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Push-Gründungen bei Migranten: Auftrieb oder Strudel?

Selbstständigkeit im Berufsleben hat viele Gesichter, Namen und Motivationen. Einige davon gehören Migrantinnen und Migranten. Wenn diese beschließen, aus ihrer beruflichen Not eine Tugend zu machen, mündet dies nicht selten in der Eröffnung der nächsten Pizzeria, Dönerbude oder Nagel- und Kosmetikstudio. So wollen es zumindest die Klischees.

Dass man mit diesen nicht unbedingt falsch liegt, zeigt die Überlegung, dass man Migranten eben per se eine gewisse Kompetenz in jenen Bereichen zuspricht, die man irgendwie automatisch mit deren Heimat verbindet. Tatsächlich sind es eher die eigenen Erfahrungen und Vorstellungen, die dazu veranlassen, einem Menschen mit italienischen Wurzeln die beste Pizza zuzutrauen, während man den Döner natürlich nur in einem Laden kauft, der türkisch aussieht und sich auch so anhört.

Auch der Hamburger Verein Unternehmer ohne Grenzen e.V. sieht darin keinen Widerspruch oder Hinderungsgrund, wenn Migrantinnen und Migranten dessen Beratungsangebote nutzen. Warum sollte man nicht von vorgefertigten Meinungen profitieren, wenn sich daraus ein Gewinn schlagen lässt? Sofern man den passenden Businessplan, eine profunde Marktanalyse und die geeignete Finanzierung in der Hand hat, nichts. Was ebenso fundamental ist, sind ausreichende Deutschkenntnisse, um entsprechende Verhandlungen mit Geldgebern und später auch mit Kunden, Lieferanten, etc. führen zu können. Mündlich wie schriftlich.

Push-Gründung und Notselbstständigkeit

Zahlreiche Existenzgründungen von Migrantinnen und Migranten sind das Resultat von Arbeitslosigkeit, ALG-II-Bezug oder aber eines prekären Arbeitsverhältnisses. Viele Migrantinnen und Migranten sehen dies nicht länger als Perspektive und machen sich selbstständig. Dies sind Push-Gründungen. Neben dem Existenzgründungszuschuss der Agentur für Arbeit leihen sich (nicht nur) Migrantinnen und Migranten Geld von Freunden und Verwandten. Weiterhin rekrutiert sich auch die eingesetzte Manpower oft aus dem Familien- und Freundeskreis. Hierbei ist jedoch zu beachten, dass die Finanzkontrolle Schwarzarbeit (FKS) auch hier ein wachsames Auge darauf hält, selbst wenn die Grenzenzwischen „mal kurz aushelfen“ und illegaler Beschäftigung eher fließend sind.

Was Notselbstständigkeit angeht, so wird hier das Fluchtpferd aus der Perspektivlosigkeit eher anders herum aufgesattelt: Viele Menschen, die von Arbeitslosigkeit bedroht sind und/oder kein Arbeitslosengeld II beziehen möchten, sehen ihre Chance in der Existenzgründung. Aber auch hier gilt: Informieren und beraten lassen, bevor man am Ende vor einem großen Schuldenberg steht.

Nicht selten spricht man in Sachen Existenzgründung bei Migrantinnen und Migranten von Onkel-Ökonomie. So ist das Fundament vieler ethnischer Ökonomien, also beispielsweise von Supermärkten, der Gastronomie oder auch dem Dienstleistungssektor, die Familie und der Freundes- und Bekanntenkreis der Inhaber/innen. Dies ist ohne Zweifel der Tatsache geschuldet, dass in südlichen und südöstlichen Kulturkreisen die Familie immer noch das verlässlichste und am nächsten liegende Netzwerk ist.

Text: Marcello Buzzanca

 

 

 

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