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Iskandar Widjaja, hier trifft Klassik auf Moderne

Bereits im Alter von drei Jahren hat Iskandar Widjaja das Geigenspiel für sich entdeckt. Heute ist er ein aufstrebender Solist, der in der Welt unterwegs ist und die Menschen mit seiner Musik verzaubert. In seinem neuen Album „Bach ‚N‘ Blues“ vereint er die unterschiedlichsten Musikstile miteinander. Wir haben Einblicke in das Denken und die Erfahrungen des Künstlers gewagt, der erst kürzlich in der Laeiszhalle in Hamburg ein ausverkauftes Silvesterkonzert gegeben hat.

Hallo Iskandar – Du bist heute ein international bekannter Violinist. Wie kamst du ausgerechnet auf die Violine? Und was ist das Besondere an der Geige im Gegensatz zu anderen Instrumenten?

Ich finde, dass die Violine der menschlichen Stimme am nächsten ist und dass man dadurch einen sehr persönlichen Draht zur Musik hat. Man hört die Persönlichkeit in der Tongebung und der Klangfarbe. Und das unterscheidet die Geige von anderen Instrumenten.
Ich habe mit der Geige angefangen, weil ich im Alter von drei Jahren auf ein Kinderkonzert gegangen bin. Dort waren kleine Kinder, die mit der Suzuki-Methode auf der Geige vorgespielt haben und ich war so fasziniert davon, dass ich um eine Violine gebeten habe.
Das ist auch nicht verwunderlich: Meine Mutter ist Pianistin, ein Onkel von mir Dirigent, eine Tante Balletttänzerin und mein Großvater ein berühmter Komponist in Indonesien.

Im Alter von vier Jahren hast Du mit dem Violinspiel angefangen. Wie waren deine Erfahrungen auf der „ersten Geige“?

Meine Lehrerin war sehr streng, schaffte es aber zugleich, dass ich Spaß an der Sache fand. Meine Mutter hat mich zudem jedes Mal belohnt, wenn ihr etwas gefallen hat oder ich etwas gut gemacht habe. Sie hat mir auch viele Geschichten erzählt, zu denen ich dann etwas gespielt habe. Alles verlief sehr spielerisch, aber brachte schon viele Herausforderungen mit sich. Sie hat nicht locker gelassen und mich immer wieder zum Spielen motiviert. Es war eine gute Mischung aus Spaß und Disziplin. So richtig angefangen mit dem Üben habe ich aber erst als Jungstudent im Alter von elf Jahren an der Hanns Eisler-Hochschule für Musik in Berlin.

Wie du selbst in einem Portraitfilm von Dir sagst, bezeichnest Du Dich nicht gern als „Wunderkind“, weil man sonst nicht die Arbeit und Übung wahrnimmt, die Du hinter Dir hast.

Ganz genau! Ich denke, um erfolgreich zu sein, gehören 80 Prozent Arbeit und 10-20 Prozent Talent dazu. Es ist einfach so, dass die Technik der Geige sehr schwierig ist. Diesen Arbeitsprozess kann man auch mit Talent nicht überspringen. Man muss Feinheiten wie die Intonation üben, die Abstände zwischen den Tönen ausmessen – es ist eine wahrhaft wissenschaftliche Arbeit. Wenn dann die Inspiration nicht vorhanden ist und einem Leidenschaft und Hingabe fehlen, macht es auch keinen Sinn. Aber zuerst kommt die Arbeit, dann das Vergnügen, erst muss man die Geige kennenlernen, bevor man zur Kunst gelangt und seine Fantasie umsetzen kann.

Das klingt nach einem harten Stück Arbeit. Viele Menschen haben durchaus hohe Ziele und Träume, aber oftmals scheitern sie an der nötigen Disziplin oder dem Antrieb, etwas umzusetzen. Woher kommen bei Dir dieses Feuer, diese Begeisterung und die Leidenschaft für die Musik?

