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Kulturelle Vielfalt bringt Innovationen!

Welche Bedeutung haben Netzwerke für das berufliche Fortkommen? Welche Rolle spielt die Anerkennung der Bildungsabschlüsse aus dem Ausland für viele Einwanderer? Und welche Auswirkungen hat kulturelle Vielfalt auf den Arbeitsmarkt? Darüber sprach migration-business mit Dr. Andreas Damelang. Dieser arbeitet im Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung und als Mitarbeiter des Lehrstuhls für Soziologie und empirische Sozialforschung. In seiner Dissertation „Arbeitsmarktintegration von Migranten. Die Potentiale kultureller Vielfalt nutzen“ hat er sich mit dem Einfluss kultureller Vielfalt auf die Beschäftigungswirkungen in regionalen Arbeitsmärkten beschäftigt.

Warum haben Sie sich für dieses Thema entschieden? Was hat Ihr Interesse geweckt?

Das Interessante an diesem Ansatz und Thema ist, dass man die Perspektive, mit der man Integration und Migration betrachtet, gewechselt hat: Früher wurde Migration gängigerweise aus einer sehr defizitären Sichtweise betrachtet, das heißt, man hat die Integrationsschwierigkeiten in den Vordergrund gestellt. Unser Ansatz beschäftigt sich jedoch mit den bereichernden Aspekten von Migration, darunter die positiven Einflüsse von kultureller Vielfalt auf die Arbeitsmärkte.

Sie haben sich in Ihrer Studie „Arbeitsmarktintegration von Migranten: Die Potenziale kultureller Vielfalt nutzen“ auch mit Defiziten und Integrationsschwierigkeiten von Migranten beschäftigt, zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen bzw. was ist Ihre Kernaussage?

Stand der Forschung ist ohne Frage, dass die geringe Humankapitalausstattung die Integration von Zugewanderten erschwert. Das bedeutet: Im Zuge der Gastarbeiter-Migration und der selektiven Zuwanderung hat man eher Personen für produktionsintensive Tätigkeiten angeworben. Nun befinden sich zwar die folgenden Generationen auf dem Arbeitsmarkt, aber aus Reproduktionstheorien wissen wir, dass alte Denkmuster und Arbeitsweisen von Generation zu Generation weitergegeben werden und es daher Zeit bedarf, bis es zu einer Angleichung kommt.

Daneben gibt es kleine weitere Aspekte, die aber ebenfalls relevant sind: Dazu gehört der fehlende inter-ethnische Kontakt, sprich: Der fehlende Kontakt von Einwanderern zu Deutschen.

Positionen werden zu einem großen Teil über Netzwerke besetzt.

Da Personen mit Migrationshintergrund meist niedrigere Positionen auf dem Arbeitsmarkt inne haben und viele nur Kontakt zu ihren eigenen Ethno-Communities haben, gelangen Sie häufig aufgrund von Informations- und Netzwerkmangel nicht an die entsprechenden Personen und haben Nachteile gegenüber der Majoritätsbevölkerung.

Sie würden demnach sagen, dass Migranten gegenüber der Mehrheitsbevölkerung benachteiligt sind, da sie nicht über die gleichen sozialen Netzwerke verfügen?

Genau – vor allem haben die Netzwerke der Einwanderer oftmals nicht die gleiche Qualität, wie die Netzwerke der Einheimischen. Fehlender interethnischer Kontakt kann generell die Integration erschweren. Um dies zu ändern sind Offenheit und Entgegenkommen sowohl von Seiten der Zuwanderer als auch von Seiten der Aufnahmegesellschaft erforderlich.

Es scheint so, als wäre die Wirtschaft schon weiter als große Teile der deutschen Medien und Politik. Die Wirtschaft verkündet bereits einen Fachkräftemangel und versucht zudem die Mehrsprachigkeit von Einwanderern für sich zum Vorteil zu nutzen. Welche Handlungsmöglichkeiten haben die politischen Akteure in Deutschland in der Zukunft?

Da gibt es einen klaren Konsens in der wissenschaftlichen Community: Ein großes Hindernis besteht darin, dass ausländische Bildungsabschlüsse bisher kaum anerkannt wurden.

