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Das ist keine „Rassenlehre“

Liebe Leserinnen und Leser, für meinen letzten Artikel habe ich viel Zuspruch bekommen, dafür möchte ich mich an dieser Stelle bedanken. Aber auch für die Schelte möchte ich mich bedanken. Denn das gibt mir die Gelegenheit, die Arbeit von Interkulturellen Business Trainern ein wenig zu durchleuchten. Wie es scheint, stecken einige noch in der Diskussion Rassismus ja oder nein und können nicht vorurteilsfrei einen Artikel über die Vielfalt der Kulturen in unserer Hauptstadt geniessen.

Was wir tun?

Wir bringen Menschen aus ihrer Comfort Zone (das ist der Bereich, der ihnen Sicherheit gibt und in welchem sie sich wohl fühlen, da  kulturell bekannt) heraus und bringen sie in eine kontrollierte Interkulturelle Stress-Situatin außerhalb dieser Comfort Zone. Dort machen sie eine Grenzerfahrung. Durch unterschiedliche Simulationen und Rollenspiele, denen Kulturstadards der jeweilgen Zielkultur zugrunde liegen, lernen z.B. multikulturell zusammengesetze Teams sowohl ihre eigene Kultur als auch die ihrer Kollegen und Kolleginnen besser kennen. Stereotypen werden in dieser Arbeit auch eingesetzt. Hier ist jedoch große Vorsicht geboten. Schließlich sollen vorhandene Vorurteile nicht gefestigt werden. Letztendlich sind wir alle Individuen und können unser Denken und Handeln nicht auf unsere Kultur allein reduzieren.

Die ersten Lebensjahre prägen einen Menschen

Es ist jedoch nicht von der Hand zu weisen, dass die ersten Lebensjahre für unsere Enkulturation entscheidend sind und uns prägen. Wenn ein Mensch lange Jahre im Ausland in einer anderen Kultur lebt, nimmt er für gewöhnlich auch einige kulturelle Eigenheiten und Kulturstandards des jeweiligen Landes oder der Kultur an. Beispielsweise schimpfen meine türkischen Landsleute, die lange Jahre in Deutschland gelebt haben über fehlende Ordnung, mangelnde Disziplin und das nicht Einhalten der Regeln ihrer türkischen Landsleute im ursprünglichen Heimatland. Die Regelorienttiertheit und das deutsche Ordnungssystem haben sie nämlich längst angenommen.

Kulturstandards wie direkte und indirekte Kommunikation, Wertschätzung von Regeln oder die ureigene deutsche “Tugend” Sachorientierung sind Analyseinstrumente, um eine Kultur zu erfassen und ihre Menschen besser zu verstehen. Die Zeit, die unverstandene Mitarbeiter in international aufgestellten Unternehmen damit verbringen, sich über ihre Kollegen im Ausland zu ärgern und ihre Energien darauf verwenden, Vorurteile zu nähren und die damit verbundenen Kosten, die für Unternehmen entstehen, können mit interkulturellen Trainings minimiert werden. Und wenn der Trainer gut ist, können Missverständnisse, die zwischen den Kulturen entstanden sind, behoben werden. Die Teams fangen an, erfolgreich miteinander zu kommunizieren. Dies geht nur, wenn wir uns selber besser verstehen und uns helfen lassen, unser Gegenüber näher kenen zu lernen.

„der mit der grünen Hose…“

Indem wir uns scheuen, einen Türken “Türken” zu nennen, und nach polititisch korrekten Bezeichnungen für ihn suchen wie “Deutscher mit Migrationshintergrund”, was klingt wie eine Krankheit oder einen Südamerikaner nicht “Südamerikaner” nennen, sondern “der mit der grünen Hose”, weil wir versuchen, krampfhaft zu umschreiben, dienen wir nicht dem interkulturellen Dialog und der Festigung unserer Identität, sondern zeigen dass wir unsere Wurzeln nicht annehmen können und keinen selbstbewussten und selbstverstaendlichen Umgang mit unserer Kultur haben. Eine südafrikanische Freundin berichtete mir neulich, dass die Südafrikaner, die sich “Rainbow Nation” nennen, sich selbst als grün bezeichnen: “Wir sind alle grün. Einige von uns sind hellgrün, andere dunkelgrün”.

