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Charaktereigenschaft Deutsch

Annika Bischof, 28Jahre, blieb trotz mehrjährigem Aufenthalt, Aufgeschlossenheit und guter Sprachkenntnisse in England ewig ‚die Deutsche‘. Die Briten stellten sie immer wieder vor die Frage: Gehöre ich nun dazu und bin ich hier willkommen oder sagen sie mir indirekt ich solle lieber zurück nach Hause gehen? Wie ist es, trotz größter Bemühungen immer die Außenseiterin zu bleiben und nie richtig in einem fremden Land anzukommen?

Annika, du hast einige Jahre in England gelebt. Wie kam es dazu?

Direkt nachdem ich mein Abitur 2003 in der Tasche hatte, bin ich für einige Monate als Au-pair nach London gegangen. Als ich dann ein Jahr später nach Deutschland zurückkehrte, nahm ich mir vor, direkt durchzustarten und sofort mein Studium zu beginnen. Es stellte sich jedoch als schwierig heraus, einen Platz zu bekommen, sodass ich nach meinen ersten fehlgeschlagenen Bewerbungen an den Berliner Unis die Wartezeit mit unentgeltlichen Praktika überbrückte. Im Sommersemester 2005 bewarb ich mich dann erneut und wurde prompt in Potsdam angenommen. Leider entpuppte sich das Studium als äußerst unpassend für mich, sodass es keinen Sinn machte, weiter zu studieren. Ich brach also kurzerhand ab, und bewarb mich für ein Studium in England zum folgenden Wintersemester. Dies tat ich über das in England übliche zentrale Bewerbungssystem UCAS (Anm. d. Red.: University Central Application System; eine Organisation, die für die Bewerbungen für jegliche Studiengänge und Kurse an britischen Hochschulen verantwortlich ist.). Von der University of Coventry in Mittelengland bekam ich dann ziemlich schnell eine Zusage für den Bachelor in Kommunikation, Medien und Kulturwissenschaft. Im Herbst 2005 schrieb ich mich dort dann für ein 3-jähriges Bachelorstudium ein.

Britische Universitäten haben den Ruf einer tollen ‚Rundum-Betreuung‘ ihrer Studenten, sehr guter Organisation und vielfältigen Möglichkeiten. Welche Erfahrungen hast du in Coventry gemacht?

In Coventry war es wesentlich besser als an der deutschen Uni. Die Briten sind einfach top ausgestattet, wofür man aber auch circa 1500€ Studiengebühren pro Jahr zahlen musste. Im Allgemeinen kann ich aber bestätigen, dass das Studium besser organisiert und das Drumherum viel strukturierter war, als ich es in Potsdam wahrgenommen hatte. In manchen Punkten empfand ich die englische Organisation aber auch etwas einschränkend. Zum Beispiel gab es nur eine bestimmte Anzahl an Kursen pro Jahr, wollte man aber einen weiteren Kurs belegen, der über diesen vorgesetzten Rahmen hinaus ging, musste man diesen mit horrenden Preisen bezahlen. Ich hätte wahnsinnig gerne einen Sprachkurs gemacht, konnte das aber letztendlich nicht realisieren, weil mir das Geld für die Extrakosten fehlte.

Mein Eindruck war allerdings auch, dass die Engländer an zusätzlichen Kursen, vor allem den Sprachkursen, kaum Interesse hatten. Zwei Gründe dafür waren sicherlich das Desinteresse der jungen Studierenden an Fremdsprachen und den damit verbundenen Kulturen, als auch eine gewisse Abneigung gegen das Fremde. Zwei Eigenschaften, denen ich während meines Aufenthalts auf der Insel noch des Öfteren begegnen sollte.

Hattest du mehr englische oder mehr deutsche Freunde an der englischen Uni?

Weder noch. Das Problem war, dass mein Studiengang sehr klein war: Circa100 Studierende, von denen etwa 10 Prozent – politisch korrekt formuliert – einen Migrationshintergrund hatten. ‚Foreign/exchange students, from abroad not from the island‘. Sicher haben sich vereinzelte einheimische Studierende für uns, die Minderheit der ausländischen Studierenden, interessiert. Die meisten haben uns jedoch knallhart ignoriert. Ich denke, dass das Alter eine große Rolle gespielt hat. Ich bin mit 22 Jahren nach England gegangen, während die englischen Erstsemester gerade einmal 18 oder 19 Jahre alt waren. Ich empfand diesen Altersunterschied als gravierend, da es mir den Umgang mit den Briten in manchen Situationen denkbar schwer machte. Vielleicht lag es daran, dass sie sich nicht sicher waren, wie sie mit uns umgehen sollten. Vielleicht hatten sie Hemmungen und hielten uns für unfähig, ihre Sprache zu verstehen, was allerdings nur bedingt stimmte. Oder sie konnten nicht nachvollziehen, wieso man als Ausländer an eine englische Uni kommen sollte. Ich habe es nie erfahren, was die tatsächlichen Gründe waren und weshalb wir, die Ausländer, von den anderen gezielt gemieden wurden. Was ich dabei aber interessant fand, war die generelle Aufteilung innerhalb unseres Studiengangs. Es gab nämlich genau genommen drei Gruppen: die Ausländergruppe (hauptsächlich Europäer und Asiaten), die Gruppe der Engländer mit afrikanischen Wurzeln, sprich alle Dunkelhäutigen, und die ‚weißen‘ Engländer.

