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Migranten machen Märkte

Was ist das Gegenteil von Unternehmen? Aufgeben! Beide Teile dieses vermeintlichen Gegensatzpaares sind feste Bestandteile der Realität von Migrantinnen und Migranten in Deutschland. Denn eine Großzahl der in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationshintergrund wollen etwas bewegen, etwas unternehmen. Also gründen viele ihre eigene Firma, machen sich selbstständig und schaffen Arbeitsplätze. Und doch müssen viele dann wieder aufgeben – ihren Traum und ihr Unternehmen. Denn gerade nach der Startphase und nach den erfolgreich gemeisterten Hürden der Existenzgründung scheitern viele daran, diesen Status zu halten bzw. ihr Unternehmen zu vergrößern, es breiter aufzustellen und dem volatilen Markt anzupassen. Nicht selten sind Kredite, die nicht bewilligt werden, Grund für Unternehmensaufgaben. Mitunter fehlt den Migrantinnen und Migranten aber auch die passende Anlaufstelle.

OECD sagt: Deutschland ok!

Diese oben geschilderten Szenarien unterstreicht die Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) in ihrem jüngsten Migrationsbericht. Sie führt an, dass Migrantinnen und Migranten in den OECD-Staaten sich öfter selbsständig machen als „Einheimische“. In Deutschland sind es 750.000 Arbeitsstellen, die von Unternehmen von Migranten jährlich in Deutschland geschaffen werden. Durchschnittlich erschafft damit jede/r Migrant/in in Deutschland zwischen 1,4 und 2,1 Jobs, während jene, die in dem Land selsbt geboren wurden, mit 1,8 bis 2,8 nur knapp über diesen Werten liegen. Weiterhin haben sich laut OECD-Bericht die Unternehmensgründungen durch Migranten seit Ende der 90er Jahre mehr als verdoppelt. Außerdem liegt die Ausbildungsbeteiligungsquote von Migrantenunternehmen zwischen 10 und 19 %, wobei deutsche Unternehmen mit knapp 24 % nicht sehr viel weiter darüber liegen.

Schneider-Pizza-Gyros sind längst schon ein Mythos

Neben der hohen Zahl der jährlichen Existenzgründungen weist der Bericht auch darauf hin, dass Unternehmen von Migranten sich längst von den traditionellen Geschäftsbereichen entfernt und auf zu neuen Ufern gemacht haben. Die Bandbreite der Branchen, in denen Unternehmensgründungen durch Migranten stattfinden, wird immer größer. Vorbei also die Zeiten, in denen eine Existenzgründung durch türkisch-, italienisch- oder griechischstämmige Migranten unweigerlich in der Eröffnung einer Änderungsschneiderei, einer Pizzeria oder in einem griechischen Restaurant mündete. Vielmehr machen sich nun gut und in Deutschland ausgebildete Migranten daran, in sehr diffizile und anspruchsvolle Märkte vorzudringen. Da fast jeder vierte ausländische Student, der eine deutsche Hochschule absolviert hat, danach auch im Lande bleibt, nimmt die Qualifikation und Spezialisierung der Unternehmensgründungen innerhalb der Migranten weiter zu. Was aber eher statisch ist, scheint nach wie vor die Ausdauer zu sein, ein Unternehmen auch über die Startphase hin zur Expansion zu führen. Hier scheitern verhältnismäßig viele Unternehmen von Migranten. Oftmals begegnen sie Problemen hinsichtlich der Kreditaufnahme oder aber anderen bürokratischen Hürden. In diesem Sinne sind Migranten-Unternehmerzusammenschlüsse eine wichtige Anlaufstelle. Genauso müssen aber auch Institutionen und Interessenvertretungen der Wirtschaft und des Handwerks, also DIHK, Zentralverband des Deutschen Handwerks, etc, weiter daran arbeiten, den Informationsfluss nicht an der Sprachbarriere zu stauen. So sind Existenzgründer-Broschüren in unterschiedlichen Sprachen oder auch speziell auf Migranten zugeschnittene Gründer- und Unternehmertages, wie auch die Möglichkeit einer fremdsprachigen persönlichen Beratung an wichtige Bestandteile, um Migranten gezielt auch nach der Gründung eines Unternehmens zu unterstützen.

Text: Marcello Buzzanca

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