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Serdar Yazar: Es geht um Menschenrechte

Im Januar 2012 hat Serdar Yazar (Foto) die Geschäftsführung des Türkischen Bundes Berlin-Brandenburg von Kenan Kolat (52) übernommen. In einem Zwiegespräch konnte ich einen Blick hinter die schüchterne Fassade des jungen Aufsteigers erhaschen.

Die Dame am Empfang begrüßt mich freundlich. „Wie kann ich Ihnen helfen?“.  „Ich habe einen Termin mit Herrn Yaschar“, sagte ich. „Mit wem bitte? Ach so, Sie meinen Herrn Yazar, einen Augenblick bitte. Ich informiere ihn“. Meine fehlerhafte Aussprache ist mir peinlich. Wer einmal Ausländer war, kennt das Gefühl.

Der junge Mann, der mich sogleich empfängt, wirkt etwas schüchtern und fast ein wenig unbeholfen. Er scheint nicht ein Jahr älter, als sein Ausweis attestiert. Ein fester Händedruck mit Blickkontakt verrät jedoch, dass man ihn keineswegs unterschätzen sollte. Er ist bescheiden, nicht schüchtern und schon gar nicht unbeholfen– stille Wasser sind bekanntlich tief.

Apropos. „Könnte ich bitte eine Glas Wasser haben?“, frage ich. „Selbstverständlich, das bringe ich Ihnen sofort.“

Serdar Yazar, der mich so bereitwillig bedient, ist seit Januar 2012 Geschäftsführer des Türkischen Bundes in Berlin- Brandenburg. Der studierte Soziologe und Politikwissenschaftler tritt in die Fußstapfen eines gestandenen Mannes: Kenan Kolat, derzeit Bundesvorsitzender der Türkischen Gemeinde Deutschland, hatte sein langjähriges Amt zum Dezember auslaufen lassen, da seine Frau Dilek Kolat als neue Berliner Senatorin für Arbeit, Integration und Frauen künftig über Fördermittel entscheiden kann. Gegen den erfahrenen Mittelpunktmenschen Kolat wirkt Yazar zwar zurückhaltend, aber dennoch nicht weniger vorbereitet.

– „Sprudel ist leider aus.“

– „Das macht gar nichts, vielen Dank.“

Endlich können wir also mit unserem Gespräch beginnen. In seiner Beratung hört Yazar regelmäßig stundenlang Menschen zu. Heute möchte ich mir die Zeit nehmen, mit ihm über sein Leben und seine Erfahrungen zu sprechen. Er lehnt sich gemütlich in seinem Sofa zurück, faltet die Hände ineinander. Das alles sieht nach Routine aus. Seine Stimme verrät jedoch, dass Interviews nicht zu seiner Lieblingsbeschäftigung gehören.

Schuldig bis zum Gegenbeweis

Yazar ist Einwanderer – in dritter Generation. Schon seine Eltern sind in Deutschland aufgewachsen. Dennoch ist Türkisch die Hauptsprache in der Familie. Bei der Einschulung bereitete ihm dies zum ersten Mal Probleme. Sein perfektes Türkisch nutzte ihm auf einmal nichts mehr. Zweisprachigkeit als Ressource zu sehen und zu fördern ist damals undenkbar und so beschränkte man sich darauf, ihn so schnell wie möglich „einzudeutschen“. Einigen aufmerksamen Lehrern ist es zu verdanken, dass Yazar nicht frühzeitig abgehängt wurde. Mit viel Geduld überprüften Sie zusätzliche Aufgaben, die der fleißige junge Mann anstandslos daheim bearbeitete. Doch auch die Lehrer hatten nicht immer Verständnis für den „Exoten“ auf der deutschen Schule. Spontane, unreflektierte Vorurteile waren keine Seltenheit.

Yazar musste keinen Moment überlegen, als ich ihn nach einem Erlebnis fragte, welches ihn bis heute bewegt: Als er im dritten Schuljahr an der Tafel eine Deutschaufgabe lösen sollte, merkte ein besonders unsensibler Lehrer vor der gesamten Schülerschaft an: „Bei dir wird der Englischunterricht ab nächstem Jahr sehr schwierig werden, du kannst ja noch nicht einmal richtig Deutsch.“ Hier nahm Yazar zum ersten Mal den gravierenden Denkfehler wahr: „Als Einwandererkind musste ich mich immer zunächst beweisen, Vorurteile widerlegen.“, erinnert er sich. Der kleine Junge nahm die Herausforderung stumm an, denn hinter der ruhigen Fassade versteckte sich schon damals ein ehrgeiziger und zielstrebiger Charakter. So arbeitete Yazar hart im Englischunterricht und wurde schnell zum weitaus leistungsstärksten Englisch-Schüler seiner Klasse. Er grinst. „Erfolgserlebnisse muss man bewahren.“