Der alltägliche Rassismus war stets präsent trotz Universitätsumgebung. Das ist eigentlich das Erschreckende daran gewesen. Geändert hatte sich daran bis zum Ende meines Studiums kaum etwas. Mein Kontakt zu den Engländern blieb eher oberflächlich. Der Umgang mit den Ausländern kostet die Einheimischen eben Mühe und ging meist nicht über ein „Hi, how are you doing?“ hinaus.

Aufgrund dessen hatte ich meist nur mit Leuten zu tun, die auch Multikulti waren, also aus allen Herrenländern kamen. Deutsche habe ich eher gemieden. Ich fand es blöd, mich im Ausland nur mit Deutschen zu umgeben, dafür braucht man ja nicht ins Ausland zu gehen. Dennoch gab es auch unter den Ausländern gewisse nationale Gruppenbildungen. Da kann ich sogar nachvollziehen, dass die Engländer teils Hemmungen hatten, mit diesen Horden von Deutschen, Spaniern oder Italienern Kontakt aufzunehmen.

Es ist das eine, an einer Uni in einem fremden Land zu studieren. Was hast du unternommen, um das echte englische Leben kennenzulernen?

Mein Motto ist: wenn ich mich in einem fremden Land für längere Zeit aufhalte, möchte ich auch so leben, wie die Menschen vor Ort. Also habe ich in einem Pub gearbeitet, um Kontakt zu Engländern außerhalb des Unilebens zu bekommen. Das war das Beste was mir hätte passieren können: Ich habe mein eigenes Geld verdient und war eben mitten drin statt nur dabei.

War das ein ‚student pub‘ auf dem Campus?

Annika Bischof im Pub in Coventry

Nein, es war kein ‚student pub‘. Mein Pub war ein typisch englisches ‚Local‘, wo hauptsächlich alte Männer aus allen Regionen Großbritanniens anzutreffen waren. Diese Stammgäste haben dort regelrecht ihre Rente auf den Kopf gehauen. Am Anfang mochten sie mich gar nicht. Die alten Männer sprachen kaum mit mir, sondern beäugten mich aus der Ferne etwas misstrauisch. Mein Chef, ein Schotte und ein ‚Grummelkopf‘ mit weißem Bart, hat es anfangs auch oft genervt hat, dass ich ihn und seine Anweisungen nicht auf Anhieb verstanden habe. Kein Wunder, er hat immer etwas in seinen Bart gebrubbelt, da konnte ich ja auch nix verstehen. Dennoch: Die Erfahrung, dort gearbeitet zu haben, möchte ich bis heute nicht missen. Am Ende wollten mich mein Chef und die alten Herren dann doch nicht so einfach gehen lassen.

Wann wurdest du zum ersten Mal ‚Annika, the German‘ genannt?

Irgendwann kam eine Arbeitskollegin zum Schichtbeginn in den Pub und rief mir zu: „Ah, you’re Annika, the German“. Ab da fing das Ganze dann an, obwohl ich zu der Zeit schon gut Englisch sprechen konnte. Als ‚Annika, the German‘ vorgestellt zu werden hat sich dann regelrecht eingebürgert. Wenn ich daraufhin geantwortet habe: „Ah, and you’re Sarah, the Englisch“, ist es ihr noch nicht mal aufgefallen. Am Anfang hat es mich wirklich gestört, aber am Ende war es dann halb so wild. Der neue Chef des Pubs hat dann auch schon Witze gemacht: „Ja, das ist doch ganz klar! Das ist nicht Annika, sondern ‚Annika, THE German‘!“. Es hat sich somit zum Running Gag entwickelt und ich hab mich selbst so vorgestellt. Dennoch hatte ich immer das Gefühl, außer meiner Nationalität keine anderen Qualitäten zu besitzen.

Würdest du also sagen, dass die Briten doch sehr herzlich sind?

Ja, anfänglich waren sie sehr distanziert, aber gastfreundlich. Da gab es eben Momente, in denen mich die Bezeichnung ‚Annika, the German‘ sehr gestört hat, weil ich es nicht richtig einordnen konnte. Man ist eh schon fremd und neu in diesem Land und sucht den Anschluss. Wenn man dann immer wieder abgebremst wird, versetzt es einem schon einen Stoß. Die wahre Herzlichkeit kommt jedoch nach längerer Zeit.

