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Palermitanische Gelassenheit

Es ist wohl kein Geheimnis: Palermo gehört nicht zu den saubersten Städten Italiens. Wer an die gepflegten Promenaden Genuas, die blitzenden Bordsteine Mailands, die hervorragende Infrastruktur Venedigs und die pikfeinen Einkaufstraßen Bolognas – kurz den Norden des Landes – gewöhnt ist, dem schreien die Müllberge Palermos schrill ins Ohr.

Wer dann zu Oropax greift, wird jedoch nicht glücklicher. Der Abfall sticht auch schnell ins Auge, zieht beißend in die Nase, so penetrant, dass ich ihn auch als Kind der grünen Berliner Vorstadt bald nicht mehr sehe. Ich habe mich ganz einfach daran gewöhnt. So ähnlich wie bei einer Hypersensibiliserung : Abstumpfung durch Reizüberflutung. Wenn ich heute, zwei Monate nach meiner Ankunft in der Wahlheimat Goethes, durch die Straßen der Stadt streife, durch Papierberge und Plastiktüten stampfe, dann störe ich mich nicht mehr daran. Obwohl es unvorstellbar scheint: In bestimmten Maßen gehalten, so meine ich, macht der Dreck den Charme Palermos aus, er gehört einfach dazu. Wenn das Maß dann doch einmal überschritten ist, schaffen krisengeschulte Palermitaner schnell Abhilfe:

Nachdem bei einem Streik der Müllabfuhr Straßen und Hauseingänge mit meterhohen Müllerbergen verstopft waren, wurde ich in der Nacht von lautem Knallen und grellem Lichte geweckt. Ich wusste gleich: Juhu, der Müll brennt ab, die Flaschenberge platzen, morgen kann ich enldich wieder die Straße überqueren. Da die einlagigen Sommerfenster sizilianischer Palazzi nicht gerade geeignet sind, um den mit Dioxinen verseuchten Qualm der brennenden Müllberge anzuhalten , habe ich mich typisch palermitanisch verhalten: Einfach den Kopf unter die Decke stecken und abwarten!

Auch wenn brennende Deponien vielleicht nicht zu den Highlights Palermos gehören –  sie sind Teil der palermitanischen Lebenskunst: Augen zu und durch.

Als  ich dann vor einigen Tagen bei einem Erdbeben der Stärke 4,9 auf der Richterskala Nachbarn gesehen habe, die das Haus im Fahrstuhl verlassen wollten, wurde ich in einer Sache endgültig bestätigt: Die geduldigen Menschen, die Palermo zu ihrer Heimat gemacht haben, kann so schnell nichts aus der Fassung bringen. Als Nordeuropäer lernt man hier vor allem Gelassenheit.

 

Text: Maximiliane Schwerdt.

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