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Kampf der Kulturen in der arabischen Welt?

Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad, Quelle: Dominik Butzmann.

Anlässlich der Verleihung des 1. Internationalen Willy-Brandt-Preises, mit dem Personen oder Organisationen für besondere Verdienste und großes Engagement für die internationale Verständigung ausgezeichnet und gewürdigt werden, erhielt die ägyptische Regisseurin Laila Soliman einen Sonderpreis für besonderen politischen Mut. Die Laudatio hielt der Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad (Es gilt das gesprochene Wort):

Wir leben in einer Zeit, in der die globale Tektonik in Bewegung ist. Gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Erschütterungen auf allen Kontin

enten. Tunis, Kairo, Fukushima, Oslo, Athen, New York, Tripolis und Stuttgart sind sehr unterschiedliche Städte, haben jedoch etwas gemeinsam: Es geht um Energiepolitik, Kommunikation, den Ruf nach Freiheit und den Kampf gegen Ungerechtigkeit. Es geht auch um Zukunftsängste, vor allem die Angst um die eigene Identität. Das Jahr 2011 wird ohne Zweifel als eines der ereignisreichsten Jahre in die jüngere Geschichte eingehen, ähnlich wie die Jahre 1968 und 1989. Dieses Jahr wird als das Jahr des arabischen Frühlings in die Geschichte eingehen. Aber schon bevor dieses Jahr zu Ende geht, redet kaum jemand mehr vom arabischen Frühling. Man redet von Unruhen in Ägypten, vom Aufstieg der Islamisten in Tunesien, vom Bürgerkrieg in Syrien und von der Einführung der Scharia in Libyen. Es sind in der Tat besorgniserregende Entwicklungen, die man nicht schön reden darf. Aber es gibt parallel dazu auch andere Entwicklungen in diesen Ländern, die uns Hoffnung machen könnten. Junge Menschen werden politisiert, neue Parteien gegründet, eine völlig neue Debattenkultur wird etabliert. Diese sind aber nicht medienwirksam und finden deshalb kaum Beachtung hier in Europa.

Menschen wie Laila Soliman und ihre wichtige Arbeit geraten deshalb oft in den Hintergrund, obwohl sie ein Beweis dafür sind, dass eine Revolution tatsächlich stattgefunden hat, eine geistige Revolution. In ihren Theaterstücken thematisiert Laila Soliman seit Jahren die zunehmenden Individualisierungsprozesse unter den jungen Ägyptern und deren Gefühl der Entfremdung im eigenen Land. In ihrem Stück Ghorba, also Fremde, behandelt sie u.a. die Krise einer jungen Frau, die von der eigenen Familie verkannt wird und in einer verrückten Gesellschaft lebt, die sie nicht zwingt, ein Kopftuch zu tragen, sondern, sich nackt auszuziehen. Man merkt den Einfluss westlicher Literatur auf Laila sehr deutlich. Sie arabisiert aber die klassischen Texte nicht, sondern schreibt sie neu. Frank Wedekinds Stück Frühlingserwachen, das Ende des 19. Jahrhundert geschrieben wurde, interpretiert Laila Soliman neu und macht daraus ein ägyptisches Drama der Gegenwart über Jugendliche, die mit den Problemen psychischer Instabilität und der gesellschaftlichen Intoleranz kämpfen und mit ihrer sexuellen Neugier konfrontiert werden. Auch wenn das Individuum für Laila immer im Mittelpunkt steht, sind ihre Werke immer politisch gewesen. Doch mit der Revolution in Ägypten wird Laila deutlich politischer. In ihrem aktuellen Werk „Lessons in Revolting“ dokumentiert sie in Tagebuch-Szenen die Ereignisse um die Revolution. Mit dem Sturz Mubaraks geht für Laila wie für viele junge Ägypter die Rebellion nicht zu Ende, denn die neuen Machthaber am Nil knüpfen an den gleichen Methoden des gestürzten Diktators an: Einschüchterung, Zensur und Folter werden vom Militä

