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Folgt Iran dem Weg Ägyptens?

Dr. Jamsheed Faroughi arbeitet bei der Deutschen Welle in Bonn als Experte für den Iran und ist zuständig für das Farsi-Programm, bestehend aus einem Radiosender und einer Website. migration-business traf den gebürtigen Iraner in Berlin-Mitte am Brandenburger Tor und sprach mit ihm über die Folgen der islamischen Revolution im Iran, sowie den Zusammenhang zwischen den aktuellen Umwälzungsprozessen in der arabischen Welt und den Protestbewegungen im Iran.

Sie sind geboren in Teheran, haben dort Wirtschaft und in Deutschland Philosophie und Geschichte studiert. Promoviert haben Sie in iranischer Geschichte. Warum haben Sie sich für die Arbeit bei der „Deutschen Welle“ entschieden?

Als ich nach Deutschland kam, hatte ich bereits einen journalistischen Background, da ich schon im Iran als Journalist tätig war. Dieses Interesse am Journalismus brachte ich natürlich mit nach Deutschland. In Köln nahm ich an einer Fortbildung teil, auch bekannt unter dem Namen „Euro- Journalismus“, bei der wir darüber diskutierten, welche politischen und wirtschaftlichen Themen für die Europäische Union von Bedeutung sind. Im Anschluss daran habe ich einen Praktikumsplatz bei der Deutschen Welle bekommen. Durch mein stetiges Engagement wurde ich dann vom Praktikanten zum freien Mitarbeiter, bis ich Redaktionsleiter der Farsi-Abteilung wurde.

Inwiefern glauben Sie, dass Ihr Migrationshintergrund und ihre Mehrsprachigkeit für Sie vorteilhaft sind?

Das ist auf jeden Fall ein großer Vorteil, da wir bei der Deutschen Welle mit mehreren Sprachen arbeiten. Deutsch ist natürlich zentral, genauso wie Englisch. Aber auch unsere Muttersprache ist sehr wichtig, da wir in dieser senden. Darüber hinaus haben wir Kontakt zu anderen Redaktionen und das in unterschiedlichen Sprachen. Neben Persisch, Englisch und Deutsch beherrsche ich teilweise Türkisch, Arabisch und Französisch. Aber am bedeutendsten ist die Kombination aus guten Deutsch- und Englischkenntnissen gepaart mit unserer Muttersprache.

Wie bewerten Sie die aktuellen Entwicklungen in Libyen für die umliegende Region und die internationale Politik?

Man kann Libyen nicht isoliert betrachten. Das ist ein Umwälzungsprozess, der nicht nur die gesamte arabische Welt betrifft. Natürlich ist auch der Iran betroffen, doch sogar in China konnte man erst kürzlich die so genannte Yasmin-Revolution beobachten. Dort versuchte man, gegen den Despotismus des Systems vorzugehen. Das zeigt, dass sich die Welle nicht nur auf die arabische Region begrenzt, sondern auch auf andere Regionen ausweitet. In Zentralasien haben wir das gleiche Problem. Die Diktatoren dort fühlen sich nicht mehr sicher. In Libyen sehen wir noch kein Ergebnis, während Ägyptens Mubarak erfolgreich gestürzt wurde.

Diese Situation haben wir auch im Iran vor über dreißig Jahren erlebt. Als der Schah ging, dachten wir, dass wir unsere Aufgabe getan haben und jetzt ein besseres Leben führen könnten. Aber das war falsch! Wir haben erkannt, dass nicht gleich eine Demokratie folgt, wenn eine Diktatur nicht mehr herrscht. Was folgt ist ein Machtvakuum, das gefährlich werden kann! Denn jeder strebt danach, die frei werdende Position zu besetzen. Im Iran haben die religiösen Kräfte die Macht übernommen und heute finden wir eine noch schlimmere Situation vor, als zu Zeiten des Schahs. Die gleiche Gefahr lauert auch in Ägypten, Tunesien und anderen Ländern. Auch in Syrien gibt es zurzeit Proteste – aber sollte Baschar al-Assad gehen – wer kann dann garantieren, dass der Nachfolger besser wird?

Unabhängig der Erwartungen, die wir an künftige Entwicklungen in Ägypten und in anderen Regionen stellen, haben die Proteste in Ägypten zum Sturz von Mubarak geführt. Glauben Sie, dass es in Folge dessen erneut zu schweren Protesten im Iran kommen könnte?

