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Deutsche Werte für die Integration

Dr. Günter Krings (Foto) ist Bundestagsabgeordneter seines Wahlkreises Mönchengladbach und stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. migration business sprach mit ihm über sinkende Geburtenraten,  den Wert von „Gemeinschaft“ und Thilo Sarrazin. 

„Deutschland schrumpft“ – was meinen Sie damit?

Die Bevölkerung wird in den nächsten Jahrzehnten erst langsam, ab 2030 aber schneller zurückgehen. In 25-30 Jahren werden etwa noch 75 Millionen Menschen in Deutschland leben. Das ist nicht schlimm, aber wir müssen es uns bewusst machen, weil viele Generationen vor uns immer nur ein Bevölkerungswachstum erlebt haben. In unseren Köpfen ist dieses stete Wachsen fest verankert. Der absehbare Rückgang der Bevölkerung ist also etwas Neues. Grund dafür ist vor allem die niedrige Geburtenrate, die seit rund 40 Jahren bei durchschnittlich 1,4 Kindern pro Frau liegt, das heißt eine Generation ersetzt sich nur zu zwei Dritteln. Die Bevölkerung ist trotzdem gewachsen, weil mehrere Millionen Menschen aus dem Ausland, auch (Spät-)Aussiedler, nach Deutschland gekommen sind.

„Deutschland schafft sich ab“–wie bewerten Sie die Aussage Sarrazins?

Ich bin der festen Überzeugung, dass sich Deutschland nicht abschafft.

Aufschlussreicher als die zum Teil krude Argumentation von Sarrazin selbst war die hitzige und emotionale Debatte über seine Thesen. Viele hysterische Kommentare und Versuche seiner Tabuisierung haben deutlich gemacht, dass noch sehr viel in Sachen Integration zu tun ist. Ich bin häufiger in den USA und Großbritannien und habe den Eindruck, dass uns manchmal eine offenere, auch kontroversere Debattenkultur wie im angelsächsischen Raum gut tun würde.

Zur Integration selbst: Ich glaube, dass wir schon ein gutes Stück vorangekommen sind, aber es gibt noch eine Menge zu tun. Es gibt viele sehr gut integrierte, leistungsbereite Migranten in Deutschland, die sich einbringen in unsere gemeinsame Gesellschaft. Aber wir haben auch Probleme gerade in Großstädten, etwa beim Verhalten an Schulen, mit der hohen Ausländerkriminalität, mangelnder Leistungsbereitschaft oder mangelnden Deutschkenntnissen.

Jedes dritte Neugeborene hat einen Migrationshintergrund, in den Großstädten sogar jedes Zweite – Wandlung in Deutschland?

Ja, die demografische Entwicklung innerhalb Deutschlands ist nicht nur regional sehr unterschiedlich mit Zu- und Abwanderungen, sondern auch in ethnischer Hinsicht: Die Bevölkerung in den Städten wird zunehmend heterogener, das ist für mich der am meisten unterschätzte Aspekt der demografischen Entwicklung. Zudem sind Migranten mit einem Altersschnitt von rund 35 Jahren deutlich jünger als Deutsche mit 45 Jahren.

Mir ist bewusst, dass Kinder mit Migrationshintergrund oft in sozial schwächere Familien hineingeboren werden. Aber gerade ihren Eltern sage ich: Ihre Kinder haben gute Chancen, sozial aufzusteigen und in Deutschland gut zu leben und zu arbeiten. Ich weiß um die größeren Risiken für Migranten, keinen Schulabschluss zu machen oder keine Arbeit zu finden. Aber: Es ist in erster Linie die Sache jedes Einzelnen, aus seinem Leben etwas zu machen. Deutschland ist ein wirtschaftlich sehr erfolgreiches und sozial stabiles Land – hier kann man mit einem mittleren Schulabschluss und einer soliden Ausbildung schon eine ganze Menge erreichen. Man muss es aber auch wollen.

Wie kann man die Zuwanderer für das deutsche Wertesystem gewinnen? Haben Sie Vorschläge für die Zukunft?

Am besten lassen sich unsere Werte im wirklichen Leben erfahren – und damit meine ich in erster Linie die Begegnung der Bürger untereinander, erst dann das Verhältnis zwischen Staat  und Bürger. Wenn eigene Kinder zur Schule oder in den Kindergarten gehen, man sich bei Straßenfesten oder in Vereinen begegnet, gemeinsam feiert und engagiert, dann werden Zuwanderer die Offenheit und den Gemeinsinn ihrer Mitbürger kennenlernen. Gerade wer neu in deutsche Städte kommt, trifft häufig auf eine lebendige kulturelle, musikalische und sportliche Welt, bei der es sich lohnt mitzumachen. Das ist nicht Ausdruck von „Vereinsmeierei“, sondern das Zeichen, dass sich die Bürger selbst frei zu gemeinsamen Interessen zusammenschließen. Deutschland ist ein vielfältiges und lebenswertes Land, in dem es viel zu entdecken gibt.

