«

»

Ein Handkuss für Kanzlerin Merkel?

Unsere Bundeskanzlerin, Angela Merkel, tourte vor einigen Jahren durch die Bundesrepublik Deutschland und dabei besuchte sie auch eine Berliner Schule. Wie es Berliner Schulen so an sich haben, gab es auf dieser Schule auch einen hohen Anteil an Migranten. Nun als sie über den Pausenhof dieser Schule ging, löste sich ein junger „Migrant“ zum Schrecken des Sicherheitspersonals, lief zu Angela Merkel und gab der verdutzten Kanzlerin einen Handkuss.

Der Vorfall ging durch die Presse

Es war ein Handkuss, ganz offensichtlich und die Zuschauer waren entzückt ob der Höflichkeit dieses jungen Mannes. Man vermutete einen glühenden Verehrer unserer Kanzlerin in diesem jungen Migranten oder einen besonders wohlerzogenen Türken. Die Presse lobte die Jugend und dass es um die guten Sitten unserer jungen Menschen doch nicht so schlecht bestellt war und wir zu streng mit den Jugendlichen von heute seien. In dieser Tonart ging es dann auch weiter durch die Presse und dem Rest der Bundesrepublik.

Interkulturelles Missverständnis

Was keiner sah, bis auf die Migranten aus dem Kulturkreis, war, dass dieser Handkuss kein höflicher Handkuss im Sinne von „Küss die Hand gnä’ Frau“ war, wie wir es beispielsweise von den charmanten Österreichern kennen, sondern ein Kuss als Zeichen von Respekt vor dem Alter der Kanzlerin.

Warum also sahen viele Menschen nicht, was der junge Mann mit der Hand der Kanzlerin nach dem Kuss tat? Er führte die Hand der Kanzlerin an seine Stirn. In diesem Kulturkreis ein Zeichen von Respekt vor dem Alter. Dieser Kuss wird sowohl älteren Herren als auch älteren Damen gewährt.

Unsere Kulturbrille, unsere Interpretation

Die Antwort ist simpel: Was wir nicht kennen, sehen wir auch nicht. Also interpretieren wir das Geschehen nach unserem Wissen. In unserer westlichen Kultur küssen die Herren den Damen, wenn sie zu den gut erzogenen Herren der „Alten Schule“ zählen, die Hand als Zeichen von Wertschätzung der Dame unerheblich wie alt sie ist.

Ich hätte mir diesen Kuss verbeten und diesen ungehobelten Kerl zum Teufel gejagt, nicht bevor ich 60 bin und am Stock gehe! Unsere Kulturbrille führt dazu, dass die gleiche Geste unterschiedliche Interpretationen zulässt. Und wir unsere Umwelt nach unseren eigenen Kulturstandards bemessen.

 

 Text: Fulya Sonnenschein.

Fulya Sonnenschein ist Freie Trainerin für Interkulturelle Kommunikation und moderne Umgangsformen und Eigentümerin der Firma Knigge in Berlin. Sie trainiert sowohl multikulturell zusammengesetzte Teams in international aufgestellten Unternehmen, als auch Schüler an Berliner Grundschulen oder Privatpersonen in Fragen der Etikette und Internationalen Do’s & Don’ts. Sie selbst ist Migrantin, lebt in Berlin und ist in zwei Kulturen zuhause. Für migration-business schreibt sie jeden zweiten Freitag die Knigge-Kolumne und informiert die Leserinnen und Leser anhand von Beispielen über Do’s und Dont’s in Sachen Knigge und interkulturelle Kompetenz.

Mehr Informationen über Frau Sonnenschein finden Sie unter: www.knigge-in-berlin.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>