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Können Menschen mehrere Identitäten haben?

Was bedeutet eigentlich „Identität“ – können Menschen mehrere haben? Und welche Rolle spielt interkulturelle Kompetenz für die Manager und Führungskräfte von morgen? Dr. Elif Duygu Cindik hat uns diese Fragen beantwortet. Frau Cindik selbst ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, stellvertretende Vorsitzende der Türkischen Gemeinde Deutschlands und bietet Seminare und Workshops für Fach- und Führungskräfte an.

Frau Dr. Cindik wurde 1970 in Istanbul geboren und wuchs ab ihrem ersten Lebensjahr in Neu-Isenburg auf.  Nach ihrem Medizinstudium in Frankfurt und New York führte sie ihre Dissertation und den Studiengang „Master of Public Health“ an der Harvard University in Boston, Massachusetts durch. Sie lebte ca. 3 Jahre in den USA.

„Erst als ich aus den USA zurück kam, verstand ich, was es bedeutet in Deutschland ein Migrant zu sein“, stellt Cindik fest. „Ich hatte nie wirklich den Vergleich. Doch in Deutschland wurde ich häufig gefragt, warum ich als Türkin so gut Deutsch spreche. In den USA wurde ich so etwas nie gefragt. Erst nach meiner Rückkehr merkte ich, wie weit Deutschland noch zurück liegt.“ Erst neulich wurde Frau Cindik bei einer Veranstaltung gefragt: „Bei Ihnen in der Türkei haben Sie doch ein anderes Klima, oder?“, worauf Sie entgegnete: „Also bei uns in Hessen ist es eigentlich sehr ähnlich.“

Das Zugehörigkeitsgefühl ist für viele Einwanderer in Deutschland noch immer ein Problem. „Studien haben gezeigt, dass sich Personen mit Migrationshintergrund, vor allem Kinder, häufig nicht als Deutsche sehen, doch sich einem bestimmten Kiez zugehörig fühlen, wie zum Beispiel der Stadt Berlin, München oder Köln“, schildert Cindik. Doch das Zugehörigkeitsgefühl und die Verwurzelung mit einer Heimat sind ganz entscheidend für die Entwicklung der Identität.

Doch was bedeutet überhaupt „Identität?“?

„Eine Identität setzt sich aus verschiedensten Aspekten zusammen: Dem Geschlecht, der Bildung, dem Elternhaus und der gesamten sozialen Umgebung. Die Interaktion mit anderen Menschen, die Werte und Religion der Eltern prägen die Identität eines Menschen. Ich selbst bin in Deutschland aufgewachsen, habe hier den Kindergarten und die Schule besucht, in der ich das einzige türkische Mädchen war. Meine Sozialisation war also draußen deutsch und zuhause türkisch geprägt“, so Cindik. Eine Identität ist demnach eine Art Puzzle aus verschiedensten Lebensaspekten, die den Menschen prägen.

Und können Menschen mehrere Identitäten haben?

„Wir haben zwar alle nur eine Identität – aber diese setzt sich, wie gesagt, aus verschiedenen Aspekten zusammen: Man kann bei der Arbeit absolut „deutsch“ sein, weil man eben hier aufgewachsen ist – das heißt: Sehr pünktlich, sachlich und fleißig. Zu Hause lebt man dann andere Teile seiner Identität aus, wenn man seinen Hobbys und Freizeitaktivitäten nachkommt. Obama wird sich sicherlich, wenn er seine Großmutter in Afrika trifft, ganz anders verhalten, als wenn er vor dem Weißen Haus eine Rede hält. Je nachdem, mit wem Sie gerade in Interaktion treten, leben Sie andere Teile Ihrer Persönlichkeit aus.“ In den USA spricht man von Bindestrich- oder Patchwork-Identitäten, die sich aus verschiedenen Aspekten zusammensetzen. „Ich bin dann eben eine Deutsch-Türkin, eine Frau, Akademikerin, die in Hessen aufgewachsen ist und türkische Wurzeln hat, sowie einige Jahre in den USA gelebt hat.“

Viele Deutsche haben noch ein falsches Verständnis von Integration. Sie verstehen diese als eine vollständige Anpassungsleistung oder Assimilation. „Das ist eine veraltete Forderung aus der Mehrheitskultur, insbesondere aus den konservativen Reihen“, fügt Cindik hinzu. „Wenn ich selbst als in Deutschland aufgewachsene und sich deutsch fühlende Person wegen meiner Arbeit in die USA auswandern würde, würde ich auch nicht meine deutsche Kultur ablegen, nur weil ich US Bürger werde!“, betont Cindik. Vielen Deutschen würde so etwas klar werden, wenn sie ins Ausland auswandern – oder würden Sie selbst gerne komplett Ihre Identität und Kultur aufgeben, nur weil Sie anderswo auf der Welt Arbeit finden wollen?

Frau Dr. Cindik – eine Psychotherapeutin mit Alleinstellungsmerkmal?

