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Eine Deutsch-Türkin schreibt über ihren Sex

Sila Sönmez ist die Autorin des im Oktober 2010 erschienen provokanten Romans „Das Ghetto-Sex-Tagebuch“. In ihrem Buch schreibt sie über Ayla, eine 17-jährige Türkin in einer Plattenbausiedlung, die überhaupt nichts mit Religion am Hut hat und in ihrer Freizeit beim Online-Dating nach den verrücktesten Gestalten sucht, um mit ihnen Sex zu haben. All ihre Erfahrungen schreibt Ayla in ihr Tagebuch nieder. Sila Sönmez verriet uns, warum sie das Buch geschrieben hat, warum gerade jetzt die richtige Zeit für das Buch ist und wie man mit Klischees umgehen sollte.

Frau Sönmez, was hat Sie dazu bewegt den Roman DAS GHETTO-SEX-TAGEBUCH zu schreiben und welche Absicht hatten Sie mit Ihrem Buch?

 

Anfangs hatte ich einfach Spaß daran, mit Klischees zu spielen. Dann habe ich die ersten Seiten ein paar Leuten vorgelesen, die sehr kontrovers darauf reagiert haben, das war der Reiz für mich, weiter zu schreiben. Ich habe mir gedacht, wenn meine Passagen eine so hitzige Diskussion anregen, muss ich schauen was passiert.

Zudem hat mich die einseitige negative Flut an Berichterstattung über türkisch-moslemische Einzelfälle  in Deutschland genervt,  es scheint ja oftmals nur „das Problem Religion“ und die negativ konnotierte „Kultur“ des Orients eine Rolle zu spielen.

Es gibt ein Haufen verallgemeinerter Merkmale, die diese Gruppierung „Deutsch-Türke oder Türke in Deutschland“ charakterisieren, z.B. den Zusammenhang „Vater/Tochter gleich Ehre“. Es fehlt eine vielfältige Differenzierung der Situation der türkischen Minderheit, oder der Migranten, oder der „Türken in Deutschland“.  Eine Minderheit bedeutet eben nicht gleich eine Einheit, eine soziale Gruppe, die ein und denselben Habitus teilt.

Ich habe mich als heranwachsende junge Frau mit den Konflikten, die ich in meinem realen Alltag hatte, und  Themen, mit denen ich mich auseinandergesetzt habe, nicht repräsentiert gefühlt, aber repräsentieren will ich persönlich niemanden außer meinen Reflexionen, sie sollen nicht die türkische Minderheit in Deutschland repräsentieren, sondern zum Nachdenken anregen.

Sila Sönmez' Roman »Das Ghetto-Sex-Tagebuch« ist im ANAIS Verlag erschienen und kostet 9,95€.

 

Nach der Kernaussage wurde ich schon oft gefragt.  Aber das Buch ist eben nicht in sich geschlossen,  es gibt nicht „die eine“ Aussage, die Moral von der Geschichte. Der Umgang mit der Sexualität und die Berichterstattung über mich, die Meinungen zu dem Thema, das ist ein Teil der Kernaussage, die zweite Ebene.

Auf der ersten Ebene ist das Buch ein Jugendroman, eine subjektive Momentaufnahme eines heranwachsenden jungen türkisch-deutschen Mädchens in Deutschland, mit zum Teil biografischen Momenten meinerseits und völliger Ekstase meiner Fantasien, und dem Wunsch nach Veränderung in bestimmten festgefahrenen Sichten und Vorurteilen.

Das Ghetto-Sex-Tagebuch mit mir in Verbindung als junge Türkin, genau das sagt viel über die Kommunikation beider Kulturen, die Frage nach kultureller Identität und „Leitkultur“ aus. Und über die jeweiligen  Moralvorstellungen, ihre Normen und die Werte, die sie in Bezug auf die Sexualität haben.

Ich habe meinen Text zur richtigen Zeit veröffentlicht, so wie Mesut Özil zur richtigen Zeit als Deutsch-Türke für die deutsche Nationalmannschaft spielt, in 70 Jahren interessiert bestimmt keinen mehr, dass der x.te Fußballspieler Deutsch-Türke ist,  und alleine für diese Tatsache einen Preis für Integration bekommt.  Diese Art von Berichterstattung über Deutsch-Türken sind  Zeichen der Zeit. In 70 Jahren kennt bestimmt auch mein Word-Rechtschreib-Programm den Namen Özil.

In welcher Weise müssen wir, Ihrer Ansicht nach, in der Öffentlichkeit mit dem Thema „Sex“ umgehen? Was muss sich ändern?

Sila Sönmez, Fotograf: Nico Klein-Allermann

Es wird sich bestimmt einiges ändern, das ist ein dynamischer Prozess…

In Ihrem Roman schildert die Hauptfigur Ayla, dass Sie viel mehr Freiheiten genießt als viele junge muslimische Frauen, sie aber akzeptiert, wenn andere Ihren Glauben ausüben wollen, solange diese keine Bekehrungsversuche unternehmen. Welche Rolle spielt Religion in Ihrem Leben und wie sollten religiöse Menschen mit Andersdenkenden umgehen?

Ich weiß ehrlich gesagt  nicht, warum dies immer wieder ein Thema ist: „Ayla  genießt mehr Freiheiten als muslimische Frauen.“ Da kann man genauso gut fragen, warum Lisa oder Denise mehr Freiheiten hat als muslimische Frauen. Ich bin keine muslimische Frau und Ayla auch nicht. Was muslimische Frauen bewegt oder was für Geschichten sie haben, wird oft thematisiert, aber das ist nicht Aylas Geschichte.

Der Semiotiker Giovanni Lanza hat es so ausgedrückt: „Die erotische Haltung von Ayla ikonisiert eben dieses „Ich will nicht mehr irgendwo dazugehören“. Das ist ein Charakteristikum vieler Autoren der Moderne: Die Erotik als Ikon der Beziehung zu einer komplexen Wirklichkeit, als Ikon der Suche nach Erkenntnis und Freiheit.“

Wie wird der Begriff „Ehre“ in der deutschen Öffentlichkeit in Bezug auf Türken kommuniziert und was verstehen Sie selbst darunter?

Also ich finde das Konzept „ Ehre“ schrecklich. Ich kann ohne schlechtes Gewissen für mich behaupten, dass ich dieses große bedeutungsschwangere Wort, welches politisch und religiös missbraucht und voll mit Bedeutung gepumpt wurde und wird, in meinem Alltag nicht brauche. Vor allem nicht als Legitimation für unangemessenes Verhalten.

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Jeder Mensch hat Vorurteile, nur man selbst nicht! Welche Bedeutung haben für Sie Klischees und wie sollte man bestenfalls mit Ihnen umgehen?

Klischees sind da, um sie zu brechen, man sollte für sich darauf verzichten, die Antwort auf gewisse Fragen in Bestätigungen von Klischees zu suchen. Das ist sehr einfach, oberflächlich und dumm. Wie man bestenfalls mit einem Klischee umgeht? Mit einem ernsthaft-komischen Lachen…

Vielen Dank für das Interview.

 

Das Interview führte Dario Mohtachem

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