«

»

Damit sich das Bild von Mitbürgern anderer Herkunft ändert

Können Medien das Bild von Menschen anderer Herkunft verändern? Und weshalb ist die deutsche Sprache so wichtig für eine erfolgreiche Integration?  migration business sprach mit dem Geschäftsführer der Deutschlandstiftung Integration, Ferry Pausch (Foto), über Medien, Sprache und Integration. 

Herr Pausch, wie kam es zur Gründung der Deutschlandstiftung Integration und wie ist die Idee entstanden?

Die Deutschlandstiftung wurde 2008 gegründet. Das war genau zwei Jahre vor der Thilo Sarrazin Debatte. Es zeigt, dass die Zeitschriftenverleger sich sehr früh mit dem Thema Integration beschäftigt haben und darin etwas Positives tun wollten. Der Verband der Zeitschriftenverleger – VDZ – nahm bereits an den Arbeitsgruppen der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung teil. Insbesondere zum Thema Medien und Integration. Bei einem Treffen mit dem damaligen Hauptgeschäftsführer des VDZ, Wolfgang Fürstner, und mit der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, Maria Böhmer haben beide bekundet, dass man was tun könne. Den Verlegern ist das Thema Integration wichtig, deshalb müssen wir eine Stiftung gründen, meinte Fürstner. Maria Böhmer fand die Stiftungs-Idee gut. Daraufhin hat sich eine Gruppe von Verlegern, die diese Idee unterstützten, getroffen. Bei einem Treffen mit der Bundeskanzlerin Angela Merkel wurde diese Idee vertieft. Die Medien sind für eine erfolgreiche Integration wichtig, weil die Medien das Bild von Menschen anderer Herkunft prägen. Die Medien haben darin eine gesellschaftliche Verantwortung. Natürlich, bleibt die Berichterstattung unabhängig, aber wir möchten zusätzlich etwas tun, damit sich das Bild von Mitbürgern anderer Herkunft ändert. Eines der Ziele von der Deutschlandstiftung Integration ist durch Werbeplätze für ein offenes, tolerantes und weltoffenes Deutschland zu werben und dadurch einen Beitrag zur Integration zu leisten.

Sie hatten es gerade schon angesprochen: Mediadollar. Was versteht man darunter genau?

Mediadollar sind gratis Anzeigenplätze, die die Deutschlandstiftung Integration von den VDZ-Mitgliedsverlagen zur Verfügung gestellt bekommt. Das Erste, was wir gemacht haben war eine Anzeigenkampagne, die uns Amir Kassaei von DDB, der selber einen Migrationshintergrund hat, pro bono entworfen hat. Nämlich die Kampagne mit dem Claim „Raus mit der Sprache. Rein ins Leben“ bei der prominente Botschafter die Schwarz-Rot-Gold gefärbte Zunge rausstrecken und zum Deutsch lernen einladen. Danach haben wir einige Verleger angesprochen, die bereit waren ihren Beitrag zur Integration in Deutschland zu leisten. Wir haben den Verlegern die Kampagne vorgestellt. Zunächst haben wir auf bescheidene fünf bis zehn Anzeigenplätze gehofft. Das Echo und die Resonanz waren aber überwältigend, sodass wir beim ersten Lauf dieser Kampagne 300 kostenlose Anzeigenplätze gewinnen konnten. Beim zweiten und dritten Lauf wieder. In der Summe haben wir eine Leserreichweite von rund 80 Millionen Menschen erzielt und gratis Anzeigenplätze in der Höhe von zwei bis drei Millionen Euro sammeln können.

Anzeigenplätze in Print und Online?

Anzeigenplätze in Printmedien. Damit meine ich Zeitungen, Zeitschriften und Magazine. Durch den VDZ konnten wir gute Kontakte zu den Printverlegern aufbauen. Tageszeitungen konnten wir ebenfalls für unsere Kampagne gewinnen. Darunter sind zum Beispiel die türkische Tageszeitung Hürriyet. Durch unser Vorstandsmitglied Kai Diekmann haben wir auch die auflagenstärkste Tageszeitung die Bild gewinnen können. Auch die Süddeutsche Zeitung sowie die Frankfurter Allgemeine Zeitung haben uns unterstützt.

