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Polnisch durch die Wand gelernt

Peter Dittmann, Masterstudent an der Freien Universität Berlin, verbrachte den Winter 2009/2010 in Polens Hauptstadt Warschau. Die 1,7 Millionen Einwohner zählende Metropole bot ihm nicht nur die gewünschte Abwechslung, sondern auch ganz neue Blickwinkel und die Perspektive, Polnisch irgendwann fließend zu sprechen. Wie man die Entscheidung für ein Auslandssemester binnen zwei Wochen treffen und Polnisch durch die Wand lernen kann, verrät er uns im folgenden Interview.

Peter, du hast ein Auslandssemester in Warschau absolviert. Warum hast du dich gerade für die Hauptstadt Polens entschieden?

Weihnachten 2008 hatte ich das Gefühl, das ich mal wieder etwas anderes machen muss und habe mir überlegt ein Auslandssemester einzuplanen. Daraufhin habe ich mich auf der Homepage meines Instituts, Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin, über die Möglichkeiten und Optionen eines Auslandssemesters informiert. Als ich die Bewerbungsfristen sah, merkte ich, dass ich nur noch zwei Wochen Zeit hatte um mich erfolgreich zu bewerben. Hinzu kommt, dass Englisch die einzige Sprache asußer Deutsch war in der ich hätte studieren können. Ich musste also eine Universität auswählen, die Kurse in dieser Sprache anbietet. Warschau hat mich am meisten angesprochen. Es wirkte auf mich sehr unbekannt und somit außerordentlich spannend. Osteuropa finde ich im Allgemeinen einfach super!

Wie hast du deinen Aufenthalt finanziert?

Mit meiner Bewerbung für das Auslandssemester an der Universität in Warschau, habe ich automatisch am Erasmus Austauschprogramm teilgenommen. Eine Art Paket sozusagen. Es gab nicht sonderlich viel Geld, ungefähr €180 im Monat über einen Zeitraum von fünf Monaten, die man nicht zurückzahlen musste. Die Bewerbungsfrist für ein Auslandssemester beginnend im September 2009 war der 15. Januar 2009. Es war kein Problem sich so kurzfristig noch für einen Auslandsaufenthalt zu entscheiden und alle erforderlichen Dokumente einzureichen. Den Rest musste mir mein Vater finanzieren, weil es äußerst kompliziert gewesen wäre, dort nebenher zu arbeiten. Abgesehen davon, dass die Löhne für Aushilfsarbeiten in Polen extrem niedrig sind.

Wie schnell hast du Polnisch gelernt bzw. hattest du Grundkenntnisse der Sprache?

Ich habe vor meinem Aufenthalt einen kleinen Sprachkurs an der Technischen Universität in Berlin gemacht. Es war ein Kurs für Anfänger, in dem wir hauptsächlich die Aussprache der Wörter geübt und gelernt haben. An Lesen und Schreiben auf Polnisch war da noch nicht zu denken. Polnisch ist schon ziemlich schwer, was die Aussprache und Grammatik mit ihren vielen Ausnahmen betrifft. Es fällt einem sicherlich leichter, wenn man bereits eine andere slawische Sprache beherrscht.

Wenn man im Vorfeld keine kann, ist es schwer. Und ich fand es ziemlich schwer. Bevor das Semester losging, habe ich direkt in Warschau einen Intensivsprachkurs belegt und während des Semesters hatte ich dann drei Mal pro Woche Sprachunterricht. Trotzdem hat es nicht für mehr gereicht als sich ein gewisses Grundverständnis im alltäglichen Leben anzueignen. Ich konnte beispielsweise Kaffee und Bier bestellen oder im Supermarkt sagen, was ich möchte. Im Alltag habe ich ab und zu mal einen Satz verstanden und wusste irgendwann auch, ob ich im richtigen Bus sitze.

Mit welchen Nationalitäten hattest du während deines Erasmussemesters in Warschau zu tun?

