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Deutschtürken sorgen für 400.000 Arbeitsplätze

Mit einem Jahresumsatz von ca. 40 Milliarden Euro und über 400.000 Arbeitsplätzen ist die türkische Ökonomie ein wichtiger Teil der deutschen Wirtschaft. Was deutsche und türkischstämmige Manager voneinander lernen können, darüber sprach migration business mit Suat Bakir (Foto), dem Geschäftsführer der Türkisch-Deutschen Industrie- und Handelskammer.

Herr Bakir, was sind die wichtigsten Aufgaben der Türkisch-Deutschen Industrie- und Handelskammer (TD-IHK)?

Als Unternehmerverband liegt unsere primäre Aufgabe darin, die Interessen unserer Mitglieder zu vertreten und diese Unternehmen bei ihren wirtschaftlichen Tätigkeiten beratend und informierend zu unterstützen. Zu den Leistungen unserer Kammer gehört deshalb ein breites Spektrum an Dienstleistungen, immer fokussiert auf unsere Mitglieder oder Interessierte bei deren Aktivitäten auf oder dem Eintritt in den türkischen oder deutschen Markt. Dazu gehören beispielsweise Informationsveranstaltungen zu Absatz- und Investitionsmöglichkeiten in der Türkei und in Deutschland, die Vermittlung aktueller Geschäftsanfragen und Marktstudien und Adressrecherchen.

Unsere drei Arbeitskreise – Automobil- und Zuliefererindustrie,  Dienstleistungen und Energie & Umwelt – treffen sich regelmäßig und informieren sich über wichtige Entwicklungen in ihren Gebieten. Auf unserem Round-Table Recht legen Juristinnen und Juristen regelmäßig gefragte Rechtsthemen rund um die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen dar. Außerdem organisieren wir regelmäßig Wirtschaftstreffen  wie den NRW-Tag der Türkisch-Deutschen Wirtschaftsbegegnung, der im Juni zum 4. Mal stattfand und den rund 350 Gästen aus beiden Ländern in Fachpanels und auf einer Begleitmesse viel Gelegenheit zur Information und zum gegenseitigen Austausch bot. Auf unserem Türkisch-Deutschen Business-Forum im September 2011 in Berlin durften wir neben über 700 Teilnehmern aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Medien auch den ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff und den türkischen Staatspräsidenten Abdullah Gül empfangen.

Als wichtiger Multiplikator und Ansprechpartner insbesondere für die Belange der türkischen und türkischstämmigen Unternehmer in Deutschland stellt die TD-IHK außerdem eine feste Größe im Umfeld integrationspolitischer Entscheidungen und Maßnahmen dar. Auch in diesem Bereich und zur Förderung der beruflichen Ausbildung nutzen wir unsere ausgezeichneten Kontakte zu Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung. Daneben empfangen wir regelmäßig Delegationen, die sich über die deutsch-türkischen Wirtschaftsbeziehungen und Investitionschancen in beiden Ländern informieren möchten.

Wie und wer kann bei der TD-IHK Mitglied werden und wie viele Mitglieder haben Sie derzeit?

Als Unternehmerverband decken wir mit unseren Mitgliedsunternehmen die ganze Bandbreite vom internationalen Konzern bis zum Einzelunternehmen ab und vertreten nahezu alle Branchen, von Industrie über Handel und Dienstleistungen bis hin zum Handwerk. Zurzeit sind etwa 420 Unternehmen und Organisationen aus beiden Ländern Mitglied bei uns, darunter auch deutsche und türkische Industrie- und Handelskammern und Wirtschaftsförderungsgesellschaften. Mitglied wird man am besten, indem man sich über unsere Arbeit informiert, vielleicht eine unserer Veranstaltungen besucht und einen Antrag auf Mitgliedschaft stellt. Wir stehen grundsätzlich allen Unternehmen und Organisationen offen, die in der deutsch-türkischen Wirtschaft aktiv oder interessiert sind, und freuen uns über jede Anfrage.

