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Ein einmaliges Opernprojekt

Der gelernte Schauspieler und ehemalige Quartiersmanager Mustafa Akca (Foto) engagiert sich schon seit Jahren in Kinder- und Jugendprojekten. Nicht nur bei samstäglichen Fußballspielen auf dem Bolzplatz beobachtet er, wie Menschen voneinander lernen und aufeinander zugehen können. Mit dem beispiellosen Projekt „Türkisch. Oper kann das!“ vermittelt er an der Komischen Oper Berlin als Mitarbeiter der Dramaturgie und Musiktheaterpädagogik interkulturell. Mit migration business sprach er über die bereichernde Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und warum sich ein Opernhaus an alle richten sollte.

Was ist Ihre Aufgabe bei der Komischen Oper Berlin?

Seit fast einem Jahr besteht meine Aufgabe darin den Zugang zu Menschen mit türkischen Wurzeln zu schaffen. Das heißt, sie über ausgefallene Wege auf Augenhöhe direkt anzusprechen und ihnen die Oper, das Theater und die Musik schmackhaft zu machen, um ihnen unser Angebot näher zu bringen.

Sie organisieren Exkursionen, um den Mitarbeitern der Komischen Oper die türkische Sprache und Lebensart näher zu bringen. Wie sieht das genau aus und wie reagieren die Mitarbeiter bisher?

Unser Anspruch ist, dass wir eine lernende Institution sind. Das heißt für uns, dass wir uns auch intern für diese Thematik sensibilisieren müssen. Vom Bühnentechniker bis zur Geschäftsführung möchten wir zusammen das soziale Umfeld, zum Beispiel von Menschen mit türkischen Wurzeln, besser kennenlernen. Aus diesem Grund überlege ich mir Exkursionen. Angefangen haben wir mit dem Besuch in einem türkischen Club. Alle waren dabei: Dramaturgen, die Marketing-Abteilung, die Geschäftsführung, die Theaterpädagogik und ein paar Praktikanten. Wir haben uns einfach von der Musik berieseln lassen, dazu getanzt und in einer lockeren Atmosphäre dieses Projekt begonnen.

Als Nächstes haben wir eine Tour durch Kreuzberg gemacht, bei der wir etwas über die Geschichte der Einwanderer gelernt haben. Für den darauffolgenden Crash-Kurs in Sachen türkischer Sprache, Kultur und Bräuche habe ich mir von einer Türkischlehrerin Hilfe geholt. Wir wollen diese Exkursionen weiter anbieten, speziell auch für die Mitarbeiter, die Publikumskontakt haben.

Wie ist die bisherige Resonanz auf das Projekt „Türkisch. Oper kann das!“?

Die Resonanz ist enorm positiv. Viele Menschen rufen mich an und sagen: ‚Das ist eine tolle Aktion, dass sich ein Opernhaus so öffnet. Das ist einmalig.’ Zu dem Projekt gehört zum Beispiel unsere Übersetzungsanlage. Die Libretti, also der auf der Bühne gesprochene und gesungene Text, wird eins zu eins ins Türkische übersetzt. Wir gehen nicht davon aus, dass die Türkinnen und Türken, die zu uns kommen, kein Deutsch können. Wir empfinden das als einladende Geste, die wir allerdings mit einigermaßen Aufwand betreiben müssen.

Ein weiteres Beispiel ist unser Kinderchor. Mir ist aufgefallen, dass dort kein einziges türkisch- oder arabischstämmiges Kind ist. Also haben wir einen Aufruf gemacht und etliche Familien haben ihre Kinder zum Casting angemeldet. Vor zwei Wochen hatten wir dreißig Kinder zum Vorsingen eingeladen – fünfzehn davon wurden in den Chor aufgenommen. Sowohl die Eltern, als auch die Kinder fanden es toll. Hier schließt sich ein Kreis für mich. Die Kinder bekommen eine professionelle Gesangsausbildung und machen tolle Erfahrungen auf der Bühne. Ihr erster Einsatz wird in der türkisch-deutschen Kinderoper Ali Baba sein, die im Oktober Premiere hat. Und diese Erfahrungen tragen sie dann in ihre Familien hinein.

Ist die Komische Oper ein Vorreiter für andere Institutionen?

