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Was tun wir nach einem Krieg?

Dr. Juan Armando Diaz kommt aus den USA und ist kubanischer Abstammung. 1999 ist er nach Deutschland gekommen und hat seit 2008 die deutsche Staatsbürgerschaft. Dr. Diaz ist Mitbegründer vom „CSSProject for Integrative Mediation“ (CSSP). migration-business traf ihn in seinem Büro nahe der Friedrichstraße in Berlin und sprach mit ihm über seine Arbeit. Was tut man in einer Region, die von Krieg und Gewalt geprägt ist? Wie stellt man wieder gegenseitiges Vertrauen bei Menschen her, die zuvor verfeindet waren und sich bekriegt haben? Herr Diaz, der vor Ort in Konfliktregionen arbeitet, offenbarte uns seine Arbeitsweise und schilderte uns einige interessante Lösungsansätze.

Was genau ist das CSSP bzw. „CSSProject for Integrative Mediation“?

CSSP beschäftigt sich mit Regionen und Akteuren, die sich in einer Post-Konflikt-Phase befinden, das bedeutet, dass der Krieg zwar beendet ist, aber der Konflikt immer noch weiterbesteht und verarbeitet werden muss. Unsere Arbeit zielt hierbei insbesondere auf die Versöhnung der Konfliktparteien. Wir arbeiten für gewöhnlich in kleinen Städten mit dem jeweiligen Bürgermeister, Gemeinderäten und dortigen Flüchtlingsorganisationen zusammen. Dadurch versuchen wir die Konflikte, die nicht durch die Friedensabkommen gelöst wurden, lokal zu bearbeiten und hierfür entsprechende Lösungen zu finden.

Worin bestehen Ihre Tätigkeiten bzw. welche Rolle spielen Sie vor Ort?

Wir sind Mediatoren, die zusammen mit den lokalen Akteuren ein Projekt entwickeln. Wir fragen zunächst nach den lokalen Problemen und versuchen zusammen mit den Menschen vor Ort Lösungswege konstruktiv und ohne Gewaltanwendung zu erarbeiten. Hierbei stoßen wir auf festsitzende Probleme, da die Städte geprägt sind von ethnischen und religiösen Konflikten, die das Vertrauen der Menschen zueinander stark beeinträchtigt haben. Die Menschen wünschen sich ein normales Leben, aber wissen nicht, wie das nach einem Krieg funktionieren soll.

Friedensabkommen sind meist von hochrangigen Politikern im Ausland unterschrieben worden, die die Situation auf lokaler Ebene nicht kennen, aber Veränderungen per Gesetz von den Menschen fordern. Die Menschen, die in einem Dorf leben, haben von einem Tag auf den anderen erleben müssen, dass der Nachbar nicht mehr Freund, sondern auf einmal der Feind war. Und jetzt sollen sie damit klar kommen, dass er wieder der Freund ist, mit dem sie konstruktiv zusammenarbeiten müssen. In den Gemeindeverwaltungen sitzen sie dann zusammen mit Menschen, die vielleicht während des Krieges Schreckliches getan haben.

Unsere Aufgabe besteht darin, den Leuten zu vermitteln, dass kein Ausländer den Versöhnungsprozess vollziehen kann, sondern dass dieser nur von innen heraus erfolgen kann. Wir bieten den Menschen Hilfe, in dem wir Agenden und Themen vorschlagen. Wenn die Diskussion dann zu heftig wird, klingen wir die Stimmung mit entsprechenden Entspannungstechniken ab und versuchen die Sache mit Humor und verschiedenen Spielen anzugehen. Darüber hinaus führen wir vertrauensbildende Maßnahmen durch: Die Menschen sitzen in einem Raum und wissen, dass sie den anderen nicht vertrauen können. Wir fragen uns dann: „Wie können wir das Vertrauen wiederherstellen?“ Erst mal müssen wir dazu feststellen, warum wir uns nicht mehr vertrauen, dann müssen wir ein Projekt gestalten, mit dem wir das Vertrauen wiederherstellen.

Und das alles bezeichnen Sie als „Integrative Mediation“?

Ja, also die „Integrative Mediation“ sind die fünf Phasen unserer Methodologie: In der ersten Phase, der sogenannten Konsultation, reden wir mit den Menschen vor Ort. Wie sehen sie ihre eigene Zukunft, beispielsweise in Nepal, Kosovo oder Bosnien? Wie glauben sie, kann man den Konflikt vor Ort bewältigen? Und welche Probleme bestehen überhaupt? Wenn sie ein Projekt gestalten würden – wie würde dieses aussehen? Wir müssen den Menschen dadurch die Hoffnung geben, dass es durchaus kreative Lösungen und Entwicklungen geben kann. Während des Krieges haben viele ihre Kreativität und Hoffnung verloren und nun ermutigen wir sie wieder zu denken und ihre Zukunft zu gestalten.

