misst eine Demokratie immer daran, wie sie mit ihren Minderheiten umgeht!“ Die Lage ist für viele Menschen vergleichbar mit Entwicklungsländern.

Fast wie ein „Lager aus dem Zweiten Weltkrieg“

Sehr kurios ist wohl, dass es in einem der kleinsten Bundesländer – dem Saarland – das größte Aufnahmelager in Deutschland gibt. Mohammed war dort im Rahmen einer ethischen Exkursion und verglich das Lager rein vom Gefühl mit einem „Lager aus dem Zweiten Weltkrieg“, was er bisher nur in Filmen zu Gesicht bekam. Es gab eine zentrale Dusche, wo die ganzen Menschen aus den Wohnblöcken hinkamen oder ihre Wäsche reinigten. Diese war nur zu ganz bestimmten Zeiten offen. Kamen Kinder spät von sportlichen Aktivitäten nach Hause, konnten sie nicht mehr duschen und mussten am nächsten Tag ungewaschen zur Schule gehen. Kein Mensch vom Jugendamt fragt nach, ob die Kinder wirklich zur Schule gehen.

Khaled und Mohammed haben es geschafft, doch der Weg war steinig…

Khaled Davrisch auf einer Tagung von Bündnis 90 / Die Grünen

Khaled Davrisch auf einer Tagung von Bündnis 90 / Die Grünen

Sie haben endlich eine deutsche Aufenthaltserlaubnis und müssen nicht mehr darum bangen, ob sie weiterhin geduldet werden. Doch wie gelang ihnen das? Nach sechs Jahren hat Khaled erst eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten. Die ersten drei Jahre musste er alle sechs Monate seinen Aufenthalt als Geduldeter bei der Ausländerbehörde verlängern. Später sogar alle zwei bis drei Monate. Khaled erzählt wie er damals um einen Ausbildungsplatz gekämpft hat: „2006 sollte ich ein Praktikum absolvieren, das notwendig war, um eine Ausbildung als Pfleger zu starten. Bei der Ausländerbehörde sollten wir Bescheid geben, dass wir ein Praktikum absolvieren müssen, wofür wir auch kein Geld erhalten, was also praktisch keiner bezahlten Arbeit entspricht. Ich wollte meine Freizeit für ein Praktikum opfern, um ein Zeugnis dafür zu erhalten und Erfahrungen zu sammeln. Doch die Sachbearbeiterin erteilte mir eine Absage. Ich war frustriert. Mohammed teilte mir derweil mit, dass er trotz seines Duldungsstatus eine Erlaubnis erhalten hatte. Daraufhin ging ich nochmal zurück und konfrontierte meine Sachbearbeiterin mit den Papieren. Schließlich entzog sie auch Mohammed seine Erlaubnis. Das muss man sich mal vorstellen.“ Mit Hilfe von Walid Chahrour, dem Leiter des BBZ und weiterer Unterstützung, haben sie mit viel Glück doch noch eine Erlaubnis erhalten. Doch das Problem ging gleich nach dem Praktikum weiter: „Wir hatten keinen Aufenthalt, doch ohne Aufenthalt für mindestens drei Jahre kann man keine Ausbildung absolvieren. Ich ging daher wieder zu meiner Sachbearbeiterin und sie sagte wortwörtlich: Nein, das bekommen Sie nicht. Seien Sie doch froh, dass Sie zu Hause bleiben und Fernsehen schauen können! Erst Tage später, kurz vor Ausbildungsbeginn, hatte ich dann Glück und erhielt einen Ersatzpass für sechs Monate und eine Aufenthaltsgenehmigung um weitere zwei Jahre im Anschluss“, erzählt Khalid ausführlich. Was zeigt dieses Beispiel?

Ausländerbehörden entscheiden über Schicksale

Die Ausländerbehörden ähneln einer Spielbank. Wenn die Sachbearbeiterin oder der Sachbearbeiter gut gelaunt ist, bekommt man eine Erlaubnis und wenn er oder sie gerade einen schlechten Tag hat, eine Absage. Doch sie entscheiden über Schicksale.

„Die Gesetze sind von Bundesland zu Bundesland und von Landkreis zu Landkreis verschieden. Doch der Sachbearbeiter hat einen großen Handlungsspielraum und unabhängig davon ist man diesen Menschen in gewisser Weise ausgeliefert – wie sehr man sich auch anstrengt“, klagt Mohammed. Er selbst war häufig in einer Ausländerbehörde und lebte als Geduldeter in ständiger Angst. Er hat den Alltag in einer Ausländerbehörde beobachtet und schildert diesen wie folgt: „Viele kommen morgens schon in die Ausländerbehörde und warten dort den ganzen Tag. Auf der einen Seite sieht man die wartenden, ängstlichen und deprimierten, fast heulenden Menschen, die sich fragen: „Kriege ich jetzt zwei, drei oder sechs Monate Aufenthaltsverlängerung oder überhaupt keine mehr? Auf der anderen Seite die Sachbearbeiter, die gemütlich hin und her schlendern, mehrmals am Tag eine Pause einlegen, etwas essen und mit ihren Kollegen plaudern, während sich viele Migranten denken: Was fällt denen eigentlich ein? Den ganzen Tag sitze ich schon hier, angsterfüllt und mit Hunger und warte, während sie ständig Pause machen“, erzählt Mohammed mit bewegter Stimme. Erlebnisse wie diese lassen viel Interpretationsspielraum und entfalten bei einigen eine große Abneigung. Sie kommen mit der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Deutschland und finden ähnliche Verhältnisse vor, wie in dem Land, aus dem sie kommen.

