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Gazelle – Das Frauenmagazin mit Niveau

Sineb El Masrar (r.): Chefredakteurin und Herausgeberin des Gazelle Magazins

Sineb El Masrar (r.): Chefredakteurin und Herausgeberin des Gazelle Magazins

Was haben „Brigitte“, „Freundin für Sie“, „InStyle“ oder „Emma“ gemeinsam? Richtig! Es handelt sich dabei um Frauenzeitschriften. Mit den Bildern, Geschichten und Themen werden gezielt Frauen angesprochen. Aber was, wenn viele Frauen sich nicht in den Geschichten und Bildern wiederfinden? Was, wenn Frauen nach etwas Neuem, Innovativem suchen?

Sineb El Masrar, heute 29 Jahre alt, hat nach diversen Tätigkeiten im journalistischen Bereich und in unterschiedlichen Redaktionen sich die gleichen Fragen gestellt. Und sie musste rückblickend feststellen, dass es kein Frauenmagazin gibt, das Frauen ausländischer Herkunft anspricht oder zumindest Menschen, die einen Bezug zu einer anderen Kultur haben. Stattdessen werden Menschen ausländischer Herkunft oftmals mit Defiziten und rückständigen Traditionen verknüpft, insbesondere muslimische Minderheiten.

Dies bewegte Sie dazu 2006 „Gazelle“ ins Leben zu rufen: „Das multikulturelle Frauenmagazin.“ Sie ist zugleich Chefredakteurin und Herausgeberin und beschäftigt rund zwanzig Autoren.

Multikulturell ist das Magazin, da es Menschen aus den verschiedensten Kulturkreisen präsentiert und nicht wie einige Magazine nur auf bestimmte ethnische Gruppen zugeschnitten ist. „Es finden sich viele interessante Berichte, die auf Türkisch, Russisch oder in einer anderen Sprache geschrieben sind, die ich aber leider nicht lesen kann, da ich der Sprache nicht mächtig bin. Gazelle soll hierbei der Schnittpunkt zwischen den Kulturen sein, der mir und anderen Frauen oft gefehlt hat“, so Chefredakteurin Sineb.

Was macht Gazelle so besonders?

Viele Menschen freuen sich, dass es die Gazelle gibt, denn dadurch werden Lebensrealitäten abgebildet und Erfahrungen, sowie Geschichten erzählt, die sonst in den meisten Magazinen nicht zu finden sind. „Frauen mit Migrationshintergrund können sich häufig nicht mit abgebildeten Personen und Geschichten in den Frauenzeitschriften identifizieren. Nicht nur optisch gibt es Differenzen, sondern auch in den Moral- und Lebensvorstellungen. Ich hatte immer das Gefühl: Wir dürfen zwar mitlesen, aber nicht mitbestimmen.“

Aber Gazelle ist mehr als ein „multikulturelles Frauenmagazin“. Gelesen wird das Magazin trotz großer Streuung der Zielgruppen, überwiegend von deutschstämmigen Frauen. „Achtzig Prozent der Leser haben keinen Migrationshintergrund.“

Aber warum lesen Sie die Gazelle?

„Als Frau sollte man auch das Gefühl haben, dass man ernste gesellschaftliche und politische Themen aufgreifen kann, sowie dass einem eine gewisse journalistische Qualität geboten wird.“ Dafür steht Gazelle – Gazelle ist ein Frauenmagazin mit Niveau!

Darüber hinaus befinden sich viele herkunftsdeutsche Frauen in einer bi-nationalen Partnerschaft und haben daher einen Bezug zu anderen Kulturen und Werten. Durch die Gazelle zeigen wir unseren Lesern die Lebensrealität vieler Menschen auf: Dazu gehören sowohl Probleme, als auch der Reichtum, den eine vielfältige Gesellschaft mit sich bringt.

„Die etablierten Medien berichten recht einseitig, vor allem, wenn es um Frauen mit muslimischer Bekleidung geht. Frauen mit Kopftuch wird der freie und selbstbestimmte Wille abgesprochen und auch als potentielle Käufergruppe für neue Produkte werden sie nicht wirklich wahrgenommen. Wenn ich aber Frauen mit Kopftuch beobachte, sehe ich eine ebenso große Konsumneigung wie bei anderen Frauen. Sie haben keine andere Denke als nichtmuslimische Frauen und auch keine anderen Bedürfnisse“, betont Sineb.

Klischees und Vorurteile? Sineb hat eine kleine Geschichte…

Eine iranischstämmige Freundin von Sineb wurde vor einiger Zeit zu einem Vorstellungsgespräch in einer Schule eingeladen. Sie hat durch einen Unfall Verbrennungen und leichte Narben im Gesicht. Als sie bei dem Bewerbungsgespräch ankam, saß ihr ein Pädagoge gegenüber. „Meiner Ansicht nach könnte man von einem Pädagogen ein gewisses Maß an Empathie und Einfühlungsvermögen erwarten“, argumentierte Sineb.