Ganz am Anfang habe ich zehn Tage in einem Studentenwohnheim gewohnt. Für mich war es eine Art Studentenghetto. Dort lebten hauptsächlich Studenten aus aller Herrenländer: Viele Europäer, Philippinos, Bangladeschis oder Türken. Wir haben uns zu zweit oder zu dritt ein Zimmer geteilt. Die Atmosphäre war somit sehr international und multikulturell. Anfangs war ich natürlich super stolz, an einem Tag zehn Menschen aus zehn verschiedenen Ländern kennenzulernen. Untereinander haben wir meist ausschließlich Englisch gesprochen. Es war auch ganz witzig, aber auf die Dauer fand ich das ‚Sangriaeimersaufen‘ im Treppenhaus doch recht nervig und habe mich vom echten Polen sehr weit weg gefühlt, obwohl ich nun in Warschau lebte.

Daraufhin bin ich dort ausgezogen und habe eine WG in der Innenstadt Warschaus gegründet. Die Mieten im Zentrum von Warschau sind im Großen und Ganzen höher als vergleichsweise in Berlin. Die günstigere Variante ist eben ein Studentenwohnheim, was auch die meisten Austauschstudenten in Anspruch genommen haben. Jedoch waren die Studentenwohnheime alle ziemlich weit außerhalb, d.h. mindestens 30 Minuten Busfahrt bis zur Uni und ins Zentrum. Mir hat nicht so gut gefallen, dass man vom ‚wirklichen Leben der Stadt‘ abgeschnitten ist und nur mit nicht-polnischen Studenten zusammen ist. Durch die WG habe ich dann auch echte Polen kennengelernt und durch die dünnen Wände habe ich meine Nachbarn polnisch sprechen hören können. Die Polen, mit denen ich schließlich Kontakt hatte, habe ich nicht über die Uni kennengelernt. Durch den Umzug in die WG, habe ich mich mit meiner Vermieterin angefreundet, die nur zwei Jahre älter war als ich. Nach meinem Auslandssemester habe ich sie sogar noch einmal besucht. Ansonsten kam man abends beim Weggehen am besten in Kontakt mit Einheimischen.

Wie hast du deinen Unialltag erlebt? Hast du Unterschiede zu Deutschland feststellen können?

Ja, es war für mich etwas seltsam, dass die Universität in Warschau spezielle Kurse für Erasmus- und Austauschstudenten eingerichtet hatte. D.h. im Studienfach Politik und Internationale Beziehungen wurden circa 30 Kurse für Austauschstudenten angeboten. Die meisten davon waren auf Englisch, aber auch einige wenige auf Deutsch, Italienisch und Französisch. Das fand ich ziemlich schade, da so die Austauschstudenten wieder nur unter sich waren und man nicht in direkten Kontakt mit polnischen Studenten gekommen ist. Prinzipiell würde ich aber sagen, dass es eine große Auswahl an Kursen mit interessanten Themen gab. Besonders interessant waren natürlich Kurse zur Politik Polens und den politischen Prozessen des Landes. Die Anforderungen wurden den Erasmusstudenten angepasst. Man hat eher ein größeres Essay über zehn Seiten geschrieben oder mehrere kleinere Essays im Vergleich zu den großen wissenschaftlichen Hausarbeiten über 20 Seiten in Deutschland. Dementsprechend mussten wir auch viel weniger Literatur lesen.

Wurden deine Kurse, die du in Warschau belegt hast, an deiner Heimatuniversität FU anerkannt?

Ja, sie wurden alle anerkannt. Nur bei einem Kurs gab es Probleme mit der Anerkennung für ein bestimmtes Modul. Den Kurs konnte ich dann allerdings für ein anderes Modul buchen. Es hat alles ein bisschen gedauert, aber im Großen und Ganzen war es relativ problemfrei.

Wie haben dich die Polen als Deutscher aufgenommen, wenn du die Möglichkeit hattest mit Polen zu sprechen?

