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Multikulti – Best Practice in Palermo

„Palermo muss man leben“ sagen die Sizilianer, wenn man sie nach ihrer Meinung zur Chaos-Metropole fragt und tatsächlich – genau so habe ich in kurzer Zeit gelernt, mich  mit der Stadt zu versöhnen. Wer meinen letzten Bericht gelesen hat,  dem dürften die „post-apokalyptischen“ Szenarien am Morgen kaum in Reisestimmung versetzt haben. Doch Palermo verdient eine zweite Chance.

In der Frühlingssonne erstrahlt die Stadt in einem ganz neuen Licht und offenbart dem verklärten Auge ungeahnte Schätze:  Prachtvolle Gebäude aus verschiedenen Epochen und verwunschene Villen eingebettet in gepflegte Parks bilden einen krassen Gegensatz zum grellen Durcheinander der Märkte, die mit ihrer undefinierbaren Mischung aus Farben und Gerüchen einem orientalischen Basar sehr nahe kommen.

Ein Schmelztiegel

Palermo ist ein Beispiel gelungener Fusion unterschiedlicher Kulturen. Ihre rund 1300-Jährige Eroberungsgeschichte hat die Stadt nachhaltig geprägt. Phönizier, Griechen, Römer, Normannen und Sarazenen hinterließen ihre Spuren im Stadtbild. So erinnern zum Beispiel die zahlreichen weißen Flach-und Kuppelbauten mit türkisfarbenen Ornamenten und bunten Fliesen, die sich an den verschiedensten Stellen diskret in das Stadtbild einfügen, an die Zeit der aufgeklärten Araber, die Palermos Infrastruktur sowie die Landwirtschaft bedeutend revolutionierten. Auch die prunkvolle Mosaikausstattung und die stalaktitenförmige Holzdecke der berühmten palatinischen Kapelle im Inneren des Normannenpalasts zeigen den enormen kulturellen Reichtum Palermos. Die Multi-Kulti-Stadt entwickelte sich nicht nur in materieller, sondern auch in ideologischer Hinsicht entscheidend unter dem Einfluss der Emire. Religiöse und kulturelle Toleranz machten die Stadt zu einem Schmelztiegel, in der verschiedenste Völker in friedlichem Miteinander lebten.

Eine kleine Weltreise

Bis heute überrascht Palermo durch seine kulturelle und religiöse Offenheit. Natürlich gibt es auch hier eine dezente Ansammlung gleicher Ethnien in bestimmten Stadtvierteln. Von Abgrenzung oder gar Ghettoisierung ist jedoch nichts zu spüren. Wenn man vom Opernhaus „Massimo“ die Via Maqueda in Richtung Bahnhof hinunterschlendert, begibt man sich auf eine kleine Weltreise. Beginnend mit italienischen Bars, die Pizza, Pasta und Panini imbottiti zum Mittagstisch anbieten, dringt man vor zu winzig kleinen Indian Fastfood-Buden sowie zahlreichen Kebab-Läden , einige von ihnen innen orientalisch gekachelt. Zweigt man dann in Richtung des Marktviertels Ballarò ab, sieht man immer mehr afrikanische Familien in traditionellen, bunten Kleidern, die ihre Einkäufe auf dem Markt erledigen. Hier gibt es neben süßen, gelben Bananen übrigens auch afrikanische Kochbananen, so dass jede Nachfrage bedient werden kann.

Italienischer Kiosk auf Rädern

Der Palermitaner spaziert zielgerichtet durch dieses bunte Nationengemisch und  gehört irgendwie dazu. Natürlich weiß er kaum etwas mit einer Kochbanane anzufangen, noch zieht er einen Kebab einer sizilianischen Pasta alla Norma mit Ricotta und frittierten Auberginen vor. Dennoch kauft er gerne elektronischen Schnickschnack beim Chinesen, surft zum Spottpreis im indischen Internetcafé oder aber gönnt sich in der Anonymität einer arabischen Bar eine Shisha zum Feierabend. Vor allem aber hört man ihn nur selten über „die Araber“ oder „die Inder“ schimpfen, während Beschwerden über die „korrupte politische Klasse“ hingegen zum alltäglichen Kanon der Palermitaner gehören und auch gerne selbstkritisch die sizilianische Chaos-Mentalität beklagt wird.

Man mag Palermo ökonomische und politische Rückständigkeit vorwerfen, in Fragen des toleranten und vorbehaltlosen Miteinanders ist die Stadt weit voraus.

Text: Maximiliane Schwerdt

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