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Die Etikette im Hamam

Nichts bewegt die Phantasie der Menschen mehr als das Verlangen zu wissen, was im Verborgenen geschieht.

In dieser sinnlichen Welt räkeln sich schöne Odalisken

Unzählige Haremsbilder, z.B. von Jean Auguste Dominique Ingés, widmen sich dem Thema Orient. Seine Odalisken sind Ausdruck sinnlicher Zügellosigkeit. Das berühmte Bild „Das türkische Bad“, welches im Louvre hängt ist übrigens auch von ihm. Nicht nur Künstler beflügelten und prägten im 19. Jahrhundert die Vorstellung Europas über den Orient. Fakt ist, dass das Morgenland mit seiner großen Vielfalt und seinen Völkern dieses Bild auch durch die bis nach Europa vorgestoßenen Osmanen entscheidend mitgeprägt hat.

Die Verklärung des Orients

Nachdem die stürmischen Zeiten jedoch vorbei waren begann die Verklärung des Orients zur einer romantischen Traumwelt. Böse Zungen behaupten sogar, der „Orientalismus“ sei eine eurozentrische Verzerrung des Morgenlandbildes. In dieser sinnlichen Welt räkeln sich schöne Odalisken halbnackt, samt Wasserpfeife, auf dem Diwan und warten geduldig auf Ihre Herren während sie sich die Zeit mit süßen Früchten vertreiben. Nun – die Zeiten sind vorbei. Geblieben sind die Hamams!

Hamams in den europäischen Großstädten…

Mittlerweile hat fast jede europäische Großstadt einen. Paris hat gleich mehrere und Berlin drei. Der Hamam ist ein Dampfbad mit mehreren unterschiedlich temperierten Räumen, indem Männer und Frauen getrennt baden. Leider sind diese Räume hier nicht von dieser einnehmenden architektonischen Schönheit, wie in ihren Ursprungsländern. Sie dienen aber ihrem Zweck und bringen uns ein wenig den Orient und die gelebte Sinnlichkeit vergangener Tage näher.

Zu meiner Kindheit war es ein Fest, wenn wir den Hamam in Istanbul besuchten. Einen Tag vorher wurden die verzierten silbernen Waschschalen mit denen man das Wasser aus dem Becken schöpfte geputzt, bis sie glänzten und die Badetasche gepackt. Die Weinblätter wurden gerollt und allerlei herrliche Früchte eingepackt. Dieser Ort war ein Ort der Kommunikation. Hier erfuhr man den neusten Klatsch. An diesem Ort wählten Mütter für ihre Söhne auch schon einmal die zukünftige Braut und ja dieser Ort war für kleine Jungen, die ihre Mütter begleiteten der Ort, an dem sie zum ersten Mal Weiblichkeit bewusst erlebten.

„Hamam-Knigge“

Man gibt sich der Lust an der Wärme hin, schwitzt, lacht und meditiert, aber alles erfolgt nach Regeln, dann auch hier gibt es einen Knigge, den „Hamam- Knigge“. Zunächst einmal badet man nicht komplett nackt. Nachdem man sich bis auf die Unterhose ausgezogen hat, wickelt man sich in ein leichtes Leinentuch ein und arbeitet sich langsam durch die unterschiedlich warmen Räume durch. Auf diese Weise erlaubt man dem Körper sich an die Hitze zu gewöhnen. Bis man im mittleren heißen Raum mit dem großen marmornen Liegeplatz angekommen ist. Das Sonnenlicht fällt herein und bricht sich durch kleine runde Fenster an der Decke im Dunst und lässt die Körper der Badenden weiß schimmern. Die Marmorplatte ist erwärmt; und sich auf ihr auszustrecken, ist wie das Ziel einer Reise durch die verschiedenen Ebenen der Wärme.

Die Etikette im Hamam erlaubt keine indiskreten Blicke

Man darf auf keinen Fall zuerst damit beginnen, sich einzuschäumen. Sonst kriegt man die abgestorbene Haut nicht ab. Es gibt einen groben Handschuh mit dem man abgerieben wird, wenn man genug geschwitzt hat. Das Atmen fällt schwer, der Raum ist voller Dampfschwaden, das Tuscheln der Anwesenden wirkt gedämpft. Nun öffnen sich die Poren langsam. Jetzt ist es Zeit die alte Haut mit dem Handschuh, das auf Türkisch „Kese“ heißt, abzureiben, die dann auch in braunen Kügelchen vom Körper fällt. Das ist kein Zeichen dafür, dass man besonders dreckig ist, sondern passiert bei jedem. Der Körper wird immer in der gleichen Reihenfolge abgerieben, meist von einer oder einem „Keseci“. Zuerst der Rücken, die Rückseite der Beine, dann der Oberkörper, die Vorderseite der Beine, Arme und anschließend Gesicht und Hals. Jetzt kann man in die Badenische mit eigenem Bassin zur Intimwäsche gehen und darf sich ganz entblößen. Die Etikette im Hamam erlaubt keine indiskreten Blicke oder unziemliche Körperverrenkungen. Wer seine Nische einmal verlassen muss, der bedeckt seine Schamgegend mit
seiner Schale oder einem Waschlappen.