rrat gegen Aktivisten und kritische Stimmen systematisch angewandt. Auch das thematisiert Laila in ihren neusten Werken. Sie gibt jedem Folteropfer einem Namen und verleiht ihm eine Stimme. Dadurch legt sie sich mit dem Militärrat an, wo viele Medienmacher und Künstler sich nicht trauen, dies zu tun aus Angst vor Konsequenzen. Laila nennt dieses Stück fast entschuldigend „No time for art“, da sie auf gewisse künstlerische Ästhetik verzichten muss und auf aktuelle Ereignisse dokumentarisch Bezug nimmt. Liebe Laila, ich finde, Du brauchst diese Entschuldigung nicht, denn in bewegten Zeiten, durch die Ägypten gerade geht, ist das was du machst „art at its best!“.

Quelle: SPD-Parteivorstand

Laila Soliman und die Tahrir-Generation sind der Beweis dafür, dass ein Paradigmenwechsel in Ägypten stattgefunden hat. Junge Menschen lösen sich langsam vom Fatalismus und wollen anders leben als die Generation ihrer Eltern. Sie interpretieren ihre Misere nicht mehr als den Willen Gottes, sondern als Ungerechtigkeit und sind bereit, dagegen vorzugehen, auch wenn sie ihr eigenes Leben dabei aufs Spiel setzen. Das tun sie nicht, um den Märtyrer Tod zu finden, sondern um in Würde und Freiheit zu leben.

Das ist neu, und das ist die beste Voraussetzung für eine Veränderung. Diese jungen Menschen sind aber keine Opfer, sondern Teil eines Konfliktes. Ja, der viel beschworene Kampf der Kulturen, der zwischen Orient und Okzident ablaufen sollte, findet nun innerhalb der arabischen Welt statt – zwischen den Kräften, die Öffnung und Modernisierung anstreben und denen, die für Selbstverherrlichung und archaische Weltbilder stehen.

Der Ausgang dieses inneren Kampfes der Kulturen wird entscheiden, ob Länder wie Ägypten, Tunesien und Libyen sich Richtung Demokratie entwickeln oder in politische Verwahrlosung verfallen werden.

Wir sind nur einige Monate vom Anfang des arabischen Frühlings entfernt, und wir können nicht abschätzen, wohin die Reise führt. Nach fast jeder Revolution brechen die versteckten Krankheiten einer Gesellschaft aus, und Chaos und Gewalt bestimmen die Szene für eine Weile. 9 Monate nach Ausbruch der französischen Revolution gab es auch keine Demokratie in Paris. Auch nach dem europäischen Frühling von 1848 kamen erst die Rückschläge und die Konflikte. Deutschland war da kein gutes Beispiel.

Und heute haben viele Europäer die Erschütterung des arabischen Erdbebens zwar gespürt, aber die Zeichen, die von der anderen Seite des Mittelmeers kommen, noch nicht verstanden und reagieren entweder ängstlich, ungeduldig oder gleichgültig.

Aber Angst ist bekanntlich nicht der beste Ratgeber, auch nicht in unruhigen Zeiten. Vor allem die Angst, die uns lähmt und uns daran hindert, zu handeln. Selbstverständlich bergen die Umbrüche in den arabischen Staaten keine Sicherheit, dass sich dort tatsächlich Demokratie und Freiheit durchsetzen. Ein Erdbeben mag alte Häuser zum Einsturz bringen, garantiert allerdings nicht, dass an ihrer Stelle neue, bessere Häuser entstehen. Aber das Ende der Diktatur ist die Voraussetzung für einen staatlichen und gesellschaftlichen Neuaufbau in der arabischen Welt.