Im Allgemeinen versetzt man sich eher selbst in die Lage, dass es ein wenig komisch ist in Warschau zu sein aufgrund der Vergangenheit, der deutschen Geschichte. Man selbst denkt anfänglich, dass die Polen größere Vorbehalte gegen Deutsche haben könnten. In der ganzen Zeit habe ich es allerdings nicht erlebt, dass mich jemand beleidigt oder sich durch mich angegriffen gefühlt hätte. Es herrschte eher ein allgemeines Verständnis, dass man ja nach vier Generationen persönlich nichts mehr damit zu tun hatte. Wenn man sich über den Holocaust, das Warschauer Ghetto und die Nazis in Polen unterhalten hat, kam bei mir das Gefühl auf, dass die Einheimischen gemerkt haben, dass man selbst hergekommen ist, weil man sich für ihr Land, ihre Geschichte und ihren Blickwinkel interessiert. So war es eigentlich immer ziemlich positiv!

Hat dir etwas besonders gut in Polen gefallen, was du jetzt nach deiner Rückkehr in Deutschland vermisst?

Warschau ist eine Stadt, die einfach sehr spannend ist. Man sieht die schnellen Veränderungen der letzten 20 Jahre und erlebt sie hautnah mit. Auch gibt es viele Kontraste, z.B. Überbleibsel der Sowjetzeit sowie moderne, westliche Einflüsse, die die Stadt prägen. Eine polnische Besonderheit ist die ‚Milchbar‘. Ein Café, das zur Mittagszeit geöffnet hat und polnische Hausmannskost, z.B. Nudeln mit Butter und Zucker, viele verschiedene Suppen und Eintöpfe und Pierogi, anbietet. Das Essen ist dort sehr günstig, da die Milchbar staatlich subventioniert wird. Sie ist ein Überbleibsel der sogenannten kommunistischen Zeit. Auf jeden Fall ist es sehr schön. Man trifft dort Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten und Altersklassen an. Zum Beispiel sitzt die Großmutter mit einer Schulklasse an einem Tisch oder der Bauarbeiter neben dem Unidozenten und man isst zusammen zu Mittag. Es ist einfach ein super angenehmes Gefühl dort zu essen. Zudem war das Essen sehr lecker und für mich ein wirklich polnisches Erlebnis.

Liegt es deiner Meinung nach an Erasmus, dass du wenig Kontakt zu Einheimischen hattest oder an den Polen, da diese zurückhaltender sind?

Es spielt auf jeden Fall beides eine Rolle. Die Polen sind nicht unbedingt super aufgeschlossen und tragen ihr Herz nicht gerade auf der Zunge. Dennoch kommt man abends beim Bierchen leicht ins Gespräch. So habe ich öfter Leute kennengelernt, mit denen ich dann witzige Dinge erlebt habe. Ich frage mich oft wie es im Umkehrschluss in Deutschland ist, ob es überhaupt so große Unterschiede gibt. Nach meiner Rückkehr habe ich weiter Polnisch mit verschiedenen ‚Tandem‘ gelernt. Ich habe dort die gleiche Situation aus der anderen Sicht erlebt, d.h. die polnischen Tandempartner kannten nur sehr wenige Deutsche und auch eher aus dem Studentenwohnheim oder schon aus Polen.

Würdest du anderen Studenten empfehlen nach Warschau zu gehen?

Ich kann nur für mich sagen, dass es eine super Zeit war. Ich würde jeder Zeit wieder dorthin zurückgehen. Mir hat es so gut gefallen, dass ich weiterhin Polnisch lerne. Es ist auf jeden Fall ein sehr geeigneter Ort für ein Auslandssemester. Wenn man in eine größere Stadt gehen will, ist Warschau wirklich aufregend. Auch außerhalb der Uni bietet die Stadt ein vielfältiges Leben: Unzählige Möglichkeiten die unterschiedlichsten Leute kennenzulernen, wahnsinnig viele Ausstellungen, Cafés, Bars und vieles mehr, was man in einer kleinen Studentenstadt eher vermissen würde.

Peter, ich danke Dir herzlich für das Interview.

 

Das Interview führte Charlotte Neumann.

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