«

»

Aus „Merhaba Deutschland!“ wird „Hallo Türkiye!“

Für die meisten Deutschtürken ist Deutschland längst zur Heimat geworden – doch viele von ihnen wandern in die Türkei aus. Schriftsteller Murat Ham, der für seine Publikationen bekannt ist, hat sich in seinem Buch „Fremde Heimat Deutschland – Leben zwischen Kommen und Abschied“ mit diesem und anderen Problemen befasst und erzählt hautnah aus dem Leben dieser Menschen. Eingeleitet wird sein Buch mit einem Grußwort des regierenden Bürgermeisters von Berlin Klaus Wowereit.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamts lag die Zahl der Türken, die Deutschland verließen, 2008 bei knapp 35.000 – nach Deutschland zogen im selben Jahr nur rund 27.000. Ein Jahr später packten schon 40.000 ihre Koffer, aus der Gegenrichtung kamen nur 30.000.

Migration in vier Kapiteln

Im Buch „Fremde Heimat Deutschland – Leben zwischen Kommen und Abschied“, welches Murat Ham mit Frau Professor Kubanek, einer englischen Seminarleiterin an der Universität Braunschweig, zusammen geschrieben hat, handelt es sich um ein Buchprojekt. Es besteht aus vier Kapiteln: Die ersten Seiten arbeiten viele Reportagen bekannter Schriftsteller wie Emine Sevgi Özdamar, der Tourismusmanagerin Nina Öger oder auch des Unternehmers Kemal Sahin ab, wohingegen das zweite Kapitel über Geschichten Nicht-Prominenter berichtet. Das dritte Kapitel beinhaltet Experten-Interview von Forschern und Professoren, die den aktuellen Stand der Wissenschaft darstellen und neue Blickwinkel herbeiführen. Abgeschlossen wird das Buch mit gesellschaftlichen Lösungensvorschlägen.

Ethnische Vielfalt

Das Buch zeugt von Vielfalt: In den Reportagen gibt es verschiedenste Protagonisten mit unterschiedlichsten Lebensgeschichten und ethnischen Hintergründen. Es wird nicht nur über Türken und Deutsche berichtet, dennoch sind viele Parallelen zwischen verschiedensten Kulturen erkennbar. Eine interessante Reportage des ersten Kapitels beschäftigt sich mit dem ägyptischen Schriftsteller Hamed Abdel-Samad. Er berichtet offen und ehrlich über Vergewaltigungen, die ihm in seiner Kindheit widerfahren sind. Aber auch Esra Özyürek trägt mit ihrer Geschichte zum vielfältigen Buchprojekt bei. Die türkisch-stämmige Professorin wuchs in Istanbul auf, hat in Deutschland gelebt und ist momentan wohnhaft in Kalifornien. „Sie steht für eine bestimmte Gruppe, die zwischen den Kulturen hoppst und wandert“, meint Murat Ham.

„Adé Deutschland“

Eine Reportage des zweiten Kapitels heißt „Adé Deutschland“. Murat Ham schreibt hier vor allem über (angehende) Akademiker mit türkischem Migrationshintergrund, die es zurück in das Herkunftsland ihrer Eltern zieht. Die für die deutsche Volkswirtschaft fatale Rückkehrwelle wird dadurch bedingt, dass die türkisch-stämmigen Immigranten trotz gleich guter Qualifikation keine adäquate Beschäftigung bzw. keine angemessene Ausbildungsstelle finden. Diese Diskrepanz ist auch mit der OECD-Studie belegt und trifft nicht nur auf Türken zu.

Kastendenken? Nein, danke!

Klischees werden viel zu oft als Realität wahrgenommen. In den 60er und 70er Jahre sind nicht nur Gastarbeiter nach Deutschland gereist, wie oft verallgemeinert behauptet wird. Auch Menschen mit akademischem Hintergrund haben aus politischen Gründen ihr Heimatland verlassen. Murat Ham möchte deswegen mit seinem Werk für einen Kulturwandel plädieren und voreilige Klischées beseitigen.

Europäier mit Migrationshintergrund?