Das wird uns auf jeden Fall beeinflussen. Wir müssen uns fragen: Was unterscheidet die Proteste, die wir im Iran erlebt haben, von denen, die wir in Ägypten beobachten konnten? Was unterscheidet die Demonstranten dieser Länder?

In Ägypten haben die Demonstranten mehr Ausdauer und Beharrlichkeit gezeigt: Sie haben nicht auf Anlässe gewartet, sondern waren ständig präsent. Im Iran dagegen hat man bis zum 14. Februar immer auf Anlässe zum Protestieren gewartet. Zum Beispiel auf bestimmte Jahrestage. In Ägypten haben sie die Anlässe ständig selbst geschaffen. Sie haben einzelne Tage selbst benannt, sind dafür auf die Straße gegangen und auch dort geblieben. Hier liegt ein bedeutender Unterschied.

Darüber hinaus ist es im Iran auch etwas komplizierter, weil die Regierung über genug Anhänger verfügt. In Ägypten war es eher eine kleine Elite, die über große Macht verfügte. Im Iran hat man ja vor über dreißig Jahren ähnliche Erfahrungen durchlebt und will daher wirklich sicher gehen, ob man am Ende eine bessere Situation vorfindet. Beim Schah hat damals die Mehrheit gegen ihn gekämpft, in dem Glauben an eine bessere Zukunft, was sich jedoch als Trugschluss erwiesen hat.

Diese Erfahrung ist noch bis heute in den Köpfen vieler Iraner verankert.

Wie kamen die Proteste im Iran zustande? Waren die Wahlen 2009 die Initialzündung oder gab es schon länger eine Bewegung, die nur noch angestoßen wurde?

Die Unzufriedenheit gibt es seit Jahrzehnten. Bereits nach der islamischen Revolution und dem Schwinden der anfänglichen Begeisterung kam es zur ersten Kritik. Aber Ayatollah Chomeini war ein charismatischer Führer. Als er jedoch 1989 starb, kam allmählich eine politische und gesellschaftliche Spaltung zustande. Viele haben daraufhin erkannt, dass die Vorstellung von einem freien Iran eine Illusion war, die sich nicht bewahrheitet hatte. Vielmehr hat sich die Situation gegenüber der Schah-Zeit verschlimmert und die Menschen haben noch weniger Freiheitsrechte als davor. Langsam wuchs daher die Unzufriedenheit.

Als Chatami Präsident Irans wurde, haben wir positive Entwicklungen im Iran beobachten können. Die iranische Regierung erlaubte Pressefreiheit in einem gewissen Rahmen, wurde im Umgang mit den Menschen zunehmend liberaler, aber löste damit natürlich noch nicht die festsitzenden wirtschaftlichen Probleme des Landes. Die Unzufriedenheit blieb daher erhalten. Wichtig ist anzumerken, dass wir vor über dreißig Jahren über keinen Internetzugang verfügten und somit auch über keine sozialen Netzwerke wie Facebook. Daher konnten wir unser Leben mit dem Leben Gleichaltriger überall anders auf der Welt nicht vergleichen. Aber jetzt haben wir diese Möglichkeiten und da fragen sich die Leute, warum sie in so einer Situation leben müssen, während andere es besser haben.

Als dann 2009 die Wahlergebnisse im Iran bekannt gegeben wurden, die die meisten als manipuliert betrachteten, gab dies den Anstoß zu den Protesten. Die Unzufriedenheit kam dadurch zum ersten Mal wirklich zum Ausdruck.

Und was hat die Regierung getan?

Sie hat die Menschen und Proteste unterdrückt. Man kann Menschen durchaus einschüchtern und zum Schweigen zwingen. Aber man kann dadurch keine Zufriedenheit erlangen. Ich werde zwar nicht mehr – wie noch vor zwei Jahren – die Möglichkeit haben, meine Meinung im Iran kundzutun, aber meine Unzufriedenheit wird dadurch nur noch größer. Früher war ich unzufrieden aufgrund der sozialen und wirtschaftlichen Missstände. Aber wenigstens konnte ich etwas dazu sagen, ohne mein Leben zu gefährden.

Die Proteste im Iran ereigneten sich vor den aktuellen Protesten in Ägypten und Jemen. Vermuten Sie, dass die Proteste im Iran für die aktuellen Entwicklungen verantwortlich sind?

