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Lateinamerika macht glücklich

Lateinamerika bietet viel zum Kennenlernen: Eine andere Lebenskultur, eine andere Geschäftskultur und vor allem die Möglichkeit, seine Sprachkenntnisse zu erweitern. Zwei aufstrebende Wirtschaftsnationen und spannende Länder sind zweifelsohne Brasilien und Argentinien. Benjamin Jahn, Berufsanfänger und Absolvent der FU Berlin in Politikwissenschaften, bereiste beide Länder und brachte mehr als nur neue Sprachkenntnisse mit zurück.

Benjamin, ich freue mich, heute ein Interview mit dir über deine Auslandsaufenthalte während des Studiums in Südamerika zu führen. Was hat dich dazu bewegt, nach Argentinien zu gehen?

Während meines Bachelorstudiums habe ich angefangen, mich für die Politik Südamerikas zu interessieren. Argentinien sowie Brasilien haben sich in den vergangenen Jahren zu wichtigen ‘global playern‘ entwickelt. Zudem sagen mir die Kultur vor Ort und die Mentalität der Menschen sehr zu. Mit 18 Jahren bin ich bereits das erste Mal allein mit einem guten Freund durch Peru und Ecuador gereist. Ich kannte die Region daher schon ganz gut, bevor ich 2007 nach Buenos Aires geflogen bin. Dort habe ich dann unter anderem ein fünfwöchiges Praktikum bei der Friedrich-Naumann-Stiftung gemacht.

Die Friedrich-Naumann-Stiftung ist eine deutsche Stiftung. Hast du dort auch mit Argentiniern zusammengearbeitet?

Es war eine Mischung aus deutschen Mitarbeitern und Ortskräften in der Stiftung. Das Büro war relativ klein mit insgesamt sechs bis sieben Mitarbeitern. Drei davon waren Argentinier. Man hat sich untereinander gut ergänzt. Die Deutschen bringen die Organisation und die Pünktlichkeit mit, die Argentinier ihre Lockerheit im persönlichen Umgang. In der Mittagspause wird zusammen Mittag gegessen und der Chef sitzt mit dem einfachen Mitarbeiter zusammen am Tisch. Diese flachen Hierarchien gibt es in argentinischen Unternehmen sehr oft. Vieles ist unkomplizierter, die Entscheidungswege sind kürzer und man ist nicht so förmlich wie in Deutschland.

Wie viele Stunden hast du täglich gearbeitet?

Es war ein Vollzeitpraktikum, also täglich um die acht Stunden. Manchmal konnte ich auch ein bisschen früher nach Hause gehen, wenn nicht so viel los war. Im Schnitt war ich 36 bis 38 Stunden in der Woche da.

Vor dem Praktikum bei der Friedrich-Naumann-Stiftung hattest du bereits von August bis Dezember 2007 an der Universität von Buenos Aires studiert. Wie hast du dich dafür beworben?

Mein bester Freund hat mich im März 2007 gefragt, ob wir nicht zusammen nach Argentinien gehen wollen. Er hatte bereits ein Jahr zuvor ein Praktikum dort gemacht und sagte, es bestehe die Möglichkeit, an der Nationalen Universität in Buenos Aires zu studieren. Er hat die meisten Informationen für uns eingeholt. Wir haben den Aufenthalt nicht über ein bestehendes Austauschprogramm organisiert, sondern alles privat abgewickelt. Die Einschreibung an der Uni war relativ unkompliziert: Man musste ein paar Dokumente einreichen, Übersetzungen von Zeugnissen. Im Vergleich zu deutschen Hochschulen war es wesentlich unbürokratischer. Prinzipiell freuen sich die Argentinier, wenn Europäer oder US-Amerikaner nach Argentinien kommen, da es sich positiv auf den Ruf der Universität auswirkt.

Wie waren die Anforderungen deiner Austauschuniversität?

Das Niveau ist im Schnitt etwas niedriger als in Deutschland. Das muss man schon sagen. Aber für jemanden, der ganz neu dort ist und Spanisch noch nicht perfekt spricht, ist es meiner Meinung nach genau das Richtige. An dem Politikinstitut konnte ich aus einer Vielzahl von Kursen frei wählen. Die meisten Kurse habe ich zu internationaler Sicherheitspolitik belegt. Ein weiterer Interessenschwerpunkt waren die politischen Entwicklungen im lateinamerikanischen Raum.