Sie ist jetzt schon Vorreiter mit diesem Projekt. Opern ins türkische zu übersetzen gibt es bislang nirgendwo. Das ist echt einmalig. Mit meiner Geschäftsführung war ich zum Beispiel vor zwei Wochen in Neukölln und habe eine türkische Vätergruppe besucht. Da sind etwa 40 Väter gewesen und haben sich mit uns über Bildung, Integration und politische Themen unterhalten. Wir haben sie in die Oper eingeladen und mit ihnen zusammen unsere ‚La Bohème’ angeschaut. Nur so kann es funktionieren. Man muss aufeinander zugehen.

Was macht Arbeiten in der Berliner Kulturbranche besonders?

Eine besondere Herausforderung in Berlin sind natürlich die vielen Aktivitäten und Veranstaltungen. Da muss man immer auf dem neuesten Stand sein. Wenn man gut vernetzt ist und offen gegenüber kreativen Gedanken bleibt, hat man schon mal eine gute Vorraussetzung.

Sie engagieren sich unter anderem im Projekt Bolzplatzliga. Weshalb ist Ihnen die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen besonders wichtig?

Ich bin mit vielen Geschwistern aufgewachsen, war schon früh in Sportvereinen aktiv und habe auf Bolzplätzen gespielt. Als ich dann während meiner Arbeit bei Quartiersmanagement Projekte initiieren durfte, ist mir die Idee der Bolzplatzliga gekommen. Das Gute an Kindern und Jugendlichen ist ja, dass sie immer sagen, ob sie etwas gut oder doof finden. Man trifft sich immer Samstags und spielt ähnlich den Regeln bei der Bundesliga: Für jeden Sieg gibt es drei Punkte und am Ende einen Meister. Zwischendurch machen wir auch kleine Turniere, bei denen wir uns austauschen und neue Projekte entstehen können. Es nehmen zwischen 500 und 800 Kinder zwischen 8 und 18 Jahren teil. Das Projekt gibt es jetzt seit sechs Jahren. Einige Jugendliche arbeiten mittlerweile als Betreuer bei uns mit. Besonders schön ist die soziale Vernetzung. Sie kennen sich irgendwann untereinander und es ist dann auch so, dass die Großen und die starken Kinder die Schwachen zu akzeptieren lernen. Es ist spürbar, dass sie sich außerhalb der Bolzplätze mehr respektieren.

Sie saßen in der Jury beim Karneval der Kulturen, um beim Wettbewerb der Karnevalsgruppen Kinder und Jugendliche zu bewerten. Welche Kriterien hatten Sie? 

Erstes Kriterium war, dass eine Botschaft rüber kommt. Egal ob politisch, sportlich oder kulturell. Aber das Wichtigste war für mich die Authentizität. Die Teilnehmer sollten sichtlich Spaß haben und ihre Ideen umsetzen dürfen.

Wer hat gewonnen?

Alle, die mitgemacht haben! Der erste Preis bei den Kindern und Jugendlichen ging an Charlottes Boogie Stube. Die Kinder und Jugendlichen aller Ethnien haben sich in einer Trommelformation aufgestellt und sich zum Thema Mobbing in und außerhalb der Schule präsentiert. Zwischen dem Trommeln haben sie reingerufen, was ihnen zum Thema Mobbing eingefallen ist. Das war richtig toll und mit viel Spannung.

Welche Projekte haben Sie zurzeit noch?

Es ist schön, dass ich freie Hand habe, mich zu vernetzen und weiter Ideen entwickeln kann, um viele Interessierte mit ins Boot zu bringen. Mir ist die Identifikation mit meiner Arbeit sehr wichtig. An der Komischen Oper Berlin ist das nicht anders. Unsere nächste große Veranstaltung ist ein Empfang, zu dem wir türkische Lehrer über die türkische Botschaft eingeladen haben. Alle vier oder fünf Jahre kommen Lehrer hierher, um an deutschen Schulen zu unterrichten. Sie vermitteln neben türkischem Sprachunterricht, auch Einblicke in Kultur und Bräuche. Das Bewusstsein zur eigenen Sprache und Identität trägt ganz klar zur sozialen Stärkung bei. Das ist unser Ansatz.

Was wünschen Sie sich für Ihre Zukunft?

Ich möchte Projekte anschieben und durchführen, die interkulturell funktionieren, ohne dass darüber geredet wird, wer oder welche Ethnie angesprochen ist. Jeder soll sich eingeladen fühlen und jeder soll kommen und mitmachen. Das ist auch die Philosophie der Komischen Oper. Die Türen sind immer offen und laden alle ein. Immerhin sind 40% der Kinder und Jugendlichen in Berlin nicht deutscher Herkunft. Wir sind also gefordert andere Angebote zu machen.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Das Interview führte Catharina Jucho.

 

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