Es gibt durchaus gegenseitige Verstärkungen in der „islamischen Welt“, wie viele sie gerne fälschlicherweise pauschal nennen. Die Proteste, die wir in Ägypten beobachtet haben, haben Auswirkungen auf den Iran, aber auch die früheren Proteste im Iran haben in gewisser Weise die Proteste in anderen Ländern, wie Ägypten, beeinflusst. Die Ägypter haben wie die Iraner auf moderne Kommunikationsmedien wie Twitter und Facebook zurückgegriffen. Es gibt viele Schnittmengen zwischen den Protesten in Ägypten, Iran, Syrien, Tunesien und anderen benachbarten Staaten, die sich gegenseitig beeinflussen. Ein ägyptischer Blogger und Demonstrant trug bei den Protesten auch ein grünes Armband, um sich mit den iranischen Demonstranten zu sympathisieren.

Warum sind die Proteste im Iran, auch bekannt unter der „grünen Bewegung“, gescheitert? Wo sehen Sie die Gründe?

Sie sind nicht gescheitert, sondern werden weitergehen! Aber es ist alles andere als einfach. In Tunesien gestaltete sich der Machtwechsel recht einfach, in Ägypten war es schon etwas komplizierter. Im Iran aber müssen wir aufgrund der komplizierten Lage mit einem noch längeren Prozess rechnen.

Welche Auswirkungen, hätte Ihrer Ansicht nach ein Eingriff von außen – vergleichbar mit dem in Libyen – für den Iran?

Das ist wirklich schwer vorherzusagen, aber der Iran verfügt über genügend Manpower, um sich zu verteidigen. Auch technisch gesehen ist die iranische Armee einigermaßen gut gerüstet. Auch wenn die Armee im Vergleich zu einigen anderen Staaten nicht hundertprozentig hinter der Regierung steht, so verfügt die Regierung zumindest über die Revolutionsgarden und die paramilitärischen Basijs, die sie im Zweifelsfall verteidigen werden.

Ich glaube aber, dass Demokratie und Befreiung eine Angelegenheit der Menschen ist. Durch solche Eingriffe von außen kann man kaum etwas erreichen. Und wenn man dadurch etwas erreicht, dann wird dieser Zustand auch nicht von Dauer sein.

Vielmehr muss man die Menschen im Iran unterstützen. Beispielsweise gibt es die Möglichkeit, ein Satelliten-Internet einzurichten und so den Iranern einen Internet- und somit Informationszugang zu ermöglichen, was ich heute in der US – Botschaft andiskutiert hatte. Darüber hinaus müssen wir politische Sanktionen gegen den Iran konsequent ausweiten: Den Menschen im Iran, die die Menschenrechte missachten, sollten – soweit es möglich ist – ihre Konten gesperrt werden und die Ausreise in europäische oder andere Länder verwehrt werden. All diese Maßnahmen sind hilfreicher als eine militärische Intervention. Wir sollten die demokratische Bewegung im Iran unterstützen, statt Gewalt anzuwenden.

Wie glauben Sie, wird sich der Iran in den nächsten Jahren entwickeln? Vor welchen Herausforderungen und Chancen steht das Land?

Die Lage ist noch viel komplizierter geworden: Vor wenigen Monaten gab es nur den Iran, Afghanistan und die westliche Welt. Jetzt sieht man durch die politischen Entwicklungen in den arabischen Ländern, dass die Situation wesentlich komplizierter ist, als man vorher vermutet hatte. Für diese Länder gibt es jedoch keine getrennten Lösungen. Die Länder spielen mit unterschiedlichen Karten, aber stehen alle in einer Beziehung zueinander. Wir können nicht ein Problem im Iran feststellen und dann einen passenden Lösungsweg dafür bereitstellen. Wenn man den Iran unter Druck setzt, kriegt man womöglich noch mehr Probleme im Irak, in Afghanistan oder dem Nahen Osten. Wenn die grüne Bewegung im Iran sich nicht so erfolgreich fortsetzt, werden wir einen Machtkampf zwischen den Konservativen im Iran erleben! Zu welchem Ende das führt, kann keiner sagen. Auf jeden Fall sieht man anhand der politischen Entwicklungen in den arabischen Ländern, dass solche Regierungen mit dieser Methode nicht ewig weiter machen können. Sie müssen hier und da Kompromisse suchen und eingehen. Das wiederum wird sich sicherlich positiv auswirken auf die politische Entwicklung im Iran.

Vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte Dario Mohtachem.

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