Welche Aufgaben und Ziele setzt sich die Deutschlandstiftung Integration?

Das große Ziel und die Vision der Deutschlandstiftung Integration ist einen Beitrag zur Chancengerechtigkeit und Chancengleichheit herzustellen. Unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger mit Migrationshintergrund haben nach wie vor nicht die gleichen Chancen. Das ist das große Ziel. Die Stiftung leistet dazu einen Beitrag. Da wir eine durch die Medien geborene Stiftung sind, nutzen wir die Medien als wichtiges Instrument, um auf Dinge oder Defizite beim Thema Integration in unserer Gesellschaft aufmerksam zu machen. Wir wollen durch Informationen und Aufklärung Vorurteile bekämpfen. Die Medien einschließlich des Internets helfen uns dabei. Unsere erste Aufklärungskampagne „Raus mit der Sprache. Rein ins Leben“ hat gezeigt, wie wichtig Medien im Kampf gegen Vorurteile sind. Auf unserer Webseite www.ich-spreche-deutsch.de bieten wir einen Sprachtest an und informieren über verschiedene Sprachschulen in Deutschland. Derzeit arbeiten wir an einem Förderprogramm, durch das junge Talente mit Migrationshintergrund gefördert werden. Wir möchten unseren Schützlingen auch den Weg in Netzwerke öffnen, die ihnen vorher vielleicht nicht zur Verfügung standen. Insbesondere geht es um die Öffnung von Business-Netzwerken. Wir haben in Deutschland einen Migrantenanteil von 20 Prozent. Theoretisch müssten auch 20 Prozent der CEOs von DAX-Vorständen einen Migrationshintergrund haben. Praktisch jedoch ist die Bilanz ernüchternd. Die Deutschlandstiftung Integration arbeitet an einer besseren Verteilung in unserer Gesellschaft. Sie sehen, wir haben noch viel vor.

In der Politik haben wir doch schon viele Vorsitzende. Zum Beispiel Cem Özdemir bei den Grünen oder Dr. Philipp Rösler bei der FDP. Bei der Deutschen Bank löst der indischstämmige Anshu Jain den Josef Ackermann ab.

Das ist richtig. Wenn Rösler und Co. jetzt noch Frauen wären, dann wäre es sogar noch besser. Im Ernst, 20 Prozent der CEOs von DAX-Vorständen haben wir noch lange nicht erreicht. Man kann Politik und Wirtschaft auch nicht miteinander vergleichen. Die Politik hat andere Regeln als Gesellschaft oder Wirtschaft.

Das Motto der aktuellen Medienkampagne lautet „Raus mit der Sprache. Rein ins Leben“. Warum ist gerade Sprache ein Schlüssel zur Integration?

Ohne Sprache findet keine Kommunikation statt. Die Sprache ist aus zwei Gründen wichtig. Erstens ist die Sprache das Handwerkszeug der Medien. Deshalb ist für die Deutschlandstiftung Integration Sprachförderung das wichtigste Anliegen überhaupt. Sprachförderung ist für die Verlage auch eine Frage der Nachhaltigkeit. Deutsche mit Migrationshintergrund sind die Leserinnen und Leser und die Redakteure von morgen. Dazu bedarf es guter Sprachkenntnissen. Um ernst genommen zu werden, muss man in Deutschland die deutsche Sprache beherrschen. Sicherlich gibt es Ausnahmen, ein Anshu Jain wird auch die Deutsche Bank auf Englisch gut führen können. Ich rede jedoch über Partizipation, Bildungsmöglichkeiten, Arbeitsmarkt und Gesellschaft. Das funktioniert in Deutschland nur wenn man perfekt die Sprache beherrscht. Informationen über unser Schul- und Ausbildungssystem gibt es nur auf Deutsch. Anschreiben, Bewerbungsschreiben und Vorstellungsgespräche sind auf Deutsch und wenn man sich am gesellschaftlichen Diskurs beteiligen möchte, dann kommt man um die deutsche Sprache nicht herum. Unsere Mit-Botschafterin der Kampagne und zugleich Familien- und Sozialministerin in Niedersachsen, Aygül Özkan, hat es einmal schön mit folgendem Satz zusammengefasst:‚Mir war ganz klar von Anfang an. Ich habe Ziele, die muss ich mitteilen und das geht eben nur wenn ich Deutsch spreche.’