Blicken wir auf den Zusammenbruch der Sowjetunion und ihrer Satelliten, so stellen wir fest, dass Osteuropa nur durch die Beseitigung des kommunistischen Erbes und das Wachsen eines neuen Bewusstseins den schwierigen Weg in die Demokratie antreten konnte. Dies schafften die Osteuropäer nicht nur aus den eigenen Kräften, sondern auch mit massiver Unterstützung des Westens vor, während und nach dem Umbruch. Heute sind viele ehemals kommunistische Staaten Mitglieder der Europäischen Union und wichtige Motoren des wirtschaftlichen Wachstums auf dem alten Kontinent.

Nicht geschafft haben den Weg in die Demokratie Staaten wie Weißrussland, Usbekistan, Tadschikistan und Turkmenistan, die nach dem Ende des Kommunismus in politische Lethargie verfallen sind und kaum neue demokratische Strukturen aufbauen konnten. Bald konnten dort auch die alten Eliten wieder an die Macht kommen, weil das demokratische Bewusstsein in diesen Staaten weder durch Bildung noch durch eine neue, demokratische Wirtschaftspolitik gefördert wurde.

Die arabische Welt kann viel von der europäischen Erfahrung und dem Transformationsprozess lernen. Dafür müssen die Menschen begreifen, dass der Sturz der Diktatur erst der Anfang eines langen Weges ist. Ein demokratisches Bewusstsein kann nur wachsen, wenn die Diktatur auch in den Köpfen, in den Schulen und in den patriarchalischen Familienstrukturen eliminiert wird. Die Revolution gegen alte Rollenbilder, gegen die unversöhnlichen religiösen Denkmuster ist deshalb sogar noch wichtiger als die Entmachtung der Despoten. Das Machtvakuum darf nicht durch eine neue Form der Bevormundung im Namen der Nation oder der Religion gefüllt werden. Für all das kämpfen viele junge Ägypter wie Laila Soliman und sie brauchen Unterstützung. Sie wollen gehört und ernst genommen werden.

Es ist kein Geheimnis, dass Europa in der Vergangenheit immer auf das falsche Pferd in den arabischen Ländern gesetzt hat. Allianzen mit Diktaturen sollten für Stabilität in dieser Region sorgen und kurzfristige wirtschaftliche Vorteile bringen. Ich hoffe, dass Europa nun gelernt hat, dass Diktatoren keine Garanten für Stabilität, sondern die wirklichen Unruhestifter sind. Ich hoffe, dass man von nun an Menschen wie Laila Soliman, die für eine Zivilgesellschaft kämpfen, als Partner sieht, statt Panzer an Saudi Arabien zu verkaufen.

Langfristig kann Europa sich weder eine neutrale noch eine skeptische Haltung gegenüber den Entwicklungen jenseits des Mittelmeeres leisten. Nur echte, ernstgemeinte Partnerschaften, nicht bloß Almosen, können Europa vor den Gefahren eines ausgeuferten Umbruchs in der arabischen Welt schützen, und dem alten Kontinent, der so sehr auf Energielieferungen, Absatzmärkte und zunehmend auch auf Arbeitskräfte angewiesen ist, sogar eine neue wirtschaftliche Perspektive bieten.

Wenn sich Europa nicht als viel zu alt und unflexibel und die arabische Welt nicht als zu stur und dogmatisch erweisen, dann darf man hoffen!

Ägypten braucht heute eine starke Sozialdemokratie und visionäre Politiker vom Kaliber Willy Brandts. Das gilt übrigens auch für Deutschland. Aber was wir in Ägypten auf jeden Fall haben ist eine junge Generation von mutigen Frauen wie Laila Soliman, die sich mit Ungerechtigkeit und Bevormundung nicht mehr abfinden will. Und diese Generation wächst täglich. Diese Generation hat keine Waffen außer der eigenen Stimme.

Liebe Laila, ich habe großen Respekt vor dir und vor deiner Arbeit. Dieser Preis ist für dich und für jeden Ägypter, der seine Stimme trotz aller Schikanen immer noch erhebt. Gib nicht auf! Ägypten braucht Menschen wie dich! Vielen Dank und herzlichen Glückwunsch!