Also ich denke man sollte nicht zu früh mit zu viel Druck anfangen, sonst tötet man viel von der Energie und Leidenschaft, die man für sein Instrument aufbringen muss. Der Start ist wichtig: Dass man anfängt mit einer Mischung aus Freude und Herausforderungen. Gerade bei Kindern merke ich: Kinder scheinen zwar meist nur Spielen zu wollen, aber wenn sie dann doch mal herausgefordert werden, dann sind sie angestachelt und motiviert, das auch gut zu machen. Das merke ich bei meinem kleinen Bruder. Natürlich guckt er gerne Fernsehen und macht es sich gemütlich. Aber wenn wir uns mal ans Klavier gesetzt und einen bestimmten Teil geübt haben und ich hartnäckig gesagt habe: „Nein das ist so noch nicht gut, das muss du nochmal üben.“ – dann wollte er immer wieder am Klavier üben, um sich zu verbessern.

Menschen sind nämlich meiner Überzeugung nach von Natur aus faul. Erst wenn sie herausgefordert werden, können sie viel leisten und schaffen. Menschen wollen nämlich auch gut in etwas sein und das sorgt für eine gewisse Ambivalenz, die sie wiederum aus ihrer Faulheit befreien kann. Sie müssen Blut geleckt haben, etwas für sich entdeckt haben, dann sind sie auch bereit etwas dafür zu tun.

Ich glaube das zeichnet einen guten Lehrer aus: Er schafft die richtige Balance zwischen Lob und Tadel, um somit in dem Schüler das Feuer zu entfachen, die Kunst bis zur Perfektion zu treiben. Jeder Schüler ist anders, somit muss der Lehrer auch verschiedenartig reagieren und dazu gehören  psychologische Kenntnisse.

Auf jedem Weg gibt es Höhen und Tiefen.  An welches schönste Erlebnis und an welchen schwierigsten Moment in der Vergangenheit kannst Du Dich zurückerinnern?

Die schönsten Momente sind immer die Momente gewesen, in denen ich gut gespielt habe und das Gefühl hatte, mein Publikum erreicht zu haben.  Manchmal geschieht so etwas in unerwarteten Momenten. Man kann Inspiration nicht erzwingen. Man kann sich noch so perfekt vorbereiten, man mag das Stück auswendig kennen, aber Inspiration ist eine Sache, die sich manchmal irgendwie entzieht. Ich war einmal mit Freunden auf Bali in einem Jazzclub. Wir hatten dort viel Spaß und schließlich entschied ich mich die Chaconne von Bach zu spielen. Die Chaconne gehört zu den klassischen Stücken, die am schwierigsten zu spielen sind und auch von der Analytik her ist sie eines der anspruchsvollsten Stücke in ihrer Struktur. Ich hatte mich nicht wirklich vorbereitet – es war kein Konzert oder etwas Vergleichbares, sondern eher ein spontaner Spaß. Ich spielte das Stück und merkte gleich vom ersten Ton an, dass irgendwie etwas Besonderes in der Luft war. Ich hatte gar nicht so sehr das Gefühl, dass ich viel mache, als dass ich vielmehr selbst Instrument für dieses Stück wurde. Ich war einfach nur begeistert mir selbst zuzuhören. Und solche Momente brennen sich in dein Gehirn, in dein Gedächtnis ein. In diesem Moment hatte ich das Stück, die Musik wirklich durchdrungen. Die schlechtesten Momente sind natürlich die Momente, in denen es nicht so gut klappt (schmunzelt). Wenn wir Musik gemacht haben, aber es nicht wirklich rübergekommen ist. Glücklicherweise passiert das nicht oft.

Du sagst, dass man beim Geigenspiel die Persönlichkeit einer Person heraushören kann. Hast Du selbst einen eigenen persönlichen Stil, an dem man Dich erkennt?

