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Anwälte müssen wie Unternehmer denken

Viele Jurastudenten beklagen sich über ein herausforderndes Studium, insbesondere kurz vor dem Staatsexamen. Doch auf der anderen Seite können sich viele nichts anderes vorstellen. Wie ein Artikel auf SPIEGEL ONLINE zeigte, liegt die Beliebtheit des Studiums auf dem dritten Platz in ganz Deutschland, gleich nach BWL und Maschinenbau. Wir von migration-business sprachen mit dem Rechtsanwalt Truls Hebrant, der in zwei Kulturen zu Hause ist, über die Fehler vieler Jurastudenten, den Weg zum erfolgreichen Anwalt und Vorurteile gegenüber Juristen.

Sie sind Rechtsanwalt der Kanzlei „lindenpartners“ in Berlin, die sehr auf Internationalität setzt. Was hat Sie dazu bewegt Jura zu studieren?

Aufgewachsen bin ich in Stockholm. Dort besuchte ich die Deutsche Schule und wuchs zweisprachig auf. Das Jurastudium ist mittlerweile wirklich schon lange her: Ich habe vor fast 20 Jahren meine erste Vorlesung besucht. Das Fach hat mich bereits früh interessiert, auch wenn es den Einen oder Anderen wundern mag.

Jura bringt auf der einen Seite viel praktisches Wissen mit sich, auf der anderen erscheint das Fach vielen Menschen als sehr trocken.

Ja, ich denke es ist vor allem eine Typ-Frage. Vielen erscheint es zwar zu trocken, aber man sollte nicht am Theoretischen kleben, sondern das gesamte abstrakte Gedankengebäude  mit Leben füllen, um der gesamten Materie eine Art Gesicht verleihen.

Zu der Typ-Frage – was würden Sie jemandem empfehlen, der gerade Jura anfängt zu studieren? Was sollte er mitbringen?

Ich glaube, nach dem Einstieg in diese Disziplin ist zunächst ein gesundes Maß an Selbsteinschätzung ganz hilfreich. Man sollte kritisch hinterfragen, ob einem das Fach wirklich Spaß bereitet. Das Dilemma am Jurastudium bestand jedenfalls früher darin, dass man zunächst vier Jahre ohne große Widerstände und Hürden studieren konnte, um dann das erste Mal vor einer großen Prüfung, dem Staatsexamen, zu stehen.. Wenn das nun nicht planmäßig verläuft, hat man vier Jahre seines Lebens – vielleicht nicht direkt in den Sand gesetzt – aber man hätte die Zeit vielleicht für etwas nutzen können, was einem wirklich Spaß macht.

Viele beschweren sich dann, dass man erst nach vier Jahren merkt, ob einem das Studium liegt oder nicht. Diese Ansicht teile ich nicht! Viele Studenten merken vielmehr häufig frühzeitig, dass es sie überhaupt nicht erfüllt, setzen das Studium wider besseren Wissens fort. Davon rate ich ab. In der Schule lässt kann man sich ­ in vielen Fällen getrost berieseln lassen. Aber bei Jura kommt es darauf an, sich wirklich mit der Materie aktiv auseinanderzusetzen. Man muss sich die Frage stellen: Kann ich mir vorstellen, mein Leben lang mit diesen Prinzipien zu arbeiten?

Das Studium klingt sehr herausfordernd. Wo lagen für Sie die Herausforderungen im Studium und heute im Beruf? Welche Unterschiede gibt es?

Im Jura-Studium wird in der Tat sehr viel Wissen vorausgesetzt. Man sollte jedoch nicht einfach alles stur in sich reinpauken, sondern versuchen, das Handwerkszeug zu verinnerlichen, damit umzugehen und auch damit zu spielen. Man kann sich Vieles erschließen und mit Hilfe guter Argumentation lösen. Dazu gehört auch ein gewisses Talent – aber man kann es auch lernen. Später im Beruf, wie ich als Rechtsanwalt merke, ist es sehr wichtig, dass man versucht die graue Theorie ein wenig hinter sich zu lassen und pragmatisch wie ein Unternehmer zu denken. Juristen neigen zuweilen dazu, etwas zu wissenschaftlich an Probleme ranzugehen. Der Unternehmer will wissen, was etwas kostet, welche Risiken dahinter stehen und was er gewinnen und verlieren kann. Hier ist es wichtig als Rechtsanwalt ein Scharnier zwischen der theoretischen Rechtswissenschaft und dem Unternehmertum zu bilden. Man muss über den Tellerrand blicken können!

Sie haben, wie Sie sagen, in Schweden eine deutsche Schule besucht. Was hat Sie letztendlich dazu bewegt nach Deutschland zu kommen?

