«

»

Zuwanderung ist eine Frage der Wirtschaft

Dr. Stefan Hardege ist DIHK -Referatsleiter für Arbeitsmarkt und Zuwanderung. migration-business sprach mit Herrn Hardege über eine Willkommenskultur, den Fachkräftemangel und das „klassisches Einwanderungsland Deutschland?“

Herr Dr. Hardege, wir brauchen qualifizierte Zuwanderung. Warum können wir gut ausgebildete Deutsche und Deutsche mit Migrationshintergrund im Land nicht halten. Worin liegen die Ursachen?

Der Großteil der gut Ausgebildeten bleibt in Deutschland – gerade bei der gut laufenden Konjunktur. Die Nettozuwanderung war 2010 daher erstmals seit zwei Jahren wieder positiv. Die Zahl der Fortzüge ging zurück. Dass gute Leute auch ins Ausland gehen und dort wichtige Erfahrungen sammeln, ist im übrigen grundsätzlich sinnvoll – die Mehrzahl kommt nach einigen Jahren zurück. Und dass auch Migranten zum Teil wieder in ihre Heimatländer gehen, ist  normal. Dennoch muss Deutschland natürlich attraktiver werden – für Zuwanderer wie für Einheimische gleichermaßen.

Sollten wir als Wirtschaftsnation für Hochqualifizierte nicht das Einwanderungsland Nummer Eins sein?

Gerade vor dem Hintergrund zunehmender Fachkräfteengpässe gehört die Zuwanderung auf jeden Fall zu einem Gesamtkonzept – neben der besseren Integration des heimischen Potenzials in Beschäftigung. Mit Blick auf die demografische Entwicklung – die Zahl der Erwerbspersonen sinkt deutlich – muss die Zuwanderung Hochqualifizierter künftig steigen, wenn wir Wachstum und Wohlstand sichern wollen.

Ist unser Zuwanderungsgesetz für den deutschen Arbeitsmarkt und Wirtschaftsstandort hilfreich?

Die aktuellen Regelungen sind zu restriktiv, auch wenn es in der Vergangenheit einige Erleichterungen gab. Unternehmen und ausländische Fachkräfte werden z.B. von den komplexen und wenig transparenten Regelungen abgeschreckt. Das bestätigen auch die deutschen Auslandshandelskammern. Spezialisten gehen dann lieber in andere Länder wie z.B. die USA oder Kanada. Wir senden damit kein Willkommenssignal, das mindert die Attraktivität Deutschlands.

Was brauchen wir, damit Deutschland für kluge Köpfe aus aller Welt attraktiv wird?

Kurzfristig sollten wir Hürden abbauen. Das gilt z. B. für die Einkommensschwelle bei der Niederlassungserlaubnis, die von derzeit 66.000 Euro p.a. auf ca. 40.000 Euro abgesenkt werden sollte. Auch die Vorrangprüfung, die mitunter sehr langwierig ist, sollte zumindest für Mangelberufe ausgesetzt werden. Eigentlich müsste Deutschland aber baldmöglichst eine arbeitsmarktorientierte Steuerung der Zuwanderung einführen, bei der Kriterien wie Qualifikation, Berufserfahrung, Sprachkenntnisse oder das Vorliegen eines konkreten Arbeitsangebotes berücksichtigt werden.

Kann eine qualifizierte Einwanderung für mehr Arbeitsplätze in Deutschland sorgen?

Wenn die Unternehmen genügend gute Fachkräfte haben, wirkt dies auch positiv auf das Wachstum insgesamt, es entstehen z. B. mehr Innovationen. Davon profitieren auch weniger gut Qualifizierte. Mehr Ingenieure bedeuten dadurch z.B. auch mehr Beschäftigungsmöglichkeiten für technische Zeichner und Arbeitsplätze im Sekretariat.

Was machen die klassischen Einwanderungsländer in Sachen qualifizierter Zuwanderung besser als die Bundesrepublik?

Länder wie Kanada und Australien setzen auf ein Punktesystem zur Zuwanderungssteuerung. Damit gelingt es, gut qualifizierte Arbeitskräfte ins Land zu holen. Natürlich hilft diesen Ländern auch die Sprache. Gerade bestehende Sprachbarrieren lassen Deutschland in den Augen ausländischer Fachkräfte z.T. weniger attraktiv erscheinen.

Die Belegschaft in Verwaltungen und Unternehmen beispielsweise in USA, Kanada oder in Großbritannien sind international ausgerichtet. Besitzen unsere Behörden oder der öffentliche Dienst Zuwanderungskompetenz?

Entscheidend sind die gesetzlichen Regelungen, die umgesetzt werden müssen. Aber gerade mit Blick auf die Willkommenskultur besteht sicher auch bei der Verwaltung Verbesserungspotenzial.

Mit dem neuen FDP Bundesvorsitzenden, Dr. Philipp Rössler, ist erstmals ein Deutscher mit Migrationshintergrund Vizekanzler. Ist die deutsche Gesellschaft auf dem Weg zum klassischen Einwanderungsland?

Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung und dem zunehmenden Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund muss es künftig normaler sein, dass auch Migranten in solchen Positionen tätig sind. Das kann sicher helfen, dass das Bild des klassischen Gastarbeiters verschwindet.

 

Das Interview führte Joel Cruz

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>