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Mehr als Carpaccio-Kenner?

Migrationsforscherin Dr. Edith Pichler über den Marktwert der italienischen Kultur

“Gehen wir zum Italiener?” Der gebürtigen Italienerin passte mein Vorschlag gar nicht. “Gehen wir lieber in eine gemütliche Kneipina tedesca.” Eine deutsche Kneipe also. Oder eben eine Kneipina.

So traf ich die Migrationsforscherin Dr. Edith Pichler im Friedenauer Go Gärtchen. Während mich die schummerige Wohnzimmer-Atmosphäre des Lokals zu einem Cappuccino verleitete, liebäugelte die Wahlberlinerin mit Grünkohl und Pinkerl – und das um halb elf, an einem Montagmorgen. Letztendlich bestellte sie jedoch einen grünen Tee, ihr Lieblingsgetränk. Die perfekte Vorlage also, um über Italien-Klischees zu philophieren.

Über 60% der in Berlin lebenden Italiener sind in der Gatronomie tätig. Beschränkt sich das kulturelle Kapital der Italiener auf den Dauerbrenner der buona cucina?

 

Leider ist es so – oder man kann es auch positiv sehen – dass es so etwas wie eine ethnische Arbeitsteilung gibt: Italiener machen dies, Türken machen jenes, Griechen machen etwas anderes. In Deutschland wird Italienischsein vor allem mit Gastronomie assoziiert. Die Italiener haben ihre Chance genutzt und eine Nische besetzt. Wenn heute jemand sagt, er war beim Italiener, dann verstehen wir darunter, dass er in einem Italienischen Restaurant war. Da denkt man nicht an eine Ingenieursfirma. Italienische Gastronomen nutzen ihr kulturelles Kapital, um ein gewisses Ambiente zu erzeugen. Sie spielen mit der italienischen Sprache, die momentan in Berlin recht “in” ist , umwerben ihre Kunden mit möglichst authentischen Gesten und kulinarischer Expertise. Die Italiener wissen eben, wie man gutes Carpaccio macht. Oder was man mit Trüffeln anfangen kann.

Und bietet der ethnische Background noch mehr als eine Erfolgsgarantie im Carpaccio-Gewerbe?

 

Neben der Gastronomie im engeren Sinne, spielen auch komplementäre Sektoren wie der Import von Spezialitäten und Lebensmitteln eine wichtige Rolle. Die ethnische Ressource besteht hier insbesondere in der Kenntnis der Sprache, die den Kontakt ins Heimatland und damit zu heimischen Lieferanten erleichtert.

Natürlich gibt es darüber hinaus andere Branchen, in denen italienischer Lifestyle gefragt ist. Wenn es um Schönheit, Mode und Ästhetik geht, wird den Italienern vertraut. Mein Friseur ist zum Beispiel Italiener. Eigentlich ist es ein bisschen frivol, das ganze Italien-Klischee. Natürlich profitieren italienische Unternehmer im Ausland vom Marktwert dieses Italien-Images. Gleichzeitig sind es diese Stereotypen, die Einwanderer und ihre Nachkommen in eine Nische zwängen. Man muss aber trotzdem sagen, dass insbesondere hier in Berlin inzwischen auch Italiener in Übersetzungs- und Architektenbüros oder in der Kanzlei tätig sind.

Wie steht es nun mit den Italienern in Berlin? Sitzen sie in der ethnischen Sackgasse?

 

Berlin ist ein besonderer Fall Italienischer Immigration. Nach Berlin kamen nicht die typischen Arbeitsmigranten. Die Berliner Industrie hat eher spät angefangen, Migranten anzuwerben, das war dann schon die Zeit der Türken und der Griechen. Ende der Sechziger Jahre kamen die – wie ich sie nenne – “Rebellen” nach Berlin. Diese jungen Leute waren neugierig, fanden die Stadt interessant. Sie hatten ein ganz anderes Auswanderungsprojekt als die typischen Gastarbeiter und zum Teil auch ein größeres kulturelles Kapital. Man merkt das auch im Bereich der Gastronomie, die ganz anders betrieben wurde. Oftmals hatten die Immigranten selbst wenig Ahnung vom Kochen, doch sie hatten Erfolg, indem sie ihren Lokalen ein linkes Image gaben. Das war die Zeit, als der Eurokommunismus ganz hoch im Kurs stand. Ausstellungen und Lesungen umrahmten den gastronomischen Betrieb. Ein gutes Beispiel ist die Osteria Numero 1, die sich inzwischen gewandelt hat, weil die damaligen studentischen Betreiber mittlerweile Architekten und Professoren sind.

Seit einigen Jahren hat sich das Bild verändert. Heute ist die angebotene Italienische Küche deutlich elaborierter. Besonders schlaue Gastronomen haben sich auf eine lokale Küche spezialisiert und werben mit originalen Qualitätsprodukten ihrer Region. Das kommt bei der oberen Mittelschicht gut an.

Auch wenn die Gastronomie noch das wichtigste Beschäftigungsfeld für Italiener in Berlin ist, gibt es heute viele junge Italiener, die zum Studium nach Berlin kommen, oder weil sie in der Kreativindustrie arbeiten wollen.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Maximiliane Schwerdt.

 

Zur Person

Edith Pichler wurde 1960 in Bozen(Südtirol) geboren und wuchs im Trentino auf. Anfang der 80er Jahre kam sie nach Berlin, wo sie an der Freien Universität Politikwissenschaft studierte und im Jahr 1995 promovierte (“Migration, Community-Formierung und ethnische Ökonomie: Die italienischen Gewerbetreibenden in Berlin”). Ihre Forschungsprojekte sind ethnische Ökonomie, Migration und Alter, Symbolische Exklusion von Migranten, lokale Entwicklungspolitik, sowie Bildungserfolg von Migranten. Derzeit lehrt sie am Otto-Suhr-Insitut für Politikwissenschaften und an der Universität Potsdam am Institut für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.

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