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Neue Wege gehen

Ecuador hat in den letzten Jahren eine rasante Entwicklung erlebt. Gerade im Bereich Umweltpolitik hat sich das südamerikanische Land deutlich hervorgehoben und Projekte mit weltweitem Vorbildcharakter entwickelt. migration-business sprach mit dem ecuadorianischen Botschafter Jorge Jurado (Foto) über die Entwicklung seines Landes, die ecuadorianische Lebensweise, aktuelle Umweltprojekte und seine persönliche Beziehung zu Deutschland.

Herr Jurado, Sie haben in den 70er Jahren Ingenieurswissenschaften in Berlin studiert, inwiefern hat Sie ihre Studienzeit in Deutschland geprägt?

Meine Zeit in Deutschland waren im Grunde meine wichtigen Aufbaujahre. Ich habe hier sehr viel gelernt. Mein umweltpolitisches Bewusstsein habe ich zum Beispiel in Deutschland aufgenommen. Anfang der 70er Jahre begannen sich verschiedene Probleme herauszubilden. Viele Flüsse waren verseucht, es gab eine sehr starke Luftverschmutzung, die Müllbeseitigung stellte die Gesellschaft vor schwierige Aufgaben und die Atomkraft gab Anlass zu massiven Protesten. Es war wirklich eine sehr bewegende Zeit und das hat mein politisches Denken selbstverständlich stark geprägt.

Beeindruckt haben mich in Deutschland auch die Freiheit des Denkens und die Freiheit der Studenten. Sie konnten ihr Studium nach den eigenen Vorstellungen gestalten.  Als angehender Techniker habe ich genügend Zeit gehabt mich anderen Themen wie Philosophie, Wirtschaftskunde und Politik zu widmen. Das hat zwar Zeit gekostet, aber im Nachhinein war es eine unglaubliche Bereicherung. Für mich war aber immer klar, dass ich nach Ecuador zurückkehren würde. Ich wollte mein Wissen vor Ort anwenden. Im Grunde war dies eine tiefe politische Entscheidung.

Wie erlebten Sie ihre Rückkehr in ihre Heimat, nachdem Sie insgesamt 15 Jahre in Deutschland verbracht haben?

Meine Rückkehr im Jahr 1986 war zunächst eine große Enttäuschung. Ich hatte keine Stelle und war fast 1 ½ Jahre arbeitslos. Es war eine unheimlich schwere Zeit, denn trotz eines ausländischen Studiums an einer hochrangigen Universität wie der TU, gab es keine Möglichkeiten für mich. Die Bedingungen in Ecuador waren äußerst schlecht, da das Land in einer wirtschaftlichen Krise steckte. Mein Land hatte zwar einen gewissen Fortschritt in meiner Abwesenheit erlebt, aber es hatten sich auch viele Probleme entwickelt. Man konnte beispielsweise sehen, dass die Konsumgesellschaft, die sich herausgebildet hatte keine Antwort auf dringende Umweltprobleme geben konnte. In dieser Zeit habe ich für mich beschlossen, dass mein politisch-sozialer Beitrag in Richtung Umweltpolitik und Umweltschutz gehen sollte.

Was haben  Sie unternommen, um sich aus dieser Situation zu befreien?

Ich habe andere Auswege gesucht. Anstatt nach einer Stelle zu suchen, habe ich Projekte entwickelt. Das wichtigste Projekt war damals eine Umweltstrategie für unsere Hauptstadt Quito. 1988 gab es einen neu gewählten Bürgermeister und ich habe ihm geschrieben unter welchen Problemen die Stadt leidet und mögliche Strategien vorgeschlagen. Ein paar Monate später bekam ich tatsächlich einen Anruf direkt vom Bürgermeister. Damit fing alles an. Er ist ein sehr offener Mensch und wir haben dann die gesamten städtischen Umweltschutzprogramme mit aufgebaut, die es vorher in Ecuador einfach nicht gab. Nachdem das Ganze in Quito funktionierte, haben plötzlich auch andere Städte mitgemacht.

Die ecuadorianische Verfassung ist auch als grünste Verfassung der Erde bekannt. Können Sie das näher erläutern?

Ja natürlich. Ecuador hat erkannt, dass der Weg des ständigen wirtschaftlichen Wachstums und des Konsums nicht unser Weg sein dürfte. Wir glauben, dass es bestimmte Grenzen gibt, die wir setzen müssen. Deshalb gibt es Bestrebungen das westliche lineare Denken mit dem kreisförmigen Denken der Hochlandindianer zu verbinden. Unsere neue Verfassung, die 2008 unter Mitwirkung der Bevölkerung ausgearbeitet wurde, reflektiert diesen Ansatz. Es ist ein Zurückblicken auf unseren Ursprung, auf die Natur. Wir glauben, dass die Natur eigene Rechte hat. Ecuador hat die vielfältigste Flora und Fauna der Erde und wir möchten unsere einzigartige Natur schützen, für uns selbst und auch für die Menschheit. Unser Fehler war, dass wir die Natur bisher unterjocht und ausgebeutet haben, anstatt im Einklang mit ihr zu leben.  In unserer Verfassung haben wir die Rechte der Natur ausdrücklich als eigenen Rechtsbereich herausgearbeitet. Das ist bis jetzt einmalig. Umweltpolitische Aspekte haben einen besonders hohen Stellenwert. Allein der Bereich Wasser umfasst zum Beispiel 47 Artikel.

Was genau ist das Yasuní-ITT Projekt und wie steht es im Zusammenhang mit der Entwicklung Ecuadors?

Diese Initiative wurde 2007 in der UNO Generalversammlung von Präsident Rafael Correa vorgestellt. Der Yasuní-Nationalpark ist einer der Orte mit der höchsten Artenvielfalt der Erde. Wir möchten dieses Gebiet für uns und auch für die Weltgemeinschaft erhalten und haben uns entschieden, die enormen Erdölvorkommen dort auf unbestimmte Zeit nicht zu fördern. Die Kosten für die Nicht-Erdölförderung betragen 7 Mrd. US-Dollar. Die Hälfte tragen wir selbst, die andere Hälfte erbitten wir von der Weltgemeinschaft. Die normale Entwicklung eines Landes war bisher die eigene Natur und Rohstoffe zu nutzen, um sich aus der Armut zu befreien. Ok, wir machen das auch, und werden auch nicht sofort die gesamte Erdölförderung stoppen. Aber wir wollen einen neuen Weg gehen und neue Ressourcen und Strategien wie zum Beispiel Windenergie und Wasserkraft verwenden, damit unsere Natur langfristig geschützt wird.

Seit wann sind Sie Botschafter und welche Ziele verfolgen Sie in ihrer Amtszeit?

Ich bin seit Februar 2011 Botschafter, also seit etwas mehr als einem Jahr. Meine Rolle besteht darin die Beziehungen zu Deutschland zu verbessern. Wir streben zum Beispiel viel mehr Kooperationen im Wissenschaftsbereich an und möchten auch, dass unsere Produkte hier stärker vermarktet werden. Außerdem wollen wir noch weitere Umweltprojekte initiieren und zeigen, dass unsere Politik auch für andere Länder interessant sein kann.

Das Interview führte Katharina Horn.

 

 

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