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Ein toskanisches Märchen

Mittwochabend, 18 Uhr. Vom Regen getrieben eile ich die Marburger Straße hinunter, auf der Suche nach dem Bacco, dem toskanischen Gourmettempel mitten in Berlin. Gefunden.

Ich lehne mich gegen die schwere Tür und gelange in einen wohlig warmen, holzgetäfelten Gastraum. Es kommt mir vor, als sei ich durch eine Zeitschleuse gegangen. Unweit der Gedächtniskirche, wo sich ein Geschäft an das nächste reiht, wo sich bei Zara und H&M Touristentrauben stauen – unweit von alledem öffnet das Bacco ein Tor in eine andere, romantischere Zeit, in das intellektuelle, charmante Berlin der 70er Jahre. Ich bin mit dem Inhaber, Massimo Mannozzi, verabredet, seit 44 Jahren Berlins bedeutenster italienischer Gastronom und darüber hinaus ein echter Kulturbotschafter.

Mannozzi empfängt mich in seinem Büro. Während im übrigen Lokal strenges Rauchverbot gilt, um den Gästen den Genuss der Speisen nicht durch unsägliches Gequalme zu verderben, fährt Mannozzi in seinem Büro eine eigene Politik: Er empfängt mich mit glühender Zigarre, sein Markenzeichen. Hinter dem grauen Dunst an einem Antik-Schreibtisch sitzend wirkt Mannozzi fast surreal, filmisch inszeniert. Ein Blick auf den Bildschirm seines Apple-Computers holt mich zurück in die Gegenwart. Mannozzi bucht bei Easyjet. Modern, online und wie ein Mann des 21. Jahrhunderts.

Seinem Kavalierstitel, an den ein kleines Abzeichen auf der linken Brust erinnert, wird er gerecht: Unser Gespräch findet nicht etwa im Büro statt, sondern zu Tisch, bei Wein, italienischer Musik und hervorragendem Essen. Mannozzi verbindet gern Arbeit mit Vergnügen, vielleicht ist das der Schlüssel zu seinem Erfolg. Fangen wir jedoch am Anfang an.

Ein junger Mann aus der Toskana, gerade 16 Jahre, arbeitet als Küchenhilfe auf einem Frachtschiff. Er findet Gefallen an dem Job, erntet viel Lob. Nach 16 Monaten auf See strandet er erneut auf europäischem Festland und besucht eine Hotelfachschule. Dank seiner überragenden Leistungen bekommt Mannozzi bald die Möglichkeit, in die Schweiz zu gehen. Er nimmt an. Hier lernt er seine spätere Frau Monika kennen, eine Berlinerin. So zieht es ihn nach Deutschland, wo er zunächst als Koch in einem englischen Militärstützpunkt , dann in einem Restaurant arbeitet. Nach einer Zwischenetappe in Kassel kommt Mannozzi schließlich nach Berlin. Und hier beginnt, 1968 im Jahr und Zentrum der studentischen Revolten, die einzigartige Erfolgsgeschichte Mannozzis und seines Tempels, dem Ristorante Bacco. Es soll keine Pizzeria werden, keine Spaghetti-Bar. Mannozzi will ein Stück seiner toskanischen Heimat mit den Berlinern teilen. Gutes aber einfaches Essen, genuine Produkte und gemütliches Ambiente sind sein Geheimnis. Holztäfelungen, Bast – und Korbverschalung, Bestuhlung, Tresen – einfach alles lässt der anspruchsvolle Jungunternehmer aus seiner Heimat einfahren. Wenn jemand heute, mehr als vierzig Jahre später, etwas am historischen Intérieur ändern wollte, so hätte er keine Chance. Da ist Mannozzi konservativ – und seine Gäste lieben ihn auch dafür. Der Name des Restaurants ist dem römischen Weingott Bacco entliehen und sagt alles aus, was für Mannozzi zum guten Leben gehört: Gutes Essen, frohes Trinken, Frauen und freudiges Beisammensein.

Es erreicht uns der erste Gang. Pappardelle, eine breite handgemachte Pasta, serviert an feinem Entenragout. Einen Moment genießen wir schweigend. Am Nebentisch wird ein Pfefferfilet flambiert. Seit 44 Jahren nur im Ristorante Bacco zu haben, erklärt mir Mannozzi.