Sie konnten viele bekannte und prominente Botschafter für sich gewinnen. Welche Rolle spielen die Medien für die Integration in Deutschland und welche Rolle spielen Botschafter in den Medien?

Unabhängige Berichterstattung hat zwei Funktionen. Dort wo die Dinge schief laufen, da legen die Medien ihren Finger in die Wunde. Dinge, die gut laufen und auch wichtig sein können, sind leider weniger spannend für die Berichterstatter. Zum Glück laufen die meisten Dinge gut. Das möchten wir aber nicht alles in der Zeitung lesen..Medien haben aber auch eine Vorbildfunktion und durch Vorbilder in den Medien kann man Menschen besser erreichen und überzeugen. Deshalb haben wir uns für eine Testimonial-Kampagne entschieden. Es war für uns wichtig Identifikationspersonen, gerade für heranwachsende Jugendliche, die zwischen zwei Kulturen leben, zu finden. Allein der Begriff Deutschtürke verdeutlicht die Problematik in der junge Migranten stecken. In der Türkei werden sie als Verwandtschaft aus Deutschland tituliert und hierzulande als Türken bezeichnet. Diese Jungendlichen hängen zwischen den Welten. Deshalb ist es wichtig, dass junge Migranten durch Medien positive Vorbilder erhalten, die zur Orientierung dienen. Unsere sorgfältig ausgewählten Botschafterinnen und Botschafter vertreten Selbstbewusstsein und Erfolg. Sie zeigen, dass man durch Leistung, starken Willen und die Beherrschung der deutschen Sprache alles erreichen kann. Die Sprache führt zwar nicht automatisch zum Erfolg, aber es ist eine wichtige Voraussetzung zum Erfolg. Unsere Kampagne hat zwei Botschaften. Zum einen richtet sich die Kampagne an Einwanderer. Wir wollen mit den Botschaftern in den Migranten-Communities für die Beherrschung der deutschen Sprache werben. Zum anderen richtet sich die Kampagne aber auch an die Aufnahmegesellschaft. Wir erleben es leider immer noch zu oft, dass ein Deutscher anderer Herkunft, der die deutsche Sprache perfekt beherrscht, mit der Aussage „Sie sprechen aber gut deutsch“ konfrontiert wird. Das muss sich in unserer Gesellschaft ändern, darin sind uns die angelsächsischen Länder meilenweit voraus.

Stichwort Aufnahmegesellschaft, weil sie es vorhin angesprochen haben, das ist auch immer eine Frage, weil Integration hat ja immer zwei Seiten. Ich frage Sie jetzt mal direkt: Was meinen Sie, sind wir Deutschen eine offene liberale Einwanderungsgesellschaft?

Wir sind eine offene liberale Einwanderungsgesellschaft, auch wenn wir uns noch nicht darin sehen, aber de facto sind wir es. Wir Deutschen müssen die Fremdheit überwinden und uns davon frei machen. Wir sind auf einem sehr guten Weg, angesichts der Tatsache, dass 20 Prozent der Deutschen einen Migrationshintergrund haben. In der Wirtschaft, Dienstleistern und Nachbarschaft trifft man auf Deutsche mit einer Einwanderungsgeschichte. Für mich ist das Normalität und Alltag. Die deutsche Gesellschaft besteht aus Vielfalt. In unseren Köpfen muss sich diese Vielfalt an Deutschen etablieren und kultivieren. Wir sind in Sachen Bürgerrechte, Meinungs- und Pressefreiheit und Rechtsstaatlichkeit ein sicheres, demokratisches und attraktives Land. Ob das reicht, um sagen zu können, dass wir ein attraktives Einwanderungsland sind, das werden wir in Zukunft sehen. Als Hochqualifizierter aus Asien, Indien oder Afrika steht Deutschland nicht an erster Stelle. Die Sprache ist die größte Hürde. Angelsächsische Länder haben darin einen riesen Vorteil. Aber Deutschland ist auf dem Weg zum attraktiven Einwanderungsland. Die Deutschlandstiftung Integration leistet dazu ihren Beitrag.