Frau Cindik hat viele türkischsprachige Patienten, da sie die einzige Psychiaterin in München und Umgebung ist, die der türkischen Sprache mächtig ist. Aber nicht nur die Sprache ist entscheidend, sondern auch das Verständnis für diese Menschen, das sie mitbringt, verleiht Frau Cindik eine Art Alleinstellungsmerkmal. Im Gegensatz zu vielen deutschstämmigen Psychiatern, die nur psychische Probleme angehen, bezieht Frau Cindik auch Migrationsfragen in ihre Behandlung mit ein: „Ich frage die Menschen, die ich behandle auch nach der Gegend, in der sie aufgewachsen sind, sowie nach ihrer Ethnie, der sie angehören. Das spielt eine wichtige Rolle, weil es in der Türkei sehr unterschiedliche Volksgruppen gibt: Der eine ist Armenier, der andere türkischer Christ, Alevit oder Kurde. Durch die ausführliche migrationsspezifische Anamnese gewinne ich einen differenzierteren Blick als viele deutsche Kollegen“, erklärt Frau Cindik.

Porträtvideo von Dr. Elif Cindik

Was sind bekannte Probleme, über die viele Migranten klagen?

Probleme, die sich bisher in Migrantenfamilien häufig gezeigt haben, waren Ehekonflikte. „In einer westlich-individualistischen Gesellschaft würde man der Frau, die von ihrem Mann geschlagen wurde, sofort raten, sich von ihm zu trennen. In einer südländischen Kultur wäre das für eine Frau initial keine Option bzw. die schlechteste Wahl, die sie treffen könnte. Am meisten würde sie sich wünschen, dass ihr Mann sie besser behandelt. Der Lösungsansatz ist daher ein anderer“, so Cindik.

Welche Rolle spielt die Religion?

„Wenn jemand sehr religiös ist, versuche ich die Religion mit in die Behandlung einzubeziehen. Ich selbst glaube an Gott, bin aber im Alltag nicht sehr religiös. Ich kenne Gebete und beziehe mich auch auf sie, vor allem, wenn ich merke, dass es den Patienten gut tut. Bei religiösen Personen kann ich zumindest darauf hoffen, dass sie nach einem Schicksalsschlag keinen Selbstmord begehen – die Religion verbietet sich selbst etwas anzutun.“

Der Glaube sollte, wie Dr. Cindik anmerkt, eher eine private Angelegenheit sein. In ihrer Familie verlief dies vorbildlich: Einige ihrer Familienmitglieder sind sehr streng gläubig und waren schon mehrmals in Mekka, andere wiederum glauben gar nicht an Gott – das Gute daran? Keiner hat dem anderen vorgeschrieben, was er zu denken und zu glauben hat!

An alle Fach- und Führungskräfte…!

Frau Cindik verbringt drei bis vier Tage der Woche in ihrer Praxis. Den Rest der Zeit engagierst sie sich ehrenamtlich als gesundheitspolitische Sprecherin für die Türkische Gemeinde Deutschlands und gibt Workshops und Seminare für Fach- und Führungskräfte mit und ohne Migrationshintergrund. Neben ihrer Tätigkeit als Psychiaterin ist sie ein ausgebildeter Coach und Mediator. Ihren Seminarteilnehmern vermittelt sie, wie sie als Manager oder Führungsfigur ihr Team besser im Griff haben und Verantwortung für alle übernehmen. Dazu gehört, dass der Chef alle fair behandelt, aber sie gleichzeitig herausfordert, motiviert besser zu arbeiten, die einzelnen Aufgaben besser delegiert und zudem selbst besser mit Stress fertig wird.

Können Klischees helfen?

„Der kulturelle Aspekt spielt hierbei zwar nicht eine zentrale, aber doch wichtige Rolle: Eine deutsche Führungskraft muss sein multikulturelles Team gut verstehen – wie die einzelnen Personen ihre Aufgaben angehen und bewältigen und wo die Stärken und Schwächen der Angestellten liegen. Klischees sind dabei auch nicht immer verkehrt: Der Südländer kann vielleicht besser handeln, ist etwas lockerer im Umgang mit anderen und kann daher ein bestimmtes Klientel bedienen, während ein sehr korrekter, höflicher und zurückhaltender Asiate andere Aufgaben besser bewältigen könnte“, stellt Cindik fest.

Geschäftsleute mit interkulturellen Know-How

„Ein guter Manager ist ein Hobby-Psychologe, der seine Mitarbeiter gut kennt und im Griff hat.“

Und zu der psychologischen kommt heute noch in den meisten Fällen die kulturelle Komponente. Im Zuge der Globalisierung agieren Firmen international: „Sie telefonieren mit Italien, Portugal und Kanada. Dabei ist nicht nur die Sprache relevant, sondern auch die interkulturelle Kompetenz, also das Verständnis für andere Kulturen“, so Cindik.

Gerade aufgrund der Globalisierung und dem ständigen interkulturellen Austausch gibt Dr. Cindik zu verstehen: „Wir Menschen mit Migrationshintergrund sind extrem wertvoll! Wir kennen mehrere Kulturen und sind Türöffner für Deutschland in unterschiedlichste Länder der Welt. Wir wissen, wie man im Ausland Geschäfte abwickelt und das Vertrauen der Menschen gewinnt.“ Diese Bereicherung durch Einwanderer kommt zuallererst der Exportnation Deutschland zugute. Die Wirtschaft hat das zu einem großen Teil schon verstanden, jetzt ist es an der Zeit, dass Politik und Medien folgen…

 

Von Dario Mohtachem

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