Aber was geschah?

Die erste Frage des Pädagogen lautete: „Woher haben Sie Ihre Narben?“ Sinebs Freundin reagierte zunächst total perplex: Geht es bei einem Vorstellungsgespräch um die Narben und Verletzungen oder eher um die Qualifikation und Persönlichkeit? Doch dann präsentierte Sie die ganze Geschichte und wühlte wieder in alten Emotionen:

Zusammen mit ihrer Schwester saß sie hinten und ihre Eltern vorne im Auto, als die Familie in einen schweren Unfall verwickelt wurde. Das Auto fing schnell Feuer im hinteren Bereich. Dadurch erlitt sie schwere Verletzungen und ihre Schwester verstarb.

Doch wie war die Reaktion des Pädagogen?

Er nahm die Geschichte zur Kenntnis und sagte sichtlich erleichtert: „Ich dachte schon, dass das mit einem Ehrenmordversuch zusammenhing!“

Was läuft in den Medien falsch?

„Dieser Mensch ist beeinflusst von den vielen Bildern, die sich in seinem Kopf festgesetzt haben. Die Medien haben eine größere Verantwortung als sie oftmals selbst behaupten. Zeigen die Medien in regelmäßigen Abständen Bilder und Geschichten von rückständigen Familien, in erster Linie von muslimischen Familien und Minderheiten, dann wirkt sich das natürlich bei der nichtmuslimischen Bevölkerung aus.“ Der Pädagoge dachte sich: „Sie ist iranischstämmig, dunkelhaarig und bestimmt Muslima, dann kann es sich hierbei nur wie in den zahlreichen Berichten dargestellt, um einen Ehrenmord handeln!“

Das Problem ist, Sineb zufolge, nicht das Prekariat, sondern die Elite und die Entscheidungsträger Deutschlands, wie auch das Beispiel Sarrazin gezeigt hat. Sie haben häufig Vorurteile und bekleiden eine hohe Position in Schulen, öffentlicher Verwaltung und Universitäten. Viele Einwanderer müssen sich tagtäglich beweisen und haben daher nicht das Gefühl „deutsch“ zu sein. „Du kannst so gut sein wie du willst, es reicht trotzdem nicht zur Anerkennung!“

„Muslim Girls“

Sineb El Masrar ist Autorin des im Herbst 2010 erschienenen Buches „Muslim Girls: Wer wir sind, wie wir leben.“ In Ihrem Buch geht sie das negative Bild muslimischer Frauen an. „Genau hier setze ich in meinem Buch an: Ich etikettiere wie die Mehrheitsgesellschaft diese Frauen als „Muslim Girls“, durchbreche dann aber im Laufe des Buches immer mehr die Klischees und alte Denkmuster. Ich zeige, dass diese Frauen genauso vielfältig, arrogant, zielstrebig und hinterlistig seien können, wie alle Frauen dieser Erde. Zudem zeige ich, mit welchen Schwierigkeiten und Belastungen muslimische Frauen heute oftmals kämpfen müssen, um Beruf, Familie und die Belange der Eltern unter einen Hut zu bekommen und welche Erfolge sie unbeachtet feiern.“

Sineb El Masrar, Muslim Girls, Wer wir sind, wie wir leben 14.95 Euro, ISBN:9783821865331

Sineb selbst ist als einzige Muslimin in einem sehr unmuslimischen Umfeld aufgewachsen. Trotz allem empfand sie Deutschland als ihre „Heimat“. Bis zur Suche nach einem Ausbildungsplatz: „Während ich noch auf einen Platz wartete, hatten viele meiner Mitschüler schon eine Ausbildungsstelle, trotz oftmals schlechterer Noten und Zeugnisse. Da habe ich mich gefragt: Mache ich irgendetwas falsch? Ich habe es auf die verschiedensten Dinge zurückgeführt. Vielleicht mochte mich der Personalchef gerade nicht. Nur an meine Herkunft habe ich nie gedacht. Bis eine gute Freundin zu mir sagte: „Sineb, tut mir Leid, Dir das so zu sagen, aber Du bist Ausländer!“ Das bereitet einem schon Sorgen und geht manchmal so weit, dass man sich für die Politik des Landes zu rechtfertigen hat, aus dem man stammt, aber mit der man wahrscheinlich genauso wenig einverstanden ist wie so manch anderer. „Ich fühlte mich da gelegentlich missverstanden und dachte mir: In was für einem rückständigen Land lebe ich hier eigentlich? Im vermeintlichen Europa, in dem die Menschen so viel Wissen und Bildung erfahren haben?“

www.gazelle-magazin.de

 

Von Dario Mohtachem, mohtachem(at)migration-business.de

1 Kommentar

  1. Giusi Terrana

    Ich finde es gut, dass es so eine Zeitschrift gibt, sie ist eine Manifestation der Realität in Deutschland.

    GT

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