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Ethnische Wirtschaft: Zweitgrößter Arbeitgeber Deutschlands

Noch immer werden Migranten als „soziale Belastung“ in Deutschland wahrgenommen und mit Begriffen wie „Zwangsheirat“, „Gewalt“ oder „Kriminalität“ in Zusammenhang gebracht. Die Realität sieht jedoch anders aus. Mit der Veranstaltung „Ethnische Ökonomien als Wirtschafts- und Standortfaktor Berlins“ am 17. August 2011 in der Hessischen Landesvertretung in Berlin, zeigte die „Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit“, dass viele Migranten Unternehmer sind und für zahlreiche Arbeitsplätze und Steuereinnahmen in Deutschland sorgen.

Eingeleitet wurde die Veranstaltung durch Veronika Kolb, der Leiterin des Regionalbüros Berlin-Brandenburg der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, Vedat Güney, dem Vorsitzenden der Berliner Arbeitgeber und Existenzgründer e.V. ( BAREX) und durch den Bundeswirtschaftsminister Dr. Philipp Rösler, der ein Impulsreferat hielt und anschließend für die Fragen der Gäste zur Verfügung stand. Sie alle nannten Zahlen und Fakten, die belegten, wie groß die ethnische Wirtschaft in Deutschland inzwischen geworden ist und wie viele Arbeitsplätze durch Migrantenunternehmen entstanden sind.

Die Podiumsdiskussion im Anschluss an das Impulsreferat von Rösler war besetzt mit folgenden Gastrednern: Tarkan Tasyumruk, Inhaber von First Food Orient und zudem stellvertretender Vorsitzender von BAREX e.V., Christoph Meyer, der Fraktions- und Landesvorsitzende der Berliner FDP, sowie Dr. Holger Flöting vom Deutschen Institut für Urbanistik (DIFU). Moderiert wurde die Podiumsdiskussion von der Journalistin Corinna Schlag. Kooperationspartner der Veranstaltung war BAREX e.V., die Berliner Arbeitgeber und Existenzgründer e.V.

Die Podiumsdiskussion begann mit einem kleinen Einblick in die Lebensgeschichte von Herr Tasyumruk. Der geborene Deutsche verbrachte seine Grundschulzeit in der Türkei, das Abitur und den weiteren Ausbildungsweg schloss er in Deutschland ab. Aber die wirkliche Ausbildung fürs Leben erfuhr er durch seinen Vater, wie er selbst betonte. Sein Vater gründete das Familienunternehmen. Nach dem Tod seines Vaters übernahm er die Firma. In den letzten Jahren hat er den Umsatz verdreifacht.

Deutsch als Pflicht für alle?

Herr Tasyumruk kritisierte die öffentliche Diskussion zur Pflicht, die deutsche Sprache zu lernen. „Ich beabsichtige natürlich nicht, dass Menschen, die hier leben kein Deutsch lernen müssen, aber die wirtschaftliche Leistung eines Betriebes sollte man nicht an den Deutschkenntnissen messen – das ist kein Maßstab für ein Unternehmen. Maßstab ist die Bilanz eines Unternehmens, die Zahl der Mitarbeiter und der Umsatz“, so Tasyumruk. Dass man die deutsche Sprache beherrschen muss, um sich auf dem deutschen Markt zu bewegen, das stellt Tasyumruk nicht in Frage. Doch viel zu oft wird immer noch nicht der Vorteil der Mehrsprachigkeit gesehen. Außerdem sind Menschen anderer Herkunft in vielerlei Hinsicht eine Bereicherung, unabhängig von dem Sprachvorteil: „Wir beobachten positive Entwicklungen, da die türkische Community in Deutschland so groß vertreten ist. Türkische Investoren zieht es nach Deutschland, denn diese Investoren treffen auf türkische Unternehmer. Dann entstehen Arbeitsplätze, für Menschen mit und ohne Migrationshintergrund“, erklärt Tasyumruk. Herr Tasyumruk kommt zu dem Schluss, dass Deutschland halt kein klassisches Einwanderungsland ist und deshalb noch lernen muss, mit Zuwanderung und Zuwanderern richtig umzugehen.