 Anlässlich der Verleihung des 1. Internationalen Willy-Brandt-Preises, mit dem Personen oder Organisationen für besondere Verdienste und großes Engagement für die internationale Verständigung ausgezeichnet und gewürdigt werden, erhielt die ägyptische Regisseurin Laila Soliman einen Sonderpreis für besonderen politischen Mut. Die Laudatio hielt der Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad (Es gilt das gesprochene Wort!):

Wir leben in einer Zeit, in der die globale Tektonik in Bewegung ist. Gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Erschütterungen auf allen Kontinenten. Tunis, Kairo, Fukushima, Oslo, Athen, New York, Tripolis und Stuttgart sind sehr unterschiedliche Städte, haben jedoch etwas gemeinsam: Es geht um Energiepolitik, Kommunikation, den Ruf nach Freiheit und den Kampf gegen Ungerechtigkeit. Es geht auch um Zukunftsängste, vor allem die Angst um die eigene Identität. Das Jahr 2011 wird ohne Zweifel als
eines der ereignisreichsten Jahre in die jüngere Geschichte eingehen, ähnlich wie die Jahre 1968 und 1989. Dieses Jahr wird als das Jahr des arabischen Frühlings in die Geschichte eingehen. Aber schon bevor dieses Jahr zu Ende geht, redet kaum jemand mehr vom arabischen Frühling. Man redet von Unruhen in Ägypten, vom Aufstieg der Islamisten in Tunesien, vom Bürgerkrieg in Syrien und von der Einführung der Scharia in Libyen. Es sind in der Tat besorgniserregende Entwicklungen, die man nicht schön
reden darf. Aber es gibt parallel dazu auch andere Entwicklungen in diesen Ländern, die uns Hoffnung machen könnten. Junge Menschen werden politisiert, neue Parteien gegründet, eine völlig neue Debattenkultur wird etabliert. Diese sind aber nicht medienwirksam und finden deshalb kaum Beachtung hier in Europa. 

Menschen wie Laila Soliman und ihre wichtige Arbeit geraten deshalb oft in den Hintergrund, obwohl sie ein Beweis dafür sind, dass eine Revolution tatsächlich stattgefunden hat, eine geistige Revolution. In ihren Theaterstücken thematisiert Laila Soliman seit Jahren die zunehmenden Individualisierungsprozesse unter den jungen Ägyptern und deren Gefühl der Entfremdung im eigenen Land. In ihrem Stück Ghorba, also Fremde, behandelt sie u.a. die Krise einer jungen Frau, die von der eigenen Familie
verkannt wird und in einer verrückten Gesellschaft lebt, die sie nicht zwingt, ein Kopftuch zu tragen, sondern, sich nackt auszuziehen. Man merkt den Einfluss westlicher Literatur auf Laila sehr deutlich. Sie arabisiert aber die klassischen Texte nicht, sondern schreibt sie neu. Frank Wedekinds Stück Frühlingserwachen, das Ende des 19. Jahrhundert geschrieben wurde, interpretiert Laila Soliman neu und macht daraus ein ägyptisches Drama der Gegenwart über Jugendliche, die mit den Problemen psychischer
Instabilität und der gesellschaftlichen Intoleranz kämpfen und mit ihrer sexuellen Neugier konfrontiert werden. Auch wenn das Individuum für Laila immer im Mittelpunkt steht, sind ihre Werke immer politisch gewesen. Doch mit der Revolution in Ägypten wird Laila deutlich politischer. In ihrem aktuellen Werk „Lessons in Revolting“ dokumentiert sie in Tagebuch-Szenen die Ereignisse um die Revolution. Mit dem Sturz Mubaraks geht für Laila wie für viele junge Ägypter die Rebellion nicht zu Ende, denn
die neuen Machthaber am Nil knüpfen an den gleichen Methoden des gestürzten Diktators an: Einschüchterung, Zensur und Folter werden vom Militärrat gegen Aktivisten und kritische Stimmen systematisch angewandt. Auch das thematisiert Laila in ihren neusten Werken. Sie gibt jedem Folteropfer einem Namen und verleiht ihm eine Stimme. Dadurch legt sie sich mit dem Militärrat an, wo viele Medienmacher und Künstler sich nicht trauen, dies zu tun aus Angst vor Konsequenzen. Laila nennt dieses Stück fast
entschuldigend „No time for art“, da sie auf gewisse künstlerische Ästhetik verzichten muss und auf aktuelle Ereignisse dokumentarisch Bezug nimmt. Liebe Laila, ich finde, Du brauchst diese Entschuldigung nicht, denn in bewegten Zeiten, durch die Ägypten gerade geht, ist das was du machst „art at its best!“.  

