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Eine „Fatiha“ für die Seelen der Toten

Mein Weg zu meiner Mutter führt über den Columbiadamm. Nun gibt es dort einiges zu entdecken. Beispielsweise das leer stehende Tempelhofer Fluggelände, mit dem der Berliner Senat nicht so recht was anzufangen weiß, aber auf dem wir Türken endlich wieder ein Plätzchen zum Grillen gefunden haben. Am Columbiadamm gibt es die Skater-Anlage, hier üben die Kids und „Junggebliebenen“ ihre halsbrecherischen Tricks ein. Dieselbe Übung immer und immer wieder, bis sie endlich sitzt. Dort gibt es die alte „Jahn-Sporthalle“, zu der die Schüler, wie zu meiner Schulzeit, immer noch hinpilgern.

Tagsüber werden Geschwindigkeitskontrollen durchgeführt und nachts Mausefallen. Das Polizeirevier ist ja gleich um die Ecke. Da haben’s die Jungs nicht weit. Manchmal joggt eine ganze Einheit von denen Richtung Hasenheide, das ist dann immer ein Fest für die Augen der vorbeifahrenden Autofahrerinnen!

Dort befindet sich auch die „Sehitilik-Moschee“ mit einem angrenzenden Friedhof für muslimische Bürger, die hier, und nicht in ihrer ursprünglichen Heimat, bestattet werden. Letzte Woche fuhr ich den Columbiadamm runter und bemerkte einen Straßenarbeiter, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite von der Moschee, die Hände offen und die Handflächen gen Himmel gerichtet mit starrem Blick über die Fahrbahn in Richtung Moschee stand und betete.

Ein besonderes Gebet

Da wird man sich fragen, Mensch, warum geht er denn nicht hinein zum Beten? Dafür ist ja schließlich die Mosche da. Ja, da mögen Sie Recht haben, aber dieses Gebet war kein durchschnittliches Gebet. Es war ein ganz besonderes Gebet, dass den Seelen der Toten auf dem Friedhof gewidmet war. Wenn man als Muslim an einem Friedhof vorbei geht, schuldet man den Toten eine „Fatiha“.

Was ist eine „Fatiha“?

Sie ist die erste Sure im Koran, die “Eröffnende”. Besonders im Volks-Islam spricht man der “Fatiha” viel Segenskraft zu. Diese Sure preist die Barmherzigkeit und Gnade Gottes und spricht vom jüngsten Gericht und vom Beistand Gottes.

Jedes Mal, wenn ich als kleines Mädchen in Istanbul mit meiner Oma an einem Friedhof vorbeiging, blieb sie stehen und hielt einen Moment inne. Sie sprach ein Gebet, eine „Fatiha“ und widmete es allen Menschen, die dort lagen. Sie betete für ihren Seelenfrieden und die Vergebung ihrer Sünden.

Als ich an diesem Mann, der da stand, betend am Straßenrand von der andren Seite der Straße das Gelände fixierend, vorbeifuhr, musste ich an diese Kindheitserinnerung denken und mir wurde warm ums Herz. Denn auch ich bleibe von Zeit zu Zeit stehen, wenn ich an einem Friedhof vorbeigehe und schicke ein kurzes Gebet, eine „Fatiha“ an die Toten und widme es ihren Seelen auf dass sie Frieden finden.

An dieser Vielfalt teilhaben zu können ist ein Privileg. Es ist schön in einer bunten Stadt, wie Berlin zu leben.

Also wenn Sie durch die Straßen von Berlin laufen und einen Menschen sehen, der die Hände gen Himmel geöffnet hat und mit starrem Blick in einem Gebet vertieft ist, dann wissen Sie: Es ist ein Friedhof in der Nähe und dort wird gerade eine „Fatiha“ gemurmelt.

Viel Spaß beim Entdecken wünscht Ihnen, Ihre Fulya Sonnenschein.

 

Text: Fulya Sonnenschein.

Fulya Sonnenschein ist Freie Trainerin für Interkulturelle Kommunikation und moderne Umgangsformen und Eigentümerin der Firma Knigge in Berlin. Sie trainiert sowohl multikulturell zusammengesetzte Teams in international aufgestellten Unternehmen, als auch Schüler an Berliner Grundschulen oder Privatpersonen in Fragen der Etikette und Internationalen Do’s & Don’ts. Sie selbst ist Migrantin, lebt in Berlin und ist in zwei Kulturen zuhause. Für migration-business schreibt sie jeden zweiten Freitag die Knigge-Kolumne und informiert die Leserinnen und Leser anhand von Beispielen über Do’s und Dont’s in Sachen Knigge und interkulturelle Kompetenz.

Mehr Informationen über Frau Sonnenschein finden Sie unter: www.knigge-in-berlin.de

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