Wie viele Arbeitsplätze schaffen türkischstämmige Deutsche in der Bundesrepublik?

In Deutschland existieren derzeit rund 80.000 türkische und türkischstämmige Unternehmen. Sie bilden mit einem Umsatz von ca. 40 Milliarden Euro einen wichtigen Teil der deutschen Wirtschaft und bieten rund 400.000 Menschen einen Arbeitsplatz.

Ist der Fachkräftemangel auch bei den Unternehmen mit Migrationshintergrund angekommen?

Ja, und zwar auf zwei Arten: Ersten haben unserer Erfahrung nach Unternehmen, die schwerpunktmäßig in der ethnisch geprägten Wirtschaft tätig sind – dazu zählen beispielsweise das Gastgewerbe und einzelne Handelsbranchen – Schwierigkeiten, qualifiziertes Personal zu finden. Dies überrascht angesichts der deutschen Visapraxis nicht, denn für diese Branchen ist oft eine Ausbildung in oder ein starkes Bezug beispielsweise zur Türkei notwendig. Wenn aber zum Beispiel ein in der Türkei gut ausgebildeter Koch nur nach Überwindung großer Hürden von einem türkischstämmigen Restaurant hier in Deutschland angestellt werden kann, fehlt er dort. Deshalb setzen wir uns verstärkt für eine Erleichterung der Visavoraussetzungen für Geschäftstätige ein und führen diesbezüglich Gespräche mit dem Bundesinnenministerium und dem Auswärtigen Amt.

Zweitens sind türkischstämmige Unternehmen in Deutschland in nahezu allen Branchen vertreten. Daher trifft sie der Fachkräftemangel so, wie er deutsche Unternehmen trifft. Beispielsweise suchen auch türkischstämmige Bauunternehmen verstärkt nach gut ausgebildeten Bauingenieuren.

Die Türkei hat erstaunlich ein hohes Wirtschaftswachstum. Wann sehen Sie die Türkei in der Europäischen Union?

Allein in den letzten beiden Jahren lag das Wachstum der türkischen Wirtschaft bei 9 bzw. 7,5% und für die Jahre davor gelten ähnlich hohe Raten. Für das laufende Jahr wird trotz der Finanzkrise wieder ein Wachstum von 4% erwartet, für 2013 und 2014 sogar 5%. Die Bundesrepublik stellt den größten Abnehmer türkischer Waren und den zweitgrößten Lieferanten der Türkei dar, das Außenhandelsvolumen betrug im letzten Jahr etwa 26,5 Milliarden Euro. Diese Indikatoren sprechen für sich und zeigen, wie bedeutend die Türkei für die deutsche, aber auch die gesamteuropäische Wirtschaft ist. Seit 1996 existiert bereits eine Zollunion mit der Europäischen Union, die den Handel mit der Türkei erleichtert. Zwar setzt sich die TD-IHK laut ihrer Satzung für eine Vollmitgliedschaft der Türkei in der Europäischen Union ein. Dabei spielen aber neben den wirtschaftlichen natürlich auch andere Faktoren eine Rolle, die außerhalb unseres Tätigkeitsbereiches liegen. Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit jedenfalls spricht für einen baldigen Beitritt.

Was können deutsche Manager und türkischstämmige Unternehmerinnen und Unternehmer voneinander lernen?

Ich denke, dass es in unserer globalisierten Welt in der Wirtschaft gar nicht mehr so viele Unterschiede im Verhalten von Unternehmerinnen und Unternehmern gibt.  und wollen Abnehmer für ihr Produkt oder ihre Dienstleistung gewinnen. Dennoch lassen sich natürlich kulturelle Unterschiede feststellen, insbesondere wenn deutsche und türkische Geschäftsleute aufeinander treffen. Um die positiven Aspekte beider Gruppen zu nennen, bei denen sicherlich ein produktiver Austausch stattfinden kann: Türken sind, plakativ gesagt, für ihre Flexibilität bekannt, Deutsche für hohe Verbindlichkeit. Beides zusammen ergibt eine wirtschaftlich ansprechende Mischung. Daneben halte ich den türkischen Dienstleistungs- und Servicegedanken für ausgeprägter als hier in Deutschland. Das wissen viele Kunden und Geschäftspartner zu schätzen.

