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Liebe Türken, Araber, Russen und Polen: Legt euren Akzent ab, denn er ist unsexy

Der Winterfeldmarkt ist für mich der Schönste von Allen. Nicht zu vergleichen mit den Märkten in Paris oder mit denen in meiner Lieblingsstadt Istanbul aber in Berlin mein Liebster!

Samstags und mittwochs bietet er uns alles, was das Herz begehrt; mittwochs allerdings in abgespeckter Version. Man findet hier nicht nur frisches Obst und Gemüse und Leckereien aus aller Welt, sondern auch allerlei Gebrauchsgegenstände wie Salatschalen aus Bambus, Mode aus Indien oder Kunst aus Mali.

Ich schlenderte letzten Samstag über den Markt und er glich einem Schlachtfeld. Man kam nur im Hundertstel Sekundentakt voran und Luft
bekam man bei dem Geschobe und Geschubse schon gar nicht. Der Markt ist nicht nur bei uns „Einheimischen“ beliebt, Touries lieben ihn auch. Er steht als „sehenswert“ in vielen Berlin-Reiseführern und für Berlin herrscht gerade Hochsaison.

„Sigara Börek“

Nachdem ich einige Einkäufe erledigt hatte, überlegte ich wie ich zum Geflügelstand der netten älteren Dame gelangen konnte, der auf der anderen Seite des Marktes lag. Wenn ich mich nur der Masse überlassen würde, würde ich bestimmt auch irgendwann an der Geflügelbude vorbei geschoben werden. Auf dem Weg dorthin gab es allerlei zu sehen, wie z.B. herrlich dünn gewickelte „Sigara Börek“. Das sind knusprig gebackene Teigblätter in Zigarrenform, gefüllt mit Schafskäse. Man kann diese Delikatesse auch mit Hackfleisch genießen.

Endlich bei der Dame mit dem Geflügel angekommen sprang ich aus der Polonäse und verabschiedete mich von meinen Weggenossen. Zwei Damen um die 60 standen bereits an und scherzten nett mit der Dame, die frischeste Geflügelprodukte an den Mann, in diesem Fall an die Frau, brachte. Ich lauschte ein wenig und scherzte mit. Die Dame neben mir kaufte ein einzelnes Hühnerbein. Anscheinend war sie allein und  brauchte nicht mehr. Ich war an diesem Wochenende auch allein und wollte bloß eine Kleinigkeit. Aber als Türkin war ich von meinen Eltern gewohnt in großen Mengen zu kaufen. Ich koche auch meist für zehn, dabei sind wir nur zu Dritt. Also kaufte ich ein Pfund Innereien und ein Huhn.

„Sie sprechen aber gutes Deutsch“

Die Damen freuten sich über die gute Stimmung und wir erfuhren, dass die Geflügelbude sogar wegen Unfreundlichkeit schon einmal die Schotten vor den Kunden dicht gemacht hatte, um erst wieder zu öffnen, wenn die Kunden versprachen, einen netteren Ton anzuschlagen. Wie ich hörte, geschah dies zur Weihnachtszeit. Als ich mein Erstaunen als Türkin und Muslime darüber geäußert hatte, dass das Christenfest ja ein Fest der Liebe sei und ich nicht verstehen konnte, wie man am Fest der Liebe grantig zu seinen Mitmenschen sein könne, drehte sich eine Dame zu mir um und sagte: „Sie sind Türkin? Sie sprechen aber gutes Deutsch! Bei den anderen hört man ja den Akzent so heraus. Der ist furchtbar!“

Mir blieb der Mund offen stehen und ich stammelte: „Ja hm, ich lese viel“. Und doch konnte ich mir eine Antwort nicht verkneifen, es war eher eine Frage als ein Statement: „Aber die Amerikaner haben ja auch einen Akzent!“ „Ja,“ war die Antwort „und die Franzosen auch, aber der ist ja charmant!“ Ich konnte kaum vermeiden in ein hysterisches Gelächter zu verfallen, während die Dame sich von mir verabschiedete mit den Worten: „Sie sind ja so nett – bleiben Sie wie Sie sind!“ Ich blieb verdutzt zurück, packte meine Innereien und mein Huhn und ging nach Hause!

Legt euren Akzent ab

Warum klingt der Akzent eines Amerikaners netter als der Akzent eines Türken oder Arabers? Ich weiß es nicht. Wenn ein Amerikaner ein
gebrochenes Deutsch spricht, ist man eher gewillt, ihm zuzuhören ohne die Augenbrauen hochzuziehen, er klingt so weit hergereist und bei einem französischen Akzent geraten die Menschen regelrecht in Verzückung.

Mein Vorschlag, liebe Türken, Araber, Russen und Polen: Legt euren Akzent ab, denn er ist unsexy! Nehmt den der Amerikaner oder Franzosen an. Das kommt an und ihr klingt viel sympathischer. Auch wenn ihr die Sprache nur lückenhaft sprecht – in Deutschland wird euch mit dem richtigen Akzent fast alles verziehen.

In dem Sinne, ich wünsche Ihnen ein wunderbares Wochenende und wenn es sie zum Winterfeldmarkt verschlägt, probieren sie doch Mal die „Sigara Börek“. Die sind echt lecker!

Impressionen vom Winterfeldmarkt in Berlin:

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Text: Fulya Sonnenschein.

Fulya Sonnenschein ist Freie Trainerin für Interkulturelle Kommunikation und moderne Umgangsformen und Eigentümerin der Firma Knigge in Berlin. Sie trainiert sowohl multikulturell zusammengesetzte Teams in international aufgestellten Unternehmen, als auch Schüler an Berliner Grundschulen oder Privatpersonen in Fragen der Etikette und Internationalen Do’s & Don’ts. Sie selbst ist Migrantin, lebt in Berlin und ist in zwei Kulturen zuhause. Für migration-business schreibt sie jeden zweiten Freitag die Knigge-Kolumne und informiert die Leserinnen und Leser anhand von Beispielen über Do’s und Dont’s in Sachen Knigge und interkulturelle Kompetenz.

3 Kommentare

  1. Adrian

    Ich bin in polen geboren. Mit 14 bin ich nach Deutschland gekommen. jeder erkennt meinen polnischen Akzent. Meine Tochter ist hier geboren und lernt als erste Sprache deutsch. Alles andere wäre meiner Meinung nach falsch. Ich will dass sie eine Zukunft in Deutschland hat. Es ist schön wenn sie sich irgendwann mit ihren polnischen verwandten verständigen kann… aber sie wird hier in Deutschland auf die Schule gehen. Ich spreche mit meiner Frau polnisch zu hause und trotzdem spricht meine Tochter die Sprache des Landes in dem sie aufwachsen wird. Ich kenne andere Ausländer die in Deutschland geboren sind und trotzdem eigene Kinder zuerst mit der nicht mal eigenen „Muttersprache“ verwirren.

  2. Carsten M.

    genauso und nicht anders! aber auch ich habe einen Akzent, wenn ich englisch, französisch, spanisch oder japanisch spreche. Es hört sich für die Muttersprachler bestimmt auch lustig oder charmant an, wenn ein Deutscher, wie ich, deren Sprachen spreche. Naja, Eine Sprache zu können bedeutet nicht automatisch erfolgreich sein.

  3. Marianne Denk-Helmold

    Toll, großartig, der Artikel und witzig, liebe Fulya.

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