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Unternehmer aus Überzeugung

„Ein Unternehmen ist wie ein Kind“, sagt Si An Truong. Es gibt viele vietnamesische Restaurants in Berlin, aber nur wenige heben sich ab. Das Teehaus Chen Che aber, was einerseits „eine Schale Tee“ und andererseits „eine Schale Köstlichkeit“ bedeutet, lädt uns ein in eine geheimnisvolle Welt voller Tradition und Kultur. Schon beim ersten Betreten begeistern asiatische Düfte und Klänge, die senffarbene Inneneinrichtung und eine friedliche Atmosphäre mit Vogelgezwitscher. migration business sprach mit dem Geschäftsführer Si An Truong über Teehäuser in Asien, Reismilch und über sein drittes „Kind“, wie er das Chen Che liebevoll nennt.

Warum haben Sie sich selbstständig gemacht?

Das hat mit dem richtigen Zeitpunkt und Bauchgefühl zu tun. Ich komme eigentlich aus der Hotellerie und habe gleichzeitig in Deutschland eine Ausbildung zum Koch erfolgreich absolviert. Ich war 14 Jahre im Hotelbereich bei Kempinski tätig. Ursprünglich wollte ich irgendwann wieder zurück nach Südostasien. Zu der Zeit war es jedoch wegen der Wirtschaftskrise etwas schwierig. Deshalb war Berlin mit dem Adlon Hotel und dem China Club meine Alternative zum Ausland. Dann hat mir ein Freund, Monsieur Voung, angeboten, das Restaurant mit ihm zu leiten. Ich habe es als Herausforderung gesehen und baute das Geschäft mit auf. Nach zwei Jahren stellte ich mir die Frage: „Was mache ich jetzt?“. Es war schwierig, für jemanden zu arbeiten, weil ich mit einem gewissen Alter bestimmte Ideen und Vorstellungen im Kopf hatte. Irgendwann ist der Zeitpunkt gekommen, in dem mein Bauchgefühl und mein Freundeskreis gesagt haben, dass ich mich selbstständig machen soll. Ich habe mich nicht nur aus wirtschaftlichem Interesse, sondern auch aus Überzeugung für diesen Weg der Selbstständigkeit entschieden. Wir haben jetzt drei vietnamesische Restaurants, deren Küche jeweils in verschiedene Richtungen geht. Die Konzepte sind sehr unterschiedlich. Ich versuche, ein Stück von meinem Land und meinem Wissen über meine Herkunft mit Stolz nach außen zu präsentieren. Das ist meine Botschaft. Wir haben vor sechs Jahren das erste Haus aufgemacht, das Si An in der Rykestraße in Prenzalauer Berg. Durch Qualität, die Liebe zum Detail und durch die ehrliche, authentische Küche hat sich das in kurzer Zeit sehr schnell herumgesprochen. Ein normaler gesunder Geschäftsmann würde für sein zweites Restaurant den gleichen Namen wählen und das Konzept fortlaufen lassen.

Sie sind aber kein normaler Geschäftsmann!

Ja, weil wir sagen, dass wir nicht nur Geschäfte machen, sondern auch Träume. Wir haben bestimmte Träume, noch andere Ideen, Vorstellungen und andere Teile unseres Landes zu präsentieren, die reichhaltiger sind als nur eine Richtung. Das Risiko gehen wir gerne ein, dass wir ein zweites Kind – wir nennen unsere Restaurants „Kinder“ – mit einem ganz neuen Gesicht und Authentitäten schaffen und mit Stolz präsentieren. Wir sind mit Herz und Seele dabei und hoffen, dass das Kind angenommen wird. Das ist unser Risiko und auch untypisch für einen Geschäftsmann. Bei unserem dritten Kind, dem Teehaus Chen Che hatten wir noch eine Idee, die schon lange gestorben ist: Die Teehauszeremonie und Teehausgeschichte. Wir erschaffen das wieder, was durch die Moderne verloren geht, und geben Berlin einen Ort, wo man zu sich finden kann.

Und das ist das Besondere an dem Teehaus?

Ja. Tee ist bei uns in Asien nicht nur ein Getränk, sondern beinhaltet auch etwas Medizinisches, einen Heilprozess. Somit benutzt die asiatische medizinische Küche viele Kräuter, um Getränke wie Tee herzustellen, um den Körper zu heilen, Krankheiten vorzubeugen oder um sich zu schützen. Das Teehaus war in Asien ursprünglich für jede Familie fast wie ein Wohnzimmer. Man traf sich früh morgens zum Frühstücken, zum Teetrinken, zum Quatschen und zum Zeitung lesen. Mittags wurden Tee, Kuchen und Süßigkeiten gegessen. Auch das Abendessen gab es im Teehaus. Viele Wohnungen in Asien waren klein und das soziale Leben – egal ob von Großeltern, Eltern oder Kindern – spielte sich in diesen Teehäusern ab. In Asien haben diese Teehäuser schon immer eine sehr wichtige soziale Rolle gespielt. Allerdings geht diese Tradition durch die Modernitäten wie Kaffeehäuser verloren. Junge Leute sagen jetzt, dass sie einen Kaffee trinken gehen, aber keinen Tee mehr.

Haben Sie sich das selbst mit der Inneneinrichtung ausgedacht? Wie sind Sie auf die Idee mit den Lampen gekommen? Wo nehmen Sie Ihre Kreativität her?