Welche Pläne und Projekte haben Sie für 2012?

Zunächst setzen wir die Kampagne „Raus mit der Sprache. Rein ins Leben“ fort. 2012 ist auch wieder ein Fußballjahr. Die EM in Polen und der Ukraine stehen vor der Tür. Mit unserem Vorstandsmitglied, Uli Hoeneß, möchten wir die Fußballspieler für unsere Projekte gewinnen. Wir haben bereits Zusagen vom FC Bayern München für eine Unterstützung erhalten. Fußballprofis von anderen Vereinen wollen wir auch gewinnen, um ein gesamtes Bild von der Bundesliga wiederzugeben. Fußball ist für die Integration wichtig und dient als Vorbild für viele junge Migranten. Der Slogan „Integration gelingt spielend“ von der Bundesligastiftung macht es deutlich. Wir werden 2012 außerdem beginnen ein Mentoren-Stipendien-Programm für junge Talente mit Migrationshintergrund aufzubauen. Wir wollen mit dem Stipendienprogramm Netzwerke für junge Menschen erschließen. Netzwerken zwischen den Akteuren der Integrationsarbeit ist ebenfalls ein Teil  der Deutschlandstiftung Integration.

Können Sie darauf noch näher eingehen? Wie sieht das Stipendienprogramm der Deutschlandstiftung Integration genau aus? Wer wird dort gefördert?

Das Programm befindet sich noch im Aufbau. Wir wollen zunächst Stipendiaten und Mentoren gewinnen. Das Stipendienprogramm richtet sich an 16 bis 29 jährige. Aus dem einfachen Grund, weil man in diesem Alter sich in der Orientierungs- und Ausbildungsphase befindet. Hinzu kommt, dass diese Altersstruktur internetaffin ist. Wir können diese Menschen gut und schnell durchs Internet erreichen. Ziel ist es jedem Stipendiat einen Mentor zur Seite zu stellen, der ihnen geografisch und fachlich nahe steht und auf dem Bildungs- und Ausbildungsweg begleitet und Netzwerke öffnen kann.

Gibt es schon erste Kandidaten für die „Goldene Victoria für Integration“?

Die Verleihung wird zum fünften Mal stattfinden. Der erste Preisträger war Aydin Dogan. Danach Dietmar Hopp, Liz Mohn und Rene Obermann. Es gibt schon erste Kandidaten, aber ich will die Spannung nicht vorwegnehmen. Auf jeden Fall werden wieder interessante Personen nominiert, die großes Engagement zum Thema Integration leisten. Wir arbeiten mit menschlichen Leuchttürmen. Persönlichkeiten, die man kennt und die Vorbilder sind. Im November wird die große Publishers’ Night stattfinden, wo die Goldene Victoria verliehen wird. Lassen wir uns überraschen.

Was wünschen Sie sich denn persönlich für Ihre Zukunft?

Gesundheit natürlich. Mein persönlicher Wunsch ist aber auch, dass die Deutschlandstiftung Integration weiter wächst. Gemeinsam mit dem VDZ habe ich fast zwei Jahre lang alleine die Stiftung aufgebaut. Die Vorstandsmitglieder mit ihren Mitarbeitern haben die Stiftung seit ihrer Gründung tatkräftig unterstützt. Mit dem Umzug in die neuen Räume können wir Projekte noch schneller umsetzen. Ich freue mich auch, dass Christoph von Below als Kommunikationschef für die Stiftung bei uns arbeitet. Um zu wachsen, werden auch neue Mitarbeiter nötig sein, denn Platz haben wir genug. Unser Kicker-Tisch wird noch wenig benutzt, aber das wird sich ändern.

 

Das Interview führten Joel Cruz und Catharina Jucho.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>