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Neonazi-Morde in Deutschland: Gefühlslage und Meinungen der türkischen Migranten

Als erschreckend sollten die Politiker zur Kenntnis nehmen, dass ein Großteil der hier lebenden türkischen Migranten sein Vertrauen in den deutschen Staat verloren hat. Es waren 55% aller Befragten, die auf die Frage, ob ihrer Meinung nach die Mörder vom deutschen Staat gefördert oder gar beschützt wurden, dies bejahten, lediglich 21% glaubten es nicht. Hintergrund des großen Misstrauens war insbesondere die Tatsache, dass die Täter der seit 2000 ausgeübten Morde der Zwickauer-Terror-Gruppe nicht gefasst wurden und zahlreiche Nachrichten und Informationen über Beziehungen der terroristischen Neonazi-Gruppe zu einigen Mitarbeitern des Verfassungsschutzes an die Öffentlichkeit drangen. In der ersten Dezemberhälfte untersuchte das Zentrum für Migrations- und Politikforschung der Hacettepe Universität in Ankara gemeinsam mit SEK-POL und unserem Institut, der Data 4U, in einer öffentlichen Studie die Gefühle, Meinungen und Vorstellungen der türkischen Migranten zu den seit 2000 ausgeübten rassistischen Angriffen der Neonazi-Bewegung.

Die repräsentative telefonische Befragung wurde unter in Deutschland lebenden türkischen Migranten ab 14 Jahren durchgeführt. Unsere 36 Fragen stellten wir dabei 1.058 Personen.

Die Berichterstattung zu der Zwickauer Neonazi-Gruppe wird mit großem Interesse verfolgt. So gaben 87% der Befragten an, sich hautnah zu informieren, als Quellen dienten zumeist türkische Medien. Schlecht weggekommen ist vor allem die deutsche Politik. Fast zwei Drittel glauben, man möchte die Ereignisse am liebsten vertuschen und unter den Teppich kehren, kein Wunder, dass eben so viele auch die Entschuldigung des Bundestags als nicht glaubwürdig eingeschätzt haben. Sicher auch nicht hilfreich sind die momentanen Vorgänge um Bundespräsident Christian Wulf, der vor allem wegen seiner Aussage, auch der Islam gehört zu Deutschland, sich großer Beliebtheit in dieser Gruppe erfreut.

Beruhigend wirkt, dass die überwiegende Mehrheit von 78% der Befragten mit großer Gelassenheit und Reife auf die teils populistischen Aussagen in Zusammenhang mit den Morden reagierte und diese nicht mit der deutschen Gesellschaft als Ganzes, sondern nur mit einer radikalen Gruppierung verbinden. Mit weiteren rassistisch motivierten Morden in Deutschland rechnen 67% unserer Zielgruppe, fast 40% befürchten, dass Freunde, Bekannte oder sie  selbst Opfer von Neonazi-Terror werden könnten.  Aber nicht „Wut“ oder „Angst“ sondern vor allem „Trauer“ über die Opfer dominieren die Gefühle in Zusammenhang mit der Mordserie.

Vor allem von staatlicher Seite ist nun handeln gefragt, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen und die gefühlte Akzeptanz der türkischstämmigen Bürger in der Gesellschaft zu stärken. Diese haben längst „Evet“ (auf deutsch „Ja“) zu Deutschland gesagt. Lediglich 4% äußerten in unserer Befragung den Wunsch, auf Grund der Vorkommnisse, dauerhaft in die Türkei zurückkehren zu wollen und 75% erklärten, sie seien in der deutschen Gesellschaft mehr oder weniger vollständig integriert.  Es zeigt sich also wieder, dass die türkischen Migranten ein unzertrennlicher Teil der Bundesrepublik geworden sind und sich auch durch rechtsradikalen Terror nicht verunsichern lassen und womöglich zum Verlassen ihres Deutschlands zwingen lassen.

Die Studie ist über data4u-online.de zu beziehen.

 

Text: Umut Karakas

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