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Ich habe die Nadel im Heuhaufen entdeckt

„Ich brauche die Herausforderung, meine Ideen selbst entwickeln zu können“, sagt die Modeunternehmerin Nadine Maier. Was sie außer Fashion noch macht, das hat sie uns im Interview verraten.

Was hast Du studiert?

Modedesign. Zuvor habe ich eine klassische Ausbildung zur Schneiderin in Düsseldorf gemacht, wonach ich in meine Findungsphase kam. Ich hatte erst überlegt in den journalistischen Bereich zu gehen, jedoch bin ich dafür nicht so begabt. Ich habe mich letztendlich für die Kreativbranche entschieden und in Mönchengladbach Modedesign studiert.  Anschließend einige Erfahrungen in der Film- und Theaterbranche gesammelt, Modeshows organisiert und Ausstellungen geplant. Dann habe ich mich bei einem Modeunternehmen, das für bekannte Konzerne u.a. T-Shirts produziert, in Köln beworben, um auch mal die industrielle Seite kennenzulernen.  In den zwei Jahren habe ich wahnsinnig viel gelernt.

Und danach hast Du Dich selbstständig gemacht?

Ja, richtig. Meine Chefdesignerin war bereits Mutter von zwei Kindern und konnte deshalb nicht mehr so häufig und lange reisen. Ich habe für sie dann die Geschäftsreisen beispielsweise nach Asien übernehmen müssen und durch die zahlreichen Auslandsreisen Erfahrungen und Erkenntnisse sammeln können. Ich habe vieles gesehen. Jedoch machte mir das Sitzen in Flugzeugen zu schaffen. Hinzu kam der Termindruck. Ich habe auch sehen müssen, unter welchen Bedingungen die Textilien in Asien hergestellt wurden. Das konnte ich mit meinem Leben und Gewissen auf die Dauer nicht vereinbaren.  Mir wurde klar, dass ich etwas anderes wollte: Ich wollte meine Selbstständigkeit.

Was ist der Reiz sich selbstständig zu machen?

Mein eigener Herr bzw. Frau zu sein. Ich kann bei meiner eigenen Firma FILDECOTON über alles selbst entscheiden. Es reizt mich herauszufinden, was ich kann und was ich noch nicht kann. Ich brauche die Herausforderung, meine Ideen selbst entwickeln zu können. Deshalb Selbstständigkeit. Ohne Dennis Bilousov, meinen Geschäftspartner, wäre es nicht möglich da zu sein, wo ich heute bin.

Was ist das Besondere an Deiner Selbstständigkeit?

Ich habe die Nadel im Heuhaufen entdeckt. Die Modeindustrie bietet viel: Als Konsument ist man dem Angebot seitens der Modefirmen machtlos ausgesetzt. Die meisten Kunden kennen sich mit Stoffen, Materialien und Qualität nicht ausreichend aus. Ich habe mir daher überlegt, was ich am besten kann. Da ich neben Modedesign auch noch Pilates praktiziere, entstand die Idee, beide Begabungen miteinander zu kombinieren. Ich wurde von einer Trainerin angesprochen, ob ich nicht ein paar Modelle entwerfen kann. Aus dieser Idee entwickelte sich eine Geschäftsidee und meine heutige Selbstständigkeit.

Ganz kurz für unsere Leserinnen und Leser, was ist Pilates?

Pilates ist eine Kraftsportkunst verbunden mit Yoga-Elementen. Durch physische Methoden und Techniken baut man durch Pilates innere Muskeln auf, die nicht nur für Balletttänzerinnen wichtig sind. Durch bestimmte Übungen werden gezielt Muskeln aktiviert. Pilates ist eine Frage der Disziplin. Die Menschen, die ich kenne und die Pilates machen, entwickeln sich zum Positiven. Sie werden selbstbewusster, offener und glücklicher.  Das ist eine spannende Sache, ich kann das nur empfehlen.

Pilates ist ja noch ziemlich unbekannt oder?

Das kann man so nicht sagen. Über Pilates gibt es sehr viele Informationen. Es gibt nur wenige Zahlen, Statistiken und wie viele Menschen die Methode ausüben. Man kann auch nicht sagen wie viele Studios es in Deutschland gibt. Ich habe auch zuvor Marktforschung betrieben, Seminare und Workshops besucht. Zahlen und Statistiken über Pilates zu bekommen ist etwas schwierig. Wenn Du ein Nagelstudio eröffnen möchtest, erhälst Du eine Fülle von Informationen. Über Pilates und insbesondere über Pilatesmode zu recherchieren war und ist deutlich schwieriger.

Wie kann man sich Deinen Arbeitsalltag vorstellen?

Ich arbeite täglich zehn bis sechszehn Stunden. Ich habe seit zwei Jahren keinen einzigen freien Tag (lacht). Ja, ich befürchte das nächste Jahr wird ähnlich aussehen. Als Selbstständige erlebe ich täglich Überraschungen, Überraschungen und nochmals Überraschungen. Wenn man denkt, es geht nicht mehr schlimmer, glauben Sie mir, ich habe da andere Erfahrungen gemacht, es geht immer schlimmer (lacht)! Die Arbeit wird mit der Zeit nicht weniger, im Gegenteil. Aber man muss damit leben oder man geht wieder zurück in eine abhängige Anstellung.  Als Unternehmerin braucht man Ausdauer, Geduld, Kraft und einen starken Glauben.

Was gefällt Dir an Deutschland?

Ich komme aus einem kleinen Ort in Sibirien. Dort hätte mein Leben ganz anders ausgesehen. In Deutschland wohnen zu dürfen bedeutet für mich persönlich Glück. Das Land bietet sehr viele Möglichkeiten. Man kann hier eine Ausbildung machen und anschließend studieren.

Ist Deutschland für Dich eine Einwanderungsgesellschaft wie Kanada?

Es kommt darauf an wie man es betrachtet. Mein soziales Umfeld in Deutschland sind meist Eingeborene. Ich arbeite gerne mit Deutschen zusammen. In Düsseldorf hatte ich auch viel mit Russischstämmigen zu tun. Die Arbeit mit gebürtigen Deutschen oder deutschen Firmen hat meiner Selbstständigkeit nicht geschadet. Das Gegenteil ist der Fall. Ich schätze die Zuverlässigkeit, klare Verhältnisse und die Qualität hier in Deutschland. Als Migrantin und Unternehmerin ist Deutschland optimal. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass hierzulande einem viele Türen geöffnet werden.

Was willst Du noch im Leben erreichen und wo sehen wir eine Nadine in zehn Jahren?

Vieles. Ich bin noch lange nicht am Ende. Ich bleibe selbstständig und vor allem auf dem Boden. Wohin ich mich noch künftig geschäftlich entwickeln werde, das kann ich heute nicht beantworten. Ich werde jedoch darauf hinarbeiten, dass ich mehr Freizeit für mein Privatleben bekommen werde, das wäre schön.

Das Interview führte Joel Cruz


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