Wenn wir von dem Macht- und Hierarchieverständnis eines Franzosen ausgehen und den indirekten Kommunikationsstil des Briten hinzunehmen und dies mit der Sachorientierung des Deutschen kombinieren, bewegen wir uns gleich in drei verschiedenen Cluster Regionen. Nach der neusten Globe Study, die noch nicht abgeschlossen ist, sind alle zwar Europaer, aber fallen in drei unterschiedliche Cluster Regionen. Man möchte meinen, wir sind doch alle Europaer und westlich. Trotzdem sind wir durch unsere historisch gewachsenen Kulturstandards sehr unterschiedlich und bunt. Das ist wunderbar, spannend zu beobachten und alles andere als “Rassenlehre”!

An dieser Stelle möchte ich Ihnen eine kurze Anekdote aus den Interkulturellen Business Trainings wiedergeben:

Vor den Trainings kommen die Teilnehmer oft zu einem schnellen Kaffee zusammen. Hier trifft ein deutscher Kollege seinen britischen Kollegen nun persönlich und sieht es als willkommene Gelegenheit mit dem Kollegen über das aktuelle Projekt zu reden. Er stürzt auf seinen Kollegen zu und nach einem hastigen “Hallo” geht er sofort auf das Thema ein. Der überrumpelte Brite sucht sichtlich nach passenden Worten, um seinen deutschen Kollegen zu unterbrechen und es gelingt ihm schließlich auch und er sagt flehend: “Please give me 5 minutes for the relationship.”

Deutsche Geschäftsleute höre ich hin und wieder sagen, dass sie es mühselig finden, mit britischen Kollegen, bevor sie zum geschäftlichen Teil wechseln, zunächst 5 – 10 Minuten Small Talk machen müssen. Dabei sollen sie auch noch auf die Themen achten, die beim Small Talk mit Briten möglichst unverfänglich sind, um nicht schon in den ersten drei Minuten ins Fettnäpfchen zu treten. Die Briten wiederum finden, dass ihre deutschen Kollegen oft unhöflich und stark geschäftsorientiert sind.

Wir haben noch viel zu tun. Längst haben Verantwortliche in international aufgestellten  Unternehmen erkannt, wie wichtig interkulturelle Sensibilisierung ihrer Mitarbeiter ist. Auch national agierende Unternehmen sind längst durchmischt mit Vertretern aus unterschiedlichsten Kulturen. Genau hier ist ein näheres Hinschauen und Handwerkzeug für ein gelungenes Miteinander wichtig.

In zwei Wochen geht es wieder weiter mit Geschichten, denen persönliche Beobachtungen zugrunde liegen; ironisch mit einem Augenzwinkern und auf gar keinen Fall sich selbst zu ernst nehmend wünsche ich Ihnen nach unserem Ausflug in die Arbeit der Interkulturellen Trainer ein wunderbares Wochenende mit wunderbaren Ereignissen.

 

Text: Fulya Sonnenschein.

Fulya Sonnenschein ist Freie Trainerin für Interkulturelle Kommunikation und moderne Umgangsformen und Eigentümerin der Firma Knigge in Berlin. Sie trainiert sowohl multikulturell zusammengesetzte Teams in international aufgestellten Unternehmen, als auch Schüler an Berliner Grundschulen oder Privatpersonen in Fragen der Etikette und Internationalen Do’s & Don’ts. Sie selbst ist Migrantin, lebt in Berlin und ist in zwei Kulturen zuhause. Für migration-business schreibt sie jeden zweiten Freitag die Knigge-Kolumne und informiert die Leserinnen und Leser anhand von Beispielen über Do’s und Dont’s in Sachen Knigge und interkulturelle Kompetenz.

Mehr Informationen über Frau Sonnenschein finden Sie unter: www.knigge-in-berlin.de

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