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Ich kann auch deutsch!

André Degbeon kam 1982 nach Deutschland und ist heute Geschäftsführer und Produzent von AFRO TV BERLIN, der ersten afrikanischen TV-Sendung in Deutschland. Desweiteren ist er Vorstandsmitglied im Migrationsrat Berlin-Brandenburg. Ähnlich wie migration-business bevorzugt er eine positive Berichterstattung, um die Chancen von Migranten in Deutschland stärker hervorzuheben.

Sie selbst sind der Geschäftsführer und Produzent von AFRO TV BERLIN. Was ist AFRO TV und was tun Sie?

AFRO TV Berlin ist eine Fernsehinitiative, die 2003 anfing, um das Image von afrikanischen Menschen in der deutschen Öffentlichkeit zu verbessern. Wenn wir wie bisher fast nur negative Berichterstattung haben, erscheint es nicht möglich sich auf Augenhöhe einander zu begegnen.  Wir verfahren daher nicht wie die meisten anderen Berichte, sondern haben uns zur Aufgabe gemacht, positiv über Afrika in den Medien zu berichten.

Welchen Beitrag haben Sie mit AFRO TV bisher geleistet? Auf welche Erfolge können Sie zurückblicken?

Wir haben sehr viele Beiträge: Damals hat es angefangen mit Projekten von Afrikanern und Afrikanerinnen, die hier in Deutschland leben und die sich in Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) organisiert haben. Wir wollten unsere Tätigkeiten zur Schau stellen, damit man nicht immer das falsche Bild im Kopf hat, dass Afrikaner bzw. Migranten meist sozial schwach sind. Ich habe dann angefangen mit verschiedenen Geschäftsleuten zusammenzuarbeiten: Ich bin zu afrikanischen Läden gegangen, habe afrikanische Akademiker interviewt, also Ärzte, Architekten, Anwälte und andere. Daraus habe ich dann Biographien erstellt und im offenen Kanal gezeigt. Darüber hinaus haben wir uns an runden Tischen zusammengesetzt und viel über Politik und Aktuelles diskutiert. Dann kam die Zeit, in der viele Botschafter nach Berlin kamen, was wiederum unsere Arbeitsweise verändert hat, das bedeutet wir haben uns nicht mehr nur der Zivilgesellschaft zugewandt, sondern auch den diplomatischen Kreisen, mit denen wir momentan auch intensiv zusammenarbeiten.

Ihren Sender kann man also auf dem offenen Kanal empfangen?

Nein, wir waren 2003 auf dem offenen Kanal.  2003 bis 2005 haben wir ausschließlich  ehrenamtlich gearbeitet. Irgendwann kam ein Bericht vom Medienrat MABB, in dem mich der ehemalige Direktor Herr Linke darum gebeten hat, AFRO TV Berlin einen Bericht zu erstellen über die bisherigen Tätigkeiten und Sendungen auf dem offenen Kanal. Daraufhin kam die Vorsitzende zu mir und war begeistert über die Vielzahl an afrikanischen Berichten. Sie wusste vorher nicht, dass es solch ein afrikanisches Fernsehen gibt und erwähnte eine Freundin von ihr, die aus Kenia kam und sich darüber beschwerte, dass in fast jedem Bericht nur etwas Schlechtes über Afrika zu hören ist. Dann kam die Frage der Wirtschaftlichkeit auf und wir erfuhren durch sie von einer Stelle, bei der man sich mit einem Geschäftsplan für einen Sendeplatz bewerben konnte, um eine Lizenz zu erhalten. Seitdem haben wir eine Sendelizenz, die noch bis 2012 gültig ist. Wir senden seitdem auf dem Spreekanal und unserer Homepage, nur ist dies im Gegensatz zum offenen Kanal kostenpflichtig, das bedeutet, dass wir die ganze Ausrüstung wie Kamera, Stativ und Mikrofon nicht mehr kostenfrei verwenden dürften.

Und wie verdienen Sie Ihr Geld, seit Sie wirtschaftlich tätig geworden sind?

AFRO-TV-Berlin ist nicht nur eine Sendeanstalt, sondern wir betreiben auch Film- und Videoproduktion. Das bedeutet, dass wir Botschaften anbieten, wenn sie nationale Feiertage haben oder wichtigen Besuch empfangen, Videodokumentationen für sie zu erstellen. Innerhalb dieses Angebots bieten wir auch die Möglichkeit zur Sendung des Berichts im Fernsehen an.

Und warum haben Sie sich dafür entschieden einen eigenen Sender ins Leben zu rufen, statt einen Platz in den bereits bekannten und etablierten Sendern wie z.B. ARD oder ZDF zu suchen? Dadurch würden womöglich noch mehr Menschen von Ihren Ideen erfahren.