Unterschiede in den Ethno-Communites

Dr. Flöting sprach vor allem die Unterschiede der ethnischen Ökonomien in Deutschland an, wobei er sich mit dem Begriff „Ethno-Ökonomie“ etwas schwer tat. Vor allem der türkischen Ökonomie schrieb er Vorbildfunktionenen zu. Diese sei inzwischen sehr groß, einflussreich und gut vernetzt. „Aber auch die anderen ethnischen Ökonomien dürfen wir nicht vergessen“, betonte er. „Die türkische Ökonomie ist in etwa so groß wie die polnische Ökonomie in Deutschland. Doch die Außenwirtschaftsbeziehungen nach Polen sind weitaus stärker entwickelt“, wie Dr. Flöting feststellt, was er vor allem auf die geographische Nähe Polens zurückführt. Im Gegensatz dazu ist die chinesische Ökonomie wesentlich kleiner, doch die wirtschaftlichen Außenbeziehungen zu China sind wesentlich stärker ausgebaut.

Dr. Flöting erkennt das große Potential der Außenbeziehungen und hofft darauf, dass die Verbindungen in die Türkei noch stärker ausgebaut werden. Unternehmen sollen in zwei Kulturen beheimatet sein. Für Dr. Flöting steht eins abschließend fest: Das Thema „Ethnische Ökonomien“ ist kein Integrationsthema, sondern ein ökonomisches Thema.

Wie steht die FDP zur ethnischen Ökonomie?

Auf die Frage, ob es eigener Mechanismen für die ethnische Ökonomie bedarf oder ob es generell um wirtschaftliche Unterstützung ginge, sagte der Berliner FDP-Spitzenkandidat, Christoph Meyer: „Man muss beides im Blick haben. Viele Fragen, die gestellt wurden, werden nicht nur von Unternehmern mit Migrationshintergrund gestellt. Berlin ist das Bundesland, dass wirtschaftlich am Unfreiesten ist. Die FDP würde dem entgegenwirken“, so Meyer.

„Aber es gibt auch Fragen, die insbesondere ethnische Unternehmer betreffen, wie z.B. die Anerkennung ausländischer Abschlüsse, Visa-Erleichterungen oder Außenwirtschaftsstrategien. Viele Unternehmen mit Migrationshintergrund haben gute internationale Verbindungen. Wir müssen dieses globale Potential wirtschaftlich nutzen und Türen für Deutschland ins Ausland öffnen. Erfolgreiche Unternehmer, mit oder ohne Migrationshintergrund, geben dem Gemeinwesen unglaublich viel zurück. Sie zahlen Steuern und bieten vielen Menschen Erwerbsperspektiven. Da ist es kaum nachvollziehbar, dass man Unternehmen, die hier Brückenfunktionen nach ganz Europa und in den Nahen Osten übernehmen wollen, mit Hemmnissen konfrontiert. Wir brauchen stattdessen eine Willkommenskultur!“, sagt Meyer.

Und wie sieht es mit einer Migrantenquote aus?

Christoph Meyer und die FDP sehen keinen Quotenbedarf. Allein die Leistung gilt als das entscheidende Kriterium. Meyer weiter: „Außerdem sehen sich viele Unternehmer mit ausländischer Abstammung längst schon als Deutsche, so wie Herr Tasyumruk.“. Verärgerung gab es auch im Publikum bei einigen Gästen über die häufige Reduzierung auf die Herkunft im Alltagsleben. „Immer wieder wird man mit seiner ethnischen Herkunft konfrontiert, als wäre es ein Nachteil.“, so eine Unternehmerin aus der Werbebranche. Sie kritisierte auch, dass Deutschland nicht offen sei für neue Ideen. Häufig muss man lange Zeit warten, bis etwas Neues realisiert wird.

„Dies war keine einmalige Veranstaltung, sondern vielmehr eine Auftaktveranstaltung zum wichtigen Thema ethnische Ökonomien“, so Frau Kolb von der Friedrich Naumann Stiftung angesichts der Tatsache, dass der Saal bis auf den letzten Platz mit Besuchern belegt war.

Text: Dario Mohtachem
Fotos: Jeannette Jannusch


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