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Wie überzeuge ich meine Mitmenschen?

Ob im privaten Alltag, im Berufsleben oder bei Vorträgen in der Schule – überall haben wir die Möglichkeit unsere Mitmenschen zu überzeugen. Das Handwerkszeug dazu nennt sich Rhetorik. Die gebürtige Italienerin Silvia Mazzini (Foto) ist Expertin für Rhetorik und bietet heute Kurse an verschiedenen deutschen Universitäten an. migration business sprach mit ihr darüber, was einen guten Rhetoriker auszeichnet, was Manipulation bedeutet und ob jeder Rhetorik erlernen kann.

Frau Mazzini, Sie sind Rhetorik-Expertin. Was genau verstehen Sie unter Rhetorik?

Ich verstehe Rhetorik als eine Technik, die alle Menschen intuitiv oder bewusst benutzen, um zu überzeugen. Das heißt: Man sucht, ordnet und formuliert geschickt mehrere Argumente, sprachliche Figuren und Instrumente, aber auch Körperbewegungen, Gesten und den Rhythmus der Stimme, um das Überzeugende bei einem bestimmten Gegenstand aufzuzeigen. Wie wir also sehen, spielt Rhetorik in allen Bereichen des menschlichen Lebens eine wichtige Rolle.

Und kann man diese Technik erlernen oder ist es eine Frage des Talents?

Es gibt selbstverständlich einige Personen, die rhetorisch sehr begabt sind. Durch einen Rhetorik-Kurs kann aber jeder lernen, seine besonderen Talente zu entdecken, zu entfalten und anzuwenden.

Wer ist in Ihren Augen ein großer Rhetoriker und warum?

Meiner Meinung nach gibt es heutzutage kaum noch außergewöhnliche Redner unter den sogenannten „Promis“. Die meisten Politiker haben heute gute Rhetorik-Berater, die sie unterstützen. Doch leider fehlt ihnen noch viel Spontanität, sowie ein persönlicher und kreativer Stil.

Für meinen normalen Alltag – spielt Rhetorik da noch eine wichtige Rolle?

Rhetorische Fähigkeiten spielen für jeden im Alltagsleben eine zentrale Rolle. In einer Diskussion mit Freunden über die Organisation einer gemeinsamen Reise, bei einem Bewerbungsgespräch, sogar bei einer Prüfung in der Schule oder bei einer Power-Point-Präsentation an einer beliebigen Arbeit. Es geht immer darum, Ideen erfolgreich zu vermitteln und den Anderen davon zu überzeugen. Darüber hinaus ist Rhetorik seit der römischen Antike als eine Kunst gesehen, welche für Politiker, Juristen und Geschäftsmänner in ihrem Beruf besonders wichtig, wenn nicht sogar unentbehrlich, ist.

Wo endet Rhetorik und fängt Manipulation an?

Da Rhetorik die Kunst des Überreden ist, welche von der Wahrheit, Wahrhaftigkeit und Prüfbarkeit der Prämissen und der Argumente absieht, wird sie häufig noch von vielen Personen als reine Manipulation wahrgenommen. Das ist meiner Ansicht nach ein Vorurteil, welches durch ein Missverständnis entsteht. Denn ich glaube, dass die Unterschiede zwischen Manipulation und Rhetorik jenseits der Rhetorik, nämlich im Bereich der Ethik, stehen. Manchmal kann man die Schuld und Unschuld einer Person bei bestimmten Ereignissen nur durch eine Fiktion, durch nicht wahre Argumente beweisen. Rhetorik an sich dient dazu, jemanden zu überzeugen, ohne also eine wissenschaftliche „Wahrheit“ aufzuzeigen: Alles hängt davon ab, wie, warum und wann der Redner rhetorische Mittel benutzt – mit welchen Zielen, mit welchen Intentionen.

Welche Rolle spielt Kultur bei Rhetorik? Stehen etwa in Deutschland andere Aspekte im Vordergrund als in Italien?

Da Rhetorik ein Aspekt der menschlichen Kommunikation ist, spielen kulturelle, sprachliche, manchmal aber auch gesellschaftliche, soziale und altersbetreffende Unterschiede eine wichtige Rolle. Generell soll ein Redner nie vergessen, welche Person oder welche Gruppe er überzeugen möchte. Sicherlich soll er diese kennen, betrachten und bewusst damit umgehen. Aber die Regeln, Gewohnheiten und Kontexte einer Kultur muss er nicht so streng befolgen. Beispielweise gibt es viele Differenzen, wenn wir die Rhetorik zwischen Deutschland und Italien vergleichen: Nicht nur was die Körpersprache und das berühmte italienische Gestikulieren betrifft… darüber könnte man unendliche Enzyklopädien schreiben!

Muss man eine Sprache muttersprachlich beherrschen, um ein Redekünstler zu werden?

Silvia Mazzini studierte Philosophie und Theaterwissenschaften an der Universität in Mailand. Heute bietet Sie Kurse an der Humboldt-Universität Berlin, der Freien Universität Berlin und Fachhochschule München an.

Es geht nicht darum, fehlerlos und mit vielen sprachlichen Nuancen zu sprechen. Bei Rhetorik geht es um das Überzeugen! Ich habe mit vielen Personen gearbeitet, die hervorragend reden konnten, auch wenn sie die Sprache kaum beherrschten. Es geht um mehreren Faktoren: Körpersprache, Stimme, Rhythmus, Spontaneität, Glaubwürdigkeit und Vertrauen inspirierende Ausstrahlung, Sympathie, Interaktions- und Improvisationsfähigkeit und vieles mehr. Ich unterrichte Rhetorik auch in Deutschland und bin selbst keine Muttersprachlerin: Fragen Sie meine Studenten, ob sie trotzdem etwas Interessantes bei mir gelernt haben, oder nicht…

Und welche kleinen rhetorischen Tricks und Tipps können Sie zum Schluss noch mit auf den Weg geben?

Sehr viele kleine Tricks, vor allem gegen Lampenfieber, können einfach in Rhetorik-Lehrbüchern und im Internet gefunden werden. Regelmäßige Übung und Selbstbeobachtung, auch in Gruppenarbeiten oder mit einem Coach die besten Zutaten, um zu lernen, erfolgreich und zielgerichtet zu reden. Denn wenn man seine eigene Stärke und Schwäche kennt, kann man die Ersten strategisch betonen und die Zweiten mildern. Und durch die Redepraxis entfalten sich langsam die Kreativität, Taktik und Spontaneität, die für einen guten, erfolgreichen und entspannten Redner das Allernötigste sind.

 

Das Interview führte Dario Mohtachem.

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