Arbeitsmarktpositionen werden neben dem Netzwerk einer Person auch sehr stark über Zertifikate vergeben.

Wenn einem ein bestimmtes Berufs- oder Ausbildungszertifikat fehlt, hat man keinen Zugang zu entsprechenden Berufen. Wenn man nun seine Ausbildung im Ausland abgeschlossen hat und diese einem in Deutschland nicht anerkannt wird, bleibt einem nichts anderes übrig, als auf unteren Positionen des Arbeitsmarktes einzusteigen. Das ist ein sehr großes Problem, aber mir ist auch bewusst, dass die Politik sich nun seit langer Zeit damit beschäftigt und versucht bundesweit einheitliche Regelungen zu finden, was sich aufgrund juristischer Gegebenheiten als schwierig erweisen kann. Sollte dieses Problem in Zukunft gelöst werden, so wird der Zugang zu ausbildungsadäquaten Positionen, vor allem für Einwanderer, deutlich erleichtert.

Würden Sie die Anerkennung der ausländischen Abschlüsse als eine der Kernprobleme bezeichnen?

Definitiv – vor allem im Zuge des Fachkräftemangels in Deutschlands. Aber auch die Zuwanderung muss einfacher gestaltet werden, vor allem für Zuwanderer außerhalb der EU. Bisher muss man 66.000 € im Jahr verdienen, um nach Deutschland einzuwandern, was jedoch sehr unrealistisch ist, weil kaum jemand anfangs ein derartiges Startkapital hat.

Die Steuerung der Zuwanderung nach Humankapitalkriterien hat sich in der Migrationsforschung als bestes Konzept erwiesen: Das bedeutet man betrachtet die Ausbildung der jeweiligen Personen und steuert die Zuwanderung nach diesen Kriterien. Länder, die so verfahren, wie zum Beispiel Australien oder Kanada, haben deutlich bessere Arbeitsmarkteffekte als wir.

Sie arbeiteten an einem IAB-Projekt unter dem Namen „Ökonomische Effekte kultureller Vielfalt“ mit. Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

In diesem Projekt haben wir die kulturelle Vielfalt der Beschäftigten auf regionaler Ebene untersucht.  Personen unterschiedlicher Herkunft bringen eine Vielzahl an Ideen und Wissen nach Deutschland mit. Kommt es dann zu einem interkulturellen Austausch und Dialog, so haben wir im Zuge dieser Studie feststellen können, kann die Produktivität und Innovationsfähigkeit des jeweiligen Standortes zunehmen. Dieser Effekt ist empirisch nachgewiesen.

Ein weiterer positiver Aspekt für den Arbeitsmarkt ergibt sich dann, wenn Einheimische und Eingewanderte in einem komplementären Verhältnis zueinander stehen, sich also in ihren Fähigkeiten gegenseitig ergänzen.

Schließlich kommt die kulturelle Vielfalt noch den einzelnen Bürger einer Stadt zugute. Das Kulturleben einer Stadt wird durch Zuwanderung bereichert. Ganz banal könnte man das Beispiel Gastronomie anführen: Durch Zugewanderte und Menschen anderer Kulturen wird das Angebot an Restaurants und Speisen deutlich erweitert.

Regionen, die um talentierte Fachkräfte werben und die wir als offen und tolerant wahrgenommen haben, haben einen deutlichen Wettbewerbsvorteil. Einwanderer bevorzugen selbstverständlich weltoffene, tolerante Regionen. Kulturelle Vielfalt wirkt sich, wie wir empirisch nachgewiesen haben, positiv auf die Lohnentwicklung und Beschäftigungssituation aus.

Natürlich gibt es ein empirisches Problem, da Regionen, die wirtschaftlich ohnehin attraktiv sind, Personen anziehen. Das kann also auch der Grund dafür sein, dass an diesen Orten auch die kulturelle Vielfalt größer ist. Aber in allen Analysen wurde dieser Kausalitätspunkt berücksichtigt und wir konnten zeigen, dass kulturelle Vielfalt tatsächlich einen positiven Effekt auf die Produktivität hat.

Herr Dr. Damelang, ich danke Ihnen für das Interview.

 

Das Interview führte Dario Mohtachem.

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