«

»

Knigge als Handwerkszeug für eine moderne Gesellschaft

Man gewinnt wahrhaftig an Selbstsicherheit, wenn man sich zu benehmen weiß. Knigge ist längst nicht vergessen. Doch das allein reicht heute nicht mehr aus – längst ist interkulturelle Kompetenz in unserer von Vielfalt geprägten Gesellschaft notwendig geworden. Fulya Sonnenschein ist zertifizierte Knigge-Trainerin und Intercultural Business Trainerin. Sie sensibilisiert ihre Kursteilnehmer – darunter viele Unternehmer, Jugendliche, aber auch Hausfrauen und Rentner – für die Herausforderungen unseres modernen, globalen Zeitalters.

mb: Viele Leute nehmen Knigge – also die ganzen Benimmregeln – als etwas Spießiges, Überholtes wahr, und bezeichnen es als „Relikte der Vergangenheit“. Kann Knigge auch modern sein?

SONNENSCHEIN: Es kommt natürlich darauf an, wie man unter welchen Aspekten Benehmen und Umgangsformen sieht. Für mich ist es wichtig, dass man authentisch bleibt und im Blickfeld behält, worum es bei der ganzen Sache geht: Es geht letztendlich um die Wertschätzung einer Person. Man sollte das Benimm-Thema ganz nach der „Goldenen Regel“ betrachten: „Was du nicht möchtest, was man dir tue, das füge auch keinem anderen zu.“ Wenn man sich mal zurücknimmt und nachdenkt, worum es bei der ganzen Geschichte geht, bemerkt man, dass es darum geht, dass sich mein Gegenüber wohlfühlt, dass ich ihm zeige, dass ich ihn respektiere. Und wenn ich jemandem helfe, sich auf einen Stuhl zu setzen, dann tue ich das nicht aus Spießigkeit, sondern weil ich es ihm so angenehm wie möglich machen möchte und ihn wertschätze.

mb: Geben Sie als zertifizierte Knigge-Trainerin mit dem geschulten Blick auch im Alltag Ratschläge bei Fehlverhalten?

SONNENSCHEIN: Das tue ich bei meinen Kindern oder bei meinem Mann. Ich weise sie bei Fehlverhalten darauf hin, aber nicht schulmeisterhaft. Im Alltag aber sollte man das unterlassen und entspannt sehen. Denn das gehört auch nicht zum guten Umgang. Wobei Sie nicht ahnen, wie sich die Leute plötzlich ganz anders verhalten, wenn sie hören, dass noch eine Knigge-Trainerin dabei ist. Die werden dann ganz unruhig.

mb: Beide Hände auf den Tisch und Handy aus?

SONNENSCHEIN: Wenn Sie das Handy auf den Tisch legen, signalisiert dies, dass das Telefon wichtiger als mein Gegenüber ist. Wenn man dem anderen jedoch vorher mitteilt, dass man einen wichtigen Anruf erwartet, ist das nicht weiter schlimm, solange das mit Stil passiert. Heutzutage wird niemand etwas dagegen haben. Ich wurde erst kürzlich wieder in einem Interview gefragt, ob und wie man in der Öffentlichkeit telefoniert. Selbstverständlich kann man in der Öffentlichkeit telefonieren, aber man sollte nicht in den Hörer brüllen und die intimsten Dinge vor anderen Menschen ausbreiten. Man sollte sich kurz halten. Den letzten Streit mit der Partnerin ausführlich in der Öffentlichkeit den Mitmenschen aufzudrängen ist unangebracht.

mb: Gentleman heißt meiner Ansicht nach, dass sich die Menschen in seiner Umgebung so wohl wie möglich fühlen. Dazu gehört auch, dass man einer Dame die Tür aufhält, wenn man ein Restaurant betritt…

SONNENSCHEIN: Wie man ein Restaurant betritt, ist überliefert aus dem Mittelalter: Früher war es etwas derbe und da flogen schon einmal die Hühnerkeulen durch die Herberge. In solch einem Fall hatte man natürlich als Gastgeber dem Gast gegenüber eine beschützende Rolle einzunehmen. Man musste dafür sorgen, dass er unversehrt bleibt, physisch wie psychisch. Heute nimmt man auch eine Beschützerrolle ein, wenn man als Erster das Restaurant betritt: Man nimmt heute die Blicke der Restaurantgäste auf sich, wenn man das Restaurant vor dem Gast betritt, die Tür öffnet und dann den Gast eintreten lässt. Man schreitet nicht voran und lässt ihn dann irgendwo stehen. Das hat schon seinen Sinn.

mb: Man merkt scheinbar, dass sich vieles aus der Geschichte ergibt und auch wieder ändert. „Gesundheit!“ zu sagen ist ja anscheinend auch nicht mehr angebracht. Ist Knigge zeitlos oder aktualisieren sich die Regeln ständig?