Laila Soliman und die Tahrir-Generation sind der Beweis dafür, dass ein Paradigmenwechsel in Ägypten stattgefunden hat. Junge Menschen lösen sich langsam vom Fatalismus und wollen anders leben als die Generation ihrer Eltern. Sie interpretieren ihre Misere nicht mehr als den Willen Gottes, sondern als Ungerechtigkeit und sind bereit, dagegen vorzugehen, auch wenn sie ihr eigenes Leben dabei aufs Spiel setzen. Das tun sie nicht, um den Märtyrer Tod zu finden, sondern um in Würde und Freiheit zu leben.
Das ist neu, und das ist die beste Voraussetzung für eine Veränderung. Diese jungen Menschen sind aber keine Opfer, sondern Teil eines Konfliktes. Ja, der viel beschworene Kampf der Kulturen, der zwischen Orient und Okzident ablaufen sollte, findet nun innerhalb der arabischen Welt statt – zwischen den Kräften, die Öffnung und Modernisierung anstreben und denen, die für Selbstverherrlichung und archaische Weltbilder stehen.

Der Ausgang dieses inneren Kampfes der Kulturen wird entscheiden, ob Länder wie Ägypten, Tunesien und Libyen sich Richtung Demokratie entwickeln oder in politische Verwahrlosung verfallen werden. 

Wir sind nur einige Monate vom Anfang des arabischen Frühlings entfernt, und wir können nicht abschätzen, wohin die Reise führt. Nach fast jeder Revolution brechen die versteckten Krankheiten einer Gesellschaft aus, und Chaos und Gewalt bestimmen die Szene für eine Weile. 9 Monate nach Ausbruch der französischen Revolution gab es auch keine Demokratie in Paris. Auch nach dem europäischen Frühling von 1848 kamen erst die Rückschläge und die Konflikte. Deutschland war da kein gutes Beispiel.        

Und heute haben viele Europäer die Erschütterung des arabischen Erdbebens zwar gespürt, aber die Zeichen, die von der anderen Seite des Mittelmeers kommen, noch nicht verstanden und reagieren entweder ängstlich, ungeduldig oder gleichgültig. 

Aber Angst ist bekanntlich nicht der beste Ratgeber, auch nicht in unruhigen Zeiten. Vor allem die Angst, die uns lähmt und uns daran hindert, zu handeln. Selbstverständlich bergen die Umbrüche in den arabischen Staaten keine Sicherheit, dass sich dort tatsächlich Demokratie und Freiheit durchsetzen. Ein Erdbeben mag alte Häuser zum Einsturz bringen, garantiert allerdings nicht, dass an ihrer Stelle neue, bessere Häuser entstehen. Aber das Ende der Diktatur ist die Voraussetzung für einen staatlichen
und gesellschaftlichen Neuaufbau in der arabischen Welt. 