Die zweite Phase ist die Mediation, also ein Verfahren zur konstruktiven Beilegung eines Konfliktes. In der dritten Phase, der Kapazitätsaufbauphase,  wollen wir den Menschen beibringen, wie sie ihren eigenen Konflikt selbst angehen können. Dafür bieten wir Workshops und Seminare, in denen sie unsere Methoden lernen können. Wir nutzen dafür keine Beispiele aus Büchern, sondern aus dem Leben der Menschen.

Ein Problem ist zum Beispiel die Wasserversorgung der Stadt. Wir fragen zunächst: „Was ist das Problem?“ Dann stellen wir fest, dass 80 % der Stadt über Wasser verfügt, die restlichen 20 % nicht. Dann sagt die eine Partei: „Wir wollen aber genauso viel Wasser wie die anderen haben!“ Dann fragen wir uns: „Wie können wir theoretisch das Problem lösen, ohne dass es zu Gewalt kommt?“ Wir zeigen ihnen dann unsere Theorie und bitten sie dann diese selbstständig anzuwenden. Das vierte Element besteht aus einer Recherche und Analyse. Die meisten Menschen bilden sich nämlich ein, zu wissen, wie die Probleme einfach gelöst werden können, aber sie haben keine gründlichen Analysen durchgeführt und sind mit den Ursachen der Probleme häufig nicht vertraut genug.

Die Menschen sagen teilweise: „Ich hasse diese Person und ich will sie nicht mehr sehen!“ Aber wir sagen ihnen, dass das nicht das Problem löst. Wir müssen vielmehr herausfinden, wodurch der Hass zustande kommt und ob man nicht durch verschiedene Methoden dem Hass entgegnen kann.

Die letzte Phase ist die sogenannte Advocacy. Viel, was auf lokaler Ebene stattfindet, ist den meisten Menschen nicht bekannt. Die Medien zeigen nur, dass die Menschen sich hassen, Korruption herrscht und prägen damit ein extrem negatives Bild der Konfliktregionen. Viele sagen dass in Bosnien bisher keine Probleme gelöst wurden, doch seit 15 Jahren haben wir Frieden dort. Natürlich gibt es noch viele Probleme in den Dörfern und Städten. Die Menschen versuchen aber jeden Tag die Probleme zu lösen und wir versuchen auf staatlicher- und internationaler Ebene mehr dafür zu werben, ein positiveres Image dieser Prozesse nach außen zu tragen. Wir müssen den Menschen Hoffnung geben und für sie kämpfen. Vor allem müssen wir ihre eigenen Ideen unterstützen und nicht immer nur Washington und Brüssel entscheiden lassen.

Und an welchen Orten der Welt arbeiten Sie?

Wir arbeiten in Bosnien, Kosovo, Serbien, Mazedonien und haben auch paar kleinere Projekte in Sri Lanka gehabt. Ich bin auch Dozent an einer amerikanischen Universität und habe dort einmal im Jahr ein großes Projekt in Nepal. Dort arbeiten wir zusammen mit Friedensaktivisten, sowie NGO-Mitarbeitern aus den verschiedensten Nachbarländern. Dort betreiben wir Kapazitätsaufbau, das bedeutet, wir vermitteln ihnen unsere Friedensarbeit, Mediation, Verhandlung und Management. Vor einigen Wochen hatten wir ein Projekt im Mittleren Osten und Afrika angefangen. Momentan werben wir für eine konsequente Außenpolitik der Bundesregierung für Libyen. Sie haben sich zwar im UN-Sicherheitsrat enthalten, aber das heißt nicht, dass wir uns nicht für den Frieden einsetzen können. Die Deutschen haben noch häufig Schwierigkeiten, aufgrund ihrer Vergangenheit, eine mediative Rolle in der Weltpolitik wahrzunehmen. Wir bleiben lieber hinter den Kulissen und sind unauffällig. Die Deutschen investieren viel Geld in den Wiederaufbau. Sie kommen und bauen die Wasserversorgung, das Stromnetz und sonstige Infrastruktur wieder auf. Bisher hat diese Strategie gut funktioniert: Während des Krieges suchen sie schon eine politische Lösung, aber beteiligen sich weniger aktiv an die mediative Friedensverhandlungen selbst.

In die Länder wo ich arbeite lieben alle Deutschland: Die Deutschen sind zahlungskräftig, professionell, zuverlässig und haben die beste Technologie. Ich finde daher, dass Deutschland viel selbstbewusster auftreten könnte, um etwas zu bewirken und politische Prozesse in der Welt besser mitgestalten zu können.

Ihr CSSP-Team besteht aus einem Team mit internationaler Erfahrung, sowie unterschiedlichstem kulturellen und akademischen Hintergrund? Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit?