Wer die randvollen Gästebücher durchstöbert oder die zahlreichen Bilder von prominenten Besuchern und Freunden des Bacco bewundert, der versteht schnell, dass Mannozzis Geschichte nicht bei exzellenter Küche serviert an toskanischen Holztischen endet. Sophia Loren und Claudia Cardinale, die Musen des Stargastronomen, strahlen den Beobachter von jeder Ecke des Lokals aus an. Daneben hängen auch Fotos amerikanischer Stars wie Pierce Brosnan, oder deutscher Sternchen wie Til Schweiger und Veronika Ferres, Italienischer Sänger wie Andrea Bocelli und Adriano Celentano und sogar Politiker von Willy Brandt, über Walter Scheel, bis hin zu Helmut Kohl und Walter Momper. Sie alle waren im Bacco, meist mehrmals, und sie alle kennen Mannozzi, der für seine Lieblinge auch mal privat kocht, wie zum Beispiel Anfang der 70er Jahre für Romy Schneider und Bruno Ganz.

Mannozzi ist durch seinen Filmpreis bekannt geworden, den „Premio Bacco“, den er stets parallel zur Berlinale bei seiner Gala, der „Notte delle Stelle“ (Nacht der Sterne) im Maritim-Hotel verleiht. Die Idee zu diesem Erfolgskonzept ist in einer kleinen Runde von italienischen Filmkritikern entstanden, anfangs scherzhaft, aber mit viel Potenzial, wie Mannozzis Unternehmergeist ihm zuflüsterte. Die erste Preisträgerin, Sophia Loren, gibt dem Premio seinen Spitznamen, Sophia. Aus den 40 Gästen der ersten Stunde ist bis heute ein Meer von Interessenten geworden, welche den Cavaliere Mannozzi bereits Wochen vor dem eigentlichen Vorverkaufstart nach Karten fragen. Mannozzi verbringt den Sommer in der Toskana, ganze sieben Monate arbeitet er im Familienhotel, welches derzeit seine Tochter führt. Zurück in Berlin stürzt er sich sofort auf die Organisation seiner Gala. Das nimmt 4 Monate Arbeit in Anspruch und fordert auch seine Sektretärin, Barbara. Mannozzis Augen funkeln beim Gedanken daran. Gerade organisiert er die zwanzigste Nacht der Sterne und wenn es nach ihm ginge, könnten weitere zwanzig folgen. Er wird nie in Rente gehen. Dafür arbeitet er zu gern.

Mannozzis Marke ist mittlerweile weltweit bekannt. Das Bacco ist zum Franchising geworden – sowohl auf Zypern als auch auf Kos und im russischen Samara gilt der Name heute als Symbol toskanischer Genusskultur.

Jetzt kommt der Fisch, gedünstete Dorade an knackigem Broccoli, lecker und leicht, italienisch eben.

Beim genaueren Blick auf seine Jacketjacke fällt mir auf, dass neben dem italienischen Cavaliere-Abzeichen ein zweites prangert, nämlich das Bundesverdienstkreuz. Mannozzi ist nicht nur Gastronom, Unternehmer und Prominentenvater. Er ist auch und vor allem Kulturbotschafter. Vor über 20 Jahren hat Mannozzi den Gesprächskreis „Incontri Berlinesi“ ins Leben gerufen. Dreimal im Jahr werden hierzu der Italienische Botschafter und andere wichtige Persönlichkeiten des deutsch-italienischen Lebens der Hauptstadt geladen, die sich mit dem jeweiligen Gast – beim letzten Mal war es Franco Stella, seit 2008 Architekt des Berliner Schlosses- austauschen. Als Berliner Präsident der Kulturorganisation „Lucchesi nel Mondo“ (Einwohner der Stadt Lucca in der Welt) wahrt Mannozzi außerdem den Bezug zu seiner toskanischen Heimat und trägt deren Lebensgefühl in die Welt hinaus.

Bei einem am Tisch zubereiteten Zabaione lassen wir das herrliche Abendessen ausklingen. Wir kehren zurück ins Büro. Endlich zündet sich Mannozzi seine Zigarre an. Jetzt macht alles Sinn. Mannozzi ist ein Genießer, ein Multitasking-Talent, ein moderner Unternehmer, der die deutsch-italienischen Tugenden Fleiß und Gemütlichkeit zu seinem Erfolgsrezept gemacht hat.

 

Text: Maximiliane Schwerdt.

2 Kommentare

  1. Hilmar

    Sehr schön, beim lesen meint man das ganze gerade selst zu entdecken.

  2. Glinkowski

    interessant, da müssen wir unbedingt mal hingehen

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