In der Regel, so meine Erfahrung, ergänzen sich deutsche und türkische Geschäftspartner aber sehr gut. Die interkulturellen Kompetenzen, die auf beiden Seiten auch aufgrund vieler Exporterfahrungen vorhanden sind, tragen vielfach zu professionellen und angenehmen Geschäftsabschlüssen bei. Leider wird das Potenzial dieser Synergien in Drittmärkten noch nicht ausreichend genutzt. Insbesondere in Deutschland sind Unternehmerinnen und Unternehmer es gewohnt, mit türkischstämmigen Menschen zusammen zu arbeiten.

Warum gibt es in der Türkei keinen Döner?

Zumindest keinen Döner Kebap, wie wir ihn aus Deutschland kennen. „Döner“ heißt übersetzt einfach „es dreht sich“ und bezeichnet den Fleischspieß des Döners. Zwar ist die hiesige Variante – wo auch immer in Deutschland sie nun zuerst zubereitet wurde, ich halte mich da lieber aus Spekulationen heraus – mit Fleisch, Salat und Soße im Brot in der Türkei tatsächlich weniger zu finden und auch eher als ein Snack zwischendurch angesehen oder auf Tellern serviert. Allerdings kommt die Zubereitungsart des Fleischspießes sehr wohl aus der Türkei: Um 1850 erfand der Restaurantbesitzer Iskender in der südlich von Istanbul gelegenen Stadt Bursa dieses Verfahren, und noch heute existiert dieses Restaurant, inzwischen von seinem Enkel betrieben, und stellt  geradezu eine Pilgerstätte für Döner-Liebhaber dar.

Was würden Sie jungen Migranten empfehlen, die ein Unternehmen gründen möchten?

Am besten ist es, wenn am Anfang eine gute, innovative Idee steht. Dieser kreative Aspekt der Existenzgründung ist sehr wichtig. Er muss aber auf einer soliden Grundlage verwirklicht werden: Neben den fachlichen Fähigkeiten zur Unternehmensgründung müssen ein ausgefeiltes Konzept und eine solide Finanzierung existieren. Menschen mit Migrationshintergrund verfügen oft über eine hohe interkulturelle Kompetenz, sprechen nicht selten zwei Muttersprachen und kennen sich in mehreren Kulturen und Ländern aus. Neben dem bilateralen Handel können sie diese Fähigkeiten in Deutschland nutzen, um spezielle Zielgruppen anzusprechen. Dabei denke ich beispielsweise an Ethnomarketing oder andere spezifische Dienstleistungen. In diesen Bereichen haben Migrantinnen und Migranten meines Erachtens besonders gute Voraussetzungen, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Junge Migrantinnen und Migranten sollten sich bewusst sein, dass sie in Ethno-Branchen aber auch in den allgemeinen Branchen des Wettbewerbs von Natur aus eher Vorteile als Nachteile haben und mit diesem Selbstbewusstsein agieren und protzen.

Herr Suat Bakir, viele herzlichen Dank für das Interview.


Das Interview führte Joel Cruz

 

1 Kommentar

  1. Ömur Halil

    Spannendes Interview! Ich wusste gar nicht, dass es eine TD-IHK gibt. Ihr von migration business solltet mehr darüber berichten, was Immigranten hier in Deutschland eigentlich alles leisten, beonsonders wieviele Arbeitsplätze von Ausländern geschaffen werden. Ich will mehr davon!

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