„Fremde Heimat Deutschland – Zwischen Kommen und Abschied“ beschäftigt sich viel mit Migrationshintergründen. Aber welche ethnischen Gruppen verbergen sich eigentlich hinter diesem Wort? Murat Ham stellte fest, dass schlechter aufgestellte Menschen aus vermeintlich ärmeren Ländern häufig so bezeichnet werden, vor allem Menschen, die oftmals mit einem islamischen Background in Verbindung gebracht werden – wie Perser, Türken oder Araber, aber niemals Europäer oder Amerikaner. Bei den orientalischen oder asiatischen Ländern kommt noch die exotische Komponente hinzu, die kulturelle Fremdheit mit sich bringt. Ein Beispiel sind die Chinesen. „Man kennt sich nur ein bisschen auf der Oberfläche aus. Von daher ist es eine Intention des Buches, Unwissenheit auf beiden Seiten, auf allen Seiten, ein bisschen zu kompensiern“, erklärt Murat Ham.

„Typisch defizitär“

Neben der Vorstellung seines neuen Buches sprach Murat Ham auch über die Probleme, die vielen Migranten das Leben erschweren. Es werden Konstrukte wie „typisch deutsch“ oder „typisch türkisch“ kreiert, die so aber nicht stimmen. Heutzutage habe sich daraus schon etwas Eigenes entwickelt, das beide Kulturen verwebt. Anstatt diese neue Kultur als etwas Positives anzuerkennen, werden diesen Leuten Identitätsprobleme vorgeworfen. Oftmals zeigt sich nach Meinung des Schriftstellers, dass die Probleme falsch betrachtet werden, da Forscher und Professoren in der Defizitperspektive verharren. Beispielsweise bieten sich trotz gleicher Qualifikationen häufig nicht die gleichen Berufschancen an. „Wenn sie schon schwierigere Startchancen über das Elternhaus hatten, warum sollen sie dann im Berufsleben bei gleicher Qualifikation nochmal bestraft werden? Das ist etwas, was ich nicht begreife“, so Murat Ham. Vielmehr fordert er eine lösungsorientierte Variante der Migrationsforschung, welche er selbst im vierten Kapitel seines Buches vertieft. Viele Gastarbeiter der ersten Stunde sind aufgrund des schlechten Klimas zurückgekehrt. Zudem hat die damalige Kohl-Regierung Anreize durch Rückkehrprämien geboten.

 

 

Ein bisschen Deutschland in der Türkei

Viele der Türken, die Deutschland verlassen, sind der deutschen Sprache mindestens genauso mächtig wie ihrer Muttersprache. Dabei zeigen sich die unteschiedlichsten Entwicklungen bei der Re-Sozialisierung. Einige haben Schwierigkeiten sich wieder einzufinden, andere führen ihr Leben in der Türkei problemlos weiter. Die Zahl der Zurückkommenden ist so groß, dass es mittlerweile deutsche Stammtische von Rückkehrern gibt. Das sind Gruppen, die in Großstädten wie Istanbul oder Ankara vertreten sind und bei denen die Anwesenden entweder Deutsch oder Türkisch reden.

Vorbilder USA und Kanada

Es gibt auch andere Länder, in denen Zuwanderer herzlicher willkommen geheißen werden als in Deutschland. Dazu gehören auch die USA. Murat Ham führt diese Willkommenskultur auf die Vergangenheit Amerikas zurück: „In den USA ist es ja so, dass jeder irgendeinen Background mitbringt: italienisch, türkisch etc.“, erklärt der Schriftsteller. Problematisch sei eher die Einwanderung von Mexikanern an der kalifornischen Grenze. Kanada wird dagegen mit seinem Credo „Einheit in Vielfalt“ häufig als Vorbild für erfolgreiches Migration gesehen.

Fortsetzung folgt

Das nächste Projekt Murat Hams ist schon in Planung. Mit Professor Kubanek möchte der Schriftsteller mit Reportagen und Geschichten über das europäisches Bewusstsein berichten. „Auch hier findet ein Kulturwandel statt“, kommentiert er schmunzelnd.

 

Text: Maggie Yeh und Dario Mohtachem.

1 Kommentar

  1. Metin.T

    Was ist Heimat

    Heimat, das sind die Menschen, die man kennt, die man Verwandte, Nachbarn und Freunde nennt.

    Heimat, das ist die Sprache, die man spricht, die man hört, liest und versteht wie ein Gedicht.

    Heimat, das sind der Hof, das Haus und die Räume, das sind das Feld, die Wiese, der Garten, die Bäume.

    Heimat, das sind die Wälder, die Berge und die Quellen, das sind die Bäche, die Ufer und der Flüsse Wellen.

    Heimat, das ist der Ort, seine Straßen und Brücken, das sind die Blumen, die wir am Wegrand pflücken.

    Heimat, das ist die Luft die wir atmen, das ist die Sonne, das Licht der Sterne,

    das ist unsere Erde, die Nähe und die Ferne.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>