In die Einzelkabine zum Abkühlen

Nach dem Bad geht man durch die einzelnen Räume wieder zurück, so dass der Körper sich wieder an die unterschiedlichen Temperaturen gewöhnen kann. Zu meiner Kindheit gingen wir in den berühmten „Cemberlitas Hamam“ in Istanbul; eines der schönsten Beispiele osmanischer Architektur. Wenn man hinauskam in die kühle Halle, konnte man zum Abkühlen an der wunderschön verzierten Holztreppe nach oben in die Einzelkabinen gehen. Oft durfte ich dort eingewickelt auf einer mit grünem Leder bespannten Liege mich noch lange ausruhen. Ich genoss meine Müdigkeit und den Dämmerzustand bis die Erwachsenen sich frisiert und angezogen hatten. Noch tief versunken im Blau der Fliesen und im schneeweißen Marmor der Bassins, deren Armaturen golden glänzten, verließen wir die Hamamlandschaft; unsere Körper leicht, die Seelen frei. Den Heimweg gingen wir in einer Art meditativer Tiefenentspanntheit ruhig, fast schwebend, wie in Trance.

Wer die Gelegenheit bekommt, einmal einen Hamam zu besuchen, der sollte dies unbedingt tun; Er reinigt Geist und Körper und gehört zu den Dingen, die man einmal im Leben gemacht haben muss – finde ich.

In diesem Sinne wünsche  ich Ihnen ein schönes, entspanntes Wochenende – mit vielleicht einem Hamambesuch.

 

Text: Fulya Sonnenschein.

Fulya Sonnenschein ist Freie Trainerin für Interkulturelle Kommunikation und moderne Umgangsformen und Eigentümerin der Firma Knigge in Berlin. Sie trainiert sowohl multikulturell zusammengesetzte Teams in international aufgestellten Unternehmen, als auch Schüler an Berliner Grundschulen oder Privatpersonen in Fragen der Etikette und Internationalen Do’s & Don’ts. Sie selbst ist Migrantin, lebt in Berlin und ist in zwei Kulturen zuhause. Für migration-business schreibt sie jeden zweiten Freitag die Knigge-Kolumne und informiert die Leserinnen und Leser anhand von Beispielen über Do’s und Dont’s in Sachen Knigge und interkulturelle Kompetenz.

Mehr Informationen über Frau Sonnenschein finden Sie unter: www.knigge-in-berlin.de

3 Kommentare

  1. Hazel Kalankan

    Ich finde Trennung von Mann und Frau garnicht verkrampft. Das hat ja auch wenig mit der Kultur zu tun. Seit Adam und Eva verstecken Mann und Frau auf natürliche Weise ihre Scham, durch ein Feigenblatt 😉
    In jedem Land gibt es getrennte Toiletten, Umkleideraeume etc. Und ich denke auch nicht, dass in dem Artikels die Trennung von Geschlechtern im Vordergrund steht, oder?
    An Frau Sonnenschein: ich finde den Artikel wieder wunderbar 😀
    Mit freundlichen Grüssen
    Hazel Kalankan

  2. Fulya Sonnenschein

    Lieber Oliver,

    vielen Dank für das Kompliment. Respekt vor anderen Kulturen schätze ich sehr, jedoch muss ich auch ausdrücklich erwähnen, dass es im Hamam eher entspannt als verkrampft zugeht 😉

    Die Frauen dort empfinden das getrennte Baden auch nicht unbedingt als Nachteil.

    Wenn Sie jedoch gemischte Hamams vorziehen und zufällig bei einem Istanbulbesuch das Verlangen verspüren sollten einen aufzusuchen; es gibt mittlerweile mehrere Hamams, die den Touristen zugänglich sind und die Sie dort nutzen könnten. Die sind gemischt 🙂

    Herzliche Grüße aus Berlin

    Fulya Sonnenschein
    Intercultural Business Trainer

  3. Oliver Sittl

    Ist schön geschrieben – und ich respektiere andere Kulturen ausdrücklich – aber verstehen kann ich diese verkrampfte Trennung von Mann und Frau nicht – und bin froh, dass in Bayern gemeinsames Nacktbaden vielerorts normal ist.

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