SONNENSCHEIN: „Gesundheit!“ ist auch wieder aus dem Mittelalter. Damals, als die Pest grasierte, als man einen Pestkranken sah, da wünschte man sich vom lieben Herrgott Gesundheit. Und wie hat sich das jetzt eingebürgert? Man niest und wünscht jemandem „Gesundheit!“  Erklären Sie doch mal Ihrer Tante oder Ihrer Oma, dass das jetzt nicht mehr modern ist! Wenn Sie ihr nicht mehr „Gesundheit!“ wünschen, ist sie doch sicherlich beleidigt.

mb: In Asien ist es schon lange an der Tagsordnung, sich in diesem Fall zu entschuldigen.

SONNENSCHEIN: Asiaten sind ja auch höflicher als wir (schmunzelnd).

mb: Sie bieten ja auch eine Vielzahl an Kursen an, beispielsweise über Business-Etikette. Wie muss ich mir so einen Kurs vorstellen?

SONNENSCHEIN: Ich erzähle gerne Anekdoten. Ich bin nicht die Schulmeisterin, die Oberlehrerin, die mit dem Zeigefinger da steht und schimpft – denn es soll ja Spaß machen. Manche Leute haben eine gewisse Abneigung und sagen: „Meine Frau hat mich geschickt!“ Man muss daher erstmal schaffen, diese Abwehrhaltung zu brechen. Und das macht man nicht mit dem gehobenen Zeigefinger. Man unterhält die Leute, bringt sie zum Lachen und eröffnet ihnen die Möglichkeit an praktischen Beispielen zu lernen. Diese Seminare finden häufig in Seminarräumen von Hotels statt. Auch ein Drei-Gänge-Menü ist eingeplant. Wenn wir dann trocken an einem Steak geübt haben, üben wir gleich im Restaurant des Hotels bei einem Drei-Gänge-Menü weiter.

mb: Sie haben auch geschrieben, dass man Smalltalk lernen kann.

SONNENSCHEIN: Ja, dann sprechen wir über die Themen, die man vermeiden sollte, zum Beispiel Mord und Totschlag oder Krankheiten und Religion. Das ist alles kulturbezogen. Wenn ich in ein Land gehe, wo bestimmte Themen heikel sind, äußere ich mich nicht kritisch darüber, wie z.B. über den Stierkampf in Spanien. In der Türkei sollte ich die Kurden-Thematik nicht ansprechen. Und hier in Deutschland sollte ich ganz vorsichtig mit dem Nationalsozialismus umgehen. Dazu gehört Fein- und Taktgefühl.

mb: Und was sollte man stattdessen ansprechen? Wahrscheinlich das Wetter, Gemeinsamkeiten,…

SONNENSCHEIN: Hobbys und Vergleichbares. Und wenn ich das nun aus dem Blickfeld der interkulturellen Trainerin betrachte, würde ich schauen, was das für ein Land ist. Steht die Familie im Vordergrund, dann würde ich eher über die Familie, Sitten und Gebräuche reden. Die Türken finden das ganz toll, dass man über ihre Kultur spricht – seine gute Meinung über Istanbul kundtut – oder über den Gründervater Atatürk Bescheid weiß. Man sollte sich einfach auf das Land vorbereiten.

mb: Unter Knigge-Kursen kann ich mir etwas vorstellen. Aber es gibt so viele verschiedene Kulturen. In China ist es ganz anders als in der Türkei oder in Deutschland. Wie kann ich mir einen Kurs für interkulturelle Kommunikation vorstellen?