Das sind bloß Träume: Die Medienlandschaft ist vergleichbar mit einem Fluss, den mehrere Krokodile bewohnen. In diesem kleinen Fluss mit so vielen Krokodilen, bekommen diejenigen etwas zum Fressen, die die Stärksten sind. Wir als kleine Krokodile oder Fische haben da das Nachsehen. Außerdem habe ich bereits Sender wie RTL angeschrieben. Doch dort hieß es wie meistens: „Ihr Konzept passt nicht zu unserer Sendung!“ Ein Direktor hatte mich sogar darauf hingewiesen, dass sie Gesellschafter haben, die mit dem Image, das wir dort präsentieren wollen, gar nicht einverstanden sind. Überdies haben ARD, ZDF und andere großer Sender bereits feste Sendezeiten mit festen Programmen. Will man dort eine Sendung platzieren, kostet das viel Geld und Vorbereitung. Wir können tun und lassen, was wir wollen. Die Leute sprechen häufig davon, dass sie Migranten in Deutschland helfen, was jedoch nicht der Tatsache entspricht! Man hält uns ein wenig Wasser hin, um zu überleben und geht davon aus, dass wir damit vollkommen zufrieden sind. Wir bekommen erfahrungsgemäß auch keine Kredite und uns wurde gesagt: „Aber der Deutsche würde in diesem Fall den Kredit auch nicht erhalten“, um die Frage der Herkunft zu relativieren.

Sie kamen in den 80er Jahren von der Elfenbeinküste nach Deutschland. Wie ist Ihre Beziehung zu ihrem Geburtsort und Ihrer Wahlheimat Deutschland?

Als ich noch in Afrika lebte hatte ich ganz andere Vorstellungen und Visionen, als das was ich bei meiner Ankunft in Europa erlebt habe. In Afrika wurde uns bereits in der Schulzeit vermittelt, dass Europa immer etwas Übererlegendes hat. Die Europäer sind nie arm und meist besser als wir selbst. Und dann kam ich nach Europa und entdeckte plötzlich mir völlig Unbekanntes. Ob in der U-Bahn oder auf der Straße gab und gibt es Menschen die bedürftig sind und betteln. Jemand der Afrika nie verlassen hat, könnte sich das niemals vorstellen und würde das nicht glauben. Diesen Unterschied habe ich hier festgestellt und daher gemerkt, dass ich genauso wie der Europäer mir einen Weg nach oben bahnen kann.

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Und konnten Sie Heimatgefühle für Deutschland entwickeln?

Es kommt drauf an, wie man „Heimat“ definiert. Wenn ich im Ausland bin, nehme ich zur Kenntnis, dass ich in einem fremden Land bin und nehme daher auch alle Schwierigkeiten in Kauf. Das bedeutet, dass ich mir bewusst mache, dass ich nicht mehr zu Hause bin, also dort wo ich geboren und aufgewachsen bin. Die Folge ist auch, dass mich einige Menschen mögen werden, andere wiederum nicht. Ich muss jedoch versuchen mit diesen Menschen langfristig zu leben.

Was können wir in Europa oder auch in Deutschland von Afrika lernen?

Ich denke vor allem in politischer Hinsicht. Hierbei meine ich besonders die Heterogenität und Vermischung von verschiedenen Kulturen. Deutschland hat viel von den unterschiedlichen Migranten gelernt, obwohl in der Politik immer noch andere Töne fallen, wie besonders im Zuge der Sarrazin-Debatte. Wer den positiven Beitrag nicht wahrnehmen möchte, verweigert sich einem bereits laufenden Entwicklungsprozess. Änderungen verwirklichen sich sobald etwas Neues in Erscheinung tritt, wir auf etwas vorher Fremdes stoßen, unabhängig davon, ob es sich dabei um einen Afrikaner, Chinesen, Deutschen oder Franzosen handelt. Migration ist heutzutage ein Phänomen, das wir nicht mehr ignorieren können. Wir müssen uns nur Berlin ansehen: Wir haben beim Migrationsrat festgestellt, dass Berlin mit etwas mehr als vier Millionen Einwohnern fast zwei Millionen Menschen mit Migrationshintergrund beherbergt. Dabei spielt es auch eine sekundäre Rolle, ob man seinen Namen ändert, denn der Migrationshintergrund bleibt. Ich würde es begrüßen, wenn die Menschen ihre wahre Identität darstellen würden. Aber nicht um zu sagen: Ich bleibe, was ich bin, sondern auch zu vermitteln: „Ich kann auch deutsch und bin bereit mich zu ändern.“ Das ist das Wichtigste!

Letztes Jahr, um ein interessantes Erlebnis zu schildern, war ich in Ostdeutschland eingeladen, um einen Vortrag vor neuen deutschen Rekruten für den Wehrdienst zu halten. Das waren überwiegend Jugendliche, denen ich vorgetragen habe, was Begriffe wie Diaspora und Migration bedeuten. Für die Gruppe von ungefähr 30 Leuten, von denen der älteste gerade mal 32 war, habe ich einen Film von AFRO-TV vorbereitet. Das Interessante bestand darin, dass ich das Publikum erst gebeten hatte, sich zur Wand zu drehen und nicht den Film anzusehen. Nachdem ich den Film abgespielt hatte, haben sie sich wieder umgedreht und ich fragte in die Runde: „Wer glauben Sie hat die Moderation gemacht? War es ein Deutscher oder nicht?“ Die Antworten folgten schnell: „Natürlich ist das ein Deutscher“, ich hakte nach:  „Seid Ihr euch ganz sicher?“, worauf folgte: „Man hört das doch!“ Dann spielte ich den Film nochmal ab und es erschien eine schwarze Moderatorin, da fragte ich gespannt: „Und? Ist das eine Deutsche?“ Das sorgte schließlich für Verwirrung im Raum.

Vielen Dank für das Interview.

 

Das Interview führte Dario Mohtachem

 


1 Kommentar

  1. Marlies

    Aufschlussreiche Hinweise! Ich werde mich damit in Zukunft mehr auseinandersetzen! Bin gespannt auf neue Beitraege!

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