Ich denke, man muss wie ein Schauspieler in der Lage sein, eine möglichst große Bandbreite an Gefühlen und Emotionen ausdrücken zu können. Jedoch finde ich, dass man beim Spielen der Klassik seine eigene Persönlichkeit ein wenig zurücknehmen und das Stück sprechen lassen muss. Wenn ich spiele versuche ich, so wie auf Bali nicht selbst zu sprechen, sondern das Stück durch mich sprechen zu lassen. Erst dann habe ich das Gefühl, dass es richtig ist. Ich muss irgendwie eine Balance finden: Es gibt einen Komponist, der dieses Werk geschrieben hat, es gibt mich, der dieses Werk interpretiert und es gibt die Geige, die von sich aus auch eine Klangfarbe hat. Da ein richtiges Gleichgewicht reinzubringen, ist sehr wichtig. Es darf nicht alles nach Iskandar Widjaja klingen, sondern es müssen noch Beethoven oder Bach zu finden sein. Demzufolge denke ich, dass ich schon einen gewissen Wiedererkennungswert in der Klassik habe, aber ich möchte auch ein Diener der Klassik sein. Das Schöne daran ist, dass man sich manchmal auch zurücknehmen und eine Art Demut als klassischer Künstler haben kann. Es geht nicht nur um einen selbst, sondern man kann auch einer Sache dienen. Das ist sehr angenehm, um dem ständigen Egotrip zu entkommen.

Hast Du Vorbilder, denen Du dienen kannst?

Ich würde nicht von Vorbildern sprechen, sondern mehr von Menschen, die mich inspirieren. Das beschränkt sich nicht nur auf den Bereich der Klassik. Ich finde, dass viele klassische Künstler aufpassen müssen, nicht in eine traditionelle Elite-Gruppe gepresst zu werden. Wir leben in der heutigen Zeit und wir müssen auch für Neues zugänglich sein. Ich höre in meiner Freizeit viel populäre Musik aller musikalischen Richtungen. Teile dieser Musik geben mir auch viel Inspiration für mein Spiel, weil ich zeitgemäß klingen möchte. Die Leute sollen sagen: Das ist einer von uns, mit dem können wir etwas verbinden! Eins meiner größten Idole in der Popszene ist Beyonce Knowles, ich finde dass sie klasse singt und eine wahnsinnig gute Bühnenausstrahlung hat. Ich denke hier sollte man nicht zu sehr unterscheiden zwischen Pop- oder Klassik-Künstlern, denn im Endeffekt sind sie alle Menschen, die gute Musik gestalten. Ich möchte beides verbinden und gute Musik machen.

Das passt auch sehr gut zu Deinem neuen Album, das sich „Bach ‚N‘ Blues“ nennt. Wie würdest Du die Musik in wenigen Worten beschreiben und wie kommt Bach mit Blues zusammen?

Das passt gar nicht zusammen und das finde ich auch gut so, weil ich eben mit diesem Album zeigen wollte, dass ich in der Lage bin, ganz verschiedene Musikstile in der Klassik auszudrücken. Das sind alles klassische Stücke. Aber sie sind doch unglaublich verschieden: Es liegen Welten zwischen der Chaconne von Bach, die ein sehr traditionelles, konservatives Stück ist und einer französischen Sonate von Francis Poulenc, die sehr stark vom Jazz beeinflusst ist.
Ich wollte mich nicht einschränken lassen und Musik nur in einem Stil machen, sondern zeigen, dass ich viele Gesichter habe. Das Album soll diese Kontraste zum Ausdruck bringen.

Du bist in vielen Ländern der Welt unterwegs: Gibt es von Seiten des Publikums unterschiedliche Reaktionen auf deine Musik?

In der Tat! Sie ist eine Erfrischung in Asien. Die Leute wissen nicht wirklich etwas mit Klassik anzufangen. Sie können das nicht wie hier in eine Schublade pressen. Und das ist gut! Vor allem weil sie dann nicht wie viele denken: Klassik ist etwas für das ältere Publikum und langweilig. Sie wissen nicht worum es geht und sind zunächst neugierig. Wenn ein junger Mensch, mit dem sie innerlich eine Verbindung aufbauen können, schließlich diese Lieder interpretiert und sein Feuer einbringt, dann kommen sie gar nicht dazu zu sagen: Klassik ist langweilig, Klassik ist für ältere Menschen. Das ist für sie etwas Frisches und sie reagieren so, wie ich es eher von einem Popkonzert erwarten würde. Sie zeigen ganz direkt, dass es ihnen gefällt.
Es ist aber immer wieder interessant, wie Menschen auf meine Musik reagieren. Wenn ich in Deutschland spiele, ist das Publikum sehr still und konzentriert. Dann ist auch mein Spiel sehr konzentriert, ernsthaft und rhythmisch. Spiel ich dagegen in Indonesien, so kann ich die Gefühle der Menschen in ihren Gesichtern ablesen: Mein Spiel wird dadurch gefühlvoller, fantasievoller, freier und teilweise auch chaotischer. Ich fand es sehr interessant zu beobachten, wie ich selbst auf die Energie des Publikums reagiere. Das ist jedes Mal unterschiedlich!