SONNENSCHEIN: In diesen Seminaren geht es um Kulturdimensionen und Kulturstandards. Am besten lässt sich das an Unternehmen veranschaulichen, in denen zwei unterschiedliche Kulturen aufeinandertreffen. Eine Fusion hat stattgefunden oder zwei Projektteams mit komplett unterschiedlichen kulturellen Dimensionen müssen nun miteinander arbeiten. Die einen sind individualistisch und die anderen kollektivistisch wie die Chinesen, Iraner und Türken. Non-verbale Kommunikation wird groß geschrieben, während bei den Deutschen die direkte Kommunikation üblich ist. Da kann es schnell passieren, dass die Chinesen nicht direkt ‚nein‘ sagen – sie nicken nur höflich. Man sagt ‚ja‘, weil man nicht möchte, dass der Gegenüber sein Gesicht verliert, und der Deutsche fragt sich verwirrt: „Wieso? Ist doch alles okay, die haben doch zugestimmt. Die haben doch ‚ja‘ gesagt!“ Bei einigen asiatischen Kursteilnehmern dachte ich anfangs aufgrund ihrer zurückgelehnten Haltung und ihrer geschlossenen Augen, dass sie schlafen und überhaupt kein Interesse haben. Aber nein, sie hören hochkonzentriert und interessiert zu. Bei Nachfragen zeigt sich hinterher meist, wie gut sie aufgepasst haben.

mb: Wie war das Feedback Ihrer Kursteilnehmer nach den Kursen? Positiv, negativ?

SONNENSCHEIN: Im Grunde genommen sind alle sehr, sehr dankbar, weil ich ihnen ermögliche in einer sehr lockeren und entspannten Atmosphäre zu lernen und sie sich selbst aktiv einbringen können. Die Seminare gestalte ich interaktiv. Ich stehe nicht da und erzähle acht Stunden lang. Sie müssen sich beteiligen, ich involviere sie. Letztendlich ist das Feedback sehr positiv. Viele bedanken sich. Ich biete auch Einzelcoachings an. Da habe ich eigentlich immer die beste Resonanz, weil ich das maßgeschneidert anbiete. Die schicken mir dann, was genau sie brauchen, wie sie es haben wollen und dann wird das auch live geübt. Alles, was dieser Mensch braucht und möchte. Ich bin in diesem Fall zwei bis drei Stunden nur mit dem Kunden zusammen und wir arbeiten intensiv an seinen Schwachpunkten.

mb: Wie bewerten Sie als Knigge-Expertin so etwas wie ein Knigge-Schulfach?  

SONNENSCHEIN: Sehr wichtig. Allein, dass man seinen Gegenüber lernt wertzuschätzen. Ich habe das Gefühl, dass viele Eltern nicht viel Zeit zu Hause haben. Mit Messer und Gabel wird gegessen. Aber worum geht es bei der ganzen Sache? Später, also ab der Mittelstufe sollte man auf jeden Fall auch interkulturelle Kommunikation behandeln. Wir lassen unsere Kinder auf die Gesellschaft los, die eben nicht mehr monokulturell ist. Wir leben mit vielen Kulturen zusammen. Da ist es wichtig, den anderen richtig zu verstehen, richtig zu deuten und Fehlinterpretationen zu vermeiden.

mb: Es geht bei Knigge scheinbar  vor allem würdigen und wertschätzen. Sie sagen in ihren Knigge-Kursen zudem, dass es auch sehr viel um Selbstvertrauen geht. Kann man eigentlich durch Kurse lernen, selbstbewusster zu werden?

SONNENSCHEIN: Das ist auch das, was ich versuchen möchte, zu erreichen. Dass Menschen, die wissen, wie man sich verhält, auch viel selbstbewusster mit der Kultur und dem Geschehenen umgehen. Wenn ich zum Beispiel einen gedeckten Tisch mit bis zu vier Gängen habe, dann frage ich mich, wo ich da anfangen soll. Aber wenn ich weiß, wie die Regeln sind, dann weiß ich auch wo und wie ich sie zur Not einmal brechen kann. Dann kann ich mich auf das Gespräch konzentrieren – das ist ja auch hochinteressant, was mir mein Nachbar erzählt – weil ich weiß, wie ich anfangen muss oder wie ich zu essen habe, wohin die Serviette gehört. Dieses Wissen gibt den Menschen Selbstbewusstsein und dann sind sie wesentlich entspannter.

 

Das Interview führte Dario Mohtachem.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>