Ich glaube hier spielen vor allem menschliche Zufälle eine große Rolle. Ich habe auch in Deutschland studiert und bin damals unter anderem wegen einer Frau  in Deutschland geblieben. Hinzu kommt ein Nachteil der Juristerei: Man ist als Berufsanfänger sehr ortsgebunden. Als deutscher Jurist wird man häufig zunächst nur in Deutschland eine Anstellung finden. Es besteht zwar auch die Möglichkeit im Ausland Fuß zu fassen. Es ist aber deutlich schwieriger, als wenn man beispielsweise Arzt oder Betriebswirt ist. Die Gesetzmäßigkeiten in der Medizin, der Wirtschafts- und Naturwissenschaften sind überall in der Welt gleich. Und mit zunehmender Erfahrung wird es irgendwann egal, wo man studiert hat. Trotzdem kann ich einen Auslandsaufenthalt nur empfehlen, um seine Fremdsprachenkenntnisse zu verbessern, fremde Kulturen kennen zu lernen und ausländische Rechtssysteme kennenzulernen. Ich selbst profitiere sehr davon, dass ich auch bei der schwedischen Anwaltskammer als Advokat zugelassen bin.

Sie sagten vorhin, dass Jura ein Handwerkszeug ist. Welche Eigenschaften und Fähigkeiten muss man als Jurist mitbringen, um Anwalt zu werden?

Voraussetzung für alle juristischen Berufe ist es natürlich, ein guter Jurist zu sein. Auch wenn die Note anfangs ein wichtiges Entscheidungskriterium bei der Bewerbung ist, spiegeln sich gute juristische Fähigkeiten nicht allein in der Note wider.

Der Rechtsanwaltsberuf setzt, wie vorhin bereits gesagt, häufig unternehmerisches und wirtschaftliches Denken voraus: Dass man die wirtschaftlichen Interessen seiner Mandanten vertritt und versteht, ist für einen Rechtsanwalt selbstverständlich. Man darf nicht stur auf die rechtlichen Zusammenhänge kaprizieren und gebetsmühlenartig irgendwelche Probleme aufzeigen. Keinem Mandant ist damit gedient! Wenn Sie zum Anwalt gehen, wollen Sie in erster Linie erfahren, was Sie gegen etwaige Probleme unternehmen können! Natürlich muss der Anwalt die Probleme erkennen, aber seine Aufgabe besteht hauptsächlich darin, Lösungswege aufzuzeigen und hierbei einen möglichst günstigen und sicheren Weg zu wählen. Daneben ist es wichtig, dem Mandanten ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln. Das Verhältnis zum Anwalt basiert schließlich auf Vertrauen. Ihr Mandant ist von Ihnen abhängig. Eine Garantie kann man sicherlich nie geben. Aber man muss ihm zumindest zeigen, dass man sich für ihn einsetzt, unabhängig davon, wie heikel die Situation oder der Fall ist.

Man sagt Anwälten oft nach, dass sie gut lügen können und verbindet sie mit anderen vergleichbaren Klischees. Wie viel Wahrheit ist an solchen Vorurteilen dran?

Dieses Vorurteil Ist natürlich unberechtigt. Anwälte unterliegen in vielen Fällen sogar der Wahrheitspflicht. Allerdings muss man auch fragen dürfen, was man von einem Rechtsanwalt erwartet. Wenn man einen Rechtsanwalt beauftragt, will man seine rechtlichen Interessen soweit wie möglich durchsetzen.

Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Sie haben ein Auto unter Ausschluss der Gewährleistung verkauft. Dieses Auto war Ihrer Meinung nach vollkommen in Ordnung. Doch plötzlich stellt sich nach dem Verkauf heraus, dass es doch schadhaft war. Dann wird der Verkäufer häufig fragen: „Wussten Sie, dass es einen Schaden am Auto gab?“ Bei genauem Nachdenken kommen Ihnen jetzt vielleicht Zweifel. Jeder Anwalt würde Ihnen in dieser Situation empfehlen, sich nicht ohne Not selbst zu belasten. Das als „Unwahrheit“ zu bezeichnen ist abwegig.

Im Übrigen (lächelt) befinden sich diejenigen, die sich zu solchen Vorwürfen hinreißen lassen, meistens auf der Gegenseite…

Mal eine ganz andere Frage: Sie haben lange Zeit auch in Stockholm gelebt. Heute leben Sie in Berlin. Welche Unterschiede sind Ihnen aufgefallen?

Ich würde gerne zwischen Freizeit und Beruf trennen:

Berlin hat kulturell eine wesentlich breitere Palette zu bieten. Das soll überhaupt nicht heißen, dass Stockholm kulturell arm ist, im Gegenteil. Aber Berlin ist eine Weltstadt inmitten Europas in einem Land mit über 80 Millionen Einwohnern und einer überwältigend großen kulturellen Vielfalt und einem enormen Freizeitwert. Das ist faszinierend! Stockholm ist etwas kleiner und übersichtlich. Wenn Sie sich weniger Eindrücken aussetzen wollen, wenn Ihnen Berlin etwas zu laut und zu viel ist, würde ich sagen, dass Ihnen Stockholm besser gefällt.

Beruflich gesehen ist Stockholm sicherlich mindestens genauso interessant wie Berlin. Ökonomisch ist Stockholm sogar stärker. Aber ich kann in Berlin auch deswegen arbeiten, weil die Mehrheit unserer Mandanten eben nicht nur in Berlin ihren Standort haben, sondern in ganz Deutschland und der Welt.

 

Das Interview führte Dario Mohtachem.

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