Blicken wir auf den Zusammenbruch der Sowjetunion und ihrer Satelliten, so stellen wir fest, dass Osteuropa nur durch die Beseitigung des kommunistischen Erbes und das Wachsen eines neuen Bewusstseins den schwierigen Weg in die Demokratie antreten konnte. Dies schafften die Osteuropäer nicht nur aus den eigenen Kräften, sondern auch mit massiver Unterstützung des Westens vor, während und nach dem Umbruch. Heute sind viele ehemals kommunistische Staaten Mitglieder der Europäischen Union und wichtige
Motoren des wirtschaftlichen Wachstums auf dem alten Kontinent.

Nicht geschafft haben den Weg in die Demokratie Staaten wie Weißrussland, Usbekistan, Tadschikistan und Turkmenistan, die nach dem Ende des Kommunismus in politische Lethargie verfallen sind und kaum neue demokratische Strukturen aufbauen konnten. Bald konnten dort auch die alten Eliten wieder an die Macht kommen, weil das demokratische Bewusstsein in diesen Staaten weder durch Bildung noch durch eine neue, demokratische Wirtschaftspolitik gefördert wurde. 

Die arabische Welt kann viel von der europäischen Erfahrung und dem Transformationsprozess lernen. Dafür müssen die Menschen begreifen, dass der Sturz der Diktatur erst der Anfang eines langen Weges ist. Ein demokratisches Bewusstsein kann nur wachsen, wenn die Diktatur auch in den Köpfen, in den Schulen und in den patriarchalischen Familienstrukturen eliminiert wird. Die Revolution gegen alte Rollenbilder, gegen die unversöhnlichen religiösen Denkmuster ist deshalb sogar noch wichtiger als die
Entmachtung der Despoten. Das Machtvakuum darf nicht durch eine neue Form der Bevormundung im Namen der Nation oder der Religion gefüllt werden. Für all das kämpfen viele junge Ägypter wie Laila Soliman und sie brauchen Unterstützung. Sie wollen gehört und ernst genommen werden. 

Es ist kein Geheimnis, dass Europa in der Vergangenheit immer auf das falsche Pferd in den arabischen Ländern gesetzt hat. Allianzen mit Diktaturen sollten für Stabilität in dieser Region sorgen und kurzfristige wirtschaftliche Vorteile bringen. Ich hoffe, dass Europa nun gelernt hat, dass Diktatoren keine Garanten für Stabilität, sondern die wirklichen Unruhestifter sind. Ich hoffe, dass man von nun an Menschen wie Laila Soliman, die für eine Zivilgesellschaft kämpfen, als Partner sieht, statt
Panzer an Saudi Arabien zu verkaufen. 

Langfristig kann Europa sich weder eine neutrale noch eine skeptische Haltung gegenüber den Entwicklungen jenseits des Mittelmeeres leisten. Nur echte, ernstgemeinte Partnerschaften, nicht bloß Almosen, können Europa vor den Gefahren eines ausgeuferten Umbruchs in der arabischen Welt schützen, und dem alten Kontinent, der so sehr auf Energielieferungen, Absatzmärkte und zunehmend auch auf Arbeitskräfte angewiesen ist, sogar eine neue wirtschaftliche Perspektive bieten.

Wenn sich Europa nicht als viel zu alt und unflexibel und die arabische Welt nicht als zu stur und dogmatisch erweisen, dann darf man hoffen! 

Ägypten braucht heute eine starke Sozialdemokratie und visionäre Politiker vom Kaliber Willy Brandts. Das gilt übrigens auch für Deutschland. Aber was wir in Ägypten auf jeden Fall haben ist eine junge Generation von mutigen Frauen wie Laila Soliman, die sich mit Ungerechtigkeit und Bevormundung nicht mehr abfinden will. Und diese Generation wächst täglich. Diese Generation hat keine Waffen außer der eigenen Stimme.

Liebe Laila, ich habe großen Respekt vor dir und vor deiner Arbeit. Dieser Preis ist für dich und für jeden Ägypter, der seine Stimme trotz aller Schikanen immer noch erhebt. Gib nicht auf! Ägypten braucht Menschen wie dich! Vielen Dank und herzlichen Glückwunsch!

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