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Palermo – Stadt der Gegensätze

Palermo polarisiert. Man sagt, Siziliens Hauptstadt müsse man lieben oder hassen, laue Neutralität ließe sie nicht zu. Für ein Praktikum am Goethe Institut verschlägt es mich für zwei ganze Monate in eine der südlichsten Metropolen Europas. In den nächsten Wochen werde ich Zeit haben, die Vielfalt und Farbenpracht der „Conca d’oro“ – der goldenen Muschel – kennen zu lernen und mich zwischen Liebe und Hass zu entscheiden. Auf migration business könnt ihr mein sizilianisches Abenteuer miterleben.

 

 

Palermo ist nichts für schwache Nerven. Wer hier so ganz unbedarft reinschneit, bekommt es spontan mit der Angst zu tun. Bei Tageslicht wirkt die Stadt wie ein post-apokalyptisches Szenario. Alles ist düster, verfallen, morsch und porös. Die Straßen ächzen unter Müllbergen und (Wasser-)bächen undefinierbarer Herkunft. Zwar wirken die schwarz angelaufenen Fassaden hinter dem bunten Vorhang der vollbehangenen Wäscheleinen etwas freundlicher, doch können sie das Schluchzen der verkommenen Ruinen nicht übertünchen.

Puls im Dämmerlicht

Nun mag das alles gar nicht danach klingen, als könne man sich hier irgendwie wohlfühlen. Das stimmt  nicht ganz. Wenn  die Dämmerung heranbricht, erwacht die Stadt aus ihrem Koma und ihr Herzschlag dröhnt so laut, dass man mit ihm bebt. Aus ihren Löchern krauchen dann hunderte, tausende Menschen jeden Alters und jeder Herkunft in das schmeichelnde Schummerlicht der Straßenlaternen. Jugendliche auf Motorrädern oder in mikroskopisch kleinen Autos sorgen für die passende Beschallung, dröhnender Minimaltechno vermischt sich mit italienischer Schnulzenmusik. Das hungrige Volk strömt gierig durch die engen Gassen, die von Marktständen fast erdrückt werden. Ich dränge mich dazwischen. Wenn ich um 19 Uhr mein kleines Büro abschließe, erwartet mich ein 60-minütiger Fußmarsch bis nach Hause, denn Busse fahren hier irgendwie und irgendwohin, doch niemals wann oder wohin man will. Ich genieße jeden Meter Weg. Jetzt habe ich keine Angst, die Stadt lebt, die Menschen sind wach, ich bin nicht allein.

Supermärkte chancenlos

Ich gehe in eines der hundert Lebensmittelgeschäfte. Hier kaufe ich frischen Aufschnitt und Ricotta, im nächsten Verschlag besorge ich Milch und Eier, am Stand Gemüse und Obst. Dahinter ist noch ein Kosmetiktisch. Hier kaufe ich Zahncreme. Schließlich noch frisches duftendes Sesambrot bei einem speckig-authentischen Bäcker und zuletzt Wasser in einer „bottiglieria“, einem – man glaubt es kaum – „Flaschenladen“.  Supermärkte braucht es hier nicht. Die Palermitaner haben für jeden Bedarf einen Händler ihres Vertrauens. Einkaufen wird zum abendfüllenden Erlebnis.

Zuhause angekommen falle ich erschöpft auf mein breites Bett. Unglaublich, wie mein Puls im Wettlauf mit dem der Stadt rast. Unglaublich, was da vor sich geht, denn schon morgen früh wird wieder alles anders sein. Wie eine verbrauchte Prostituierte wird Palermo scheu im Tageslicht ihr vernarbtes, verschmiertes Gesicht von der Sonne abwenden. Der Schmutz der vergangenen Nacht klebt dann immernoch an ihr, doch niemanden kümmert es. Die Mengen sind längst in ihre Löcher zurück gekrochen und später wird die dunkle Nacht die Müllberge schlucken.

Morgen Abend werde ich zum ersten Mal in das palermitanische Nachtleben tauchen, die Bars im Schmummerlicht der scheinbar halbzerbombten Piazza Ballarò ziehen mich magisch an.

Text: Maximiliane Schwerdt.

2 Kommentare

  1. Andreas Bartsch

    Faszinierend geschrieben. Goethe wäre stolz auf die Autorin.

  2. Glinkowski

    interessant, gut geschrieben aber ich würde gernmehr über die Arbeit des Goethe-Instituts in Palermo erfahren.

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