Wir befinden uns zurzeit in einer Umstrukturierungsphase. Momentan haben wir insgesamt zehn Mitarbeiter: Drei sind im Balkan, einer in Mazedonien, einer in Kosovo und einer in Bosnien. Fünf gehören zur CSSP und zwei betreuen Prof. Dr. Schwarz-Schilling, nicht nur bei CSSP, sondern auch bei seinen anderen Tätigkeiten. Wir sehen, dass unsere Organisation recht hierarchisch aufgebaut ist und zu eng fokussiert auf den Balkan. Wir wollen unsere mediative Arbeit und Erfolge auch auf ganze Länder anwenden, beispielsweise wenn wir uns die Konflikte in Afrika ansehen. Unsere Ansätze sind in vielen Teilen der Welt sehr gefragt. Hierfür müssen wir uns umstrukturieren. Bis Anfang nächsten Jahres wollen wir uns daher öffnen und mit Experten zusammenarbeiten, die andere Qualifikationen haben, um somit gemeinsame Projekte und Konzepte zu entwickeln. Die bisherige Arbeitsweise im Haus war für uns nur möglich, weil wir nicht in vielen verschiedenen Regionen gearbeitet haben, sondern besonders fokussiert auf den Balkan waren. Nächstes Jahr beabsichtigen wir das Berliner Büro in eine Art Zentrum umzubauen: das „Berliner Zentrum für Integrative Mediation“, in dem wir dann Seminare zum Thema Mediation anbieten und Experten zu uns einladen.

Was hat Sie dazu motiviert am „CSSProjekt für Integrative Mediation“ zu arbeiten?

Die Frage ist sehr interessant. Wenn man keinen klassischen Lebenslauf in Deutschland hat, ist es als Migrant sehr schwierig eine klassische Karrierelaufbahn zu durchlaufen. Ich kam aus den USA und hatte keine  Zeugnisse für jede Tätigkeit, die ich dort ausübte. Das ist in den USA einfach nicht üblich. Ich musste daher jedes Mal, wenn ich mich bewerben möchte, meinen ehemaligen Arbeitgeber von vor 20 Jahren darum bitten, mir ein Zeugnis auszustellen. Wer tut denn so etwas?

Ich habe daher gemerkt, dass es für mich einfacher war, als freier Mitarbeiter zu arbeiten. Alle kannten meinen Lebenslauf, meinen Hintergrund und wissen, was ich bisher getan habe. Ich kann viel flexibler arbeiten und gestalte mein eigenes Leben. Ich habe mich daher dafür entschieden selbstständig zu arbeiten.

Migranten sind gründungsbereiter – warum?

Es ist kein Wunder, dass Menschen mit Migrationshintergrund sich häufiger selbstständig machen. Das ist vollkommen klar. Wenn man anfängt, einen Lebenslauf zusammenzubasteln und eine Bewerbungsmappe vorzubereiten, merkt man: „Es sieht nicht genauso aus wie bei den meisten Deutschen!“ Dann muss man feststellen, dass man keine Chance hat. Ich habe mich mehrfach in Deutschland beworben und nicht mal eine Intervieweinladung erhalten. Für gleichrangige Positionen im Ausland habe ich jedoch Einladungen erhalten. Daraus schließe ich: „Die Deutschen haben eine ganz klare Vorstellung, wie eine Bewerbungsmappe auszusehen hat, welche Qualifikationen man vorzuweisen hat und wenn man diese nicht erfüllt, dann kommt man nicht in Frage.“ Das System ist bisher nicht flexibel genug, das ist meine Erfahrung. Insofern bin ich selbstständig geworden und habe von 2000 bis 2002 als freier Mitarbeiter für Prof. Dr. Christian Schwarz-Schilling, Bundesminster a.D. gearbeitet und gemerkt, dass mir die Arbeit Spaß bereitet. Danach hatte ich Aufträge als Dozent an der Universität Erfurt und Hertie School of Governance  bekommen. Einer meiner Hauptlehrtätigkeiten ist in Brüssel an der „Brussels School of International Studies“. Dort habe ich die Mediationskurse selbst entwickelt. Im Laufe der Zeit merkte ich, dass ich hierbei meine Leidenschaft entfalten konnte und andere Menschen ebenfalls dafür motivieren konnte, sowie meine eigene Zukunft gestalten.

Ich habe durch meine vielen Erfahrungen festgestellt, dass man durch Mediation und gewaltfreie Instrumente die Menschen auf der Welt dazu bewegen kann, Kriege zu vermeiden. Wir haben aber heute mehr Kriege als zuvor. Ich bin zwar kein absoluter Pazifist und finde schon, dass es richtig ist, militärisch zu intervenieren, wenn man Genozide und Massaker verhindern kann, aber ich würde mir zunächst gerne ein paar Gedanken machen, ob man den Krieg nicht vermeiden und gleichzeitig eine Lösung finden kann!

Welche Eindrücke und Einsichten haben Sie nach ihren bisherigen Erfahrungen und vielen Reisen besonders verinnerlicht?

Ich habe bei meiner Arbeit vor Ort festgestellt, wie entgegenkommend die Menschen sind und Hilfe annehmen, wenn man mit gutem Willen versucht ihnen zu helfen, ohne Tricks anzuwenden oder Finanzierungsbedingungen zu stellen. Wenn man als ehrlicher Partner auftritt, unabhängig davon wo man sich auf der Welt befindet, sind die Menschen bereit ihre Häuser zu öffnen und ihre volle Energie in die Projekte zu investieren.

Wir haben nur negative Bilder von diesen Menschen. Und das ist nicht meine Erfahrung!

Vielen Dank für das Interview.

 

Das Interview führte Dario Mohtachem.

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