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Ramadan – der König der Monate

Vor Fauxpas ist man ja bekanntlich nirgendwo gefeit. So widerfuhr mir vor vielen Jahren ein derart peinliches Missgeschick, dass ich heute noch erröte, wenn ich darüber nachdenke, was mich aber nicht davon abhält, ihnen davon zu berichten.

Vor einigen Jahren machte ich mit meiner kleinen Tochter Urlaub in Istanbul. Wie wir wissen, ist die Türkei zwar ein laizistischer Staat, dennoch ist die Staatsreligion mit 99% Gläubigen der Islam.

Nach einem Bootsausflug und einem heißen, ermüdenden Tag betraten wir zwei am Abend ein Restaurant. Es war ein Lokal, das bei den ansässigen Istanbulern aufgrund seiner traditionellen Küche sehr beliebt war, zudem waren die Preise moderat und nicht astronomisch, wie in den meisten Touristenvierteln üblich.

Nachdem ich das Menü am Tresen von einem netten Kellner aus dem reichhaltigen Buffet zusammenstellen ließ bezahlte ich und ging in den für Familien vorbehaltenen zweiten Stock und wartete bis wir aufgerufen wurden, um die Köstlichkeiten abzuholen. Dabei fiel mein Blick auf die ringsherum sitzenden und komischerweise obwohl ihr Essen bereits vor ihnen lag, nicht essenden Menschen. Ich dachte mir nichts dabei und lief hinunter, um unser Tablett abzuholen. Auch in der ersten Etage das gleiche Bild: Geschäftigkeit, ein Fernseher übertrug einen Geistlichen, der Suren aus dem Koran las, doch keiner aß.

Ich ging mit unserem Essen nach oben und meine Tochter, die mit einem gesegneten Appetit ausgestattet ist, machte sich über das gemeinsame Essen her. So aß also auch ich, nicht ohne mich über die von links und rechts erstaunten Blicke zu wundern. Nach der Vorspeise dämmerte es mir langsam – ich hatte völlig vergessen, dass wir bereits im Fastenmonat Ramadan waren und das Fastenbrechen für den Tag noch nicht eingeleitet war. Was tun? Nun steckten wir ja mittlerweile tief in diesem Schlamassel fest. Also Kopf hoch und durch. Die Blicke waren von verwundert bis missbilligend und ohne von meinem Teller aufzuschauen beendete ich meine Speise, die auch noch übersetzt „Der Imam fiel in Ohnmacht“ hieß.

Wir verließen das Lokal mit hochrotem Kopf. Auf die Nachspeise verzichteten wir allerdings. Meiner Tochter, die ein großer Fan vom türkischen Dessert ist, musste ich allerdings auf dem Nachhauseweg erklären, warum sie die Baklava hatte stehen lassen müssen.

Allah möge mir diese Sünde verzeihen, denn aß ich vor den Gläubigen und verletzte so ihre Gefühle und zeigte dadurch keinen Respekt vor ihrem Glauben. Aber es geschah ohne zu Wollen, ich schwöre es.

Ramadan – mehr als Fasten

Wir befinden uns gerade mitten in der Fastenzeit. Der neunte Monat im Jahr ist im Islam der Fastenmonat Ramadan. Er wird von den beiden Monaten Radschab und Schaban, denen eine besondere Bedeutung zukommt eingeleitet. Tiefreligiöse Muslime fasten bereits in diesen Monaten, leben enthaltsam und beten öfter als üblich. Der Ramadan wird nach dem Mondkalender festgelegt und verschiebt sich von Jahr zu Jahr um einige Tage. Daher kann man auch keine feste Zeit für ihn nennen. Dieses Jahr ist der Beginn auf den 20.07. gefallen. Die Fastenzeit endet am 18.08.2012.