Wie hast du deinen Aufenthalt vor Ort finanziert?

Ich habe weiterhin Unterhalt von meinen Eltern bekommen. Das Praktikum selbst habe ich unentgeltlich gemacht. 2007 waren die Lebensunterhaltungskosten immer noch wesentlich geringer im Vergleich zu Deutschland. Im Zuge der argentinischen Finanzkrise wurde der argentinische Peso im Jahr 2000 stark abgewertet, weil an der Dollar-Peso-Parität nicht mehr festgehalten werden konnte. Das hat sich auch noch sieben Jahre später bemerkbar gemacht. Für mein Zimmer habe ich umgerechnet 120 Euro bezahlt.

Hast du die Sprache schnell gelernt?

Ja, ich hatte natürlich Vorkenntnisse. Aber es ist das eine, die Grammatik zu kennen, und das andere, die Sprache richtig zu sprechen. Ich bin in Argentinien angekommen, habe ausschließlich Bücher auf Spanisch gelesen und in einer WG mit Argentiniern und anderen Latinos gewohnt. Bloß ein Deutscher war dabei. So habe ich den ganzen Tag fast nur Spanisch gesprochen. Und man macht wirklich sehr schnell Fortschritte. Innerhalb eines Monats spricht man fast schon fließend die Sprache. Ich musste dann am Ende des Semesters auch noch eine 20-seitige Hausarbeit auf Spanisch schreiben. Das war kein Problem, nicht weil ich ein Sprachtalent bin, sondern weil man einfach vieles en passant lernt.

Wie wurdest du von den Argentiniern als Deutscher aufgenommen?

Die Beziehungen zwischen Deutschland und Argentinien sind ja nicht so konfliktbeladen wie beispielsweise die zwischen Deutschen und Franzosen. Deutschland ist keine Kolonialmacht in Südamerika gewesen. Das macht vieles leichter. Man wird außerdem immer wieder auf deutsche Technologie und deutsche Autos angesprochen. Grundsätzlich habe ich keine einzige negative Erfahrung gemacht. Im Gegenteil: Die Argentinier waren immer ganz begeistert, und das freut einen natürlich. Besser so als umgekehrt!

Du hast dich also gleich wohl gefühlt?

Ja, definitiv. Die Argentinier wissen auf jeden Fall zu schätzen, dass man sich als Deutscher oder Europäer für ihr Land und ihre Kultur interessiert. Die Latinos sind generell sehr offen, was ihre Mentalität angeht. Wenn man die Sprache spricht und Interesse an dem Land zeigt, dann ist es umso leichter, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen.

Würdest du anderen Studenten empfehlen nach Argentinien oder Südamerika im Allgemeinen zu gehen?

Ja, das kann ich wirklich empfehlen. Man lernt sehr schnell eine andere Kultur kennen. Die Lateinamerikaner unterschieden sich natürlich auch untereinander, aber generell sind sie sehr offen. Man fühlt sich sehr schnell wohl, wird schnell integriert und alles ist sehr fröhlich. Für mich war das damals eine hervorragende Zeit. Man ist nicht so leicht gestresst im Alltag, das Wetter ist schön. Und für viele ist die Region auch deshalb interessant, weil Argentinien und Brasilien aufstrebende Wirtschaftsnationen sind. Wenn man in so einem Land studiert hat, macht sich das immer positiv im Lebenslauf bemerkbar. Ich werde voraussichtlich in Kürze in einer Unternehmensberatung anfangen zu arbeiten, die eng mit Volkswagen zusammenarbeitet. VW will in den nächsten Jahren mehrere Milliarden Euro allein in Brasilien investieren. Wenn man Spanisch oder Portugiesisch sprechen kann, dann ist das ein echter Pluspunkt.

Nach deinen Aufenthalten in Argentinien bist du auch mehrere Male nach Brasilien gereist. Hast du genauso schnell Portugiesisch gelernt wie Spanisch?

Ja, noch schneller. Meine Spanischkenntnisse waren dabei von großer Hilfe. Während meiner Brasilien-Aufenthalte habe ich mit meiner damaligen Freundin, meiner jetzigen Frau, den ganzen Tag Portugiesisch gesprochen. Portugiesisch ist zwar ein bisschen schwerer als Spanisch, aber wer gut Spanisch spricht, lernt schnell.
Benjamin, ich danke Dir sehr für das Interview.


Das Interview führte Charlotte Neumann.

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