 

Bleibt neben der Musik auch noch Zeit für andere Hobbys oder Sport?

Ich als klassischer Musiker finde Sport unglaublich wichtig. Mit der Violine hat man nicht gerade die natürlichste Haltung. Man hält die Geige sehr einseitig links. Deswegen müssen wir leider viele Ausgleichsbewegungen für den Rücken machen. Aber ich mache auch gerne Sport, weil ich sehr oft reise und das Gefühl habe, am Ende einer Tournee sehr erschöpft zu sein. Es ist nicht nur psychisch, sondern auch physisch eine große Herausforderung jeden zweiten Abend ein Violinkonzert zu spielen. Man muss körperlich sehr fit sein, um überhaupt dort zu stehen, die Kraft dazu aufzubringen. Deswegen ist Sport elementar für mich und ich versuche jeden zweiten Tag ins Fitnessstudio zu gehen, um mich in Form zu halten. Dafür habe ich schon sämtliche Fitnesskurse ausprobiert und bin auch hier sehr offen für Abwechslung.

Du wurdest mehrfach mit Preisen ausgezeichnet und warst bereits auf internationaler Tournee durch Österreich, Italien, Belgien, Spanien, USA und Indonesien. Was ist das für ein Gefühl, wenn Du auf der Bühne stehst, die Violine an den Hals legst und anfängst zu spielen? Kannst Du deine Gefühle und Emotionen in diesen Momenten beschreiben?

Ich habe immer das Gefühl, eine Art Botschafter zu sein, wenn ich durch die Welt reise und allen möglichen Menschen und Kulturkreisen meine Musik nahe bringe. Ich habe eine „Message“, die ich an die Welt geben will und ich kann gar nicht anders! Ich muss es tun! Ich habe das Gefühl, dass etwas in mir brennt und raus will. Es ist wie eine unsichtbare Macht, die mich dazu zwingt für andere Leute zu spielen. Dafür bin ich hier auf der Erde, das ist meine Bestimmung.

Und wenn das alles so weitergeht, wo siehst Du Dich in 15-20 Jahren?

Ich mache so weiter wie bisher, denn ich kann mir ein Leben ohne die Violine, ohne die Bühnen und ohne meine Konzerte nicht mehr vorstellen. Das ist für mich seit meiner Kindheit Teil meines Lebens und ich bin abhängig von der Geige geworden. Ein Leben ohne Musik ist für mich nicht mehr denkbar. Wie nun die Zukunft aussehen mag – ich möchte jedenfalls weiterhin Musik machen und noch mehr Menschen damit erreichen.

Iskandar, ich danke Dir sehr für das interessante Gespräch.

 

Das Interview führte Dario Mohtachem

2 Kommentare

  1. Reinhild Demmin

    Wer kann mir bitte Auskunft darüber geben, wann ein Konzert mit Herrn Iskadar Widjaja in Berlin oder Umgebung stattfindet? Wir kennen Herrn Widjaja seit vielen Jahren. Leider haben wir ihn ein wenig aus den Augen vorloren, da wir selber viel unterwegs sind. Dennoch möchten wir gerne weiterhin seine Konzerte besuchen.
    Für eine Mitteilung wäre ich Ihnen sehr dankbar.
    Danke im voraus.
    Mit freundlichen Grüßen
    Reinhild Demmin

    1. Dario Mohtachem

      Sehr geehrter Herr Demmin,

      ausführliche Informationen über die Konzerte von Iskandar Widjaja finden Sie auf folgender Website: http://www.iskandarwidjaja.com/
      Danke für Ihr Interesse!

      MfG
      Ihr migration-business-Team

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