Es folgt das Opferfest, das drei Tage dauert und in seiner Bedeutung für die Menschen mit dem christlichen Weihnachtsfest zu vergleichen ist. Kommen doch alle Familienmitglieder an diesen Tagen zusammen, um die Älteren zu ehren, die Kinder zu beschenken und die Freude am Leben zu teilen. Menschen die verkracht sind, versöhnen sich wieder. An diesen Tagen fällt das Vergeben irgendwie leichter.

Der Ramadan gibt den Menschen die Gelegenheit einmal Abstand zu nehmen und durch die Befolgung der Regeln während der Fastenzeit Körper und Geist zu reinigen. Selbstbeherrschung und Enthaltsamkeit sind während dieser Zeit nicht die einzigen Tugenden, die an diesen Tagen an die Muslime näher treten. Sondern auch die Pflicht an die Armen zu denken und zu spenden. In dieser Zeit rückt man ein wenig näher zusammen und genießt das Beisammensein.

Die Kinder sind aufgeregt, weil plötzlich neue Rituale in ihr Leben treten und das Haus mitten in der Nacht hell erleuchtet und sie an einem verspäteten „Mitternachts-Essen“ dem „Sahur“ teilnehmen „dürfen“, da sie ja nicht verpflichtet sind zu fasten. Die letzte Mahlzeit am Tag, eingenommen in der Früh vor dem Sonnenaufgang, den Mund mit einem Versprechen versiegelnd, mit einem Schwur, den man sich vor Gott und sonst niemandem gibt, da zwischen dem Gläubigen und Allah niemand sonst steht. Kein Vermittler – kein Vertreter auf Erden.

Es ist auch für die Erwachsenen eine Zeit der Betriebsamkeit, ausgeführte, bedachte Geschäftigkeit deren Kraft in der Ruhe liegt durch das meditative Fasten. Kranke, Schwangere, Kinder bis zur Pubertät und operierende Ärzte sind aus dieser Pflicht entbunden.

Das Fasten ist eines der 5 Säulen des Islam

Ich kann mich erinnern: als kleines Mädchen wohnten wir mit Verwandten in einem Mehrfamilienhaus und während der Fastenzeit versammelten wir uns abwechselnd zum Fastenbrechen mal bei meinem Onkel, der über uns wohnte und mal bei uns zu Hause. Meine Cousine und ich liebten diese Zeit im Jahr. Wir Mädchen wurden tagsüber oft losgeschickt, mit besonderen Speisen, die unsere Mütter zubereitet hatten, die wir der anderen Familie bringen sollten. Meist ging man nach dem Fastenbrechen bis zum „Sahur“ nicht schlafen. Die Frauen kamen zusammen und wir lauschten den Geschichten, die sie sich bis zum Morgengrauen erzählten. Wir Kinder schliefen häufig unter dem Gemurmel der Frauen ein und wachten erst auf, als der Trommler durch die Straßen Istanbuls ging und das Volk mit Paukenschlägen, die von der Ferne sanft an unsere Ohren drangen zum „Sahur“ rief.

Ich wünsche allen Fastenden viel Kraft diese Zeit durchzustehen und viel Freude beim gemeinsamen Brotbrechen mit den Liebsten.

 

Text: Fulya Sonnenschein.

Fulya Sonnenschein ist Freie Trainerin für Interkulturelle Kommunikation und moderne Umgangsformen und Eigentümerin der Firma Knigge in Berlin. Sie trainiert sowohl multikulturell zusammengesetzte Teams in international aufgestellten Unternehmen, als auch Schüler an Berliner Grundschulen oder Privatpersonen in Fragen der Etikette und Internationalen Do’s & Don’ts. Sie selbst ist Migrantin, lebt in Berlin und ist in zwei Kulturen zuhause. Für migration-business schreibt sie jeden zweiten Freitag die Knigge-Kolumne und informiert die Leserinnen und Leser anhand von Beispielen über Do’s und Dont’s in Sachen Knigge und interkulturelle Kompetenz.

Mehr Informationen über Frau Sonnenschein finden Sie unter: www.knigge-in-berlin.de

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