Die alten Männer haben schließlich nach einer gewissen Gewöhnungszeit angefangen, mit mir zu sprechen und mir ihre Seefahrergeschichten zu erzählen. Schöne Geschichten! Viele von diesen Stammgästen hatten einen Bezug zu Deutschland, haben hier z.B. als Gastarbeiter gearbeitet. So habe ich nach und nach gemerkt, dass sie mich doch alle ganz gut leiden konnten, sie sich auch für mich als Deutsche und mein Land interessieren, so wie ich mich für sie und ihr Land begeistere.

Du hast deinen BA in Coventry schließlich vorzeitig beendet. Was hat dich dazu bewegt?

Im zweiten Studienjahr stieg mir die Situation auf der Insel zu Kopfe. Ich musste die bittere Erfahrung machen, dass man sich auf ein gegebenes Wort in England oft nicht verlassen kann. Wahrscheinlich gibt es das auch in Deutschland, aber mein Eindruck ist, dass man hier immer jemanden findet, der sich zuständig fühlt oder zumindest an entsprechende Ansprechpartner weiter verweisen kann. In Großbritannien war das nicht der Fall. Es hat mich regelrecht Irre gemacht und das wollte ich nicht mehr. Somit habe ich mich dann für ein Erasmus-Austauschjahr beworben.

An der Uni selbst hattest du keinen Ansprechpartner? Gab es da einen bestimmten Vorfall?

Doch an der Uni gab es welche, aber die haben mich knallhart ignoriert und mir gezeigt, dass ich ‚die nervige Deutsche‘ bin. Das war irgendwann auffällig. Gerade als es um die Bewerbung für das Erasmusprogramm ging, hatte ich großes Pech mit meinem Betreuer. Er musste sich mit mir auseinandersetzen, hatte da aber keine große Lust zu. Ich bin ihm wirklich hinterhergelaufen, habe E-Mails geschrieben, ihn angerufen, auch privat. Dann wollte ich ihn persönlich abpassen und er ist vor mir weggelaufen, obwohl er mich hat kommen sehen. Als ich dann vor ihm stand, hat er mich mit großen Augen angesehen und gestammelt „Well, I do have another appointment. I can’t do it right now.“ Ich wusste aber, dass er auf dem Weg in seine Pause war. Solche Geschichten sind einfach eine Katastrophe, wenn man in einem fremden Land und auf Hilfe angewiesen ist. Als ich dann nicht mehr im Land war und ihm ein Update geschickt habe, war er superfreundlich. Für mich sah es so aus, als ob er richtig froh war, dass ich weg war. Mir reichte es dann wirklich.

Wo bist du letzten Endes mit Erasmus hingegangen?

Ursprünglich wollte ich in die Niederlande, das hat nicht geklappt. Auch die Bewerbung nach Norwegen scheiterte. Und nun kommt der Knüller, am Ende landete ich in der deutschsprachigen Schweiz. Eigentlich soll der Erasmusaustausch zum Erlernen und Verbessern einer Fremdsprache dienen, sodass das Ziel Schweiz einen etwas merkwürdigen Eindruck hinterlassen könnte. Aber als ich vor Ort ankam, stellte sich heraus, dass das Schwyzerdütsch für mich tatsächlich komplettes Neuland war. Damit erfüllte ich am Ende doch das Ziel eines Erasmusaustausches.

Rückblickend entpuppte sich der Aufenthalt in der Schweiz als einmaliger Glücksgriff. Ich lernte viele nette Leute kennen, die bis heute Freunde geblieben sind. Die Atmosphäre war insgesamt eine viel herzlichere und gemütlichere, als ich sie in England erlebt hatte. Das war zu diesem Zeitpunkt echt eine Wohltat.

 

Das Interview führte Charlotte Neumann.

 

1 Kommentar

  1. Max

    Es ist natürlich hart, wenn man in einem fremden Land ist und dann streckenweise so unangenehme Erfahrungen macht wie Frau Bischof mit ihrem Erasmus-Betreuer an der Uni.

    Ich glaube aber nicht, dass man das alles auf einen vermeintlichen britischen Alltagsrassismus schieben kann. Ausländer in Deutschland und sicher auch Deutsche in Deutschland machen ähnliche Erfahrungen. Das Studium ist eben ein neuer Lebensabschnitt, der auch ziemliche Herausforderungen bietet.

    Nationale Grüppchenbildungen gab es schon immer und überall, weil der Mensch ein Gewohnheitstier ist. Gerade in der Schweiz sind Deutsche auch nicht immer gern gesehen, worüber der Spiegel auch schon berichtete (http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,457783,00.html).

    Privat hatte ich das Gefühl, dass die Briten ausgesprochen ausländerfreundlich sind. Neben der eigenen Einstellung kommt es aber wohl auch darauf an, wie viel Glück man hat, um sich dann richtig „angekommen“ zu fühlen.

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