„Jugendliche ohne Grenzen“ für Menschen in Not

Khaled und Mohammed haben hart gekämpft, um eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis zu erhalten, aber sie hatten auch Glück. Es hätte auch ganz anders verlaufen können.

Hilfe erhielten sie vor allem durch das BBZ, dem Beratungs- und Betreuungszentrum für Flüchtlinge und Migranten in der Turmstraße in Berlin-Moabit. Dieses spendet den Menschen ein Stück Geborgenheit und bietet kostenfreie Nachhilfe für viele Migranten an, die sonst keine Unterstützung finden können. Die Sorgen und Probleme, die die Menschen mitbringen, sind bei vielen bereits bekannt und werden thematisiert. Mohammed ist der bundesweite Koordinator von „Jugendliche ohne Grenzen“, Khaled und Marina sind zusammen Landeskoordinatoren und begleiten Jugendliche, die Probleme mit dem Aufenthalt haben. Sie starten regelmäßig Aktionen und seit 2005 tagen sie regelmäßig parallel zu den Innenministern, weil diese zuständig sind für Fragen des Bleiberechts, der Abschiebung, Arbeitsverbote, Studierverbote oder Lagerunterbringungen.  „Wir treffen uns auch nachher mit dem Bundestagsabgeordneten der Grünen Wolfgang Wieland, um die neuen Regelungen zu besprechen“, erklärt Mohammed.

„Die Regelung von April 2007 besagte damals: Wer sich bis dahin seit mindestens acht Jahren in Deutschland aufhält, bekommt eine Aufenthaltsgenehmigung. Doch aufgrund von vielen Ausschlusskriterien kam es dazu, dass nur wenige in den Genuss dieses Rechts kamen. Und das haben die Innenminister noch immer nicht begriffen“, stellt Mohammed fest.

Warum sehen wir Migranten als soziale Opfer?

„Jugendliche ohne Grenzen“ wird vom BBZ betreut und koordiniert. Das Besondere am BBZ besteht darin, dass jeder die Möglichkeit hat zu partizipieren oder regelrecht dazu ermuntert wird. „Jeder muss aktiv werden und ist für sein Schicksal selbst verantwortlich. Das ist der Antrieb für viele. In vielen Beratungsstellen dagegen ist man häufig das Opfer, der Schwache oder der Hartz-4-Empfänger. Hier dagegen ist man der Akteur“, betont Mohammed eindringlich. „Man muss sich das mal überlegen: Viele junge Menschen haben den Weg aus dem Iran, Irak oder aus Afrika hierher gefunden und sind gerade mal sechzehn Jahre alt. Kein deutscher Jugendlicher hat etwas Vergleichbares erlebt. Und da kommen diese jungen Migranten nach Deutschland und gelten gleich als der Passive, das Opfer, der Hilfebedürftige. Gerade in der Wirtschaft könnte man diese Menschen gut gebrauchen. Die können ihr Risiko gut kalkulieren, sprechen oftmals mehrere Sprachen, bringen viele Erfahrungen mit und sind vor allem belastbar. Ihre Belastbarkeit ist allein schon dadurch gegeben, dass sie so viele Belastungen und Strapazen auf sich genommen haben, nur um sich ein besseres Leben in Deutschland zu ermöglichen. Aber statt diese Potentiale zu nutzen, reduziert man die meisten auf ihre Herkunft“, mahnt der junge Libanese mit Blick auf den medialen Diskurs. „In der Pflege nennen wir so etwas problemorientiertes und nicht ressourcenorientiertes Arbeiten. Das passiert auch häufig bei Sozialarbeitern, die ihre Klienten auf ihre Probleme reduzieren und die Ressourcen nicht erkennen“, stellt Mohammed fest.

„Ich merkte wie deutsch ich geworden bin“

„Als ich das erste Mal wieder im Libanon war, seit ich in Deutschland lebe, habe ich zum ersten Mal registriert wie deutsch ich bin. Ich fühle mich hier wohl, weil ich hier meine Freunde und meine Arbeit habe. Ich habe mich hier an die Menschen gewöhnt. Würde ich Deutschland schlecht finden, würde ich auch nicht darum kämpfen, hier zu leben. Ich wünsche mir, dass es irgendwann selbstverständlich ist, oder sogar erwünscht, dass wir völlig verschieden sind. Ich wünsche mir, dass viele Sozialpädagogen und Sozialarbeiter nicht mehr einfach denken: Ich möchte Menschen helfen! Man soll nicht helfen, sondern Menschen unterstützen, damit sie sich selbst helfen können“, appelliert Mohammed abschließend.

Autor: Dario Mohtachem.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>