Es gibt ein Sprichwort bei uns in Vietnam: „Je älter man ist, desto mehr fließt das Wasser zurück zum Ursprung, wo das Wasser herkommt.“ Mit anderen Worten: Je älter man wird, desto mehr Zeit nimmt man sich, mehr über seine Herkunft zu lernen und zu wissen. Wir hatten den Zeitpunkt erreicht, an dem wir schon viel gereist sind, Erfahrungen gesammelt und über Geschichte gelesen haben. Dadurch ist ein bestimmtes Bild in meinen Augen entstanden, wie es früher mal gewesen sein könnte. Die senfartige, gelbe Farbe ist eine typische Farbe von Vietnam, die früher in fast allen Häusern zu sehen war. Die Lampions sind alle handgemacht. Sie werden leider fast nicht mehr hergestellt, weil Handarbeit durch die ganzen Modernitäten und die Fabrikarbeit nicht mehr üblich ist. Wir hatten diese vor sechs Jahren für das Si An bestellt und noch welche gelagert. Somit haben wir die Lampions für das Teehaus eingesetzt. Das Besondere an den Lampions ist, dass wir sie mit alten vietnamesischen Medizinbüchern beklebt und eingehüllt haben. Das ist seidenartiges, ganz dünnes, fast durchsichtiges Papier, was aber trotzdem aus über 1000 Blättern besteht. Es glänzt, ist sehr stabil, zäh und wasserresistent, weil es eine Fasermischung aus Papier und Stoff ist.

Wie viele Teesorten bieten Sie hier an und welchen Tee würden Sie uns persönlich empfehlen?

Wir streben nicht danach, hunderte von Teesorten anzubieten. Wir gehen weg von den Standards und konzentrieren uns stattdessen mehr auf Kräuter- und Blütentee, die schon fast ausgestorben sind. Diese haben auch einen geschichtlichen Hintergrund und eine wohltuende Wirkung für unsere Körper. Wir bieten beispielsweise den blauen Butterflyblütentee an. Die Blüten sehen unscheinbar aus, aber in Wasser und Flüssigkeiten färben sie sich blau. Die Blüte wird in Reismilch gekocht. In armen Familien in Asien und Vietnam wurde der Reis, bevor er gekocht wurde, mit Wasser verrieben. Diese Flüssigkeit, die Reismilch, diente der Sättigung der Kinder, bevor sie zur Schule gingen. Für Dörfer und ländliche Gegenden war das normal, aber es ist auch gesund, weil es sehr reichhaltig an Nährstoffen ist. Wir wollen die alte Form des Reismilchtees zeigen. Viele haben heutzutage wegen der Umwelt und Natur eine Allergie gegen Glukose und Laktose. Deswegen ist die Reismilch wieder im Kommen und modern, weil sie für Allergiker total verträglich, kalorienarm und bekömmlich ist. Wir versuchen zwar einerseits, alte Sachen zu wecken, wollen aber trotzdem etwas Modernes und Passendes anbieten. Das gilt auch für die meisten Kuchen und Desserts, die aus Reismilch, Kokosmilch und Reismehl gemacht werden.

Sie sind ein Familienunternehmen?

Mehr oder weniger. Meine Familie hilft mir, dieses Unternehmen zu führen, welches offiziell aus meinem Teil besteht. Der Vorteil ist, dass man Familienmitgliedern sehr viel vertraut und sie belasten kann. Man stützt sich gegenseitig. Der Nachteil ist, dass wenig Familienmitglieder eine fachliche Ausbildung haben, was das Geschäft betrifft. Somit ist es schwierig, mit Leuten zusammenzuarbeiten, die keine Fachkräfte sind, aber trotzdem verschiedene Meinungen haben. Es wird viel diskutiert, aber ohne dass wir ein Ergebnis bekommen. Das wollen wir verhindern. Wir haben ein bestimmtes Ziel vor Augen. Das ist eigentlich auch unsere Regel: Wir legen Wert auf Qualität, Service, unsere Originalität und unsere Liebe zum Detail. Wir versuchen jede Stärke aus jedem Familienmitglied herauszuholen und gezielt einzusetzen. Trotzdem gibt es nur eine Richtung, die ich dann bestimme. Das ist wichtig für uns, um das Endergebnis zu bekommen.

Planen Sie weitere Geschäfte zu eröffnen?

Wenn wir etwas machen, dann wollen wir etwas Neues kreieren und entwickeln. Für Berlin spricht das weniger, weil die Stadt asiatische Restaurants betreffend sehr gesättigt ist. Die Stadt ist offen für Neues. Auf der andere Seite haben wir es schwer mit der vietnamesischen Küche, weil Berliner weniger Geld für vietnamesisches Essen als für beispielsweise Sushi ausgeben. Das ist leider die Einstellung, wobei wir Vietnamesen, meiner Meinung nach, selber Schuld sind. Es gibt wahnsinnig viele Nachahmer von Restaurants, die keine eigenen Konzeptideen haben und trotzdem versuchen, Geschäfte zu machen. Aber nicht aus Überzeugung oder mit guten Konzepten, sondern durch niedrigen Preis. Somit verderben wir uns selber den Ruf. Wir aber bieten vietnamesische Qualitätsküche aus Überzeugung an. Deswegen können wir es nicht billiger verkaufen und dafür die Qualität leiden lassen. Somit sehen wir weniger eine Zukunft in Berlin. Wenn, dann machen wir woanders etwas auf, wo der Markt für uns größer ist und die Gäste auch bereit sind, mehr zu zahlen.

Vielen Dank für das spannende Interview.

 

Das Interview führten Joel Cruz und Maggie Yeh.

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