Als zweites nenne ich die Begegnung zwischen Bürger und Staat. Der Staat bietet beispielsweise die Integrationskurse an, bei denen man die deutsche Sprache, aber auch Grundzüge über unsere Recht- und Werteordnung sowie die Kultur und Geschichte Deutschlands lernen kann. Auch an den Schulen, Universitäten oder Volkshochschulen lassen sich unsere Werte ganz praktisch erfahren.

Einen konkreten Wunsch habe ich auch: Damit Zuwanderer noch einfacher an die richtigen Informationen kommen, wünsche ich mir, dass gute Onlineangebote wie etwa des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (www.bamf.de) noch bekannter werden und sich Bund, Länder und Kommunen gerade im Internet besser vernetzen. In dieser Hinsicht sind wir aufgrund unseres föderalen Systems manchmal etwas langsam.

Gibt es sowas wie „deutsche Werte“?

Für mich beruht ein wesentlicher Teil unserer Werteordnung auf den Grundsätzen der Freiheit, der Demokratie, der Achtung der Menschenrechte und der Rechtsstaatlichkeit. Jetzt werden Sie sagen: Das gilt in anderen Ländern auch – stimmt, dies sind Prinzipien mit universellem Anspruch. Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789, das Grundgesetz von 1949 und die deutsche Revolution von 1989 mit dem Einreißen der Mauer prägen unser Verständnis von Einigkeit und Recht und Freiheit. Es existiert ein ausgeprägter Schutz der  Grundrechte: Jeder kann sie gerichtlich einklagen bis hin zum Bundesverfassungsgericht – ein solches System gibt es nicht in allen Ländern. Aber auch unser besonderes Verhältnis zum Staat Israel und das Bekenntnis zu seinem Existenzrecht ist ein besonderer Wert, der sich gerade aus dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte speist.

Unsere historischen Wurzeln vereinen auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes bürgerliche, liberale und soziale Wertvorstellungen. Sie beinhalten für mich etwa die Wertschätzung von Ehe und Familie als Grundlage der Gesellschaft als auch die soziale Verantwortung des Einzelnen für die Gemeinschaft. Jeder sollte sich als Ausdruck der Nächstenliebe offen und hilfsbereit gegenüber dem Nächsten zeigen und Toleranz gegenüber jeder anderen Kultur und Religion haben.

Etwas Typisches für Deutschland dürfte schon der weit verbreitete Idealismus sein, die große Motivation, für eine Idee einzustehen. Dies haben etwa die Revolution 1989 in der DDR oder die Umweltbewegung gezeigt und der Idealismus hat seine philosophischen Wurzeln bei Kant und Hegel.

Etwas Besonderes ist unser entspanntes Verhältnis zur Religion. Damit meine ich nicht die Religionsfreiheit jedes Einzelnen – jeder kann glauben, was er möchte -, sondern das Verhältnis gegenüber den Religionsgemeinschaften und Kirchen in Deutschland. Wir haben seit Martin Luther, also seit fast 500 Jahren, Erfahrung mit religiösen Differenzen wegen der konfessionellen Spaltung in evangelische und katholische Christen. Vor hundert Jahren war es nur schwer möglich, ohne familiäre Verwerfungen als evangelischer Christ eine Katholikin zu heiraten. Dies haben wir überwunden, auch weil der Staat – anders als in Frankreich – die Religionsgemeinschaften als besondere Einrichtungen anerkennt. Wir sehen Kirchen nicht als irgendeinen Privatverein, sondern als eine besondere Institution an. Diese Anerkennung steht anderen Religionsgemeinschaften selbstverständlich nach den gleichen Voraussetzungen auch offen.

Wieviel Raum bleibt noch für individuelle Lebensentwürfe und das Bewahren anderer Kulturen?

Mein Eindruck ist, dass man in Deutschland – über die letzten Jahrzehnte gesehen – immer individueller leben kann. Der Trend geht ja nicht zur Uniformisierung, sondern zur Individualisierung der Lebensentwürfe. Durch die Deutsche Einheit hat zum Beispiel die Bandbreite zugenommen: In den neuen Ländern werden sehr viel mehr Kinder außerhalb einer Ehe geboren als in den westdeutschen Ländern.

Andere Kulturen sind in Deutschland präsent und sie müssen sich keine Sorgen machen. Deutschland ist in dieser Hinsicht ein liberales Land und es bleibt Raum, dass sich fremde Kulturen entfalten. Allerding ist für mich als Christdemokrat klar, dass die deutsche Kultur bei uns immer an erster Stelle stehen wird: Wir leben hier in einem Kulturraum, der aus meiner Sicht über die Jahrhunderte sehr viel Positives in Musik, Kunst, Literatur und Wissenschaft hervorgebracht hat und ich möchte dazu beitragen, ihn zu erhalten.

Vielen Dank für das interessante Interview!

 

Das Interview führte Dario Mohtachem.

 

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