Serdar, der Türke

Leichtere sprachliche Defizite begleiteten den aufgeweckten jungen Mann auch am Gymnasium. Auch hier war er Einzelkämpfer. Halt. Das ist nicht fair. Yazar hat viele Freunde, viele deutsche Freunde, die ihn bereitwillig unterstützen. Manchmal wurde es ihm aber doch zu viel. In Situationen, in denen er sein Wissen und seine Ideen nicht ausreichend eloquent ausdrücken konnte, überkam ihn ein echtes Ohnmachtsgefühl. „Besonders in den Geisteswissenschaften war das der Fall. Ich hatte viel drauf. Aber sprachlich bekam ich immer Minuspunkte.“ In diesen Momenten wurde sich Yazar bewusst, dass er ein Einwandererkind ist, auch nach drei Generationen. Wenn Lehrer sein Verhalten auf seine Herkunft zurückführten, verletzte ihn das. „Bei anderen Jugendlichen wurde gesagt: ‚Er ist in der Pubertät‘, bei mir hingegen hieß es letztlich immer: ‚Serdar ist Türke‘. Jugendliche mit Migrationshintergrund erhalten häufiger das Etikett ‚troublemaker‘ , man traut ihnen nichts zu.“

Durch die Oberstufe kam Yazar problemlos, besonders in Fremdsprachen war er überdurchschnittlich begabt. So wählte er auch im Abitur die entsprechende Fächerkombination und ebnete sich selbst den Weg an die Universität. Ob er schon immer im Verein arbeiten wollte? Nein, damals dachte er an Tourismus oder „etwas mit Sprachen“. Der Wunsch nach politischem Engagement reifte im Studium heran. Hier entwickelte Yazar ein schärferes Bewusstsein für gesellschaftliche Probleme, wie Ausgrenzung und Stigmatisierung. Erst jetzt, in der Retrospektive, wird er sich vieler Situationen bewusst, in denen er Opfer von Diskriminierung wurde.

Man wird zum „Fremden“ gemacht

„Diskriminierung macht immer etwas mit den Menschen. Sie verändert die Persönlichkeit.“ An der Tür zu einem angesagten Club abgewiesen zu werden, ist vielleicht noch kein Drama. Das geht Vielen so. Aber wenn es immer wieder passiert, immer neue Ausreden gefunden werden, dann verändert man sich dadurch. Man wird fremd gemacht. Einen Moment scheint Yazar mit seinen Gedanken ganz fern, er pausiert. Dann die schmerzhafte Erkenntnis. Manchmal passiere es sogar, dass man sich irgendwann mit den Diskriminierenden identifizieren könne.

Türke? Deutsche?

Das Eis ist gebrochen. Es ist Zeit für die schwierigste aller Fragen: Wozu gehören Sie? Wer sind Sie? Sind Sie Türke, sind Sie Deutscher, sind sie etwas ganz anderes? Das tiefe Seufzen verrät mir, dass ich nicht die Erste bin, die dem gerade 30-Jährigen damit auf den Zahn fühlen will. „Als Kind habe ich mich als Türke gefühlt. Deutsch-Türke war eine Beleidigung für mich. Später ist dieses Gefühl immer mehr verblasst.“ Der Gedanke, in die Türkei zu gehen, quält Yazar immer wieder – und immer wieder verwirft er ihn. Beruf, Familie und Freunde halten ihn in Deutschland. Die Türkei als ersehnte, unerreichbare Heimat? „Die Türkei ist ein wunderschönes Urlaubsland.“ Punkt. Mein Fehler – Welcher junge Mann mit 30 hat die Suche nach der eigenen Identität schon beendet?

Von Mensch zu Mensch

Seine Erfahrungen lässt Yazar heute in die Beratung einfließen. Zu den, in den Räumlichkeiten des TBB stattfindenden Gesprächen, kommen ganz unterschiedliche Menschen. Sie suchen Rat bei Behördenstreit, bei rechtlichen Fragen, vor allem aber brauchen sie Beistand bei psychosozialen Angst-und Krisensituationen. Yazar hilft ihnen in allen Fragen. Immer auch aus der Betroffenenperspektive, mit Einfühlungsvermögen und Menschlichkeit. Der Soziologe bildet sich autodidaktisch zum Juristen und zum Psychotherapeuten weiter. Es geht ihm dabei nicht nur um Fragen der ethnischen Diskriminierung. „Ausgrenzung kann verschiedenste Hintergründe haben. Zum Beispiel ist auch Homophobie ein wichtiges Thema.“ Für Yazar soll der Anspruch des TBB nicht primär der eines Ausländervereins sein, er soll sich vielmehr als Menschenrechtsorganisation verstehen. Das Schlagwort lautet „Empowerment“ – den Menschen die Kraft, das Wissen und das Selbstbewusstsein geben, die sie brauchen, um ihre Rechte durchzusetzen. Leuchtende Augen bei Wort „Empowerment“. Hinter dem schüchternen jungen Mann verbirgt sich ein echter Idealist.

 

Text: Maximiliane Schwerdt.

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